Ein Blog über Religion und Politik

Amerikanisches Krisentagebuch VIII

Von 15. November 2008 um 20:49 Uhr

Spam macht ein Comeback. Nicht im Sinne des Email-Mülls – nein, der Fleischersatz, der den belästigenden Emails seinen Namen gab, ist zurück auf amerikanischen Tellern. Die Büchsen der Marke “Crazy Tasty” kosten $2.40 (bei 340 Gramm Inhalt). Spam ist eine glibberige, rosige, fleischartige Masse (“Something posing as meat”, wie es der Volksmund verhöhnt) aus Schinken, zerkochtem Schweinefleisch, Gelatine und Gewürzen. Es wurde während der Great Depression erfunden. Bei Hormel, dem Haupthersteller in Minnesota, werden seit dem Sommer Doppelschichten gefahren. Einen solchen Boom wie jetzt hat man dort seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt.

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Der Bostoner Investment-Riese Fidelity Investments – größte Fondsmanagement-Firma der Welt –  wird bis zum nächsten Frühjahr 3.000 Angestellte entlassen. Das sind 7 Prozent der Belegschaft. Die Firma hat in den letzten Wochen einen 13-prozentigen Wertverlust der von ihr verwalteten Vermögenswerte hinnehmen müssen.

Die Verkausfszahlen für Damendüfte sind in den letzten vier Wochen (verglichen mit dem Vorjahr) um 39 % gefallen. Gefrorenes Gemüse (billiger als frisches) verkaufte sich hingegen um 48 % besser.

Die reichsten Bosse in den USA (die jeweils als Gründer der Firmen große Anteile an den Aktien halten), haben bis zum 27. Oktober 2008 folgende Verluste hinnehmen müssen: Warren Buffett 16 Milliarden Dollar, Larry Ellison (Oracle) 8 Milliarden, Steven Ballmer (Microsoft) 2,5 Milliarden, Jeff Bezos (Amazon) 4,3 Milliarden, Eric Schmidt (Google) 3,4 Milliarden, Rupert Murdoch (News Corp.) 2,5 Milliarden.

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Die LA Times, bei der ich mich wegen einer Archivrecherche angemeldet habe, bietet mit per Mail “großartige Gelegenheiten” auf dem Immobilienmarkt in Nordkalifornien an. “Neue Enteignungen” werden auf einer zentralen Auktion angeboten, die man online mitverfolgen kann. Häuser mit einem Listenpreis von 120.000 Dollar werden ab 40.000 Dollar angeboten. (Ich würde mein Auge auf dieses Haus in den Oakland Hills werfen, nahe dem Sequoia Country Club,  das ursprünglich 460.000 kosten sollte und jetzt ab 160.000 zu haben wäre.) Die Krise ist eine gigantische Umverteilungsmaschine. Wer jetzt noch Geld hat, kann Schnäppchen machen.

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Jeder will jetzt ran an den Bail-out-Fund des Henry Paulson. General Motors steht ja schon seit langem Schlange. Die Städte Philadelphia, Phoenix und Atlanta wollen 50 Milliarden Dollar aus dem Fond haben. Philadelphie wird Büchereien und Schwimmbäder schliessen und 2220 städtische Angestellte entlassen, um zu sparen. Aber es reicht hinten und vorne nicht. Die Times meint heute beobachten zu können, dass die Chancen für den größten Autohersteller der Welt sinken, dass er mit Steuergeld aus Paulsons Fond am Leben erhalten werden wird. Die Republikaner wollen die Firma offenbar sterben (Bankrott gehen) lassen. Bei manchen scheint dahinter der Glaube an kapitalistische Prinzipien zu stehen. Schlechte Management-Entscheidung müssen auch vom Markt bestraft werden. Schöpferische Zerstörung ist das A und O eines freien Marktes, etc. Nebenbei hätte die Sache noch den schönen Effekt, dass dem neuen Präsidenten Obama eine nationale Katastrophe in den Schoß fiele, gegen die der 11. September ein Klacks wäre.

Überhaupt interessant in diesen Tagen: Die Selbstzerstörungskräfte unseres Systems sind heutzutage offenbar viel größer als die äußeren Gefahren. Was wir uns durch eine falsche Risikokultur, schlechtes Management und durchgeknallten Konsumismus antun können, kann niemand überbieten, der in einer afghanischen Höhle sitzt.

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Im zweiten Quartal 2008 sind die Benutzerzahlen für öffentliche Verkehrsmittel um 5,2 % angestiegen (wegen der hohen Spritpreise). Bei Straßenbahnen sogar um 12,3 Prozent. Mehrer amerikanische Städte versuchen vom autozentrierten Verkehr umzusteuern auf die Öffentlichen, die meist in den 50er und 60er Jahren aus den Innenstädten eliminiert wurden (teilweise aufgrund von Lobbyarbeit der Autoindustrie). Die Tram, eine amerikanische Erfindung, ist die billigste Möglichkeit, neue Infrastruktur aufzubauen. Allerdings gibt es keine amerikanischen Trambauer mehr. Und darum kommen nun die Europäer zum Zuge, die weltweit Marktführer sind. Siemens hat in diesem Jahr zwei Megaprojekte in USA an Land gezogen: einen $277 Mio Vertrag in Utah, und einen für $184 Mio in Denver.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    (Ich würde mein Auge auf dieses Haus in den Oakland Hills werfen, nahe dem Sequoia Country Club, das ursprünglich 460.000 kosten sollte und jetzt ab 160.000 zu haben wäre.)”

    Nettes kleines Häuschen, umwerfend preiswert. Allerdings liegt es genau auf der Verwerfung, da hilft auch kein Naturpark mit Sequoia sempervirens oder der schicke Badestausee um die Ecke. Zudem ist es ohne echten Garten und mit einer zweispurigen Straße backyards, die auf einem mehr als 10 m aufgeschütteten Damm verläuft … nee, ich weiß nicht. Einwenig Ironie?

    Ganz ehrlich? Würde ich überhaupt nicht kaufen. Dann lieber Arizona, hat mehr Natur, nur zwei große Städte, eine schöne Uni und geniale Natur. Und in einer Stunde ist man in Mexiko.

    Islam ist Verwerfung.

    • 16. November 2008 um 00:23 Uhr
    • Bergpalme
  2. 2.

    “Wer jetzt noch Geld hat, kann Schnäppchen machen.”
    Die Entwicklung des Dollar/Euro Kurses deutet darauf hin das gerade eine Menge Euros in Dollars getauscht werden um solche Schnäppchen zu machen.

    • 16. November 2008 um 00:49 Uhr
    • J.S.
  3. 3.

    Lau: “Die Selbstzerstörungskräfte unseres Systems sind heutzutage …”

    Richtig. Aber das bringts noch nicht wirklich auf den Punkt. Die Selbstzerstörung war Programm in den letzten Jahren – mit Zähnen und Klauen verteidigtes Programm! Ähnlich wie bei den Neocons und Liberal Hawks wurde von den “Neoliberalen” jedes Gespräch verweigert. Stattdessen wurden aggressivste Meinungskartelle (Zitat- Blogkartelle) gebildet, nach “außen” mit Hohn und Spott und Diffamierungen agiert.

    • 16. November 2008 um 01:02 Uhr
    • xNWO
  4. 4.

    Naja, von dem Häuschen gibt es ja nichteinmal aussagekräftige Aufnahmen.

    Und bei der typischen US-Bausubstanz ist es jetzt, nach 30 Jahren eh ein Sanierungsfall.

    Unterm Strich sind die US-Hauspreise immer noch irwitzig hoch.

    Spam finde ich auch ganz schön teuer.

    Übrigens, Herr Lau, in Deutschland brennt in Sachen GM/Opel offensichtlich auch der Baum, schade das es hier keine mutigen Investoren gibt die Opel einfach aus GM herauslösen.

    Eine offizielle GM Pleite bleibt unvorstellbar und würde die USA auch auf den Bond-Märkten schwerstens schädigen.

    • 16. November 2008 um 03:13 Uhr
    • PBUH
    • 16. November 2008 um 03:34 Uhr
    • PBUH
  5. 6.

    “Die Büchsen der Marke “Crazy Tasty” kosten $2.40 (bei 340 Gramm Inhalt). Spam ist eine glibberige, rosige, fleischartige Masse (”Something posing as meat”, wie es der Volksmund verhöhnt) aus Schinken, zerkochtem Schweinefleisch, Gelatine und Gewürzen.”
    Klingt wie Gallert (haben Bauern früher hierzulande beim Schweineschlachten eingeweckt) oder Schwartenmagen.

    “Die Tram, eine amerikanische Erfindung, ist die billigste Möglichkeit, neue Infrastruktur aufzubauen.”
    Wenn es wirklich nur um den Preis geht, ist es sicher billiger, Busspuren abuzutrennen und ein paar Busse zu kaufen.

    • 16. November 2008 um 14:18 Uhr
    • AM
  6. 7.

    “wie es der Volksmund verhöhnt”

    John Cleese

  7. 8.

    xNWO

    Nix Meinungskartell. Wenn man Kredite an Mittellose vergibt und diese Kredite dann als saugut bewertet so dass sie gehandelt werden wie Obligationen, dann entsteht ganz rational eine Blase.

    Die ist jetzt geplatzt.

    Am Anfang stehen die Demokraten.

  8. Kommentar zum Thema

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