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Mission gescheitert: Zur Wirkungslosigkeit von EU-Informationskampagnen

 

Bei den heutigen Wahlen zum Europäischen Parlament ist einmal mehr zu erwarten, dass die Wähler weg bleiben. Letzte Umfragen gehen davon aus, dass in Deutschland wie schon 1999 und 2004 eine Wahlbeteiligung von unter 50 Prozent geben wird.

Mit dem Ziel, Wähler von der Bedeutung der EU und der anstehenden Wahlen zu überzeugen, hat zum einen die Europäische Union, zum anderen das bayerische Europaministerium Informationskampagnen gestartet. Während die EU-Kampagne durch ihr Budget beeindruckte – insgesamt 18 Millionen Euro wurden für Großinstallationen, Werbeplakate und Spots ausgegeben – sollte die Bayern-Initiative mit dem Motto „Europa – was geht“ in erster Linie junge Wähler ansprechen. Dafür wurde eigens Commedy-Star Oliver Pocher engagiert, der in einem mehr als 4-minütigen Spot in seiner Rolle als „Straßen-Kobra“ versuchte, mit einem entsprechenden Slang den Nerv der Jugendlichen zu treffen.

Dass die Kampagnen ihr Ziel erreichen konnten, muss aber bezweifelt werden. In einer von Dr. Jürgen Maier, Prof. Dr. Michaela Maier (Universität Koblenz-Landau) und Dr. Silke Adam (FU Berlin) durchgeführten Experimentalstudie unter Studierenden der Universität Koblenz-Landau zeigten sich für keinen der beiden Werbespots mobilisierende Effekte. Einer Gruppe von 23 Studierenden wurde der im Rahmen der EU-Kampagne produzierte 32-Sekunden-Fernsehspot gezeigt. Eine zweite, 45 Studenten umfassende Gruppe wurde der Pocher-Spot gezeigt . Anschließend wurden die Probanden zu europapolitischen Themen befragt und ihre Ergebnisse mit einer 25-köpfigen Kontrollgruppe verglichen, die keinen der beiden Spots gesehen hat. Nach Kontrolle von Geschlecht und politischem Interesse zeigten sich weder hinsichtlich der Wahlbeteiligungsabsicht noch hinsichtlich der Bereitschaft, sich auch nach der Europawahl aktiv über die EU informieren zu wollen, statistisch signifikante Gruppenunterschiede. Das Ziel, junge Wähler für Europa zu interessieren und ihre Bereitschaft zu vergrößern, sich an der anstehenden Europawahl zu beteiligen, haben die Kampagnen somit offenbar verfehlt.

Die fehlende Reaktion der Probanden ist plausibel, denn die Spots geben kaum Aufschluss, warum es wichtig sein sollte, sich mit europäischen Themen zu beschäftigen oder heute zur Wahl zu gehen. Dass passt ins Bild, denn auch die Werbebemühungen der politischen Parteien sowie die Medienberichterstattung der Massenmedien signalisieren dem Wähler durch ihren konsequente Ausblendung von EU-Themen, dass die Europawahlen eigentlich nicht wichtig sind. Jüngster Beleg hierfür ist der fehlende Hinweis auf den Titelseiten der heutigen Sonntagsausgaben der Tageszeitungen, dass heute Europawahl ist. Wenn die Wähler deshalb 2009 erneut mehrheitlich zu Hause bleiben, wäre dies eigentlich ein Anzeichen dafür, dass Wähler durchaus vernünftig agieren – und ihre Zeit lieber in wichtiger Dinge investieren als in den Gang zum Wahllokal.

6 Kommentare

  1.   arne anka

    23, 45, 25 personen? wie gross müssen bei so geringen mengen denn bitteschön „statistisch signifikante abweichungen“ sein?
    10 personen? 1.25 personen?
    und ob pocher geeignet ist, intellektuelle anstrengungen und qualifizierte urteile zu befördern, ist sowieso stark zu bezweifeln — eine sache, die auf pocher zurückgreifen muss, hat schon viel schwerwiegendere probleme …


  2. Ich halte es auch aus demokratietheoretischen Gründen für fragwürdig, wenn die EU Mobilisierungskampagnen macht. Nehmen wir das Plakat mit dem Titel „Finanzmärkte zähmen – aber wie?“ – hier wird bereits eine politische Zielrichtung bestimmt („Finanzmärkte zähmen“), die unangemessen für eine neutrale Institution ist (es ist Aufgabe der Parteien, diese Dinge zu fordern – oder eben nicht).

    Noch schlimmer ist der Spot mit dem Claim „Wie die Nachrichten von morgen aussehen, entscheidest du“. In ihm verlautet eine Nachrichtensprecherin: „Um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen wird die Einkommenssteuer abgeschafft.“ Wer solche Spots verbreitet weckt nicht nur völlig falsche Erwartungen, sondern tut auch so, als würden Steuerfragen in Brüssel entschieden – was nicht der Fall ist.

    Die Informationskampagne ist also in Wirklichkeit eine Desinformationskampagne. So gesehen ist es tröstlich, dass sie nicht funktioniert!


  3. […] Kampagne für eine höhere Wahlbeteiligung nicht gewirkt hat. Schöner Artikel über die Schwierigkeiten europaweiter Kampagnen bei ZEIT Online. Und mal ehrlich. Hat jemand etwas von der europaweiten Kampagne […]

  4.   Kleopatra

    @2: Wenn man eine längerfristige Pertspektive einnimmt, ist es nicht abwegig, auch Themenfelder zur europäischen Politik zu ziehen, die dort heute nicht (noch nicht?) hingehören. Allerdings wird auf strikt einzelstaatlicher nationaler Ebene entschieden, ob sie jemals europäische Themen werden. Und gerade bei den Steuern ist absehbar, daß hierzu kaum irgendwo Bereitschaft besteht.

    Die Straßenkobra hingegen ist nur unsäglich. Er trifft nicht den Nerv  der Leute, sondern er nervt nur. Wenn mich etwas hätte davon abhalten können, zur Wahl zu gehen, dann dieser Spot.


  5. Die zitierte Studie ist wertlos: mehreren amerikanischen Untersuchungen zufolge erhöhen Fernsehspots die Wahlbeteiligung um etwa 0,8 Prozent. Das ist ein stabiler und signifikanter, aber sehr schwacher Effekt, der nur bei sehr großen Fallzahlen nachweisbar ist. Maier, Maier und Adam hätten das aber wissen müssen, und dementsprechend ihr Design anders anlegen.
    Hinzu kommt, dass Befragungen zu Wahlabsichten notorisch ungenau sind und vielen Verzerrungseffekten (z.B. Antworten im Sinne sozialer Erwünschtheit) unterliegen. In Amerika ist das einfacher, dort kann man nach der Wahl feststellen, wer wählen war, mithin den wahren Mobilisierungseffekt näherungsweise erfassen.
    Nicht zuletzt deshalb lässt sich dort auch zeigen, dass viele Wählermobilisierungskampagnen langfristige Effekte haben, weil für die Aktivierten „wählen“ zur Gewohnheit wird. Anders gesagt: wenn öffentliche Anstrengungen zur Wählermobiliserung vor jeder Wahl 1% aktivieren und die Hälfte davon von selbst dabei bleibt wäre das ein sehr zufriedenstellender Erfolg.
    Im Design von Maier, Maier und Adam müsst dagegen ein einziger TV-Spot die Wahlneigung um geschätzte 20% nach oben treiben, damit der Effekt messbar ist. Solches zu erwarten ist mehr als dämlich. Oder, wahrscheinlicher, hat – erfolgreich – versucht, mit ein bisschen 08/15 Forschung seinen Namen in die Presse zu bringen.


  6. Ach ja, hatte ich ganz vergessen: Dass ein Effekt (mit statistischen Methoden) nicht nachweisbar ist, belegt keinesfalls, dass es ihn nicht gibt. Er kann schlicht so schwach (aber nicht weniger real) sein, dass mit den gewählten (statistischen) Methoden der Zufall als Verursacher des Ergebnisses nicht auszuschließen ist. Das heißt aber nicht, dass das Ergebnis (bzw. der Unterschied zwischen Experimental- und Kontrollgruppe) tatsächlich durch Zufall zustande gekommen ist.
    Lernt man normalerweise im Grundkurs Statistik.

 

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