Tony Blair bestimmt Integration und Multikulturalismus neu

Von 10. Dezember 2006 um 14:02 Uhr

Die Debatte über den Gesichtsschleier (Nikab) in England war nur der Anfang einer grundlegenden Revision des britischen Multikulturalismus:

In einer ungewöhnlich scharf formulierten Rede hat Tony Blair letzte Woche gesagt, Immigranten hätten “die Pflicht sich zu integrieren” und sollten “lieber wegbleiben”, wenn sie nicht bereit seien, die traditionelle britische Toleranz gegenüber anderen Religionen zu akzeptieren.

Blair verteidigte das Verbot des Gesichtsschleiers als “puren Commonsense”  in Jobs, die auf Kommunikation beruhen (wie etwa Lehrerin, Verkäuferin etc.). Er erteilte allen Vorschlägen, die Scharia-Gesetze in Grossbrittanien anzuwenden, eine Absage und appellierte an Moscheen, die keine Frauen zum Gebet zulassen, ihre Position zu überdenken.

Minderheitenorganisationen, die nicht für die Integration ethnischer oder religiöser Minderheiten arbeiten, sollen künftig von öffentlicher Förderung ausgeschlossen werden. Staatliche Förderung sei viel zu freigiebig an Organisation verteilt worden, “die eng um religiöse, rassische oder ehtnische Identitäten gruppiert sind”.
Blair vergleicht in der Rede die weissen Rassisten der Britisch National Party mit der radikalen Minderheit unter den Muslimen, die sich der Integration verweigert.

Blair sieht seine Intervention nicht als  Abschied vom Multikulturalismus, sonder als dessen Neubestimmung. Er feiert ausdrücklich  das buntere, ethnisch und religiös diversifizierte England  von heute – “not the stuffy old Britain that used to be sent up in the comedy sketches of the 1970s.

Aber dieses England braucht eine neue Vergewisserung seines Zusammenhalts. Und hier ist Blair wieder einmal unerreicht in seiner politisch-moralischen Klarheit. Was dieses multikulturelle England zusammenhält, sind gemeinsame Werte, die neu bekräftigt werden müssen.

The 7/7 bombers were integrated at one level in terms of lifestyle and work. Others in many communities live lives very much separate and set in their own community and own culture, but are no threat to anyone.But this is, in truth, not what I mean when I talk of integration. Integration, in this context, is not about culture or lifestyle. It is about values. It is about integrating at the point of shared, common unifying British values. It isn’t about what defines us as people, but as citizens, the rights and duties that go with being a member of our society.

Christians, Jews, Muslims, Hindus, Sikhs and other faiths have a perfect right to their own identity and religion, to practice their faith and to conform to their culture. This is what multicultural, multi-faith Britain is about. That is what is legitimately distinctive.

But when it comes to our essential values – belief in democracy, the rule of law, tolerance, equal treatment for all, respect for this country and its shared heritage – then that is where we come together, it is what we hold in common; it is what gives us the right to call ourselves British. At that point no distinctive culture or religion supercedes our duty to be part of an integrated United Kingdom.

Zu Recht weist Blair darauf hin, dass dies keine rein britische Debatte sei. In Deutschland würden ähnliche Themen im Rahmen der “Islam Konferenz” behandelt, in Italien im neu gegründeten Consulta Islamica.

Wenn unsere Kanzlerin es irgendwannn über sich bringt, sich zu dieser Schicksalsfrage des Landes zu äussern und neu zu bestimmen, was Integration in Deutschland eigenlich heissen soll, dann liegt die Latte jetzt ziemlich hoch.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] titelt Jörg Lau in seinem “Die Zeit” – Jörg Lau Blog und verwechselt etwas Grundlegendes, nämlich den Gesichtsschleier mit dem Kopftuch. Blair verteidigte das Verbot des Gesichtsschleiers als “puren Commonsense”  in Jobs, die auf Kommunikation beruhen (wie etwa Lehrerin, Verkäuferin etc.). [...]

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  2. 2.

    Mit Reden wäre es hier nicht getan, wer als Politiker über (Verfassungs-) Werte redet müsste dann auch irgendwann mal konkrete Handlungen folgen lassen:

    - Vorbeter ausweisen

    - Moscheevereine auflösen

    - 100.000de Zwangsehen annulieren

    - Koran verbieten

    - …

    Diese Eisen sind einfach zu heiss für die aktuelle Politikergeneration, Herr Lau.

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    • 10. Dezember 2006 um 23:16 Uhr
    • Tuotrams
  3. 3.

    Erstens: Vorbeter werden längst ausgewiesen, wenn sie Hass predigen. Ist in England geschehen, in Frankreich auch mehrfach. In Berlin läuft ein Verfahren gegen Yakub Tasci von der Islamischen Föderation (Milli Görüs).
    “Moscheevereine” (wie etwa Multikulturhaus Neu-Ulm) wurden auch bereits aufgelöst, wenn verfassungsfeindliche oder terroristische Aktivitäten nachgewiesen werden konnten.
    Und Zwangsehen sind auch bereits heute strafbar(Nötigung). Eine Verschärfung der Rechtslage wird zudem beraten, es gibt eine Bundesratsinitiative Baden-Württembergs.
    Wieso – und auf welcher Grundlage – soll man den “Koran verbieten”? Das ist nicht ein zu heisses Eisen, sondern Unfug.

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  4. 4.

    >werden längst ausgewiesen

    Herr Lau, ich bin zunehmend über ihre entlarvende Wortwahl amüsiert – “längst” ? Gerade in England agieren die Islamisten weiterhin mit unglaublicher Dreistigkeit ohne das dies auch nur die geringsten Konsequenzen hätte.

    z.B. -> http://en.wikipedia.org/wiki/Anjem_Choudary

    >Wieso – und auf welcher Grundlage – soll man den “Koran verbieten”?

    Wieso? Weil die Hassprediger aus diesem Buch VORLESEN Herr Lau, Grundlage könnte das Terrorismusbekämpfungsgesetz sein.

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    • 11. Dezember 2006 um 01:29 Uhr
    • Tuotrams
  5. 5.

    sorry, was vergessen

    Warnung vor falscher Toleranz
    Montag, 11.12.2006
    http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2046/artid/6180620

    Tibi zufolge wird in Deutschland die islamistische Gefahr unterschätzt. “Es herrscht offenbar die Auffassung vor: ,Es geht nur um eine kleine Gruppe von Verrückten!’ Das ist gerade nicht der Fall. Die Islamisten sind eine global vernetzte transnationale Bewegung.”

    Für gefährlich hält der Göttinger Wissenschaftler auch “das mangelnde Zivilisationsbewusstsein in Europa”. Werte seien beliebig geworden, Anpassung werde fälschlicherweise als Toleranz ausgegeben.

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    • 11. Dezember 2006 um 01:34 Uhr
    • Tuotrams
  6. 6.

    Lieber Tuotrams, lesen Sie das doch mal:
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/4144792.stm
    JL

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  7. 7.

    Felix Britannica,

    ein Politiker vom Schlage Blairs, würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Seine Bilanz ist alles in allem rosig.Das Mehrheitswahlrecht und das Nichtvorhandensein von Förderalismus sind dabei hilfreich. Die Briten bleiben ,trotz Terror und Terrorgefahr, einem tiefverwurzelten Liberalismus treu.
    Selbst schrullige Exoten , wie Toutrams, hätten dort einen Platz in der Gesellschaft. Wenn auch unter freiem Himmel, nämlich in Speakers Corner, gleich neben anderen Hasspredigern. Denn ein Hassprediger, lieber Toutrams, sind Sie auch.

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  8. 8.

    Tony Blair redet entschlossen daher, doch die Praxis in UK ist eine andere. Islamistische Islamverbände wie der MCB werden vor Antiterrorrazien mittlerweile informiert, damit die Gefühle von Muslimen nicht verletzt werden. Der halboffizielle MCB nennt ganz offen Scheich Yassin einen “großen Geistlichen” und unterstützt die Hamas. Nichtmuslimische Polizeibeamte dürfen den Koran nicht anfassen und Terrorverdächtige nicht zu Gebetszeiten festnehmen. Das Innenministerium warnt davor, von islamischem Extremismus zu sprechen, und das Außenministerium hat ein ehemaliges Mitglied der HuT zum Chefberater für die islamische Welt gemacht. Man könnte seitenweise weiter Beispiele aufzählen. Was die Ausweisung von Haßpredigern angeht: Das waren Einzelfälle, die zudem wirkungslos waren, da die Prediger vom Ausland aus weiter wirken konnten. Man spricht nicht umsonst von “Londonistan”.

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    • 11. Dezember 2006 um 23:01 Uhr
    • Wachtmeister
  9. Kommentar zum Thema

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