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Schockwellen aus Deepness

 

Die Achse Berlin-Detroit ist stabiler denn je: Die Technohelden Juan Atkins und Moritz von Oswald haben ein Album aufgenommen, das melancholische Kühle und warmen Dub zusammenschweißt.

© Marie Staggat
© Marie Staggat

Es gibt sie nicht mehr so oft, diese kleinen Schockwellen im digitalen Musikgesummse. Aber wenn Juan Atkins und Moritz von Oswald ein gemeinsames Album ankündigen, dann ist das nicht irgendeine Meldung. Zwei Namen, doppeltes Gewicht. Schließlich liegen da mehr als zwei Jahrzehnte Techno-Geschichte in der Waagschale.

Zunächst nach Berlin: Hier stemmte Moritz von Oswald Anfang der neunziger Jahre gemeinsam mit Mark Ernestus die ganz großen Techno-Bretter. Basic Channel hieß ihr Label, und weil ein Kanal eben rauschen muss, rauschten auch die Bretter. Dub Techno nannte sich das, die Bässe rollten aus in weiten Hallräumen. Der Rest ist Kanon und auch schon lange her.

Während von Oswalds Kollege Mark Ernestus mittlerweile Sound-Forschung in Afrika betreibt (sein aktuelles Album mit der senegalesischen Percussion-Gruppe Jeri Jeri sei an dieser Stelle dringend empfohlen), hat von Oswald den Techno nie aus den Augen verloren. Früher agierte er im Zentrum des Geschehens, heute bewegt sich der Berliner klanglich an dessen Rändern. Das ist nachzuhören in den eher experimentellen Stücken seines eigenen Trios, wie auch bei den Kooperationen mit genrefernen Musikern wie dem klassischen Pianisten Francesco Tristano.

Die bereits seit 20 Jahren andauernde Kollaboration mit dem Techno-Produzenten Juan Atkins aus Detroit führt von Oswald nun wieder zurück ins Zentrum. Atkins gilt als einer der wichtigsten Vordenker des Detroit Techno, wo man in den achtziger Jahren Kraftwerk und schwarzen Funk erstmals konsequent zusammenführte. Auf seinen Platten wurde aus Techno Science-Fiction und umgekehrt. Detroit war plötzlich mehr als Motown. Echte Großtaten vollbrachte Juan Atkins in den vergangenen Jahren nicht; umso schöner ist es, seine Präsenz nun auf Borderland hören zu können. Mit dem 65-minütigen Album schlägt nun nicht nur diese künstlerische Freundschaft ein neues Kapitel auf. Die oft beschworene Achse zwischen Berlin und Detroit – sie klingt stabiler und ergiebiger als je zuvor.

Es passiert nicht sehr viel auf Borderland. Das mag diejenigen verstören, die meinen, auf Techno-Platten müsse immer sehr viel los sein. Kramen wir zur Abschreckung also noch mal das schlimme Wörtchen minimal hervor. Denn genau das zelebrieren Atkins und von Oswald hier in acht Stücken. Dubbige Basslinien formieren sich um reduzierte Beatgerüste, deren Variablen weniger auf den Dancefloor zielen als auf die Kopfhörermuschel. Genaues Hinhören ist Pflicht, wenn man die vielen Details der drei Versionen von Electric Garden (darunter der epische 22-minütige Deep-Jazz-Mix) erfassen will. Soundeffekte und freie Melodiefragmente tauchen auf und wieder ab, während der spartanische, am Riddim geschulte Beat sich aus der Tiefe schält. Das klingt improvisiert, sehr jazzig und vor allem routiniert. Hier ist von Oswalds Handschrift deutlich zu lesen. Nur mit dem elektronischen Gezirpe übertreiben es die beiden ein bisschen.

In der zweiten Hälfte des Albums gewinnt Borderland stärkere Konturen. Footprints trägt mit seinen Synthie-Flächen den zuvor etablierten Rhythmus in klassischer Basic-Channel-Manier weiter. Sollte es nicht spätestens jetzt mal „abgehen“? Wem in diesem Moment solche Fragen durch den Kopf gehen, der muss sich weiter in Geduld üben. Atkins und von Oswalds Sound ist als logischer Prozess zu verstehen, stetig formbar und konzentriert auf deepness ausgerichtet. Erst mit Treehouse und dem spektakulären Digital Forest erinnert das wirklich an Techno. Nun wird auch der Einfluss von Juan Atkins greifbarer. Die melancholische Kühle des Detroit Techno durchweht diesen Teil der Platte, der sich schrittweise aus dem warmen Dub-Bett hebt, um mit Afterlude wieder dahin zurückzusinken.

Borderland ist ein Album mit offenem Ausgang und System. Dass beide Künstler ihr tiefes Wissen nicht ausstellen, sondern über viele Jahre hinweg einen gemeinsamen Klang gefunden haben, der vertraut und gleichzeitig absolut zeitlos ist, macht diese Veröffentlichung nur umso gewichtiger.

Borderland von Juan Atkins und Moritz von Oswald ist erschienen bei Tresor.

13 Kommentare

  1.   Talan068

    Das kommt doch ziemlich lahm daher, was ja nicht unbedingt schlecht sein muß. Aber von Schockwellen habe ich nichts gehört.

  2.   nome

    Nicht schlecht. Aber zum Nachteil für die Beiden habe ich gerade erst „Puscifer“ entdeckt.
    Die beiden „V“ Alben sind stark, „conditions of my parole“ ist überwältigend.

    Verglichem damit hängt Deutschland wenigstens 20 Jahre hinterher, was die Beiden da vortragen, habe ich in der Art schon in den 90ern gehört, Puscifer nicht.


  3. Minimal ist mir auch als erstes eingefallen, als ich in die obigen Songs reingehört habe.
    Für mich klingt das schon mehr wie Lounge-Musik.

  4.   Mark

    Unfassbar langweilig. Das ist Spacenight-Musik, beiläufig dahin plätschernde Belanglosigkeit….

  5.   siuqrqmel

    Ganz starkes Review. Ich bin sehr gespannt auf diese Veröffentlichung. Könnte neben ‚A long way to fall‘ (U. Schnauss) das elektronische Album des Jahres werden.

  6.   NoRap

    „Es passiert nicht sehr viel auf Borderland. Das mag diejenigen verstören, die meinen, auf Techno-Platten müsse immer sehr viel los sein.“

    Grins, das wußte ich auch schon vorher. Das ist mittlerweile Standard.

    Die meisten Technoproduzenten kriegen nur noch langweiligen, minimalen, allseits gefälligen Schunkeltechno hin.


  7. Huch wo kommt die denn her? Hab ich ja mal so gar nicht aufm Schirm gehabt. Kurz durch die Tracks gehört und muss sagen: gefällt (mal wieder). Ich mag Juans Elektro Stil sehr. Sehr erwachsenes Zeug. Von enspannt zu verstört immer alles dabei.

    Freu mich drauf.

  8.   kleinerhannes456

    ein gutes album, hoffentlich hört man bald wieder mehr aus detroit, die szene dort ist seit dem großen einrosten ende 90er/ anfang 2000er im vergleich mit anderen regionen leider nicht mehr erwähnenswert

  9.   Philip Babin

    Ich bin zwar selbst DJ – kann aber oft auf Grund dessen, dass ich, schlichtweg des Alters wegen, viele Hintergründe nicht kenne, mich kaum auf diese minimale Art der elektronischen Musik einlassen.
    Dieser Artikel lässt sich jedoch wirklich wunderbar lesen und spannt ein Netz aus Interesse, weswegen ich mich gerne beim Hören öffne und dann auch fallen lassen kann.
    Schön, sowas auch hier bei Zeit lesen zu können.

    Ps. Ich wäre mal daran interessiert, woher man die nötigen Einblicke überhaupt herbekommt, um so einen Artikel schreiben zu können. Sehr interessantes Gebiet.

 

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