Unbefleckte Heirat – für 2900 $

Von 12. Juni 2008 um 09:21 Uhr

Ein halbrunder Schnitt, zehn Stiche, 2900 $ – und die Jungfräulichkeit ist wieder da.

Die New York Times berichtet über eine Prozedur zur Hymen-Rekonstruktion, die muslimischen Frauen die Möglichkeit gibt, die Erwartungen ihrer an eine “unversehrte, unbefleckte” Hochzeit zu erfüllen.

Ein Gynäkologe in Paris bietet diesen Dienst an, der vor allem von jungen Frauen nordafrikanischer Herkunft genutzt wird.

Hymen-Rekonstruktion ist kein ausschließlich muslimischer Trend. In Nordamerika wird die Dienstleistung auch von südamerikanisch-stämmigen Frauen und von konservativen Christen evangelikaler Prägung in Anspruch genommen. In Europa jedoch betrifft das Thema nahezu aussschließlich Musliminnen.

In Frankreich gab es kürzlich eine große Aufregung um den Fall eines Mannes, der eine Annulierung der Ehe ersuchte, nachdem seine Frau sich in der Hochzeitsnacht als nicht mehr jungfräulich entpuppte. Ein französisches Gericht hat die Annullierung (die beide Ehegatten freiwillig anstrebten) vollzogen, die Begründung lautete, dass es sich bei der nicht vorhandenen Jungfräulichkeit um eine Vertragsverletzung handele. Die “Lüge über ihre Unschuld” war in den Augen der Richter Grund genug für eine Auflösung der Ehe – die Lüge der Frau, wohlgemekrt, manifest geworden in der Tasache nicht vorhandener Jungfräulichkeit. (Worin hätte die Lüge des Mannes manifest werden können?) Die Tatsache, dass Vorhandensein/Nichtvorhandensein eines Hymens in Frankreich überhaupt gerichtsrelevant sein konnte, führte zu einem Aufschrei in der Öffentlichkeit. Man sah darin einen erschreckenden Rückschritt nach Jahrzehnten der Emanzipation: Der weibliche Körper war durch dieses Urteil abermals zur Verfügungsmasse des Mannes und der Familie geworden – ein krasser Verstoß gegen den Grundsatz der sexuellen Selbstbestimmung.

Ich hatte bereits im letzten Jahr auf die Fatwa des ägyptischen Großmuftis hingewiesen, der die Rekonstruktion des Hymens für erlaubt erklärt hatte. Damals war ich noch der Meinung, man könne dies auch als einen Fortschritt lesen (weil Ali Gomaa damit den Frauen auch eine Möglichkeit gibt, sich vor der patriarchalen Doppelmoral zu schützen). Heute sehe ich es anders. Hier breitet sich mit modernen chirurgischen Mitteln ein System der Verlogenheit auf Kosten der Frauen aus. Das ist einfach nur abstoßend.

Im übrigen ist dieses Praxis nicht bloss für Frauen demütigend. Was für ein Höhlenmenschen-Männerbild wird denn hier zementiert?

Und das wirft die Frage auf: Wo sind die islamischen Männer, die gegen diesen demütigenden Schwachsinn rebellieren? Wo sind die Männer, die sich ein Männerbild verbitten, das in dieser Praxis impliziert ist: ehrpusselig, engherzig, prüde?

Na ja, einer geht voran: Hier der Kommentar von Ali Eteraz:

“I have thought this for a while now but this is as good a time to say this as any: I was wrong to look at Mufti Gomaa’s hymen-reconstruction permission as a good thing. It’s not a good thing. It simply reinforces and advances religious hypocrisy. If a sister is no longer a virgin, she shouldn’t be allowed to simply buy her way out of it; nor should she be able to deceive her prospective spouse; nor should her prospective spouse care about her less if she isn’t a virgin. I ignored the ethical and classist problems. Not only that, but the fact that women continue to get virginity certificates and hymen reconstruction simply perpetuates the basic patriarchy underlying this entire issue. If men will not marry women because they are not virgins, it is the men who will lose out on some very amazing women.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ist es denn so schlimm, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Für den Mann gilt dies natürlich auch. Oder ist Jungfräulichkeit an sich schon ein Verbrechen?

    Die Welt besteht nicht nur aus Geschlechtsverkehr.

    Antworten

    • 12. Juni 2008 um 09:39 Uhr
    • emcee
  2. 2.

    @emcee

    Die Welt besteht auch nicht nur aus der Vermeidung von Geschlechtsverkehr. Wollen Sie es also bitte jedem einzelnen Menschen überlassen, jungfräulich zu bleiben oder nicht? Was geht das den Verlobten oder den Rest der Familie an?

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    • 12. Juni 2008 um 10:14 Uhr
    • Rafael
  3. 3.

    Die betroffene Frau hat in der Hochzeitsnacht dem Mann gesagt, nicht mehr Jungfrau zu sein. Sie hat nicht versucht, sich irgendwie herauszureden (für eine fehlendes Hymen kann es viele Gründe geben), sie hat nie bestritten, schon Geschlechtsverkehr mit einem anderen Mann gehabt zu haben, sie hat den Ehevertrag nach islamischen Regeln unterschrieben (samt Jungfräulichkeitsklausel), sie hat nicht versucht, sich ihr Hymen rekonstruieren zu lassen, obwohl das in Frankreich leicht möglich ist, sie hat sofort in die Auflösung der Ehe eingewilligt und wehrt sich jetzt dagegen, dass die Annulierung ihrer Ehe gegen ihren erklärten Willen wieder aufgehoben wurde.

    Da stimmt was nicht. Das ist nicht logisch. Das stiknkt.

    Haben all die empörten Menschen mal darüber nachgedacht, dass die Frau vielleicht Opfer einer Zwangsehe geworden ist? Hat sie vielleicht in der Behauptung, nicht mehr Jungfrau zu sein, die letzte verzweifelte Möglichkeit gesehen, in ihrer Hochzeit nicht von ihrem “Ehemann” vergewaltigt zu werden? War das, was sie getan hat, vielleicht der einzige Weg, lebend und unverheiratet aus der Situation zu entkommen?

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    • 12. Juni 2008 um 10:32 Uhr
    • Rafael
  4. 4.

    Geschlechtsverkehr ja! Aber nur nach vollzogenem Ehevertrag!

    Wo ist das Problem?

    Duck und wech.

    Antworten

    • 12. Juni 2008 um 10:34 Uhr
    • emcee
  5. 5.

    @ rafael

    Sie sehen schon wieder Gespenster.

    Antworten

    • 12. Juni 2008 um 10:36 Uhr
    • emcee
  6. 6.

    Das problem besteht darin, dass ‘Jungfräulichkeit’ thematisiert wird.
    Sexualität, hier vor allem weibliche Sexualität, wurde befreit dadurch, dass die sexualität von menschen (hier von frauen) privatisiert wurde und ihnen somit die alleinige verfügungsgewalt über ihre (eigene) sexualität anerkannt wurde dadurch.
    Privatisiert im sinne, dass es keine Rolle zur beurteilung eines menschen durch einen anderen menschen spielen soll ob nun jem. z. b. diese oder jene Sexualität habe, bzw. körperlich bestimmten sexuellen Vorstellungen (wie Jungfräulichkleit) entspreche.
    Die Thematisierung (ob als diskurs oder eben als ärstliche praxis bzw. als ‘Eheablehnungsgrund’, hochzeitsvorstellungen mit diversen ritualen (wie z. b. das blutige Bettlagen öffentlich vorzuweisen und ähnlichem viel mehr) ist nun insoweit ein Rückschritt als das über die damit verbundene Öffentlichkeitsmachung auch ein entzug des Verfügungsrechtes der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität getätigt wird.
    Hier: In eben der Frage nach der Jungfräulichkeit selbst drückt sich eine Bedeutungszumessung bezüglich der Tatsache der Jungfräulichkeit aus und somit ein öffentliches Interesse, welches sich in diversen sozialen und gesellschaftlichen Kontroll- und Beeinflussungsinstanzen niederschlägt – ja niederschlagen muss, an bestimmten Verhaltenskodices von frauen wie z. b. ‘sittsames leben’. Solch ein ‘sittsames leben’ ist dabei ebenfalls nichts privates mehr, sondern wird somit zum öffentlichen Gut, an dem die allgemeinheit ein Interesse hat. Die absprache zumindest der frauen, die nach den zuständigen öffentlichen beurteilungsinstanzen (wie familie, Vater, Gemeinde usw…) sich nicht regelkonform verhalten, des Verfügungsrecht über den eigenen Körper und der eigenen Sexualität ist dann nur noch eine logische und einsichtige Folge, genauso wie eine grundsätzliche Kontrolle darüber, ob eben die Frau auch das öffentliche Gut, ihre Sexualität, ausreichend achtet (das ist der Kern von: “sie trägt die familienehre”).

    Den Satz von Ali Eteraz: “If men will not marry women because they are not virgins, it is the men who will lose out on some very amazing women.” stimme ich zu, den vorhergehenden nicht umbedingt.
    Möglich, dass *man* Frauen nicht erlauben sollte sich *Jungfrauenzertifikate* oder *Hymnenhäutchenoperationen* zu unterziehen, weil sie dadurch eben diese zugrundeliegenden partriarchalen Strukturen stützen würden.
    Andererseits könnte es aber auch gut möglich sein, dass die Lösung im genau umgekehrten Weg liegt, indem man es extrem erleichtert überall genau solche Operationen und Zertifikate zu erwerben – so das die Funktion des Jungfrauenhäutchens als Zeichen für eine sittsame lebensweise hinfällig würde. Es selbst ist ja nur eben als Symbol für etwas anderes wichtig – aber: dasjenige, was es ‘eigentlich’ symbiolisieren solle, nämlich als garant für ‘Sittsamkeit’ würde somit hinfällig, da es eben als zeichen für diese Sittsamkeit nichts mehr taugen würde.
    Ich persönlich kann nicht sagen, welcher Weg der bessere wäre bzl. einer sexuellen befreiung muslimischer Frauen. Zudem sollte man immer im Auge behalten, das ein großteil dieser frauen dieses patriarchale system von sich aus stützt und zwar nicht aus dummheit, sondern oft aus Gewohnheit und weil es für sie selbst einen Wert darstellt – haben doch auch frauen interne Hierarchiestrukturen und somit aufstiegschancen in diesen System (z. B. als Mutter oder Frau des Familienoberhauptes).
    Von daher könnte es gut sein, dass eben frauen selbst für sich und vor allem für andere bestimmen, dass Frauen nur partielle verfügungsgewalt über ihre Körper und Sexualität haben sollten – sowas scheint meist über negative stereotypisierungen (z. B.: die Nutte, die Schlampe usw…) und eben anerkennung bestimmter moralvorstellungen zu erfolgen – vor allem, wenn diese wiederum über andere gesellschaftliche Basalinstanzen wie eben religion/religionsverständnisse begründet werden.

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    • 12. Juni 2008 um 10:47 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    “Und das wirft die Frage auf: Wo sind die islamischen Männer, die gegen diesen demütigenden Schwachsinn rebellieren? Wo sind die Männer, die sich ein Männerbild verbitten, das in dieser Praxis impliziert ist: ehrpusselig, engherzig, prüde?”

    Auch hier kaum: http://www.liberation.fr/actualite/societe/329839.FR.php

    Dort wird aber auf die Seite eines gwissen “salafs.com” verwiesen, der meint (Fatwa?), die Frau solle schlicht lügen, wenn sie keine Jungfrau mehr sei. Dann sind alle zufrieden, der Schein wird gewahrt und die Ehe danach glücklich.

    http://www.salafs.com/modules/news/article.php?storyid=10063

    Ich kann mir nicht verkneifen, da wieder das Gespenst der muslimischen Flunkelei zu sehen. Ihr Muslime, sagt, was Euch und dem Islam nützt und wenn die Lüge nicht bemerkt wird, dann war es Allahs Wille. Moralisch will ich das jetzt mal gar nicht bewerten, aber man sollte sich über so eine Grundeinstellung im Klaren sein. Das könnte auch erklären, warum der Westen immer so enttäuscht ist, wenn er mal wieder aus der islamischen Welt angelogen worden ist und warum andererseits in der islamischen Welt die Verschwörungstheorien so populär sind. Wenn eh alle Lügen und sich nur nicht erwischen lassen dürfen…

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    • 12. Juni 2008 um 11:04 Uhr
    • Rafael
  8. 8.

    @emcee

    Mit Ehevertrag meinen Sie dann wohl den käuflichen Erwerb der Geschlechtsteile der Frau. Ja, das ist sauber und anständig…*würg*

    Antworten

    • 12. Juni 2008 um 11:07 Uhr
    • Gelincek
  9. Kommentar zum Thema

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