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Zieht dem Pharrell die Lederhosen an!

 

Bräuchte München einen frischen Soundtrack zur Feierkultur jenseits von Bierzelt und Blasmusik – hier wäre er: Mathias Modica alias Munk und sein Digitalfunk-Album Chanson 3000.

© Martina Spagnoli
© Martina Spagnoli

München ist bekanntermaßen nicht unbedingt der Hort des feingliedrigen Understatements. Baulich zelebriert die Stadt ihr barockes Bling Bling, als hätte sich der Kini sein Puppenhaus gebastelt. Atmosphärisch pflegt sie dabei ein Überlegenheitspathos, flankiert vom politischen Mir-san-Mir christsozialer Willensstärke. Was popmusikalisch vom Technoporn eines DJ Hell übers feuchtfröhliche Metalsurrogat der Emil Bulls direkt in Sportfreunde Stillers Stadionrock führt.

München, so legt zumindest sein Klischee nahe, ist ein schwieriges Pflaster für alles, was sich fern vom Mainstream wähnt: So sehr man sich hier auch um Dissidenz bemüht – es klingt schnell mal nach Ü-30-Party.

Was lokalpatriotische Ohren nun als neidvollen Angriff aufs geliebte Millionendorf werten dürften, ist allerdings weniger negativ gemeint als es wirkt – bringt Münchens selbstgenügsame Aura klanglich doch gleichsam Famoses hervor. Die politisch korrekten Tänzer vom Schwabinggrad Ballett zum Beispiel, das Westernorchester G.Rag y los Hermanos Patchekos. Und natürlich Mathias Modica, dessen Label Gomma zum Feinsten zählt, was die Republik elektronisch zu bieten hat.

Unterm Sammelbegriff Munk prägt er seit Langem, was hierzulande zwischen Indiedisco und Future House von Bedeutung ist. Jetzt erscheint das neue Album Chanson 3000, und bräuchte München einen frischen Soundtrack zeitgenössischer Feierkultur jenseits von Bierzelt und Blasmusik – hier wäre er! Gleich das zweite der zwölf Stücke macht nämlich klar, wohin Gommas Spaßfraktion will: Mitten hinein in den treibenden Neoglamour eines Pharrell Williams, ohne ihn bloß zu kopieren.

Satte Basslines schieben darin slappende Gitarrentropfen auf den Dancefloor und vereinen sie mit Retroorgeln und Doppelstimmen zum verschwitzten Digitalfunk von heute. Einer, der sich nicht mit tanzbaren Standards begnügt, sondern nach Absonderlichkeiten sucht, die niemandem wehtun, aber auch nicht unterfordern. Wenn Modicas frisch rekrutierte Sängerinnen Lizzie Paige aus Texas und ihre Londoner Kollegin Mona Lazette sodann in Happiness Juice vom Rhythm’n’Blues singen, erschöpft er sich eben nicht im ausgelutschtesten aller Hitparadenstile. Und später darf es sogar disharmonisch zugehen, wenn Disceiver die Belastbarkeit des Clubpublikums mit verschachtelten Moll-Kaskaden austestet.

In der Summe bohrt Mathias Modica damit gewiss nie dicke Bohlen, aber eben auch kein dünnes Brett. Wenn sich sein aktualisierter Sixties Soul mit Beatstrukturen der siebziger bis neunziger Jahre vereint, wird Chanson 3000 zu dem, was schon der Titel andeutet: die Überführung konsensfähiger Tanzmusik auf eine zukunftstaugliche Ebene. Es glitzert darin wie in der Strassschatulle, offenbart aber immer wieder echte Brillanten wie das theatralische Analogue Attitude, dessen saftiger Beat sich ständig im eigenen Hallraum verirrt, nur um noch saftiger daraus hervorzutreten. Das ist kein feingliedriges Understatement, aber glaubhaft gut gelaunt. Ein bisschen wie das Klischee von München. Und das ist wirklich nett gemeint.

„Chanson 3000“ von Munk ist erschienen bei Gomma.

4 Kommentare

  1.   Bass

    Schade, dass Mona Lazette so ein Piepsstimmchen hat, das zudem hin und wieder den Ton nicht ganz trifft.


  2. Das klingt tatsächlich wie das Klischee von München. Und das ist wirklich alles andere als nett gemeint.

  3.   Dr. Braun

    Jetzt mal im Ernst: Das was ich hier hören konnte war sicher nix, was man mit Williams vergleichen könnte. In meinen Ohren klang das sehr nach einer Reise in die 90er in die Acid-Jazz-Ära. Brand New Heavies, Incognito & Co. lassen grüßen….nur die waren origineller.

  4.   Fred

    Warum nur erinnert mich „happiness juice“ so an „Down in L.A. (shazam remix)“ von 2008?

    was für ein Geschwafel: „Satte Basslines schieben darin slappende Gitarrentropfen auf den Dancefloor und vereinen sie mit Retroorgeln und Doppelstimmen zum verschwitzten Digitalfunk von heute.“

 

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