Ein Blog über Religion und Politik

Sebastian Haffner über Afghanistan

Von 17. August 2009 um 13:02 Uhr

Als ich diese Stelle in einem alten Buch las – fast dreißig Jahre alt! – hat es mir fast die Schuhe ausgezogen. Wie bitte? Damals hat der Mann das schon gesehen? Ist ja Wahnsinn.

Der Mann ist Sebastian Haffner, und das Buch heißt “Überlegungen eines Wechselwählers”. Es erschien 1980 zur Wahl – als Empfehlung für Helmut Schmidt und gegen Franz-Josef Strauss. Haffner hätte aus innepolitischen Gründen nichts gegen die Union an der Regierung gehabt, aber die Aussenpolitik hat für ihn den Ausschlag gegeben, noch einmal der SPD den Sieg zu wünschen.

Und am Ende kommt er auf einen Konflikt zu sprechen, der damals noch vor allem die USA betraf. Heute ist er auch unserer. Die Rede ist von Afghanistan. Die Russen hatten das Land besetzt, und Amerika nahm auf seiten der Mudschaheddin Partei, die es in der Folge massiv unterstützte, zum großen Teil über den Umweg des pakistanischen Geheimdienstes, der den islamistischen Widerstand mit amerikanischen Dollars förderte.

Sebastian Haffner Foto: Teuto

Haffner sieht hier schon den neuen Weltkonflikt heraufziehen, der den Kalten Krieg ablösen wird. Den Konflikt mit einem “militanten islamischen Glaubensfanatismus”. Sein Rat, dies an einen Konflikt zu begreifen, der die Blockkonfrontation transzendiert, liest sich wie ein Omen:

“Ob die Amerikaner in ihrem eigenen Interesse richtig gehandelt haben, als sie den russischen Einmarsch in Afghanistan, ein mit Amerika nicht verbündetes Land, mit wirtschaftlichen und sportlichen Sanktionen beantwortet haben, ist nicht unsere Sache zu entscheiden; wir sind nicht gefragt worden. Denkbar gewesen wäre auch eine ganz andere amerikanische Reaktion, bis hin zu einem russisch-amerikanischen Zusammenwirken. Denn schließlich haben es die Russen in Afghanistan mit demselben Gegner zu tun wie die Amerikaner im benachbarten Persien, nämlich einem wiedererwachten, ebenso antiwestlichen wie antiöstlichen, militanten islamischen Glaubensfanatismus; und ein gemeinsamer Gegner, sollte man meinen, legt eher Allianz nahe als Konflikt. Wie auch immer, dieser Konflikt ist nicht unser Konflikt. Afghanistan ist nicht unser Verbündeter, un wir sind kein Weltpolizist. Wir sind in Afghanistan nicht einmal ideologisch engagiert. In dem ideologischen Konflikt zwischen dem Kommunismus und der westlichen Demokratie sind wir Partei; aber zwischen Kommunismus und Islam sind wir neutral. Wenn Amerika glaubt, in diesem Konflikt Partei nehmen zu sollen, ist es seine Sache, nicht unsere. Unser klares Interesse – ein wirkliches Lebensinteresse – ist, zu verhindern, daß die mittelöstlichen Wirren auf Europa übergreifen; und es trifft sich gut, daß sich dieses Interesse mit dem ganz Europas deckt – ganz Europas: unserer westeuropäischer Partner sowohl wie der osteuropäischen Verbündeten Rußlands.

Aus: Sebastian Haffner, Überlegungen eines Wechselwählers, Kindler Verlag, München 1980 (2000, Neuauflage), S. 139

Leser-Kommentare
  1. 1.

    JL @ Sind sie sich sicher, dass sie das gut finden, was da haffner schreibt?

    Sie sollten das genau lesen – zum Beispiel: …wiedererwachten….

    Naja – Haffner ist wirklich goil, habe den sehr gerne gelesen, auch seine Hitlerbiographie.

    Davon abgesehen, schauen sie doch auch mal bei den Memoarien von W. Cjurchill hinein, auch der schreibt über Afganistan – extrem spannend, da vor allem dabei die Mullahs erst einmal als relativ belächelte mitglieder ihrer gemeinschaften vorgestellt werden.

    Religionen sind nunmal selbst ergebnisse langer selektionsprozesse und sie haben vielfältige funktionen für ihre gemeinschaften – u. a. sind es auch Waffen – halt geistige waffen, die entgrenzen und enthemmen, ja, unter bestimmten lesarten sogar zu einem völligen missachtung des eigenen lebens (ich rede damit nicht einfach nur von irgendwelchen suizidbombern, sondern von Kriegern und Kämpfern) und eines wahnsinnigen durchhaltevermögens – und zwar über generationen – führen können.
    Das steckt als konzepte quasi innerhalb von religionen, welche unter bestimmten lesarten immer wieder aktiviert werden kann – und diese konzepte sind dasjenige, was religionen so gefährlich machen können. Diese Konzepte treten meist auf unter bestimmten Umweltbedingungen, meist dann, wenn es Menschen sehr schlecht geht oder sie sich ungerecht behandelt fühlen (ob zu recht oder nicht ist unerheblich dabei).
    Religionen erfüllen Funktionen – und zwar vielfältige – innerhalb von Gesellschaften – und zwar auch in abhängigkeit von Situationen. Z. B. wenn Gesellschaften sich als angegriffen sehen oder wenn es zur Durchsetzung von Interessen geht wie Resorucenverteilung oder eben auch Machtverteilung.
    Sie geben aber auch etwas ihren Anhängern im einzelnen – sei es kraft, bestätigung, moral, oder sei es trost und heilsversprechung.

    • 17. August 2009 um 13:55 Uhr
    • Zagreus
  2. 2.

    @Jörg Lau

    Sehr interessanter Artikel und brandaktuell, wie der heutige Bombenanschlag in Dagestan zeigt.

    Truck Bomb in Russia’s Caucasus Kills 19

    http://www.voanews.com/english/2009-08-17-voa7.cfm

    Den Gotteskriegern ist es völlig egal, welche Sorte von “Ungläubigen” im Weg stehen.
    Rückblickend ist es sehr bedauerlich, daß die USA im kalten
    Krieg gegen die Sowjetunion gerade diese Islamfaschisten
    unterstützt hat.
    Nichtsdestotrotz nehme ich an, das auch ohne die US-Unterstützung der Islamisten in den 1980er Jahren, heute nahezu das selbe Bedrohungspotential existieren würde.

    Es ist immer nur eine Frage der Zeit. In den islamischen Ländern führt Bevölkerungswachstum ab einem gewissen Punkt stets zur Radikalisierung. Die Zunahme des gewalttätigen islamischen Fundamentalismus ist unmittelbar verknüpft mit der demographischen Entwicklung.
    Hauptgrund: Die fast vollständig fehlende Selbstbestimmung der Frauen dort – deren Auftrag a priori die Rolle als Gebärmaschine ist.
    Durch das Druckventil der Migration aus diesen Ländern schwemmt es die islamistische Seuche mit nach Europa und in die angelsächsische Welt.

    • 17. August 2009 um 14:07 Uhr
    • tati
  3. 3.

    @ tati

    In den islamischen Ländern führt Bevölkerungswachstum ab einem gewissen Punkt stets zur Radikalisierung.

    Das ist nicht nur in islamischen Ländern so, sondern fast überall kommt es zu radikalisierungen, wenn ein überschuss an jungen Männern da ist, die quasi keine Möglichkeit haben sozial aufzusteigen oder – schlimmer noch – ein auskommen/sich zu ernähren haben. Oft in verbindung mit ökologischen Fehlentwicklungen und einem bevölkerungsüberschuß kann es leicht zu verteilungskämpfen kommen, die sehr leicht auch über religionen/Ideologien struktuiert werden – auslöser ist sehr oft eine Feindschaft (ob vermeintlich oder wirklich ist egal dabei) zwischen zwei oder mehr gruppen, die alle von den selben grundlagen leben.

    Lese gerade von J. Diamond “Collaps. How societies choose to fail or succeed” und dort findet man diese Sichtweise unter anderem auch auf die Ursachen des Völkermords in Rhuanda angewendet, wo eben nicht nur Hudus Tudsis umgebracht haben, sondern eben auch untereinander und es eine katastrophale knappheit an Landwirtschaftlicher Fläche gab/gibt.
    Sowieos eins ehr empfehlenswertes Buch für zwischendurch einmal -liest sich super zudem.

    • 17. August 2009 um 14:19 Uhr
    • Zagreus
  4. 4.

    @Zagreus

    Religion + Bildung führt zu Aufklärung

    Religion – Bildung führt zu Extremismus

    Zagreus, die Hauptkomponente aller Gottglaubenslehren ist WISSEN. Die Religion legitimiert sich durch erlernte Rituale oder in Anlehnung an Formalismen, die bis zur völligen, unhinterfragten Akzeptanz von sogenannten “Heiligen Schriften” geht.
    Das Spektrum der Akzeptanz reicht von Unterwerfung wie beim Islam bis hin zur zeitgenössischen Interpretation beim Christentum nach der Aufklärung.

    Deshalb können solche Religionen, eben weil sie auf Wissen basieren, auch immer von Menschen
    dazu benutzt werden, um andere zu unterdrücken.

    Im Gegensatz zur Ebene des Wissens liegt die spirituelle Eigenschaft des menschlichen Geistes jedoch im Bereich der ERKENNTNIS – diese ist allerdings als Prozess individuell, wenn auch durchaus im Rahmen einer Gruppe erfahrbar.

    Die reifen und grossen Seelen aus allen Religionen, haben sich immer als “Erkennende” begriffen und ihre Religion nur als Weg interpretiert.
    Deshalb wurden und werden viele der Erkenntnis zuneigenden Menschen von den “Kleingeistern” der religiösen Wissensgemeinde geächtet – im Falle des Islam verfolgt und vernichtet.
    Der neueste clou der islamischen Verbandskleingeister in Deutschland ist der Vorschlag, einen islamischen Sektenbeautragten zu etablieren, der dann z.B. den Sufismus diskreditieren kann.

    http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/der-verlorene-sohn/

    • 17. August 2009 um 14:43 Uhr
    • tati
  5. 5.

    @ tatui

    danke erst einmal für den hochspannenden TAZ-Bericht über diesen Sufi-orden in Berlin.

    Zuerst einmal aber:

    Religion + Bildung führt zu Aufklärung

    Religion – Bildung führt zu Extremismus

    das ist gefährlicher Unsinn – es gibt nichts dümmeres als seinen gegner zu unterschätzen.
    Gerade die radikalen Strömungen und Gruppierungen sind sehr oft mit hochintelligenten und sehr gut ausgebildeten Menschen vertreten – und nicht mit ein paar wirrköpfen.

    Nimm die Kath. Kirche – die Hexenverfolgungen und Inquisition betrieben die extrem gut gebildeten und ausgebildeten Dominikaner. Die entsprechenden Streitschriften und Anleitungen kamen auch nicht aus den niederungen der geistig verwirrten, sondern waren sehr gut gebildete Kirchenleute.
    Auch Osame & Co. sind nicht die Dummheit in person, sondern hochgebildet – die nazis genauso. Bei den nazis war die Creme là creme beteiligt und teilweise sogar triebfeder auch noch. Auch Hitler, Goebbels & Co
    waren alles, nur keine ungebildeten Idioten.
    Auch Mussolini und die ganzen Faschisten und fasdchistoiden Strömungen wurden von hochgebildeten Menschen gegründet, organisiert udn durchgeführt – die drecksarbeit machen vielleicht die Leute für das grobe, die wirklich ‘ungebildet’ sind, aber nicht die eigentlich organisatorisch-ideologische arbeit.

    Deshalb können solche Religionen, eben weil sie auf Wissen basieren, auch immer von Menschen
    dazu benutzt werden, um andere zu unterdrücken.

    Selbstverständlich halten sie ihre Aussagen als Wissen und ab einem bestimmten Punkt unterscheiden sie sich damit nicht einmal allzustark von fast allen Weltsichten – denn die letztendlichen Bestimmungen der conditio humana sind nunmal nur sehr schwer wissenschaftlich einholbar – sofern das überhaupt möglich ist und irgendetwas bringt.

    Die ablehnung erfolgt auf grund von setzung – die begründungen werden in den tiefenstrukturen obsolet idR. – und aufgrund von einsicht in die (groben) Mechanismen von unserer eigenen Welt als auch der Religion Islam.

    Im Gegensatz zur Ebene des Wissens liegt die spirituelle Eigenschaft des menschlichen Geistes jedoch im Bereich der ERKENNTNIS – diese ist allerdings als Prozess individuell, wenn auch durchaus im Rahmen einer Gruppe erfahrbar.

    das problem ist, dass wohl spiritualität selbst erzeugnis kultureller kommunikationsprozesse ist – denn dazu gehören eben ganz bestimmte auffassungen über den menschen und über die wirkweisen eben von innerlichkeit, die als spiritualität gedeutet wird.
    Es kann dabei gut möglich sein, daß die behauptung und die erfahrung von Spiritualität selbst nur ein kulturelles Erzeugnis ist über die erfahrung von ritualisierten handlungen und gemeinschaftserlebnissen (denn spirituelle Erelebnisse sind gemeinschaftserlebnisse – halt nicht umbedingt mit menschen, sondern mit ‘Kraft’, ‘Natur’, Göttlichem’ etc….).

    Die reifen und grossen Seelen aus allen Religionen, haben sich immer als “Erkennende” begriffen und ihre Religion nur als Weg interpretiert.
    Deshalb wurden und werden viele der Erkenntnis zuneigenden Menschen von den “Kleingeistern” der religiösen Wissensgemeinde geächtet – im Falle des Islam verfolgt und vernichtet.

    Die bestimmungen davon, was eine “reife und große Seele” denn sein soll im gegensatz zu einer anderen setz bereits ein bestimmtes gesetztes menschsein zugrunde, daß über einen ‘naturgemäßen’ rahmen hinausgeht udn metaphysische Komponenten benötigt, die selbst letztenendes nicht evolutionär erklärbar sind.
    Dieses ‘geächtet’ oder ‘verfolgt’ ist meist ein exklusionsmechanismus, der eben für die aufrechterhaltung der konformität innerhalb von Gruppen/gesellschaften sorgt – verfolgt wird der, der die (bisherigen) mechanismen und strukturen der gesellschaft in ihren ideellen kernen angreift.

    • 17. August 2009 um 15:29 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    @ zageus

    Zu Deiner Info: Luther und Calvin befürworteten Hexenverfolgungen

    s.a WP: ”In Regionen, in denen die katholische Kirche die Oberhand hatte, wie in Italien und Spanien, wirkte sich die Hexenverfolgung weniger stark aus. Anders sah die Situation in den evangelischen Regionen Deutschlands, Skandinaviens und der Schweiz aus.”

    Wenn damals Protestanten intelligenter und sehr besser ausgebildeten gebildet waren als Katholiken, dürfte Deine These stimmen.

    • 17. August 2009 um 17:02 Uhr
    • Excel
  7. 7.

    @ tati

    “Die Zunahme des gewalttätigen islamischen Fundamentalismus ist unmittelbar verknüpft mit der demographischen Entwicklung.”

    Das ist eine Behauptung, die erst einmal zu belegen wäre.
    Gegenbeispiel: der Wahhabismus im Nedschd im 18. und frühen 20. Jahrhundert. Die Gegend war damals bestimmt nicht übervölkert.

    • 17. August 2009 um 17:22 Uhr
    • Joachim S.
  8. 8.

    @ JL

    Nicht nur Haffner, auch Scholl-Latour äußerte sich in den 80er-Jahren dahingehend. Er war damals ja wochenlang mit Angehörigen der Hekmatjar-Miliz in den afghanischen Bergen unterwegs und berichtete schon damals, dass neben Russland auch Amerika verflucht wurde (und dass den Milizionären der Dschihad einen Heidenspaß zu machen schien).

    • 17. August 2009 um 17:27 Uhr
    • Joachim S.
  9. Kommentar zum Thema

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