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Plakativ und konfrontativ

 

Das Stilmittel ist in Deutschland noch immer außergewöhnlich: Die SPD eröffnet den Europawahlkampf 2009 mit einer Plakatkampagne, die dem vor allem aus den USA bekannten „negative campaigning“, dem Attackieren des politischen Gegners, sehr nahe kommt. Auf einem Wahlplakat steht beispielsweise der Slogan „Finanzhaie würden FDP wählen“, daneben prangt ein offensichtlich gefräßiger Hai. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt der Betrachter in der rechten unteren Ecke das Logo der SPD samt der programmatischen Forderung: „Für ein Europa, in dem klare Regeln gelten“. Außer dem Finanzhaie-Poster wurden auf der Internet-Plattform „Wahlkampf 09″ auch noch zwei weitere Plakate der Kampagne vorgestellt, welche die CDU als Befürworterin von Dumpinglöhnen und die Politik der Linkspartei als „heiße Luft“ bezeichnen.

„Negative campaigning“ ist umstritten, auch in der Wissenschaft. Zum einen widersprechen sich die durchgeführten Studien erheblich in der Frage, ob ein solcher Wahlkampf wirklich der eigenen Partei nützt. Schließlich werden primär nicht die eigenen Stärken, sondern die mutmaßlichen Schwächen des Gegners betont. Diese Form der politischen Auseinandersetzung könnten einige Wählerinnen und Wähler für unangebracht halten. Viele Wahlkampfmanager nehmen demnach offenbar in Kauf, dass unter einer solchen Negativkampagne das Ansehen der eigenen Partei leiden könnte. Man baut jedoch darauf, dass dieser Ansehensverlust sehr viel geringer ist als der, den die attackierte Partei zu erleiden hat.

Allerdings basieren die meisten Untersuchungen zu diesem Thema auf Wahlen in den USA, wo sich Wahlkämpfe gewöhnlich auf ein Duell zweier Parteien oder Kandidaten zuspitzen. Vermutlich wirkt die Logik („Der Verlust meines Gegners ist mein Gewinn“) hier besser, als in einem System mit fünf Parteien. Man könnte ja vermuten, dass von einem Plakat, auf dem die SPD die CDU angreift, insbesondere FDP, Grüne und Linkspartei profitieren. Dies mag ein Grund dafür sein, dass „negative campaigning“ bisher in deutschen Wahlkämpfen noch keine große Rolle spielt und auch die SPD hier eine vergleichsweise milde Variante gewählt hat.

Zum anderen kommen auch aktuelle Studien noch zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen bezüglich der Effekte von Negativkampagnen auf die Wahlbeteiligung. Während einige Forscherinnen und Forscher keinen Einfluss sehen, weisen andere darauf hin, dass die Wahlbeteiligung unter diesen Kampagnen leiden könnte. Das Statement von SPD-Wahlkampfleiter Kajo Wasserhövel, diese „ungewöhnliche Kampagne“ werde Aufmerksamkeit erregen und die Wahlbeteiligung stärken, scheint jedenfalls bisher empirisch nicht belegbar zu sein.

Wir werden sehen, ob die Kampagnen im Superwahljahr 2009 an diesen Befunden etwas ändern werden…

9 Kommentare


  1. […] Werbung treibt, muss doch schreiben, wofür die eigene Marke steht. Bei mir bleibt jedenfalls dank Negativkampagne nur hängen: „Spötter würden SPD wählen“. Nachtrag 2: Andreas Grieß erfuhr von einem […]

  2.   Andreas

    Ich glaube, das Wahlplakate generell keine Wirkung auf den Wahlausgang haben.
    Aufmerksamkeit haben die Plakate auf jeden Fall geschürt, wenn man sich das Medien (und Blog) Echo anschaut.
    Damit wird durchaus mehr von der Europawahl gesprochen als vorher, was vielleicht tatsächlich die Wahlbeteiligung erhöht. Ob das der SPD letzten Endes nutzen wird, weiß man nicht.
    Vielleicht ist die Rechnung, dass eine höhere Wahlbeteiligung der CSU schaden könnte. Die Gründe dafür sind bekannt (muss bundesweit über 5% kommen, tritt aber nur in Bayern an)

  3.   R. Schmitt

    Mir ist diese Werbekampagne einfach nur unangenehm. Wenn sie wenigstens ein wenig Esprit hätte. Lachen kann man ganz sicher nicht darüber. Und mit den Plakaten von Klaus Staeck aus den 70ern haben diese plumpen Machwerke nichts gemein. Die Plakate von Staeck konnten zumindest polarisieren.

  4.   G. Simon

    Logische Schlussfolgerung:

    CDU, FDP und Linke sind schlecht, SPD macht „negative campaigning“ -> wählen wir die Grünen!

  5.   Boccanegra

    Unklar ist mir vor allem, was diese Kampagne mit der EU zu tun haben soll, denn für deren Parlament wird schließlich gewählt… „Für ein Europa, in dem klare Regeln gelten“, na schön – aber dafür sind (wenn man die Wahlmanifeste der verschiedenen Europaparteien durchliest) ja eigentlich inzwischen alle. Und die heiße Luft der Linken mit dem Kommentar „Für ein Europa, in dem Verantwortung zählt“ zu versehen, nun ja…

    Andererseits sind die anderen Parteien ja auch nicht besser, was die Qualität ihrer Argumente betrifft: CDU und FDP campaignen zwar nicht negatively, aber „Wir in Europa“ oder „Für Deutschland in Europa“ sind Slogans, deren Aussagekraft nur knapp über null liegt (nur eine kleiner Rest an residualem Nationalismus ist noch herauszulesen). Das grüne „WUMS für ein besseres Europa“ erweckt erst einmal Zweifel, ob hier nicht irgendein bösartiger Plakatierer eine Partei lächerlich machen will, die ehemals als akademikernah galt; anscheinend hat der Slogan aber tatsächlich das Plazet des Parteivorstands. Fast schon peinlich ist es, dass die Einzige, auf deren Wahlplakaten sich tatsächlich programmatische Forderungen finden („Mindestlohn europaweit“, „Millionäre zur Kasse“), die Linkspartei ist – ausgerechnet die deutsche Anti-EU-Partei scheint die letzte zu sein, die den Europawahlkampf als Auseinandersetzung um europapolitische Inhalte ernst nimmt.

    Vielleicht ist es etwas naiv zu meinen, dass Wahlkampf mit Argumenten geführt werden sollte, um den Wähler von der politischen Programmatik einer Partei zu überzeugen. Vielleicht sind es aber auch die etablierten Parteien selbst, die mit solchen Kampagnen die Wahlbeteiligung bei Europawahlen in den Keller drücken.

  6.   Juri Garkov

    hier finden sie eine Sammlung von alternativen Motiven. Mindestens genauso komisch wie die originale und ebenso flach: http://europa2009wahl.wordpress.com/


  7. Somalia wählt deutsche Schiffe…

    GSG 9 zurückgepfiffen? KSK auch? Wozu haben wir Elite einheiten, wenn sie nicht schießen dürfen. Diese Pazifisten. Ok, ich gebe zu, die Sache ist bestimmt komplizierter – dennoch ist ATALANTA und die Piraten-Gutmenschen-Gehabe ein Trauerspiel. Wie …


  8. […] auch insofern daneben, dass weniger europäische Themen, sondern nationale Themen dominieren. Die Plakate der SPD sind ein gutes Beispiel dafür. Konsens ist daher, die Europawahlen als “Nebenwahlen”, […]

  9.   Joachim F

    Vor dem nächsten Supermarkt hat die linke SED-Nachfolgepartei plakatiert: „Millionäre zur Kasse“.
    Daher gehe ich dort mit einem guten Gefühl zum Einkaufen, auch wenn mich die Kassiererin nicht als Millionär erkennt.

 

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