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Rentner auf Rikscha-Tour

 

Vor drei Jahren fuhr Ole Kassow mit einer Rikscha bei einem Kopenhagener Altenheim vor und lud eine Bewohnerin zu einer Ausfahrt ein. Damit hat der Däne eine Lawine ins Rollen gebracht. Am nächsten Tag rief der Leiter der Einrichtung bei ihm an: 50 weitere Bewohner wünschten sich eine Rikschafahrt mit Kassow – der Grundstein für das Projekt Cykling uden alder (Radfahren ohne Alter).

Kassow fährt leidenschaftlich gern Fahrrad. Für den 48-Jährigen ist Radfahren selbstverständlich, er denkt nicht darüber nach. Als er 2012 morgens in Kopenhagen zur Arbeit radelte, sah er in einem Park einen Rentner auf einer Bank sitzen. Zwei Wochen sah er ihn dort jeden Morgen seine Zeitung lesen – offensichtlich zufrieden, die Sonne genießend, neben sich den Rollator. Der Mann konnte nicht mehr aufs Rad steigen, das wurde Kassow plötzlich bewusst. Ebenso, dass er selbst in dieser Situation das Radfahren schrecklich vermissen würde. So entstand die Idee, eine Rikscha zu mieten und Senioren zu einer Ausfahrt einzuladen.

Im ersten Jahr fuhr Kassow regelmäßig in dem Altenheim vor und holte Bewohner zur kostenlosen Rikschafahrt ab. Jeweils zwei Personen passten in das Fahrzeug. Die Alten genossen die Ausfahrten mit dem Fahrtwind im Gesicht, den intensiven Gerüchen und den vielen Eindrücken bei der Fahrt. Sie, die in der Regel sonst überall mit dem Auto hinchauffiert wurden, erlebten die Natur und die Stadt wieder viel intensiver.

Nach einem Jahr war die Nachfrage der Bewohner so groß, dass Kassow bei der Stadtverwaltung um Unterstützung bat. Mittlerweile hat die Stadt Kopenhagen rund 50 Rikschas angeschafft, die regelmäßig mit ehrenamtlichen Fahrern im Einsatz sind. Nicht nur das. Cycling without age ist eine internationale Bewegung geworden: In Europa, Asien und Amerika gibt es erste Nachahmer, etwa in Oslo oder Zürich. In Berlin will Calle Overweg ein solches Projekt auf den Weg bringen.

Kassow motiviert die Begeisterung der Senioren sehr. „Jeder hat ein Recht auf Wind in den Haaren“, findet er. Im vergangenen Jahr ist er mit Freiwilligen und zwanzig Senioren in Fahrrad-Rikschas von Odense nach Hamburg geradelt, um für Cycling without age zu werben. Drei Tage waren sie unterwegs. Eine der Seniorinnen sagte an einem Abend beim Essen: „Ich war seit 15 Jahren nicht mehr im Urlaub. Das war der beste Urlaub meines Lebens.“

Der Kurztrip, aber auch die Ausflüge in Kopenhagen, sprengen das tägliche Einerlei der Alten. Wenn Kassow sagt, dass die Rentner auf der Fahrt nach Hamburg abends auch ohne Medikamente gut einschliefen, glaubt man ihm das sofort.

In diesem Video ist Ole Kassow mit dem Mann unterwegs, den er 2012 im Park gesehen hat und der ihn zu Cycling without age inspirierte.

3 Kommentare

  1.   HH1960

    Schön, von dieser tollen Idee an so prominenter Stelle zu lesen. Als die Gruppe in Hamburg war, gehörten meine Frau und ich zu dem leider viel zu kleinen Begrüssungskomittee, welches Stefan W. organisiert hatte. Leider konnte das Projekt in Hamburg (noch) nicht umgesetzt werden. Aber vielleicht klappt es ja 2016. Wir würden uns freuen die Idee von Hamburg aus weiter zu tragen und wären als Fahrer dabei.

    Ich bin mir sicher, dass auch die Hamburger Senioren begeistert wären. Nicht ganz so sicher bin ich mir, ob der Senat finanziell so grosszügig wäre wie die Kopenhagener Stadtverwaltung


  2. „Jeweils zwei Personen passten in das Fahrzeug. Die Alten genossen die Ausfahrten mit dem Fahrtwind im Gesicht, den intensiven Gerüchen und den vielen Eindrücken bei der Fahrt.“

    So einmal im Monat am Wochenende könnte ich mir das auch vorstellen.

    Ich habe aber schwere Zweifel, ob das für Senioren zumutbar ist. Hamburg ist nicht Kopenhagen. Und das soll es auch, wenn es nach Grünen und ADFC geht, nie werden.

    Die hamburgspezifischen „vielen Eindrücke während der Fahrt“ im Mischverkehr könnten bei den Senioren schnell zum Herzkasper führen.

    Auf dem Fahrrad durch Hamburg, das verlangt, (auch nervlich) fit und extrem belastbar zu sein.

  3.   St--Pedali

    Eine bewegende Aktion im doppelten Sinn des Wortes, die hoffentlich viele Nachahmer findet. Es ist beeindruckend, wie toll das Fahrrad hilft, um alten, aber auch behinderten Menschen, eine Freude zu machen. In Hamfelde bei Hamburg gibt es alljährlich im April ein kleines Radrennen für Menschen mit Handicap. Auch dort bereichert die gemeinsame Fahrt auf dem Rad das Leben der Teilnehmer gewaltig, zu sehen hier: http://www.youtube.com/watch?v=aoozLOuAGfw&feature=youtube_gdata_player