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„Sie gehören immer noch nicht dazu“

 

Ein interessantes Interview findet sicht im Magazin meiner kleinen alten taz an diesem Wochenende. Befragt wird vom Kollegen Martin Reichert die Journalistin und Autorin Güner Balci – über Neukölln, Türken in Deutschland, ihren Aufstieg und die Gründe für scheiternde Vermischung und Integration:

 

Sie sind ja jetzt auch nicht mehr Sozialarbeiterin im Neuköllner Mädchentreff, sondern ZDF-Journalistin und Buchautorin – wie geht Ihr Umfeld damit um? Mit Stolz?

Ja, sehr. Blöd fanden sie allerdings meist meine islamkritischen Beiträge, meine Kritik an der Migrationsgesellschaft. Da haben sie mich immer wieder angesprochen, dass ich sie schlechtmachen würde. Trotzdem war es zwischen denen und mir immer ein vernünftiges Gespräch. Denn ich bin immer noch eine von uns. Das ist ja jetzt nicht so, dass ich sage: „Jetzt habe ich den Absprung geschafft, bin weg von euch und will mit euch nichts mehr zu tun haben.“ (…)

Güner Yasemin Balci  Foto: Fischer Verlag

Sogenannte Abiturtürken finden, dass Frauen wie Necla Kelek oder Seyran Ates „alles kaputtmachen“.

Was machen die denn kaputt? Die machen auf Dinge aufmerksam, auf die man eben zeigen muss. Den sogenannten Abiturtürken geht es offenbar nur darum, dass niemand nestbeschmutzt. Die schicke Fassade soll aufrechterhalten werden. Ich nenne die auch Hollywoodtürken.

(…) 

Geht es insgeheim womöglich darum, dass es bestimmte Dinge gibt, die bitte in der Familie bleiben sollen – über die man „draußen“ in der Mehrheitsgesellschaft nichts erfahren soll?

Ein Image soll aufrechterhalten werden. Wir sind die ordentlichen, fleißigen Gastarbeitertürken. Da gibt es vielleicht mal einen Ehrenmord oder eine Zwangsehe, aber eigentlich sind wir doch vernünftige Menschen, durch die Bank. Und jetzt kommen da zwei Hexen und machen alles kaputt. In der Türkei ist das mittlerweile ein viel größeres Thema als hier, auch Prominente äußern sich, das Thema wird in Vormittagstalkshows behandelt.

Warum ist das so ein Problem für „Abiturtürken“?

Die, die es geschafft haben, haben meist ein Identitätsproblem. Es kommt eben immer darauf an, aus welchem Milieu sie kommen, was sie für Eltern hatten, als sie herkamen oder hier geboren wurden. Manche erfolgreiche türkischstämmige Geschäftsleute verleugnen diese Wurzeln dann – das ist auch verlogen.

Und woher die krasse Abneigung gegen Seyran Ates und Necla Kelek?

Die Probleme, über die beide sprechen, sind für viele Probleme einer „bäuerlichen“ Gesellschaft. Sie brüsten sich und sagen: „Wir, die gebildeten Kemalisten aus Istanbul, bei uns gibt’s das nicht!“

Könnte doch sein, oder?

Das ist aber eine Lüge, alle von Kelek und Ates benannten Probleme findet man in allen Gesellschaftsschichten der Türkei. Es stimmt eben auch nicht, dass die Frauenrechte seit Atatürk immer hochgehalten wurden. Wenn man da mal dran kratzt, sieht man schnell, dass es da noch Nachholbedürfnisse gibt, sowohl was die Frauen- als auch was die Menschenrechte angeht. Letztlich ist die Türkei eine männerbestimmte Gesellschaft, in der Frauen auch mal Führungsaufgaben übernehmen dürfen.

Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gefühl, dass es gar keine Möglichkeiten gibt, der Traum von erfolgreicher Einwanderung könne wahr werden. Wie kann man den Menschen helfen?

Bei den Älteren geht es jetzt, glaube ich, nur noch darum, dass sie einigermaßen gut versorgt sind im Alter. Aber ansonsten ist diese Generation eher der Meinung, dass sie nun ihre Pflicht getan hat. Zum Teil leben sie auch schon halb in der Türkei – die sieht man ja auch kaum im öffentlichen Leben Deutschlands. Häufig sind sie auch krank, weil sie immer viel gearbeitet haben und wenig Geld hatten. Es ist wichtig, dass man die Menschen erreicht, die hier in Deutschland zur Welt gekommen sind.

 

Und wie geht das?

Ebendiese Menschen gehören noch immer nicht zur deutschen Gesellschaft. Sie betrachten sich auch selbst nicht so. Man muss deutlicher machen, dass all diese Aishes und Tareks – und wie sie alle heißen – Teil dieser deutschen Gesellschaft sind. Was sollen sie denn auch sonst sein: Sie sind hier geboren und aufgewachsen! Statt immer nur ihre besonderen kulturellen Eigenheiten zu betonen, sollte man sie genauso in die Verantwortung nehmen wie alle anderen auch.

 

War das bei Ihnen auch so?

Nicht von Seiten meiner Eltern. In der Schule wurde mir klargemacht, dass ich Türkin bin, von deutscher Seite. Aber auch von der türkischen Community wurde Druck ausgeübt – da wird dann sehr genau hingeschaut, wie türkisch man denn nun eigentlich ist. Da wurde ich immer diskriminiert, weil meine Türkischkenntnisse schlecht sind. Als Kind habe ich dann auch einen türkischen Pass bekommen – das fand ich dann schon seltsam, weil ich ja zu diesem Zeitpunkt noch nie in der Türkei gewesen war.

(…)

Hätte Ihr Buch auch „Türkboy“ statt „Arabboy“ heißen können?

Klar, unbedingt. Es heißt bloß „Arabboy“, weil ich in meiner Zeit als Sozialarbeiterin im Neuköllner MaDonna-Mädchentreff eben viel mit arabischen Jugendlichen gearbeitet habe, aber bei den türkischen Jungs passiert genau das Gleiche. In jeder Randgruppe differenziert sich das eben aus, die einen tragen Kopftuch, die anderen nicht. Bei der arabischen Community der Unterschicht gibt es eigentlich gar keine emanzipierten Frauen, bei den Türken gibt es dann schon mal welche, die noch arbeiten dürfen. Da gibt es so kleine Differenzen, aber sonst – die Restriktionen sind die gleichen.

Wenn wir von den jungen Menschen ausgehen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben: Geht es nicht auch darum, dass diese riskieren müssten, auf sich gestellt zu sein, wenn sie ihr eigenes Leben leben wollen – zur Not ohne die Familie?

Das ist tatsächlich das größte Problem. Sie haben wahnsinnige Angst, alleine zu sein. Sie haben auch nicht gelernt, ein eigenes Leben zu haben, eines zu entwickeln. Das deutsche Modell, das ist ihnen zu fremd.

„Die haben alle keine Familie“, heißt es.

Keine Bindung, alle sind Einzelgänger. Die einsamen Deutschen, die keine Kinder bekommen – ja, so lauten die Klischees.

Klingt jedenfalls nicht attraktiv.

Freiheit ist immer gefährlich. Man könnte falsche Entscheidungen treffen, zum Beispiel vorehelichen Geschlechtsverkehr haben …

 riskant!

Besonders für die Mädchen, weil das dann nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die gelten dann als dreckig. Die Jungs dürften das schon eher, sollten aber auch eine ernsthafte Beziehung eingehen wollen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Rashid, der Protagonist, erst nach seiner Abschiebung in die Türkei merkt, welche Freiheiten er in Deutschland hatte.

Ja, die Idee der Freiheit in Deutschland wird ja auch immer nur auf Sexualität reduziert und nicht zum Beispiel auf individuelle Bewegungsspielräume, auf ein Leben unabhängig von Familie und Verwandten, mit Privatheit. Es fehlen eigentlich die Ideen, wie man Freiheit umsetzen könnte: Kunst, Musik, seinen Geist trainieren und einsetzen.

Diese Option der Freiheit gibt es also gar nicht?

Bei meinem Protagonisten, Rashid, vermissen viele Leute eine tiefere Ebene, eine Selbstreflexion. Und genau so ist es, diese Ebene fehlt völlig. Diese Jungs haben auch ein ganz merkwürdiges Körpergefühl.

Inwiefern?

Wenn man mit Gewalt aufwächst, verändert sich die Schmerzgrenze. Man tut sich dann mal gegenseitig weh und findet das witzig – weil Schmerz nicht relevant ist. Wenn da jemand eine blutende Nase hat, wird er nicht ernst genommen. Einmal hat mir jemand aus Versehen einen Eimer auf die Nase gehauen, und ich habe unglaublich stark geblutet. Alle haben gelacht, aber niemand kam auf die Idee, mir ein Taschentuch zu geben. Es gibt kein Mitgefühl. Bei den Mädchen ist das genauso: Die geben sich in einem Keller hin. Ihnen ist es völlig egal, wer sie anfasst. Es ist eine andere Körperlichkeit.

Und Zärtlichkeit?

Zärtlichkeit ist „schwul“. Man kann nicht einfach jemanden in den Arm nehmen, nur bestimmte Menschen.

Im Straßenbild sieht man immer Jungs Arm in Arm gehen oder aneinandergekuschelt in der U-Bahn.

Das ist abgefahren, ja. Das wird dann unter Freundschaft verhandelt, „Kumpels“. Aber natürlich ist das eine Form von Erotik, die sie niemals zugeben würden. Sie haben ja auch das Problem, dass sie mit Mädchen nicht befreundet sein dürfen. Es gibt ja nur Schlampen oder die, die zu Hause sind und nicht auf die Straße dürfen.

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41 Kommentare

  1.   word

    Wieder einmal muss eine Frau ran, um die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls werden die Lügen schonungslos aufgedeckt. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Sie sich hier hauptsächlich auf die Extremfälle bezieht („kein Mitgefühl“,“Selbstreflexion…fehlt völlig“, etc.).

    Am unverständlichsten fand ich schon immer das Verhalten gewisser „Abiturtürken“, die wider besseren Wissens bei jeder Debatte immer nur den „Diskriminierungsjoker“ ziehen, um sich vor unangenehmen Fragen zu drücken. Man übt auch lieber falsche Solidarisierung, um nicht als Nestbeschmutzer dazustehen. Das zeigt immerhin, dass bestimmte Verhaltensmuster oder -zwänge der Stammesgesellschaft bildungsunabhängig sind.

    Jedenfalls ist so langsam der erste Schritt, das Erkennen und Ansprechen der Probleme getan… jetzt wo sogar die taz es merkt!

    Respekt, Frau Balci!

  2.   Mattes

    „Eben diese Menschen gehören noch immer nicht zur deutschen Gesellschaft. Sie betrachten sich auch selbst nicht so. “

    Wie bitte sehr soll man jemand deutlich machen das er etwas ist was er nicht sein will?
    Natürlich ist der Grund für die Haltung das „alle Ayshes und Tareks“ trotz ihrer offensichtlich gegenteiligen Meinung teil der deutschen Gesellschaft sind klar, sie sind nun mal physisch auf diesem Territorium vorhanden und natürlich kann man ihre Existenz nicht einfach negieren.

    Aber „deutlich zu machen“ das sie eigentlich Deutsche sind ist doch der reine Unfug.

    Und außerdem frage ich mich warum wir sie anbetteln sollten sich auf uns einzulassen, erstens weil wir das Modell dadurch nur unattraktiv machen und zweitens weil Stolz sozio-ökonomischen Wert hat.

  3.   Miriam

    Wow, so ehrlich! Ich bin echt platt, wie wenig sich Frau Balci ein Blatt vor den Mund nimmt.

    Der Sozial- und Kulturanthropologe Werner Schiffauer bringt das Dilemma jünger traditionell erzogener Deutschtürken im Umgang mit Deutschen auf den Punkt, indem er darauf hinweist, dass das Wort „deutsch“ bzw. „verdeutschen“ bei ihnen zu Hause negativ besetzt sei und türkische Eltern dazu tendierten „sehr schnell (…) unliebsame Aktivitäten ihrer Kinder als „verdeutschen“ zu interpretieren. In dieser Komplexitätsreduktion drückt sich die verbreitete Angst einer ersten Generation aus, die Kinder an eine ihnen fremde Umwelt zu verlieren.“ (www.buergerimstaat.de/4_01/fallstudie4.htm – 71k)

    Die zweite Generation, so Schiffauer in einem anderen Aufsatz, sei mit dieser kulturellen Sorge großgeworden. „Zu Hause wurde das unvermeidliche Einlassen auf die deutsche Gesellschaft seitens der Heranwachsenden mit einem gewissen Misstrauen beobachtet. Dies drückte sich in dem oft erhobenen Vorwurf des almanlaÕmak, des „Verdeutschens“, aus. Das Verhalten der Kinder wurde daraufhin abgetastet, ob und wie weit sie sich auf die deutsche Gesellschaft
    eingelassen hatten. Das Problem war nicht selten, dass jedes pubertäre Aufbegehren als Verdeutschung
    interpretiert wurde. ‚Wenn ich mal nicht abwasche, heißt es: ‚Ja wir müssen sauber sein und nicht dreckig sein‘
    und dann kommt ‚deutsch‘: du bist schon ganz deutsch‘ bei jeder Kleinigkeit: ‚du bist verdeutscht‘, das hör ich
    mir immer an, das kommt öfter vor, da gibt’s zig viele Beispiele‘.“

    Insofern überrascht es nicht, wenn Schiffauer bei den türkischen Jungs feststellt:
    „Es wird eine lange Reihe von kulturellen Gegensätzen konstruiert: Die Deutschen sind zimperlich, geizig, sie
    sind feig und unsolidarisch (‚Wenn die Deutschen sehen, da wird einer zusammengeschlagen, rennen sie alle
    weg.‘), sind nicht hilfsbereit, petzen, schleimen – alles im genauen Gegenteil zu ihnen, den Ausländern.“
    (www.lptw.de/archiv/vortrag/2002/schiffauer.pdf)

    Allerdings ist diese Herabsetzung der Mehrheit durch eine ethnische Minderheit nichts typisch (Deutch)Türkisches, sondern ein universales Phänomen, das Sozialpsychologen und Soziologen immer wieder beobachten – natürlich auch in umgekehrter Richtung. Dieses Phänomen wird damit erklärt, dass jeder Mensch bemüht ist um ein positives Selbstbild. Wer für seine Identität auf das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe besonders angewiesen ist, wird dazu tendieren, die Eigengruppe positiv-undifferenziert wahrzunehmen und die Fremdgruppe abzuwerten bzw. sich von ihr abzugrenzen. Dabei werden Vergleichsdimensionen herangezogen, auf den aus Sicht der Gruppenmitglieder die Eigengruppe eindeutig überlegen ist. Im Falle der türkischen Minderheit in Deutschland sind das Sittsamkeit, Ehre, Mut, Sauberkeit, Gastfreundlichkeit, intakte Familien, Stolz, Großzügigkeit, Religiosität usw.

  4.   xNWO

    @ Miriam universales Phänomen, das Sozialpsychologen und Soziologen immer wieder beobachten – natürlich auch in umgekehrter Richtung

    Das nicht zu sehen bzw. sich durch perspektivische Verengung an der Entstehung des Phänomens zu beteiligen, ist das Handicap dieses Blogs.

    Über Integrationsunfähigkeit, – unwilligkeit (der ‚heimischen‘ und der ‚fremden‘ Seite) nur zu sprechen bezogen auf muslimische Herkunft, erzeugt – fahrlässig oder mutwillig – ein völlig schiefes Bild.

    Das Bild ändert sich sofort, wenn zum Vergleich die Integrationsschwierigkeiten herangezogen werden, die, bezogen auf ihre Gruppenstärke kaum weniger stark, auch Aus- und Übersiedler haben bzw. machen. Aber natürlich ist innerfamiliäre Gewalt, insbesondere Gewalt gegen Frauen, in Aus- und Übersiedlerfamilien kein Thema. Und die hohe Kriminalitätsrate und Gewaltbereitschaft unter Aussiedlerjugendlichen sogar der zweiten Generation ist natürlich auch kein erklärungsbedürftiges Phänomen.

    Jede halbwegs seriöse Aufbereitung des Themas könnte das vorgefasste/ gewünschte Bild verwischen. Lieber bleibt man bei seinen Fixierungen. Weil man dann auf der ‚eigenen‘ Seite nichts infrage stellen muss?

  5.   Miriam

    @xNWO
    „Über Integrationsunfähigkeit, – unwilligkeit (der ‘heimischen’ und der ‘fremden’ Seite) nur zu sprechen bezogen auf muslimische Herkunft, erzeugt – fahrlässig oder mutwillig – ein völlig schiefes Bild.“

    Sie haben völlig recht. Die entscheidende Variable ist eben nicht die Religion oder die Ethnie, sondern die Größe der Kolonie. Hier ein Link zur einer kurzen aber sehr aufschlussreichen Studie über die Integrationsbilanz spanischer und italienischer Migranten in Südwestdeutschland: Christine Bierbach/ Gabriele Birken-Silverman (Mannheim): Italienische und spanische Migranten in Südwestdeutschland: „Vicini, ma diferentes“

    http://www.ids-mannheim.de/prag/sprachvariation/fgvaria/Vicinidiferentes.pdf
    Sie bestätigt die These, die ich immer wieder vertrete und für die ich täglich neue Belege finde: Die ethnische Kolonie ist eine Sackgasse. Das gilt für die Aussiedler-Kolonie in Berlin-Marzahn genauso wie für Kreuzberg oder Wedding.

  6.   Zagreus

    Sorry, Miriam, aber das ist logischer Unsinn:
    „Die entscheidende Variable ist eben nicht die Religion oder die Ethnie, sondern die Größe der Kolonie.“

    Wenn sie sagen, dass Nur die Größe – also ein quantitatives verhältnis -ausschlaggebend sei, dann ergibt sich zuerst einmal die frage: woran soll man erknnen, dass da ÜBERHAUPT eine Kolonie ist.

    Größe IST ein entscheidender Faktor, aber nicht nur, auch die Elemente, die überhaupt die wie auch immer begründete ‚Andersheit‘ ausmachen, sind genauso wichtig.

    Sonst haben sie den fall: in einer bevölkerung von norddeutschen, gibt es eine süddeutsche Kolonie – genau zu bestimmen anhand der geburtsorte. Dummerweise gibt es aber soinst keine weiteren Unterscheidungsmerkmale – und die kolonie der Süddeutschen ist groß, nur kann niemand außer an deben den Gebortsnachweisen unterscheiden, wer denn da dazu gehört.

    Man braucht also rein logisch gesehen mehr elemente als eine rein quantitative zuordnung.

    Nun kann man sagen, dass man keine gleichbleibenden Krierien außer eine gewissen quantitaives verhältnis hat, wenn probleme mit einer ‚Kolonie‘ auftreten.
    Frage dann wäre -woran messen sich die gleichartigkeit – denn es können auch strukturen sein, zudem müssen sie nicht widerholbar sein, sondern können allein jeweils individuel sein, und dabei nur bestimmte mechanismen von indoor/outdoorzuschreibungen steuern – quasi ein historisch.-hermeneutischer Fragestellung, anstatt eine rein soziologische.

  7.   Miriam

    @Zagreus
    Klar, wenn man sich kurz fasst, läuft man Gefahr, dass das, was man schreibt verkürzt klingt. Natürlich spielen andere Faktoren eine integrationshinderliche bzw. -förderliche Rolle. Aber die Vergleichsstudie Italiener/Spanier ist deswegen so interessant, weil die beiden Gruppen sich kulturell, sprachlich und religiös ähnelten („vicini“) aber in ihrem Integrationsverhalten und
    -ergebnisse erheblich unterscheiden („differentes“). Diese qualitativen Unterschiede werden in der Studie auch auf quantitative Merkmale zurückgeführt. Die Autorinnen stellen fest: “ (…) die statistischen – demographischen – Unterschiede zwischen den beiden romanischen Immigrantengruppen, die sich zunächst zwar nur als quantitative Größen darstellen, (ziehen) auch qualitative Unterschiede – und vor allem auch Konsequenzen für die sprachliche Situation – nach sich (…).

    Hatten Sie sie bereits gelesen bevor Sie mir logischen Unsinn vorwarfen?

  8.   Miriam

    @Zagreus
    p.s. In meiner MA-Arbeit habe ich mich intensiv mit der desintegrativen Wirkung der ethnischen Kolonie auseinandergesetzt und die verschiedenen Paradigmen erläutert. Auf S. 50 zitiere ich Heitmeyer mit den Worten:
    „ (Die zurückgehende Bildungsbeteiligung türkeistämmiger Migranten) wird durch die Illusion hinreichender Arbeit, Position und Anerkennung in der ‚eigenethnischen Ökonomie’ segregierter Stadtteile noch verstärkt und bringt das Problem mit sich, z. T. in neue Abhängigkeiten etwa von religiösen oder politischen Organisationen zu geraten.“ Der Autor spricht von der „paradoxen Tragik der türkischen Community“. Der aufgrund ihrer Größe mögliche Ausbau einer eigenen, rundum versorgenden Infrastruktur stärke möglicherweise die Binnenintegration, aber schwäche oder erschwere die gesellschaftliche Integration ihrer Mitglieder.“
    http://www.wannseeforum.de/download/MG_Magister_19Apr07_1.pdf

    Übrigens, ich sammle Biografien erfolgreicher Migranten und suche nach Gemeinsamkeiten bzw. begünstigende Faktoren. Einer ist das Aufwachsen mit und unter Deutschen. Hier ein Zitat von Gül Keskinler, der Integrationsbeauftragten des DFB:
    „Ich zum Beispiel hatte Glück. Mein Vater kam als Gastarbeiter aus Istanbul zufällig nach Bergisch Gladbach, eine gutbürgerliche Gegend. Wir hatten kaum türkische Familien in unserer Nähe, und deshalb mussten
    wir Kinder Deutsch lernen und in den Sportverein gehen, weil wir ja nicht alleine spielen wollten. So hatten wir schnell deutsche Freunde und den Zugang zu Bildung und Freizeitmöglichkeiten.“
    Oder Cem (we can) Özdemir, aufgewachsen unter Deutschen im schwäbischen Bad Urach:
    „Ich möchte betonen, dass Integration nicht nur in der Schule stattfindet, sondern auch im Wohnzimmer der deutschen Mittelschicht. Einige der Eltern meiner deutschen Freunde haben nicht nur ihre Kinder nach den Hausaufgaben gefragt, sondern auch mich. Und dann haben wir sie gemeinsam gemacht. “
    Oder Ayhan Gecay, ein türkischer Schneidermeister:
    „(…) meine deutschen Nachbarn – ich liebe meine deutschen Nachbarn. Ich wohne in einem Haus, in dem nur Deutsche leben. Deswegen gibt es keinen Druck auf meine Frau oder meine Tochter, ein Kopftuch zu tragen.“

  9.   iceman

    @ Miriam

    Um einen Vergleich zwischen spanischen und italienischen Einwanderern ziehen, sollten Sie zuerst die Unterschiede untersuchen!
    Ein nicht unerheblicher Teil der Spanier floh damals vor dem Franco-Regime, und das war mehr als nur ´ne Handvoll, das waren 650.000 (mehr oder weniger politische) Flüchtlinge, und ein großer Teil davon exilierte nach Deutschland.
    Diese Leute, häufig Intellektuelle, haben in den Siebzigern, ganz gezielt und mit großem Erfolg, die Integration ihrer – damals auch „abgehängten“ – Kinder in die Gesellschaft und in´s deutsche Schulsystem organisiert, und davon haben eben auch die einfachen Arbeitsmigranten profitiert.
    Froh, dem spanischen Faschismus entkommen zu sein, gab es da von vornherein eine viel mehr Sympathie gegenüber unseren freiheitlichen Werten.

    Bei den italienischen Einwanderern hingegen handelte es sich wohl zu 100% um Süditaliener, sehr ungebildet und mit einer ganz anderen Mentalität ausgestattet (anderes Frauenbild, Prägung durch autoritäre Familienclans und Bevormundung von dörflichen Patrones – auch eine Form von „Stammesgesellschaft“!).
    Klar, daß die schlechtere Resultate erzielen, auch jetzt noch, in dritter oder vierter Generation.

    Ein Vergleich dieser beiden Einwanderergruppen lohnt sich aber allemal, denn zeigt, wie wichtig eine passende (assimilierungsfähige) Mentalität bei Einwanderern ist, und daß es innerhalb jeder Community einer gewissen Masse an Intelligenz bedarf (die den Rest positiv beieinflusst und mitzieht).

    Hier ein kleines kurzes, aber repräsentatives Interview, das ich gerade ergoogelt habe:
    http://workpage.de/spanisch/sevillazeitung/inmigracion.htm

    Sohn:
    „Gibt es Anekdoten?“
    Vater:
    „- Zeitungen gab es auf der Straße, du nahmst eine und legtest das Geld in ein Gefäß, und niemand klaute es; alle Arbeiter konnten sich ein Auto leisten, und es war außerdem das erste Mal, dass ich eine Demonstration miterlebt habe, die von der Polizei begleitet wurde. Die Demonstranten wurden nicht von den Polizisten geschlagen, wie es unter der Herrschaft von Franco der Fall war.“

    Sohn: „Das, was du am meisten mochtest…“
    Antwort Vater:
    „- Die Meinungsfreiheit, die Demokratie und die deutsche Mentalität…“

  10.   N. Neumann

    @ Miriam

    Um einen Vergleich zwischen spanischen und italienischen Einwanderern ziehen, sollten Sie zuerst die Unterschiede untersuchen!
    Ein nicht unerheblicher Teil der Spanier floh damals vor dem Franco-Regime, und das war mehr als nur ´ne Handvoll, das waren 650.000 (mehr oder weniger politische) Flüchtlinge, und ein großer Teil davon exilierte nach Deutschland.
    Diese Leute, häufig Intellektuelle,

    @ Iceman

    Das war mal wieder aus der Rubrik „Weil ich glaube, dass es so sein müsste, wie ich vermute, behaupte ich einfach mal, dass es so ist.“ Dagegen kann schon ein bisschen weiter googeln helfen.

    Viele spanische Migranten in Deutschland waren zwar gegen Franco und wussten die Demokratie in Deutschland zu schätzen, sie waren in ihrer überwiegenden Mehrheit jedoch keine Intellektuellen und/oder Flüchtlinge:

    Was heute niemanden mehr überrascht, ist »in Wirklichkeit eine enorme Leistung«, sagt Dietrich Thränhardt, Sozialwissenschaftler der Universität Münster. Denn die Männer und Frauen aus Andalusien, Galicien oder Kastilien waren nicht reicher oder gebildeter als ihre Kollegen aus der Türkei oder Italien. Im Gegenteil, der Anteil der ungelernten Arbeitskräfte war unter den Spaniern sogar höher. Thränhardt schreibt dem Aufstieg der Spanier ihrer »Selbsthilfekraft« zu.

    »Wir sagten uns: Wenn wir in diesem Land bleiben wollen, müssen unsere Kinder Deutsch lernen«, erinnert sich Manuel Romano-García, langjähriger Vorsitzender der spanischen Elternvereinigungen. Mit Hilfe von Studenten und der katholischen Kirche organisierten die Einwanderer Hausaufgabenhilfen und Deutschkurse. Für die Eltern boten sie Wochenendkurse an, in denen das hiesige Schulsystem erklärt wurde. Bei den deutschen Behörden drängten sie darauf, die Nationalklassen für Spanier – eine Art Sonderschulklassen – abzuschaffen und ihre Kinder in den normalen Unterricht zu integrieren. Und nachmittags schickten die Eltern ihren Nachwuchs in den Spanischkurs. Als politische Klammer galt vielen Eltern die gemeinsame Opposition gegen das Franco-Regime.

    http://www.zeit.de/2006/28/B-Ausl-nder-Kasten