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Was die DDR für Marwas Tod kann

 

Fragt sich die Vorsitzende der säschsischen Landtagsfraktion der Grünen, Antje Hermenau, in einem bedenkenswerten Stück (ebenfalls in der heutigen taz).

Die DDR-Tradition der Abschottung von Einwanderern hat ein unheilvolles Erbe hinterlassen, meint sie. Und man muss die Grünen wirklich dafür leiben, dass sie solche Fragen stellen, denen sich alle anderen gerne verweigern wollen: Hat die Fremdenfeindlichkeit im Osten etwas mit dem sozialistischen Staat zu tun?

Als 1989 die Mauer fiel, lebten etwa 192.000 Ausländer in der damaligen DDR. Viele von ihnen waren Arbeitsmigranten, in der DDR ‚Vertragsarbeiter‘ genannt. Sie waren über staatliche Abkommen ins Land gekommen. Das SED-Regime achtete streng darauf, dass sie nach der vereinbarten Zeit wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten. Während sie in der DDR lebten, wohnten sie abgeschottet in Heimen, über die Einzelheiten der Abkommen mit ihren Herkunftsländern war bei der Bevölkerung wenig bekannt.

Ein Miteinander zwischen einheimischer und eingewanderter Bevölkerung, das über demonstrative Gastfreundschaft hinausging, war nicht vorgesehen. Bestehende Ressentiments und fremdenfeindliche Übergriffe, die es sehr wohl gab, wurden tabuisiert und geheim gehalten. Im Gegensatz zur Bundesrepublik gab es keine Normalisierungsprozesse zwischen Eingeborenen und Eingewanderten.

Dieses Erbe der Vergangenheit ist auch heute noch in Ostdeutschland gegenwärtig. Auch 20 Jahre nach der Wende gibt es ausreichend Anzeichen, dass die Vorstellung, Migrantinnen und Migranten seien nicht Teil dieser Gesellschaft, sondern eine Gruppe von ‚Besuchern‘ auch weiterhin verbreitet ist.(…)

Was in Sachsen und Ostdeutschland fehlt, ist eine aktive Auseinandersetzung mit dem DDR-Erbe sowie eine realistische Analyse zur Situation der Einwanderer in Ostdeutschland.

Die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991, der Tod von Jorge Gomondai in Dresden 1991 oder aber auch die Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen 1993 hätten Anlass sein müssen, eine eigene ostdeutsche Debatte zu Zuwanderung, Fremdenfeindlichkeit und den Umgang mit Migrantinnen und Migranten in breite gesellschaftliche Schichten zu tragen.

(…)

Auch die politisch Verantwortlichen tragen zu einem Zerrbild bei, wenn sie in Veranstaltungen über den Islam hauptsächlich über die Gefahr von Terrorismus reden, statt über in Ostdeutschland tatsächlich bestehende Herausforderungen und Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund zu diskutieren.

Der Mord an Marwa el-Sherbini hat auch etwas anderes deutlich gezeigt: Dass diese Frau hervorragend gebildet war, Deutsch sprach und das deutsche Rechtssystem nicht nur anerkannte, sondern sich ihm sogar anvertraute, hat sie nicht vor der schrecklichen Gewalttat bewahrt. Auch wenn sie schon bald nach Ägypten zurückkehren wollte, entsprach sie fast dem konservativen Wunschbild der „Integration“. Das hat sie nicht geschützt. Wir müssen uns also die Frage stellen, ob wir in Sachsen den Menschen, die von vielen als „Fremde“ wahrgenommen werden, den Respekt entgegenbringen, auf den jeder, wirklich jeder Mensch Anspruch haben muss – unabhängig von Herkunft oder Religionszugehörigkeit.

61 Kommentare

  1.   riccardo

    Dieses Zonenbashing geht einem langsam auf den Zeiger. Was kann denn Erich dafür, wenn ein eingewanderter Russe eine Muslima umbringt. Man müsste also eher sagen: Russland ist schuld am Tode Marwas. Da wurde der Kerl schließlich sozialisiert.

  2.   Joachim S.

    Jooo klar, Riccardo, genuine Deutsche können gar nichts Böses tun. Ohne Ausländer hätten wir das Paradies!

  3.   riccardo

    Na ja, das Paradies hätten wir ohne ihr Geschwafel.

  4.   Marco

    Wenn die Frau von ihrem Ehemann umgebracht worden wäre, hätte es nur eine kurze Randnotiz in der Tagespresse gegeben. Die Tatsache, dass diesmal ein nicht-moslemischer Täter der Mörder war, scheint eine so große Ausnahme zu sein, dass es immer und immer wieder für eine Thematisierung – mit möglichst abstrusen Erklärungstheorien – herhalten muss.


  5. @ riccardo: Lesen Sie mal den Text. Lesen Sie die Statistiken über rechtsradikal motivierte Morde in Deutschland nach der Wiedervereinigung. Es sind etwa 140 Fälle nach der Zählung der Opferverbände. Die Regierung spricht von 40, weil sie nur die ganz eindeutig und unmittelbar politisch motivierten Taten zählt. Nach Opfern gerechnet ist der Rechtsextremismus gefährlicher als Islamismus und Linksterrorismus.

  6.   Jeanne

    @Jörg Lau:
    Marco bezieht sich wohl darauf, dass die größte Bedrohung für muslimische Frauen in Deutschland nicht verrückte Russen sind, sondern die eigenen Ehemänner/Brüder/Familien.

  7.   emcee

    Vielen Dank für den Hinweis auf den Artikel von Antje Hermenau!

    Bin auch schon einmal in Leipzig von einem Jugendlichen mit „nationaler“ Gesinnung bewusst angerempelt worden. Es ging sicher um meine Frau, die ein Kopftuch trägt.

    Gibt es derzeit nicht auch im Freistaat Thüringen ein Angebot zur „Heimreise“, das einem CDU-Mitglied angolanischer Herkunft unterbreitet worden ist?

  8.   Legrand

    Nicht schon wieder
    Laßt der bedauernserten Toten endlich ihre Ruhe!
    @riccardo: Bemerkenswert ist doch, daß plötzlich die DDR, also die gute, anti-faschistische und sozialistisch linke Tante DDR plötzlich schuld an allem Übel sein soll. Da scheinen jemandem aber die Argumente ausgegangen zu sein. Oder ist jetzt Schizophrenie angesagt?

  9.   emcee

    @ legrand

    Gut, faschistisch geht absolut nicht mehr. Nie wieder! Was soll allerdings an „sozialistisch-links“ gut sein. Die DDR hatte nur das „national“ aus dem Programm gestrichen. Selbst die Uniformen der NVA wurden noch nach Wehrmacht-Schnitten angefertigt. Vielleicht waren es ja auch Restbestände. Aus HJ wurde FDJ usw.

    Fakt ist, dass die neuen Fünf erheblichen Nachholbedarf haben. Sie sind noch nicht richtig in der Wirklichkeit angekommen. Das beweist unter anderem die hohe Zustimmung zur Linken.

    Vielleicht ist das auch ein Grund für die wirtschaftlichen Probleme im Osten?