Ganz unten: Wallraff ist “Islamfeind Nr. 1″

Von 24. September 2007 um 16:18 Uhr

Im Juli hatte Günter Wallraff vorgeschlagen, er wolle in der umstrittenen Ehrenfelder Moschee gerne aus Salman Rushdies “Satanischen Versen” vorlesen und ebendort über das Buch debattieren – notfalls unter Polizeischutz.

Letzteres hätte er mal besser nicht so forsch gesagt. Den Polizeischutz genießt Wallraff jetzt bereits, zu der Lesung hingegen wird es wohl nicht kommen.

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Wallraff als Türke Ali bei den Recherchen zu “Ganz unten”


Auf einer Internetseite ist Wallraff als “Islamfeind Nr. 1″ bezeichnet worden. Die Polizei hat darum entschieden, ihn unter Personenschutz zu stellen.

Wallraff, der selbst in Ehrenfeld wohnt, hatte sich bereit erklärt, im Beirat der Moschee mitzuarbeiten. Bekir Alboga, dem Dialogbeauftragten von DITIB, hatte er dann spontan vorgeschlagen, eine Rushdie-Lesung in der Moschee zu veranstalten. Alboga zeigte sich offen: “Warum nicht?” Offenbar ist Alboga aber nur begrenzt geschäftsfähig. Oder er hat es sich anders überlegt.
Heute schreibt die Ditib angesichts der Bedrohung Wallraffs:
“DITIB verurteilt die Drohungen gegen Günter Wallraff auf das Schärfste. Der Islam ist eine friedliche und gemäßigte Religion. Die fortschrittliche Religionsauffassung des Islams rechtfertigt unter keinen Umständen die Androhung oder den Einsatz von Gewalt. Wir lehnen daher Terrorismus, den Einsatz oder die Androhung von Gewalt unter jeden Umständen ab. Der Koran bildet auch in Deutschland für unsere Gesellschaft die spirituelle Grundlage unserer Religiosität. Er darf aber keineswegs als Rechtfertigung zur Gewaltanwendung herangezogen werden. Der Koran betont häufig: „Wenn dein Herr [Allah] wünschte, Er hätte alle Menschen unter einem Glauben vereint.“ Dieser Grundsatz ist ein Aufruf zur Toleranz gegenüber anderen Glaubensauffassungen und Ansichten. Die Vielfalt ist Teil des göttlichen Willens und verlangt von dem Menschen, diese als einen großen Reichtum anzuerkennen.”
So weit, so gut. Aber dann geht es um Wallraffs peinigendes Angebot:
“Günter Wallraffs Anregung, die „Satanischen Verse“ in der Kölner DITIB-Moschee zu lesen, ist ein provokanter Beitrag im Rahmen einer öffentlichen Debatte. Selbstverständlich würde eine solche Lesung in einer Moschee die religiösen Gefühle der Muslime verletzen.”

Warum eigentlich “selbstverständlich”? Dazu kein einziges Wort. Stattdessen salbungsvolle Worte über die Aufgabe eines Journalisten.
„Als Journalist ist es Wallraffs Aufgabe, mit seinen Ideen zu polarisieren und Diskussionen anzustoßen. Wallraff hat sich im Rahmen seines Buchprojektes ´Ganz Unten` für die Interessen der türkischen Migranten in Deutschland eingesetzt. Günter Wallraff bemüht sich um einen konstruktiven Dialog mit uns Muslimen in Deutschland. Wir schätzen ihn“, betont Sadi Arslan, Präsident der DITIB. Die Ehrenfelder DITIB-Moschee kennt Wallraff seit seinen Recherchen zu seinem damaligen Buchprojekt. Die DITIB steht der Idee einer gemeinsamen Veranstaltung zur Lesung der „Satanischen Verse“ zurückhaltend gegenüber. Bei dem letzten gemeinsamen Treffen vor knapp zwei Wochen hat man sich über den Charakter einer solchen Veranstaltung nicht einigen können. Eine Lesung auf dem Moscheegelände kommt aus Sicht der DITIB sicherlich nicht in Frage.”
“Sicherlich”. Das war’s? Warum genau kommt es nicht in Frage? Und was heißt eigentlich “zurückhaltend”, wenn es offenbar überhaupt keinen Diskussionsspielraum gibt.
Wäre es nicht denkbar, die Lesung zu machen und dann dort zu sagen, was einem an Rushdie mißfällt? Eine Moschee die sich für eine solche Debatte öffnet, wäre eine Weltsensation. Sie würde der Behauptung, der Islam sei “eine friedliche und gemäßigte Religion” Glaubwürdigkeit verleihen. Ditib muss verstehen, dass es die Rushdie-Affäre war, die das Vertrauen einer breiten liberalen Öffentlichkeit auch in die hier lebenden Muslime erschüttert hat (in England noch mehr als auf dem Kontinent).
Wer aus den Fabriketagen in die deutsche Öffentlichkeit hinauswill, sollte sich besser auf solche Debatten gefaßt machen. Das ist es, was Wallraff mit seiner mutigen Intervention zeigen wollte. Er zahlt den Preis dafür, wie schon seinerzeit, als er den verfolgten Salman Rushdie in seinem Haus versteckte

Leser-Kommentare
  1. 17.

    Kurioserweise war es Chomeini (und vor ihm einige indische und pakistanische Moslem-Knalltüten), der die “Satanischen Verse” richtig populär gemacht hat.
    Anderenfalls wäre dieses langweilige und inhaltlich ziemlich schwache Buch in den Regalen verstaubt.

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    • 25. September 2007 um 14:22 Uhr
    • Joachim S.
  2. 18.

    @Lebowski

    Ich habe die satanischen Verse gelesen, ein herausragendes Buch, das insbesondere durch die Anmut der Sprache und seine Suggestionskraft besticht. Als Ungläubiger fällt es nicht leicht, den geifernden Hass nachzuvollziehen, den Rushdie mit seinem Werk auf sich zog (auch andere mussten darunter leiden; mehrere übersetzer wurden angegriffen und verletzt, der japanische übersetzer sogar umgebracht), aber das Buch ist natürlich provokativ.
    Einige der Verse, die Mohammed (im Buch heisst er Mahound) vom Erzengel Gabriel empfängt, sind einer lokalen, weiblichen Gottheit von Mohammeds Heimatstadt geweiht, und werden später vom Propheten als Einflüsterungen Satans widerrufen. Am Ende des Buchs stellt sich zudem heraus, dass der Schreiber, dem Mahound seine Eingebungen diktiert, einige Elemente, die ihm nicht plausibel erscheinen, auf eigene Faust uminterpretiert oder weggelassen hat.
    Am unerträglichsten für die Muslime ist aber vielleicht der Umstand, dass Rushdie die Offenbarungen des Propheten in den Kontext seiner politischen Ambitionen stellt. Mahound ist ein intelligenter und ehrgeiziger Kaufmann, dessen Aufstieg aber von der lokalen Machtelite blockiert wird. Die Offenbarungen durch Gabriel und die damit verbundene Entstehung einer neuen Religion dienen offensichtlicht dem Zweck, die Götterwelt der Herrschenden, und damit die Herrschenden selbst anzugreifen (hier thematisiert Rushdie die Verflechtung von Politik und Religion im Islam).
    Kein Wunder bei alledem, dass muslimische Geistliche dieses Buch für eine Ausgeburt des teufels halten…….

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    • 25. September 2007 um 14:31 Uhr
    • Eipott
  3. 19.

    >>Anderenfalls wäre dieses langweilige und inhaltlich ziemlich schwache Buch in den Regalen verstaubt.
    Kommentar von Joachim S. | 25.09.2007 | 2:22<< echt? Ich hatte es gar nicht gewagt, zu gestehen, dass dieses Werk Rushdies mich auch gelangweilt hatte. Nach wenigen Versen legte ich es schon weg.
    Aber die Inquisitoren des Vatikan habe auch nie die Werke gelesen, die sie auf den Index setzten. Die Islamisten, also die politischen Staatsislamisten müssen da noch gewaltig viel lernen. Ob man da etwas ausrichten kann, indem man die Satanischen Verse in einer Deutschen Moschee liest??

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    • 25. September 2007 um 14:31 Uhr
    • Lebeding
  4. 20.

    sorry, der Post war für sie Lebeding

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    • 25. September 2007 um 14:32 Uhr
    • Eipott
  5. 21.

    @ Lebeding (16)

    12.09. Dschihadisten als Herausforderung für Muslime, Beitrag 106

    Die Satanischen Verse habe ich bisher nicht gelesen. Daher kann ich über das Buch nicht wirklich etwas sagen. Mal sehen, ob ich es zeitlich hinbekomme, das in nächster Zeit mal nachzuholen.

    Zu Ihrem Posting (11) muss ich übrigens Rafael (13) Recht geben: ich bin auch schon von Christen angesprochen und gefragt worden, ob ich nicht bereit wäre, den Islam näher vorzustellen. Diaologbereitschaft ist von Seiten der Christen durchaus vorhanden.

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    • 25. September 2007 um 14:38 Uhr
    • Yasmin
  6. 22.

    danke @Eipott. Also ehrlich, mir ist das alles zu religiös und fabulativ in diesem Buch. Sie bestätigen dies. Eccos Kloster-Krimi lässt da wohl auch ein bisserl grüßen? Wer so etwas ernst nimmt, gewissermaßen jenseits des Literarischen ansiedelt und für realistisch hält, macht wohl den gleichen Fehler, wie jener Literatur-Papst, der in einem berühmten Roman von Walser sich selbst in einer Romanfigur wieder erkannte und sich mit der Romanfigur identifizierte und sich als Opfer eines Mordaufrufes sah.
    Man muss unbedingt Literatur, Fiktion von Dokumentation o.ä. unterscheiden können. Ich denke, das ist der 1. Schritt zur autonomen Denke …

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    • 25. September 2007 um 14:39 Uhr
    • Lebeding
  7. 23.

    @Yasmin | 25.09.2007 | 2:38; ich weiß sehr wohl von der Dialogbereitschaft, seitens der Christen wie auch seitens der Moslime. (Und Rafael weiß auch, dass ich ihm in vielen Dingen sofort zustimme. Aber in manchen haben wir Differenzen. – Macht nichts!)

    Aber hier im Blog ist das noch nicht so ganz zu allen durchgedrungen und immer wieder wird dieser politische, destruktive terroristische Islam mit dem religiösen in einen Topf geschmissen. Das ödet mich an. Und deswegen provoziere ich auch mal ganz gerne …

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    • 25. September 2007 um 14:45 Uhr
    • Lebeding
  8. 24.

    @ Lebeding (23)
    :-) Solche Provokationen sind manchmal ganz nützlich. Sie führen in einigen Fällen dazu, dass ein paar weitere interessante Links/Zitate … gepostet werden.

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    • 25. September 2007 um 14:54 Uhr
    • Yasmin
  9. Kommentar zum Thema

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