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Nennen wir’s Was-auch-immer-Step

 

Preisgekrönter Millionenverdiener ist er längst, jetzt erscheint sein Debütalbum. Auf „Recess“ denkt der hassgeliebte EDM-Produzent Skrillex seine Maximalmusik zwar weiter, aber leider nicht zu Ende.

© Jason Nocito
© Jason Nocito

Wo immer Skrillex ist, bleibt die ewig gleiche Diskussion nicht aus. Skrillex macht Dubstep, sagt er. So nennt man ein Genre, das sich um die Jahrtausendwende in britischen Clubs aus Reggae, Dub, Garage und 2 Step entwickelt hat. Seine Kritiker sagen, der 26-Jährige mit dem halbrasierten Schädel habe ihre Musik aus dem Untergrund in den Mainstream geschleift und dort hemmungslos ausverkauft. Wiederum andere Oberexperten, die sich in ihrem Untergrundstatus beleidigt fühlen, meinen, das sei Brostep. Die aufpumpte, prollige, unmusikalische Verunglimpfung ihres geliebten Nischengenres.

Wie auch immer man sie nennen will: Mit seiner Musik hat Skrillex in den vergangenen fünf Jahren Millionen von Dollar verdient und wurde mit zahllosen Preisen dekoriert. Seine schweißtreibenden Liveshows in Mehrzweckhallen mehren seinen Ruhm genau so wie Beiträge für Computerspiel- und Filmsoundtracks und die musikalischen Zusammenarbeiten mit Größen aus den unterschiedlichsten Ecken – seien es KoRn, A$AP Rocky oder Damien Marley.

Sonny Moore, wie Skrillex mit bürgerlichem Namen heißt, startet durch. Diese euphorisch-überladene Tanzmusik, die den brachialen Heavy Metal mit elektronischen Mitteln rekonstruiert, stillt offenbar ein Bedürfnis.

Nach zahllosen EPs, Kollaborationen und Remixen ist jetzt sein Debütalbum erschienen. Gleich das erste Stück zeigt den notorischen Nörglern den Mittelfinger. Es trägt den Namen All Is Fair In Love And Brostep. Und so klingt es auch: Skrillex lässt einen mit grollenden Dub-Bässen getankten Düsenjet in den von Synthie-Blitzen durchzogenen Himmel starten. Da pfeifen einem die Ohren.

Eigentlich erwartet man, dass es auf den folgenden zehn Anspielstationen genau so brachial und maximal weitergeht. Und auch Try It Out und Ease My Mind klingen wie ein Monsterschluckauf, heißgelaufene Modems oder der völlig aus der Fassung geratene Star Wars-Roboter R2D2.

Die Mehrzahl der Stücke auf Recess nutzt Skrillex allerdings, um zu zeigen, was er außerdem so kann. Munter dekliniert er die unterschiedlichsten Spielarten der elektronischen Tanzmusik, kurz EDM. Für den Raggaton-Rave Dirty Vibe arbeitet er nicht nur mit Diplo, sondern auch mit den hierzulande kaum bekannten K- und J-Pop-Legenden G-Dragon und CL zusammen. Zur Überraschung holt er auch noch die Ragga Twins, die Jungle-Helden der neunziger Jahre, aus der Versenkung.

In Coast Is Clear ist Chance The Rapper zu hören. Dem wird eine rosige Zukunft als Rapstar vorausgesagt. Angesichts dessen, was Skrillex und er hier veranstalten, glaubt man das sofort. Klingt es doch nach dem flamboyanten Sound des legendären Hip-Hop-Duos Outkast. Doompy Boomp erinnert in seinem Umgang mit Samples an die Beatspielereien der experimentelleren Hip-Hop-Produzenten, während Fire Away mit seinen ätherischen Vocals und verstolperten Takten in Richtung Future Garage weist.

Skrillex beweist Mut, und der Transfer seines musikalischen Erfahrungshorizonts in die neuen Produktionen ist durchaus zu begrüßen. Nur leider kommt der Sound bisweilen noch etwas unfertig, manchmal sogar plastikhaft daher. Es fehlt dem Album an Substanz und Tiefgang. Es wirkt, als wolle Skrillex sagen: „Schaut mal, ich kann noch mehr! Egal, ob da jetzt Dub-, Bro- oder Was-auch-immer-Step draufsteht – es sollte einfach Spaß machen.“

Recht hat er ja. Nur etwas besser klingen sollte es in Zukunft schon.

„Recess“ von Skrillex ist erschienen auf Big Beat, OWSLA
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18 Kommentare

  1.   Damage

    Skrillex hat Dubstep auf die große Bühne gebracht. Dass dabei der MTV-Mainstream-Reißwolf angeworfen wird ist bedauerlich, aber leider die Regel.

    Ich selbst werde mir das Album kaufen, auch wenn mich seit Bangarang nichts mehr von Skrillex wirklich vom Hocker gehauen hat. Deshalb wieder back2theroots, Youtubechannel wie UKF, IEM, Monstercat oder Going Quantum bieten regelmäßig neue Tracks und Mixes, aus denen sich jeder seine ganz persönliche Lieblingsart von Dubstep herauspicken kann.

    In diesem Sinne: They´re not artists because no one can play the guitar.

  2.   cber

    Ich zitiere hier einmal:
    „Seine schweißtreibenden Liveshows in Mehrzweckhallen mehren seinen Ruhm genau so wie Beiträge für Computerspiel- und Filmsoundtracks und die musikalischen Zusammenarbeiten mit Größen aus den unterschiedlichsten Ecken“

    …Und muss mich fragen: geht es hier wirklich um den selben Skrillex der by Live Shows immer wieder dabei ertappt wurde wie er das live Mischen und Auflegen nur ungekonnt mimte, während die Beschallung Vorgemischt war und er nur noch zu Beginn der Show dem *Play* Knopf und am Ende dem *Stop* Button betätigen musste?

    Mal im Ernst. Wer zu dumm ist auf einer Live show seinen Mixer einzuschalten, die Mischpulte so anschliesst das sie gar kein Signal abgeben können und dann dennoch Stundenlang daran herumfummelt so als würde er eine Live-Show spielen der verdient keine Auszeichnungen und kein Geld. Der verdient stundenlange Buh-Rufe.

    Dieser Lobgesang auf ihn klingt für mich so als wollte man Britney Spears oder Guetta (genau genau auf der Schiene bewegt sich der werte Herr) auf eine Ebene mit echten Musikern heben. Was abstrus anmutet und äusserst unglaubwürdig ist.

  3.   lenni

    die sogenannten “ indies“ sehen heutzutage doch auch alle aus wie vom fließband..


  4. Dubstep ist ja auch nicht gleich Dubstep. Es gibt sehr melodische Lieder mit wenig modulierten Bässen und andere die fast nur daraus bestehen. Von daher lässt sich das Genre auch garnicht genau abgrenzen. Woher der Hass auf Skrillex kommt kann ich mir nicht erklären, einige Lieder sind echt gut und der Rest ziemlich langweilig. Aber das ist für mich kein Grund für das ganze „gehate“.

    Und das Dubstep inzwischen Mainstream ist, liegt bei weiten nicht nur an Skrillex. Selbst Unternehmen wie Mercedes verwenden die Musik in ihrer Werbung, da haben die Undergroundfanatiker einfach pech.

    Ich selbst höre übrigens zum Leid meiner Mitmenschen seid vielen Jahren Dubstep und habe nichts gegen das Bekanntwerden. Nur die Gema nervt inzwischen bei vielen Dubstepvideos auf Youtube, das war wesentlich angenehmer, als das Genre noch unbekannt war.

    Wer wirklich guten Dubstep hören möchte, der sollte sich mal NERO zu gemüte führen. (Ja, ist nur subjektive Meinung)

  5.   Grillmeister

    Wer als Beispiel für „echten“ Dubstep Nero anführt oder bei UKF von „back to the roots“ spricht, disqualifiziert sich selbst.
    Echter Dubstep, das ist Musik von Leuten wie Benga, Skream, Kode9 oder Digital Mystikz. Mit hyperaktivem Gelärme à la Flux Pavillion oder Borgore hat das wenig zu tun.

  6.   Dnb iebhaber

    Das ist D’n’B
    Drum’n’Bass.
    Klingt ganz gut


  7. Warum wird unser Musikerfreund in diesem Artikel eigentlich so stark mit Lorbeeren überhäuft? Dies ist doch seine erste Scheibe als Skrillex. Oder habe ich da etwas missverstanden? Bisher scheint er sich eher im Hintergrund aufgehalten zu haben. Eine wenig Zeit sollte sich der Autor für ein Urteil noch lassen. Die Musik bleibt natürlich Geschmackssache.

  8.   Banana

    Also die Kommentare hier nötigen mich ja quasi dazu, meinen Senf abzugeben!

    #7: DnB hab ich da eher nicht rausgehört. Passt auch nicht zu dem Typen.

    #6: muss ich beipflichten. Auch wenn ich Dubstep mit Leuten wie Burial oder Phaeleh assoziiere. Man muss sich nur mal die Youtube- Klickzahlen von UKF anschauen, um zu sehen, dass das garantiert kein Underground o.ä. ist.

    #4: Geschmackssache. Ich zB mag eher den rockigen, überladenen DnB und Breakbeat, wie ihn The Prodigy populär gemacht haben. Chase & Status (früher), Pendulum, Loadstar, Sub Focus. Deren Erzeugnisse sind aus meiner Sicht wesentlich energischer als Skillrex.

    #1: Bangarang ist auch als Einziges bei mir hängen geblieben. Vor allem wegen dieses Swing- Rhythmus‘ (muss man mal drauf achten). Vom angesprochenen Album gefällt mir Stranger sehr gut, der Rest klingt doch irgendwie uninspiriert…

  9.   Knecht

    Wie immer wenn sich Amis an europäischer Musik versuchen, sollte man sich besser die Ohren zuhalten.
    Skrillex ist für EDM das, was für Pop Justin Bieber ist.

    https://www.youtube.com/watch?v=TnYOn1Xy8fs

 

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