Ein Blog über Religion und Politik

Eine katholische Antwort auf den Brief der islamischen Gelehrten

Von 17. Oktober 2007 um 13:54 Uhr

Die morgige ZEIT enthält eine Analyse des hier vorgestellten Offenen Briefes der 138 islamischen Gelehrten durch Professor Christian W. Troll. Der Ratzingerschüler und Jesuit Troll ist seit Jahrzehnten im christlich-islamischen Dialog engagiert. Er hat die Deutsche Bischofskonferenz und den Vatikan immer wieder in Fragen des Islams beraten.


Christian W. Troll SJ

Troll hat in den sechziger Jahren Arabisch gelernt, Islamwissenschaften studiert und dann selbst auch (u.a.) in New Delhi und Ankara unterrichtet. Ich empfehle nachdrücklich Trolls Buch “Muslime fragen, Christen antworten” und das kurze und konzise “Als Christ dem Islam begegnen”. Das erstere ist auch komplett online lesbar, unter anderem auch auf Türkisch.

Hier ein Ausschnitt aus Prof. Trolls Reaktion (mehr an einem Kiosk Ihres Vertrauens):

“In der 1400-jährigen Geschichte der muslimisch-christlichen Beziehungen hat es eine solche Initiative noch nicht gegeben: 138 muslimische Führungspersönlichkeiten und Gelehrte haben zum diesjährigen Fest des Fastenbrechens einen Offenen Brief und Aufruf veröffentlicht. Die Regensburger Vorlesung des Papstes erweist sich offenbar trotz oder gerade wegen ihres provokativen Gehaltes als fruchtbar. Vor einem Jahr bereits hatten 38 muslimische Gelehrte an Papst Benedikt geschrieben. Nun scheint sich ein dauerhafter Dialog auf breiter Grundlage zu entwickeln…

Die Gelehrten stellen die »allumfassende, konstante und aktive Liebe Gottes« als das zentrale Gebot aller drei monotheistischen Re­li­gio­nen heraus. Das ist bemerkenswert, zumal das Schreiben dazu nicht nur Texte des Korans, sondern auch der jüdischen und christlichen Bibel heranzieht. Seltsam berührt dann allerdings, wenn die Gemeinschaft der jüdischen Gläubigen in diesem Aufruf einfach übergangen wird, obwohl das Schreiben deren kurze Bekenntnisformel in Deuteronomium 6, 4–6 als den »Zentraltext des Alten Testaments und der jüdischen Liturgie« bezeichnet. Diesem Text aber verdanken sich – richtig verstanden – sowohl das Neue Testament wie auch der Koran. Kann es eine tragfähige muslimisch-christliche »Übereinkunft« und fruchtbare Zusammenarbeit der Monotheisten auf der Basis des Doppelgebotes der Liebe geben – ohne Einbeziehung der jüdischen Gläubigen?
Allein die Tatsache, dass dieses Schreiben auf biblische Texte eingeht, die wortwörtlich autorisierten jüdischen und christlichen Bibelübersetzungen entnommen sind, ist aufsehenerregend. Deutet sich hier etwa ein Bruch mit der klassischen muslimischen Lehre an? Nach dem Koran gelten die Heiligen Schriften der Juden und Christen ja eigentlich als Dokumente der »Korruption« (tahrīf) der Überlieferung – mit der Folge, dass Muslime diesen Texten die Zuverlässigkeit absprechen und sie deshalb auch nicht als gemeinsame Grundlage für den Dialog anerkennen. Das Buch der Psalmen wird zum Beispiel von Muslimen weder liturgisch noch privat rezitiert, obwohl der Koran wiederholt von den Psalmen spricht, die David gegeben wurden. So darf gefragt werden: Suchen die Autoren des Schreibens die aus der Bibel zitierten Texte wirklich aus ihrem eigenen, biblischen Kontext zu verstehen und zu interpretieren? Oder könnte es sein, dass diese im Schreiben zitierten biblischen Texte von den muslimischen Autoren nur insofern als autoritativ akzeptiert und zitiert werden, weil sie vermeintlich mit dem Koran ganz und gar identische Aussagen machen? Die zitierten biblischen Texte wären dann für Muslime und alle übrigen Menschen deshalb als offenbart und damit normativ zu akzeptieren, weil und wenn sie genau dasselbe sagen wie die entsprechenden Texte des Korans. Wie dem auch sei, die äußerst wichtige islamische Lehre von der willentlichen Veränderung der biblischen Texte durch Juden und Christen wird in diesem Schreiben weder erwähnt noch explizit modifiziert.
Vor allem aber: Auch für dieses Schreiben und seine Autoren bleiben Mohammed, sein Leben und seine Auslegung der koranischen Weisungen Gottes der absolute Maßstab für die korrekte Auslegung des Kerngebots von Gottes- und Nächstenliebe. Mit anderen Worten, Mohammeds Wirken, zunächst aus der Min­der­hei­ten­posi­tion in Mekka und dann als Machthaber in Medina, bleibt maßgebend für die Muslime heute. Die islamischen Gelehrten entnehmen das Motto ihres Briefes einer relativ frühen medinensischen Sure (meist auf die Jahre 624/625 datiert). Sie stellen sich aber nicht dem Problem, dass an die Stelle der einladenden Haltung dieses Verses in späteren Suren eine unduldsame Haltung tritt – wie etwa in Sure 9 mit ihren Kampfaufrufen gegen Juden und Christen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Die Regensburger Vorlesung des Papstes erweist sich offenbar trotz oder gerade wegen ihres provokativen Gehaltes als fruchtbar.”

    Würde zustimmen, wenn man das r in “fruchtbar” hinter dem “u” setzt.

    “Die Gelehrten stellen die »allumfassende, konstante und aktive Liebe Gottes« als das zentrale Gebot aller drei monotheistischen Re­li­gio­nen heraus. Das ist bemerkenswert….”

    Wieso isn das bemerkenswert? Seit Jahren erzählen mir christliche Dialogiker, dass Muslime, Christen und Juden im Grunde an demselben Gott glauben und jetzt soll ich Jubelsprünge machen, weil die Muslime nach Jahren (!!!) sich zum ersten Mal in derselben Richtung äußern.
    Das kann ja wohl nur im Umkehrschluß heißen, dass der bisherige “Dialog” für die Mülltonne gewesen ist.
    Nee, der Schampus bleibt im Keller!

    Als Erkenntnis nehme ich aus dem Beitrag mit, dass offensichtlich “Provokationen” bei Muslimen etwas bewirken. Schönreden und Anschleimen bringen nichts.

    “Sie stellen sich aber nicht dem Problem, dass an die Stelle der einladenden Haltung dieses Verses in späteren Suren eine unduldsame Haltung tritt – wie etwa in Sure 9 mit ihren Kampfaufrufen gegen Juden und Christen.”

    Das tun sie seit ca. 1400 Jahren nicht!
    Ich nehme mal an, dass dann nämlich ein paar logische Ungereimtheiten im Koran offenbar würden.
    Und dem theologischen Problem, dass Mohammed keine widerspruchsfreien Aussagen machen kann, stellt man sich dann lieber doch nicht.

    • 17. Oktober 2007 um 15:41 Uhr
    • lebowski
  2. 2.

    “Sie stellen sich aber nicht dem Problem, dass an die Stelle der einladenden Haltung dieses Verses in späteren Suren eine unduldsame Haltung tritt – wie etwa in Sure 9 mit ihren Kampfaufrufen gegen Juden und Christen.”

    Die nach Längen und nicht chronologisch angeordneten Suren zeigen keinen Zusammenhang. Auch Ungläubige können allerdings, entgegen häufig anders lautender Behauptungen, den Geist und den Sinn koranischer Aussagen, ergänzt durch das Hadith, sehr wohl richtig erfassen. Die Schwierigkeit liegt eher im chaotischen Aufbau, und darin, dass Mohammed seine Aussagen im zeitlichen Verlauf der Offenbarungen geändert hat.
    In mekkanischen Suren steht oft das Gegenteil von dem, was aus der medinensischen Zeit zu finden ist. Dieses Dilemma haben die islamischen Gelehrten durch das Prinzip Naskh, wonach die späteren Offenbarungen die früheren aufheben, beseitigt. Es gibt, nach Prof. Mark Gabriel, im Koran mindestens 114 Verse, die von Liebe, Frieden und Vergebung sprechen. Doch als später der fünfte Vers der Sure 9, „…tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet…“, offenbart wurde, hob er diese früheren Verse auf. Auch wurden Verse offenbart, wieder zurückgezogen und durch neue ersetzt, ein bemerkenswerter Vorgang bei einem Buche, das die absolute Wahrheit für alle Menschen und für alle Zeiten enthalten soll.
    „Die Lehre von der Widerrufung macht auch das muslimische Dogma vom Koran als einer getreuen Wiedergabe der im Himmel verwahrten Originalschrift zum Gespött. Wenn Gottes Wort ewig, unerschaffen und von allgemeingültiger Wesentlichkeit ist, wie können wir es dann als überholt oder veraltet bezeichnen? Gibt es Gottesworte, die vor anderen Gottesworten den Vorrang haben? Anscheinend ja. Muir zufolge sind an die 200 Verse von späteren abgelöst worden. Folglich haben wir die seltsame Situation, dass der gesamte Koran als das Wort Gottes rezitiert wird, und doch finden sich darin Passagen, die als „unwahr“ angesehen werden können; mit anderen Worten, es werden 3% des Korans als Unwahrheit gebilligt. .. Jetzt sehen wir auch, wie nützlich und brauchbar die Widerrufungslehre ist, um den Wissenschaftlern aus ihren Schwierigkeiten herauszuhelfen. Selbstverständlich stellt sie für die Apologeten des Islam ein Problem dar, da all die Toleranz predigenden Suren aus der frühen, d.h. der mekkanischen Periode stammen, und all die Stellen, die das Töten, Enthaupten und Verstümmeln anordnen, aus der späteren, d. h. aus der medinensischen Periode. Das bedeutet, dass `Toleranz` zugunsten von `Intoleranz` widerrufen worden ist“ (Ibn Warraq: „Warum ich kein Muslim bin“; S. 169/170).

    • 17. Oktober 2007 um 16:10 Uhr
    • Helmut Zott
  3. 3.

    Obwohl die Stellungnahme von Troll lobenswerterweise insgesamt kritisch ist, lässt sie doch die beiden entscheidenden Punkte weg:

    1. Der Brief rückt keinen Millimeter vom reingläubigen und damit dschihadistischen Islam ab! Die Nächstenliebe nach christlichem Verständnis wird einfach mit der mohammedanischen Vorschrift, anderen **Muslimen** nichts böses zu tun, gleichgesetzt. Es gibt kein inhaltliches Entgegenkommen!

    2. Der Brief ist eine Dawa. Das “gemeinsame Wort” besteht darin, dass die Christen vom Jesusglauben ablassen, und bekennen, dass es nur einen Gott gibt – also die Schahada sprechen und damit zum Islam übertreten.

    Eine derart ultimative Dawa, noch dazu in Briefform, ist nichts anderes als die erste Stufe des islamischen Dschihad: Wer die erste Stufe ablehnt, wird als nächstes zur Unterwerfung aufgefordert. Wer auch das ablehnt, der ist ein legitimes Ziel aller denkbaren kriegerischen Akte.

    Der Hadith, der dieses besagt (Sahih Muslim 4294), gibt exakt das Vorgehen Mohammeds wieder, als er vor der Attackierung eines weiteren Stammes 2 besagte Briefe verschickte.

    Es war in der Ummah lange Zeit umstritten, ob New Yorker Büroangestellte vor ihrer Ermordung 2001 die dafür nötige korrekte Dawa erhalten hätten. Vielleicht sehen wir gerade den Versuch, den Fehler von damals zu vermeiden.

    Mehr Informationen dazu auch unter
    http://islam-deutschland.info/forum/viewtopic.php?p=35630

    Vor nur einem Monat hat Osama bin Laden höchstselbst, dem noch kein einziger Muslim den Ehrentitel “Scheich” verweigert hat, eine auffallend ähnliche Aktion gestartet, siehe hier:
    http://www.jihadwatch.org/archives/018077.php

    MfG, Birne

    • 17. Oktober 2007 um 17:02 Uhr
    • Birne
  4. 4.

    @lebowski:
    “Als Erkenntnis nehme ich aus dem Beitrag mit, dass offensichtlich “Provokationen” bei Muslimen etwas bewirken. Schönreden und Anschleimen bringen nichts.”

    Diese Passage sagt viel über sie aus: Die einzigen drei Arten des Dialogs, die Sie kennen, sind Provokation, Schönreden und Anschleimen. Traurig.

    “Sie stellen sich aber nicht dem Problem, dass an die Stelle der einladenden Haltung dieses Verses in späteren Suren eine unduldsame Haltung tritt – wie etwa in Sure 9 mit ihren Kampfaufrufen gegen Juden und Christen.”

    Das tun sie seit ca. 1400 Jahren nicht!”

    Machen Sie sich mal schlau in punkto islamische Philosophie und Exegese, bevor Sie Unsinn schreiben. Bei Ihnen ist das Problem des Mitredens ohne Faktenwissen sehr schön zu studieren.

    “Und dem theologischen Problem, dass Mohammed keine widerspruchsfreien Aussagen machen kann, stellt man sich dann lieber doch nicht.”

    Was er denn mit den Autoren der jüdischen und christlichen Bibel gemeinsam hat. Sie verstehen wirklich nichts von historisch gewachsener Religion.

  5. 5.

    @Birne:
    “Eine derart ultimative Dawa, noch dazu in Briefform, ist nichts anderes als die erste Stufe des islamischen Dschihad: Wer die erste Stufe ablehnt, wird als nächstes zur Unterwerfung aufgefordert. Wer auch das ablehnt, der ist ein legitimes Ziel aller denkbaren kriegerischen Akte.”

    Sorry, aber habt ihr sie noch alle? Die Autoren dieses Briefes stehen also mit gezücktem Schwert bereit, falls die Adressaten sich erdreisten, nicht ruckzuck zum Islam überzutreten – ja, kann man denn einen Text noch schlimmer missverstehen bzw. missverstehen wollen? Allmählich frage ich mich, wie eure Lösung des angeblich so gefährlichen Islam-Problems aussehen könnte. Wenn sie zu eurem Tonfall passt, dann wird mir Angst und Bange.

  6. 6.

    Ja, die Islamophobiker-Community nimmt immer sektenähnlichere Züge an. O Herr, schmeiß Hirn herab!

    • 17. Oktober 2007 um 17:34 Uhr
    • Joachim S.
  7. 7.

    Die Gaga-Show geht weiter. Super. JL kann Eintritt verlangen.

    • 17. Oktober 2007 um 17:38 Uhr
    • Riccardo
  8. 8.

    tatsächlich ist hier etwas faul: alles führt immer nur zur bestätigung der festgefügten meinung, “der islam” esse delendam.
    wird kritik an islamischen positionen geäußert, ist sie zu soft, nähern sich islamvertreter einer vernünftigen position, ist es verstellung.
    immer warten suren und zitate von islamkritikern nur darauf, aus dem arbeitsspeicher gepastet zu werden.
    das ist defensiv und denkfaul, irritationsresistent – vor allem: langweilig!

  9. Kommentar zum Thema

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