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Brad wird elektrisch

 

Früher mochte der Jazzer Brad Mehldau Musik ohne Text. An der Seite von Mark Giuliana spielt er jetzt den Erzähler.

© Brantley Gutierrez
© Brantley Gutierrez

Brad Mehldau unter der Fahne des Rock’n’Roll? Wer hätte das gedacht. Wer hätte sich den schwarzen Romantiker unter den Pianisten überhaupt vorstellen können oder wollen ohne die Klangnuancen, die er seinem Flügel entlockt, ohne das sensible Spiel mit dem Nachhall der Töne und der Stille.

Aber nun das: alles laut, aggressiv, dicht, kinetisch. Analoge Synthesizer und das Fender Rhodes – ein Effekt wie das Chamois vergilbter Fotos aus den siebziger Jahren, wie Erinnerungen an die Zeiten von Prog & Rock.

Doch bevor sich diese Assoziationen zu einem nostalgischen Nebel verdichten, sorgen Mark Giulianas Jungle-Beats für Richtung und Dynamik. Mark Guiliana, Jahrgang 1980, zehn Jahre jünger als Mehldau, ist ein Schlagzeuger, in dessen Spiel sich die Beats aus der elektronischen Tanzmusik deutlich abgelagert haben. Immer wieder baut er in seine Rhythmen einen kleinen Dreh ein, einen Stachel, der verhindert, dass man sich ausruht oder die Spannung ins Nichts verpufft.

Mehliana nennen die beiden Musiker ihr Projekt, und es sieht vor, ohne große Umschweife auf Tour zu gehen und mal zu schauen, welche musikalischen Ideen ihnen an der Drehtür zwischen Dancefloor und Improvisation so in die Hände fallen. Die Simplizität der Arbeitsweise eröffnet ungewohnte Perspektiven und Freiheiten.

Die Freiheit, den Ton stehen zu lassen und alles Weitere an den Drehknöpfen zu regeln. Die Freiheit, am Keyboard den großen, kraftvollen Gitarrensounds nachzusinnen. Die Freiheit, das Titelstück Taming The Dragon einfach um einen gesprochenen Text herum zu konstruieren, obwohl Mehldau an seiner Musik immer mochte, „dass sie keinen Text hat“. Nun schweigt die Musik, wenn Mehldau mit seiner Traumerzählung einsetzt, mit unaufgeregter Erzählstimme, wie aus dem Off. Und während am geistigen Auge Bilder vorbeiziehen, genießt Mehldau die neue Dimension.

Taming The Dragon ist eine Übertragung der offenen Live-Ästhetik auf die Bedingungen der Studioproduktion, prägnanter und kürzer in den Abläufen, aber immer noch roh und offen genug, um ihre Entstehung nicht zu verleugnen. Manchmal streift die Musik die Grenze zum Banalen, aber das ist das Risiko, wenn man sich in die Welten der eigenen Jugend zurückversetzt. Nicht alles ist großartig oder genial, aber für Brad Mehldau ist das alles ein großer Spaß.

„Mehliana: Taming The Dragon“ von Brad Mehldau & Mark Giuliana ist erschienen bei Nonesuch/Warner

Aus der ZEIT Nr.12/2014

4 Kommentare

  1.   Claudia

    Hm. Ich mochte ihn pur lieber. Viel lieber. Ohne Elektronik. Sein Debutalbum ist heute noch ein Werk, dass ich auf die einsame Insel mitnehmen würde. Bei der Vorstellung, wie das ohne elektronische Produktion käme, wird mir ganz schwer ums Herz.

  2.   Old School

    Erinnert mich auch an Bugge Wesseltofts New Conception Of Jazz usw

  3.   Michael D.

    Er bleibt nicht stehen uns rostet deshalb nicht ein. Mutig und offen, ein Künstler eben, der sich nicht scheut neue Wege zu gehen. Das Beste wird es sein, die Zwei live zu erleben. Nur so, in der einzigartigen Atmosphäre die sich zwischen den Beiden und dem Publikum bilden kann und wird, können sie sich neue Straßen pflastern. Der Weg ist das Ziel! Vor fast drei Monate auf Vinyl vorbestellt.

  4.   lady stardust

    Ich kann Old School nur zustimmen, in diesen Weg haben Bugge Wesseltoft und einige weitere Jazzer aus Norwegen schon vor Jahren eingeschlagen. (und wenn man’s genau nimmt schon Miles D.) Ganz große Innovation ist das nicht, durch den Minimalismus vielleicht noch ganz interssant.

 

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