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Das andere Amerika

 

Gleich neben der Tagungshalle spielt ein Saxophonist. Im Park gegenüber haben Umweltschützer, Schwulengruppen und Dutzende anderer Aktivisten ihre Stände aufgebaut. Auf einer Bühne um die Ecke haut ein Rockgitarrist in die Saiten. Und an der Straßenkreuzung brüllen religiöse Fanatiker Bibelverse ins Megaphon. Eltern stellen sich samt Kind und Kegel zum Familienphoto vor eine Obama-Statue aus Sand, die der Ort Myrtle Beach gestiftet hat.

Tausende von Menschen schlendern durch die Straßen, schlecken Eis und wiegen die Hüften zur Musik. Der Parteitag der Demokraten in Charlotte, North Carolina, gleicht bisweilen eher einem Volksfest. Man könnte fast vergessen, dass es in der Warner Arena, einer Basketballhalle mitten im Zentrum der Stadt, um ernste Politik geht. Dass hier ein Präsident um seine bedrohte Wiederwahl kämpft.

Doch der größte Unterschied zu dem eher wie eine Aktionärsversammlung aufgezogenen Kongress der Republikaner in der Woche davor: Es ist ein kunterbuntes Publikum, neben den weißen Amerikanern viele Schwarze, Asiaten, Latinos, Indianer. Es ist ein anderes Amerika, das sich hier in Charlotte präsentiert.

Dem demographischen Wandel hinterher

Nicht, dass bei den Republikanern keine Afroamerikaner oder Hispanics aufgetreten wären. Die ehemalige Außenministerin Condoleezza Rice, Marco Rubio, Senator aus Florida, die Latino-Gouverneure der Bundesstaaten New Mexico und Nevada – das war eine stattliche Riege von Prominenz, die Ihresgleichen sucht. Doch sie standen auf der Bühne. Das Parteivolk unten in den Rängen war fast ausschließlich weiß.

Manche mögen jetzt sagen, solche Vergleiche verböten sich in einem Schmelztiegel-Land, dessen Grundsatz „e pluribus unum“ heißt: aus vielen das eine. Einige nennen diese Vergleiche sogar rassistisch. Doch das Land und seine Parteien reden selber ständig darüber. Der Republikaner Jeb Bush, Ex-Gouverneur von Florida und Bruder des ehemaligen Präsidenten George W. Bush, schrieb seiner Partei auf ihrer Versammlung in Tampa ins Stammbuch, sie drohe den demographischen Wandel Amerikas zu verpassen. Die einwanderungsfeindliche Rhetorik einiger Parteifreunde nannte er „dumm“.

Das bunte Amerika ist die Zukunft

Unermüdlich zerlegen Demoskopen und Wahlstrategen das amerikanische Volk in seine Einzelteile: in Hispanics und Afroamerikaner, in Asiaten und Weiße. Und diese Gruppen werden wieder unterteilt, bis man irgendwann bei Frauen und Männern mit und ohne Kinder gelandet ist, alleinerziehend oder nicht, mit und ohne Arbeit, Vorstädter oder Großstädter. Undsoweiter.

Es gehört in Amerika seit Langem dazu, Makrotrends in Mikrotrends aufzusplitten. Und dabei kommt man nicht umhin festzustellen: Dass sich bei den Demokraten das bunte, das vielschichtige und in seinen Einzelteilen so unterschiedliche Amerika zeigt. Und alle Demographen und Meinungsforscher, egal, welcher Partei sie nahestehen, sagen: Dieses Amerika sei die Zukunft. Und wenn Republikaner auch in zehn, zwölf Jahren eine Chance auf politische Mehrheiten haben wollen, müssen sie dieses so viel bunter gewordene Amerika umarmen.

41 Kommentare

  1.   Sven Hildebrandt

    Die letzten Sätze des Blogs sind pure Wahrheit! Vielen Dank für diese klaren Worte – Rassismus ist immernoch ein großes Thema. Ich weiß wovon ich Rede im Süden Amerikas…


  2. Wahlberichterstattung bitte abschalten. Ein solcher Kommentar zeigt das man nicht mehr Objektiv sein kann wenn man sich auf eine Seite stellt.


  3. Und vermutlich wurde auch keine schwarze Putzfrau mit Nüssen beworfen und mit Zurufen So füttern wir Tiere bedacht.

    Ok, die Übeltäter auf dem Kongress der Republikaner wurden sofort des Saales verwiesen, ein unangenehmes Geschmäckle bleibt.

  4.   Sascha

    Schon und gut für Amerika, aber Deutschland ist kein Einwanderungsland und ich würde es vorziehen, wenn dieser Trend zum Multikulti nicht rüberschwappt, man sieht ja in England, was das anrichtet.


  5. „…müssen sie dieses so viel bunter gewordene Amerika umarmen.“

    Auf diese Umarmung könnte ich sehr gut verzichten.

  6.   Nomadenseele

    Ich möchte sehen, wie die deutsche Bevölkerung reagieren würde, wenn eine deutsche Partei zu großen Teilen Menschen mit Migrationshintergrund gefeiert würde und Partei B als rückständig gesehen wird, wenn sie sich für die Belange der Bio-Deutschen einsetzt.
    Zu Recht verstimmt, würde ich sagen.

  7.   mcfly71

    Sollte sich der Trend verfestigen, dass Obama wiedergewählt, bin ich um sein Leben besorgt. Die Lager haben sich mittlerweile derart verfestigt, dass purer Hass die Neocons umtreibt. Ein “ Irrer“, bezahlt oder nicht, wird sich finden lassen. Ich hoffe, dass Obama gut beschuetzt wird.

  8.   Manfred

    Amerika wurde durch die weißen Einwanderer das, was es heute ist. Viele Leute wie Huntington bezweifeln daran, das Amerika seine großartige Einzigartigkeit bewahre ´n wird, wenn die weißen bald die Minderheit sind.

  9.   Jaques Perrier

    Ich bin ein Schwarzer aus Amerika, und ich wollte die Republikaner eine Chance dieses Jahr geben. Aber wann ich Mitt Romney und Paul Ryan kennengelernt habe, wie sie nur die reiche, weiße Amerikaner helfen wollte, habe ich ihre Rassismus gefühlt. Sie können sagen dass sie Amerika helfen wollen, aber das kann ich gar nicht glauben, weil wir nicht alle so reich und weiß wie ihnen sind. (Entschuldigung für meine schlechte Grammatik)

  10.   Christian

    Was meinen Sie denn mit Bio-Deutsche? Können Sie das mal genauer definieren? Gehören da nur reine Arier dazu oder habe ich als Dunkelhaariger mit braunen Augen auch noch eine Chance?

    Aber ansonsten haben Sie natürlich völlig Recht, als Weißer hat man es in den USA echt schwer. Da hat man jahrhundertelang im Schweiße seines Angesichts die Baumwolle aus dem Südstaatenacker gezwungen, mühsam die ganzen Indianer abgeknallt und nebenbei noch mit dem eigenen Blut den halben Kontinent aus den Klauen der Mexikaner gerettet – und jetzt will das Pack auch noch mitreden und mitbestimmen. Unverschämt.

 

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