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Bildungsreise für die Ohren

 

Große Geschichten sperrt man nicht in kleine Räume: Dear Reader, bürgerlich Cherilyn MacNeil, erzählt ihr Südafrika-Pop-Epos nun zusammen mit dem Babelsberger Filmorchester.

© Kevin Schuenemann
© Kevin Schuenemann

Es ist schon merkwürdig, dass die voluminöseste Musik manchmal dort entsteht, wo zwischen vier Wänden kaum genug Luft für alle Instrumente bleibt. Konstantin Gropper etwa schreibt die orchestralen Arrangements seiner Band Get Well Soon seit Jahren am liebsten mit dem Laptop im Schlafzimmer, ganze Film-Soundtracks sind inzwischen so entstanden.

Auch Cherilyn MacNeil hat beim Schreiben, Aufnehmen und Mischen ihres dritten Albums Rivonia ihre Einzimmerwohnung in Berlin kaum verlassen. Nachdem sie als Dear Reader zwei Alben mit hübschen Metaphern und sanftem Indiepop gefüllt hatte, folgte im April dieses Jahres die Huldigung ihrer fernen Heimat Südafrika, eine Geschichtensammlung über die Apartheid, Hoffnung und Liebe, durchdrungen von Kammerpop und leisem Afrobeat.

Doch Cherilyn MacNeil weiß, dass sie allein ihrer Musik nie genügen kann. Deshalb lädt sie regelmäßig Gesangsgäste auf ihre Alben ein – auf Rivonia waren es neben Gropper auch Deniz Jaspersen von Herrenmagazin und Sven van Thom. Im Konzert lässt sie Dear Reader stets auf Bandgröße anschwellen, inklusive Geige, Keyboard und Akkordeon. Ein komplettes Orchester ist aber auch das noch nicht. Das kommt jetzt.

Gemeinsam mit dem poperprobten Deutschen Filmorchester Babelsberg hat Dear Reader Rivonia im Rahmen eines Radiokonzerts ganz neu eingespielt und dabei an nichts gespart. Wo bislang schüchterne Streicher um MacNeils helle Stimme streiften, schmiegen sich nun satte Arrangements. Sie tanzt mit einem ganzen Chor, dirigiert volle Bläsersätze zum Triumph. MacNeil entführt das Babelsberger Filmorchester in eine magische Musicalwelt. Und es lässt sich führen, durch alle zwölf alten Songs, die sich nun auf dem Livealbum We Followed Every Sound versammeln.

Auf zauberhafte Art verpackt dieses Musical ernste Geschichten in grandiosen Kitsch. MacNeil beweint die Toten und die Gräber, verflucht die Mörder und feiert das grüne Land zur Regenzeit. Sie trippelt barfuß ans Keyboard wie ein scheues Tier, reißt dann die Arme in die Luft und die Percussions gleich mit.

We Followed Every Sound verwandelt Rivonia endlich in die Reise, als die das Album angelegt war. Ein erstaunliches Abenteuer mit der perfekten Reiseleiterin. MacNeil führt über unwegsames Gelände, erkundet all die Winkel, die ihre Wohnung nicht hat, und liefert am Ende alle wieder sicher zu Hause ab. „I’m coming back from the dead„, singt sie zum Schluss in Begleitung des großen Orchesters – und dann noch einmal ganz allein.

„We Followed Every Sound“ von Dear Reader erscheint am 6. Dezember bei City Slang.


2 Kommentare


  1. Live kann ich die Band nur empfehlen, sehr sympathisch, spontan und witzig, dazu die tolle Live Umsetzung der Lieder.

  2.   janfreitag

    Auf Orchestersound im Pop fühlen sich ansonsten ja eher Männer verpflichtet. Umso schöner, wenn es hier mal eine Frau macht und das so gut. Tolle Big-Band-Fusion, danke für den Tipp

 

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