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Lasst Freiheit klingeln

 

Von jedem ihrer Crowdfunder bekam die Schweizer Band The Bianca Story durchschnittlich 145,50 Euro in die Album-Kasse. Wie hoch ist nun der musikalische Gegenwert?

© Gregor Braendli
© Gregor Braendli

Der Wert von Musik lässt sich nicht so leicht in Euro und Cent bemessen. Über die physische Gegenleistung in Form von Tonträgern hinaus gibt es noch Dinge wie Hörgenuss, Erinnerungen, Sammelleidenschaft, Sympathie, Muße, womöglich Abreaktion; alles schwer bezifferbare Umrechnungsfaktoren des reinen Verkaufspreises.

Trotzdem ist die folgende Zahl eine stichhaltige Bemessungsgrundlage dessen, wie lieb und teuer so manchem Hörer ist, was er hören möchte: 145,50 Euro.
So viel nämlich hat jeder Spender eines bemerkenswerten Crowdfundings im Durchschnitt an die Schweizer Pop Band The bianca Story überwiesen, um ihr neues Album zu finanzieren. Es heißt passenderweise Digger und hat so lange im harten Granit freiwilliger Anteilnahme gegraben, bis 630 Fans zusammengenommen 91.662 Euro gespendet haben. Also ein paar mehr als jene 90.000, die das dritte Album solide genug refinanzieren sollten, um es fortan gratis zum Download zur Verfügung zu stellen.

Betriebswirtschaftlich ist Digger also schon mal ein Achtungserfolg, ohne dass auch nur eine CD über den Ladentisch gegangen wäre. Soziokulturell betrachtet ist das Prinzip Gegenleistung in der Selbstbedienungskultur des Internets wegweisend. Beides reichte allerdings bestenfalls als Meldung für den Wirtschaftsteil, würde Digger nicht auch musikalisch stattliche Bretter bohren.

Vom ersten bis zum 14. Stück, vom melodramatisch reduzierten Crescendo zu Beginn übers mittig glamrockende Does Mani Matter? bis hin zum opulent harmonischen Finale Gilgamesh Must Die! (Part 2) befreit sich Digger nämlich nicht nur materiell aus dem Klammergriff der Verwertungsindustrie. Mit ganz großen Popgesten im Duktus klanglicher Filigranität tut es auch die Musik auf ungeheuer geschmeidige, einnehmende Weise. Deshalb nennen die fünf Baseler mit gemischtgeschlechtlichem Wechselgesang ihr Genre auch „Art Pop“. Passender wäre für diese Mischung prononcierter Stimmen und überreichlicher Instrumentierung jedoch „Opera Pop“.

Als würde sich Nick Cave mit Bloc Party und den Scissor Sisters unter Orchesterbegleitung am benachbarten Zürisee bei Yello zur Jam Session treffen, drehen The Bianca Story meist am ganz großen Regler des Entertainments. Elia Rediger und Anna Gosteli legen ihre mal deutschen, mal englischen, mal munter durcheinander gewürfelten Texte über fast sinfonische Arrangements. Dabei hört man dem Ganzen – aufgeladen von Fabian Chiquets virilem Keyboard – selten an, vornehmlich mit dem klassischen Rockinstrumentarium erstellt zu sein. Zum Beispiel das famose Glück macht einsam: Da flattert das Piano, da schmettern die Choräle, da wirbelt die Gitarre spanisch, klassisch, britisch, da geht es strukturiert durcheinander, dass es die reine Freude ist.

Wem das zu leicht ist, gar seicht, hält vermutlich alles jenseits von Dark Metal ohnehin für lebensbejahend. Wer ein paar Euro in die Kriegskasse der alpinen Musikbefreier gespendet hat, hilft ein bisschen, dem Pop mit einer kleinen Geste der Anteilnahme etwas sehr Gewichtiges hinzuzufügen: die Gewissheit, wie toll Befreiung klingen kann.

„Digger“ von The Bianca Story ist erschienen bei RAR/Motor Entertainment. Im März 2014 inszeniert die Band ein Konzerttheater an der Deutschen Oper Berlin.

2 Kommentare

  1.   Frank Andres

    *Basler
    *Basler sind ungefähr so alpin, wie Leute aus Karlsruhe.

  2.   martin

    GRAUENHAFTE Rezension! Ich lerne daraus, dass es Musik ist, die Leuten gefaellt, die keine Ahnung von Musik haben.

 

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