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Wenig Stimme, große Wirkung

 

Zartes Porzellan aus England: Polly Scattergood singt in der Tradition von Björk und Kate Bush. Ihr Debütalbum „Arrows“ ist zwar eigentlich keins, aber trotzdem sehr hörenswert.

© Frank Bauer
© Frank Bauer

Debütalben sind – daher der Name – in der Regel allererste Platten tendenziell junger Solisten oder Ensembles. Im Idealfall sind es sogar welche, die sich selbst genügen und somit keiner Ideen anderer, gar Vorbilder bedürfen. Die also für sich stehen, als Einzelereignis, als etwas Neues.

Arrows, das Debütalbum eines schmachtenden Feenwesens namens Polly Scattergood, das allem Anschein nach wirklich so heißt, ist jedoch nichts von alledem – und irgendwie doch alles.

Rein rechnerisch ist dieses Werk nämlich nicht mal ihr erstes, sondern folgt einem eigenbetitelten aus dem Jahr 2009. Das allerdings ist hierzulande gar nicht erschienen und sogar in ihrer britischen Heimat aufwandsarm nirgends zu kriegen. Zehn Stücke lang klingt Arrows in seiner Zerbrechlichkeit zudem gleich nach einer ganzen Reihe bekannter Künstlerinnen, von Björk über La Roux bis Little Boots oder Tori Amos, der besonders. Dennoch schwingt in jedem einzelnen davon eine geheimnisvolle Eigenständigkeit, die dem gläsernen Timbre etwas leicht Überhörbares, aber doch Unerhörtes verleihen.

So gesehen ist dieses falsche Debütalbum am Ende doch eine kleine Innovation auf dem Markt leicht esoterischer Stimmen zu tröpfelndem Piano. Zerbrechliche Stimmen starker Persönlichkeiten gehören seit den Tagen Kate Bushs zum Stammrepertoire des Pop. Und wie in derlei Nebenflüssen des Mainstream üblich, lässt er sich auch von einer federdekorierten Mittzwanzigerin aus London nicht neu erfinden, aber eben ein bisschen neu interpretieren.

Cocoon zum Beispiel, das Auftaktlied, beginnt wie ein Flehen, ein Sehnen, mit dem sie sich irgendwen Wärmendes in ihr schützendes Nest wünscht, entwindet sich aber der vermeintlichen Verletzlichkeit und wird mit jedem Ton selbstgewisser, bis daraus fast energischer Folkpop mit echten Drums wird. Oder Wanderlust, die Single am Ende, noch betörend und balladenhaft, schon fast Indie mit technoidem Einfluss. Und zwischendrin: ein analoges Hauchen wie Miss You, nur klavierbegleitet, gesanglich durchscheinend, fast flüchtig, was in Silver Listening Richtung Finale konsequent zum Flüstern verweht.

Wie so wenig Stimme derart viel Wirkung erzeugen kann, bleibt das Geheimnis von Polly Scattergood. Wie so wenig Aufwand ein derart bezauberndes Panoptikum hyperemotionalen Neo New Waves mit seltsam isländischem Flair hervorbringt, liegt allerdings auf der Hand. Denn produziert wurde Arrows vom ausgewiesenen Elektropop-Experten Ken Thomas, der schon Sigur Rós und den Cocteau Twins die analogen achtziger Jahre mit der digitalen Gegenwart versöhnen half. Das macht dieses Debüt, das keines ist, nicht zum großen Wurf, aber zu etwas, das selbst abgebrühte Hörer durchaus noch mal zum Staunen bringt. Viel mehr schafft Pop selten.

„Arrows“ von Polly Scattergood ist erschienen bei Goodtogo.

3 Kommentare

  1.   Jorg Rebenstorf

    „Rein rechnerisch ist dieses Werk nämlich nicht mal ihr erstes, sondern folgt einem eigenbetitelten aus dem Jahr 2009. Das allerdings ist hierzulande gar nicht erschienen und sogar in ihrer britischen Heimat aufwandsarm nirgends zu kriegen.“ Soso…definieren Sie doch bitte „nicht aufwandsarm“. iTunes als unüberbrückbare Hürde für Zeit Redakteure?

  2.   Zozarb

    ach Mensch! Spotify kramt auch im Keller!

  3.   muse

    hallo goldfrapp!!

 

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