‹ Alle Einträge

Mood Tour: Rad fahren und über Depression aufklären

 
Unterwegs am Tegernsee © Sebastian Burger
Unterwegs am Tegernsee © Sebastian Burger

Es regnet. Schon wieder. Seit sechs Tagen fährt die Gruppe mit drei Tandems täglich 50 bis 60 Kilometer und wird jeden Tag nass. “Ich habe das Gefühl, die stecken das besser weg als ich”, sagt Sebastian Burger über seine Mitfahrer. Burger ist der Initiator der Mood Tour, und ich erwische ihn im Fahrradsattel. Ausgerüstet mit Freisprechanlage und Flatrate führt er beim Radeln täglich Interviews. Drei Monate lang radeln Burger und seine Mitstreiter durch Deutschland. Es ist eine Aufklärungstour gegen das Stigma der Depression, für mehr Offenheit im Umgang mit der Krankheit.

Ausgangspunkt war Mitte Juni Leipzig, am 20. September endet die Tour in Köln. Dazwischen liegen 7.000 Kilometer mit sieben Etappen und 64 wechselnden Mitfahrern. Die, mit denen Burger gerade unterwegs ist, trafen sich vor knapp eine Woche das erste Mal. Es sind Betroffene wie Nicht-Betroffene – die Tour soll aufklären, nicht therapieren. Wobei die Struktur der jeweiligen Etappen den Teilnehmern durchaus gut tut, wie Burger findet. Der Sport, die frische Luft und die täglich wieder kehrenden Rituale – Frühstück zubereiten, Zelt abbauen, Satteltasche packen und Rad fahren – helfen Menschen mit Depressionserfahrung.

Burger gibt wieder, was er aus Erzählungen kennt. Eigene Erfahrung mit der Krankheit hat er nicht. Ihn habe vor Jahren lediglich mal der “Winter-Blues” gepackt, wie er es nennt. Er kam schlecht aus dem Bett und war seltsam antriebslos. Damals steckte er ein paar Sachen in einen Rucksack und wanderte los, immer die Weser entlang.

Bald ging es ihm besser – und die Idee zur Mood Tour war geboren. Allerdings auf Fahrrädern, für Burger das Reisemittel schlechthin. Bereits ein Jahr zuvor war er mit blinden Mitfahrern auf Tandems durch den fernen Osten gereist. “Das Tandem ist ein tolles Medium, um fremde Menschen mitzunehmen”, sagt er.

© Sebastian Burger
© Sebastian Burger
© Sebastian Burger
Auf der Tour zelten die Teilnehmer. © Sebastian Burger

Zurzeit zieht die Gruppe mit ihren drei Zweisitzern in jeder Stadt die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich. Was noch wichtiger ist: Die Tandems erleichtern die Kontaktaufnahme.

“Über die Räder kommt man sofort mit den Einheimischen ins Gespräch”, sagt Kristina Wilms, die Ende Juni die zweite Etappe mitgefahren ist. Sie war überrascht von der Offenheit der Menschen, die sie während der Tour traf. Wenn sie hörten, was die Radfahrer viele tausend Kilometer durch Deutschland treibt, erzählten sie, dass ihre Töchter, eine Oma oder sie selbst von der Krankheit betroffen seien. Kristina Wilms gefällt, dass dieses schwermütige Thema mit so etwas Leichtem und Positivem wie Radfahren kombiniert wird.

Auch Sebastian Burger ist zufrieden. Jeden Tag sprechen er und die Teilnehmer mit Journalisten von Lokalzeitungen, die über die Tour berichten, und erreichen auf diesem Weg viele Menschen. In verschiedenen Städten, die die Gruppe ansteuert, organisieren regionale Bündnisse Infoveranstaltungen, bei denen die Radler gezielt über das Thema Depression aufklären.

Start in Leipzig © Nils A. Petersen
Start in Leipzig © Nils A. Petersen

Das ist wichtig. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ein Mal im Leben an einer Depression. Insgesamt litten in Deutschland derzeit zirka vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression, so die Stiftung. Allerdings erhalte nur eine Minderheit eine optimale Behandlung.

Indirekt betroffen seien etwa 15 Millionen, sagt Sebastian Burger. Mit ihrer Tour wollen die Radfahrer Ängste und Vorurteile bei Betroffenen abbauen und ihnen Mut machen, frei über ihre Erkrankung zu reden. Diese fordere jedes Jahr mehr Tote als der Straßenverkehr, sagt Burger, und führe häufiger zur vorzeitigen Berentung als Rückenleiden – mit hohen Kosten. Die Mood Tour will entstigmatisieren.

Kurzfristig wurden bei verschiedenen Etappen acht Plätze frei. Wer Interesse hat mitzufahren, findet hier weitere Informationen. Die sehr lesenswerte Broschüre zur Mood Tour, in der Teilnehmer unter anderem ihre Erfahrung schildern, gibt es hier.