Sarrazin und Hitler? Der Zentralrat der Juden macht sich lächerlich

Von 9. Oktober 2009 um 14:36 Uhr

Langsam reicht’s: Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hat Sarrazin wegen seines viel diskutierten Interviews in eine Reihe mit Goebbels, Göring und Hitler gestellt:

“Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist”, sagte Kramer am Freitag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Er stehe in geistiger Reihe mit den Herren.

Müssen sich jetzt alle anstecken lassen von den maßlosen Übertreibungen des Ex-Finanzsenators?

Kramers Vorwürfe sind einfach lachhaft. Sie machen kleine Münze aus dem Nazi-Vorwurf, sehr bedenklich für den Zentralrat, der sich auf echte Antisemiten konzentrieren sollte.

Sarrazins Äußerungen über die Eroberung Deutschlands per Geburtenrate sind verwerflich, weil sie einem demographischen Faktum eine politische Intention unterschieben.

Aber nirgendwo gibt es einen Fitzel von NS-Gedankengut bei Sarrazin.

Seine Einmauerungs- und Abschiebe-Phantasien finde ich übertrieben und falsch, aber sie haben nichts mit rassistischen Vernichtungswünschen zu tun, die die NS-Politik kennzeichneten.

Im übrigen spricht Sarrazin nicht über irgendeine “Rasse”, sondern über bestimmte Gruppen, die bei der Integration versagen – die deutschstämmige Unterschicht übrigens inklusive.

Hat Stephan Kramer nicht die Passage gelesen, in der Sarrazin sich “Ostjuden” statt der Türken und Araber wünscht? (Auch das ist töricht und verletzend, aber was hätten wohl die Herren  Hitler, Göring und Goebbels  über diesen vermeintlich Geistesverwandten gedacht!)

Herr Kramer ist leider schon öfter durch leichtfertige, vollkommen unnötige Interventionen aufgefallen, die dem Antifaschismus einen schlechten Namen geben.

Man kann Thilo Sarrazins Analyse und seine Schlussfolgerungen ablehnen oder teils kritisieren, teils bedenklich finden, ohne dabei in die NS-Kiste zu greifen. Sarrazin sollte es zu Bedenken geben, dass die NPD ihn höhnisch ans Herz drückt.  Mit seinen Äußerungen hat er sich diesem Missbrauch seines Interviews selber ausgesetzt. Aber er argumentiert eben nicht nazistisch.

Wenn jemand sagt: Sie sollen Abitur machen und studieren, und dann hat sich das Problem erledigt – dann ist das alles andere als Rassismus.

Aber: Wenn Sarrazin sich seine “stammtischnahen” Ausflüge in die Eugenik (“Unterschichtgeburten”) genehmigt und von der Eroberung per Geburtenrate fantasiert, dann legt er eben das Mißverständnis (glaube ich immer noch!) seiner Intention nahe.

Es muss aber langsame Schluss sein mit dem verantwortungslosen Gerede – auch der Gegner Sarrazins!

Es sei denn, Kramers Hitler-Goebbels-Göring-Maximalvergleich war eine satrirische Überspitzung ins Absurde, und ich habe es wieder einmal nicht gemerkt… Aber ich fürchte, es war bitter ernst gemeint.

Kategorien: Debatte
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Ein Hoch auf Sarrazin.
    So populistisch, dumm unf falsch die Formulierungen seines Kommentars gewesen sein mögen, aber dashat noch keiner geschafft, dass sich der ZdJ schützend vor Türken, Araber und Moslems stellt.
    Das sollte sich der Herr Kramer mal überlegen!

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:06 Uhr
    • isualK
  2. 10.

    @HEM

    Genau. Sarrazin fordert die Endlösung der Moslem-Frage. Wahrscheinlich hat er auch schon eine zweite Wannsee-Konferenz geplant. Gut, dass Sie und Kramer aufgepaßt und ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Wehret den Anfängen.

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:10 Uhr
    • riccardo
  3. 11.

    Auf “Welt Online” habe ich gelesen, dass Herr Kramer pauschal sagt die dt. Gesellschaft würde sogar türkischstämmige Akademiker oft nicht akzeptieren. Warum verallgemeinert Herr Kramer über die dt. Gesellschaft während er gleichzeitig Verallgemeinerungen gegen andere Gruppen ablehnt ? Wenn genau meint er mit der dt, Gesellschaft ? Ich gehöre auch zu dieser Gesellschaft und ich akzeptiere jeden Menschen egal woher er stammt oder ob er Akademiker ist oder nicht.

    Bei dem schrecklichen Mord an einer Ägypterin in Dresden hatte Stephan Kramer schon einmal pauschal geurteilt die dt. Gesellschaft tue nicht genug gegen Islamophobie. Für mich klang es so als wenn wegen dem Mord der ganzen Gesellschaft pauschal ein Vorwurf gemacht wurde. Wieso kann man ein ganzes Land für die Taten oder Äußerungen eines einzelnen verantwortlich machen ?

    Ägyptische Politiker und auch Freunde von mir aus Ägypten waren in ihren Urteilen übrigens viel zurückhaltender als Herr Kramer. Sie wissen, dass die dt. Gesellschaft insgesamt nicht für die Verbrechen eines Einzelnen verantwortlich ist so wie die ägyptische Gesellschaft nicht für die Angriffe einzelner Terroristen auf Touristen verantwortlich ist.

    Pauschale Anschuldigungen gegen eine ganze Gesellschaft sind meiner Meinung nach nicht hilfreich, da sie nur zu einer Trennung der Menschen in verschiedene Gruppen führt.

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:11 Uhr
    • alex099
  4. 12.

    Lieber HEM

    Wer Antisemitismus mit Islamophobie gleichzusetzen vermag erkennt auch nicht den Unterschied zwischen einer gruppenbezogenen Kritik und einer eliminatorischen Absicht. Insofern kann ich Zeitgenossen verstehen, die Sarrazin in einen Topf werfen mit Göbbels oder Hitler.

    Ich kann auch Zeitgenossen verstehen, die fest daran glauben, dass heilige Bücher von Gott stammen, Karl Marx doch Recht hat und der Klimawandel Menschenwerk ist.

    „Ihr findet was ihr sucht“ sagte einst Ernst Jünger in seinen Marmorklippen; 150 Jahre nach Kant mit seinem vergeblichen Aufruf zum „sapere aude“.

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:16 Uhr
    • Krähling
  5. 13.

    Dieser Hitler-Vergleich ist natürlich so fragwürdig wie jeder andere in den letzten Jahren. Trotzdem hat Sarrazin recht genau die Meinung getroffen, mit der die gemäßigte Rechte auf angeblich so gefährliche Weise unter anderem im Internet auf die Jagd nach “verführbaren” Anhängern geht. Über die Junge Freiheit aufschreien und zu Sarrazins Meinung klatschen finde ich etwas fragwürdig…

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:18 Uhr
    • Tarantoga
  6. 14.

    Der Zentralrat der Juden ist beim Thema Sarrazin nun wirklich weder gefragt, noch betroffen. Umso bedauerlicher, dass der offenbar unfähige oder wahlweise skrupellose Funktionär Kramer Sarrazin mit Goebbels in eine Reihe stellt- fahrlässig und absurd, umso absurder als Sarrazin ja die “Ostjuden” als hochwillkomene Einwanderergruppe erwähnt hat, was Goebbels sicher ganz anders gesehen hätte.
    Aber wahrscheinlich muss der Zentralrat einmal mehr die oberste moralische Instanz spielen,um nicht als herzlich überflüssig zu gelten und um von “Lichtgestalten” in den eigenen Reihen wie dem selbsternannten Grossinquisitor Michel Friedman abzulenken.

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:21 Uhr
    • Wolf Diedrich
  7. 15.

    Ich setze bei dem Thema ganz auf Bildung. Die Eltern müssen dafür sorgen, dass die Kinder zur Schule gehen und dass zu Hause eine ganz andere Haltung zur Bildung existiert. Solch eine miserable Bildungseinstellung, wie in Nordneukölln kann ich mir z.B. bei vielen anderen Migrantengruppen gar nicht vorstellen. Die Lehrer sollten diese Klassen mit Strenge unterrichten dürfen, und man sollte durch eine veränderte Siedlungspolitik durch individuellere Integrationsförderung mit Fördern und Fordern die Integrationspolitik reformieren. Ich überlege noch, ob nicht vielleicht Einschulungstest notwendig sind.

    Antworten

    • 9. Oktober 2009 um 18:29 Uhr
    • Vorchläge
  8. 16.

    “Kramers Vorwürfe sind einfach lachhaft. Sie machen kleine Münze aus dem Nazi-Vorwurf, sehr bedenklich für den Zentralrat, der sich auf echte Antisemiten konzentrieren sollte.”

    Weshalb soll es die Aufgabe des Zentralrats der Juden sein, sich auf Antisemiten zu konzentrieren? Und dann noch auf “echte”? Ich bin der Meinung, der ZdJ würde sogar seine Glaubwürdigkeit verlieren, wenn er zu zu rassistisch oder auch nur rassistoid klingenden Äußerungen – gegen WELCHE Bevölkerungsgruppe sie auch sein mögen – schweigen würde. Als öffentliche Körperschaft hat der Zdj das Recht zu ALLEN gesellschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen, wie z.B. auch Kirchen, Parteien und Gewerkschaften, das genauso wie bei Letzteren nicht in Frage gestellt werden darf – auch wenn man selbstverständlich eine andere Meinung vertreten darf.

    Antworten

  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)