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Eine 600-Seiten Fatwa gegen Al-Kaida

Von 2. März 2010 um 10:34 Uhr

Ein pakistanischer Gelehrter, der Sufi-Imam Dr Tahir-ul-Qadri veröffentlicht heute in London eine 600 Seiten starke theologische Herausforderung der Ideologie Osama Bin Ladens.

Ul-Qadri ist keineswegs der erste Gelehrte, der sich gegen Al-Kaida stellt. Doch er erhebt den Anspruch, dies gründlicher zu tun als alle seine Vorgänger: eine Punkt-für-Punkt-Widerlegung des Bin Ladenschen Anspruchs, im Namen des Islams zu handeln.

Tahir-ul-Qadri Foto: Wikimedia

Ul-Qadri ist der Gründer der Sufi-Organisation Minhaj-al-Quran, die in England mittlerweile zehn Moscheen betreibt. Zahlenmässig spielt seine Gruppierung noch keine große Rolle unter den britischen Muslimen. Doch die Behörden sehen in ihm einen Hoffnungsträger, weil er vor allem jüngere Muslime anspricht. Die BBC schreibt:

The scholar’s movement is growing in the UK and has attracted the interest of policymakers and security chiefs.

In his religious ruling, Dr Qadri says that Islam forbids the massacre of innocent citizens and suicide bombings.

Although many scholars have made similar rulings in the past, Dr Qadri’s followers argue that the massive document being launched in London goes much further.
They say it sets out point-by-point theological arguments against the rhetoric used by al-Qaeda inspired recruiters. The fatwa also challenges the religious motivations of would-be suicide bombers who are inspired by promises of an afterlife.

The populist scholar developed his document last year as a response to the increase in bombings across Pakistan by militants.

The basic text has been extended to 600 pages to cover global issues, in an attempt to get its theological arguments taken up by Muslims in western nations. It will be promoted in the UK by Dr Qadri’s organisation, Minhaj ul-Quran International.

Shahid Mursaleen, spokesman for Minhaj-ul-Quran in the UK, said the fatwa was hard-hitting.

“This fatwa injects doubt into the minds of potential suicide bombers,” he said. “Extremist groups based in Britain recruit the youth by brainwashing them that they will ‘with certainty’ be rewarded in the next life.

“Dr Qadri’s fatwa has removed this key intellectual factor from their minds.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Fatwa hat einen grundsätzlich Fehler: Es ist eine Fatwa. Es wird aus dem Islam heraus arbumentiert, nich allegemein philosophisch, rechtlich oder menschlich.

    Damit wird weiterhin der Islam als über dem Recht stehend betrachtet.

    Wertlos.

  2. 2.

    @ Freespeech

    Nein, da muss ich dir widersprechen – absolut nicht wertlos sondern im gegenteil eine sehr wichtige sache und auch ein großer erster Schritt.

    Der Islam muss selbstverständlich von außen wiedersprochen werden. Aber er muss sich vor allem auch intern reformieren, wenn er denn modern werden will bzw. ‘modernen-humanistisch-toleranten’ Lwebensweisen kompatibel werden soll.
    Externe Kommunikationskreisläufe sind einfach eine sache und damit mag der einfluss bzw. die verbreitung des islams schranken gesetzt werden bzw. dieser zurückgeträgt werden.
    Das ändert aber noch nichts am islam, wie er momentan ist – eine rückständige, rückwärts gewandte und intolerante Religion.
    Will man das ändern, geht es nunmal nur innerhalb des kommunikationskreislaufs, den ‘er’ darstellt – also intern – exakter: innerhalb eines theologisch-islamischen Diskurses. Also etwas, was nur (gläubige, besser noch: strenggläubige!) Muslime leisten können, die auch eine theologische ausbildung und die damit entsprechende autorität haben – solche leute, wie dieser Sufi-Iman Tahir ul Quadri darstellt. Hier auf dieser Ebene und in diesen Kreisen von Islamgelehrten müssen die entsprechenden ‘neu-auslegungen’, bzl. hier (noch) theologischen widersprüche gegenüber hier: al Quida, erfolgen.
    Das das (nur) ein Anfang ist, sollte aber auch klar sein – aber immerhin halt – jeder Weg fängt nunmal mit dem ersten Schritt an. Und Zeit dafür wurde es ja schon lange.
    Das damit aber die internen, noch akzeptierten Praktiken (wie die gesellschaftlichen ansprüche der (diversen) Sharias u. a. ) nicht angegriffen wurden, sollte aber auh jedem klar sein – es ist halt ein erster – aber wichtiger – schritt.
    Ich bewerte es sehr positiv.

    • 2. März 2010 um 11:01 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    Das Problem ist, dass die meisten Wahhabiten Sufis (und Schiiten) als “Ungläubige” betrachten. Die Fatwa dürfte also nur bei denen Resonanz finden, die al-Qaida sowieso schon ablehnend gegenüberstehen.

  4. 4.

    “Die Fatwa dürfte also nur bei denen Resonanz finden, die al-Qaida sowieso schon ablehnend gegenüberstehen.”

    In diskursen ‘argumentiert’ man – vorzugsweise mit argumenten, deren basis von der gegenseite auch anerkannt wird – und solch eine fatwa ist ein #argument’ auf die jemand gegenüber jemanden anderen verweisen kann und innerhalb derer eine argumentation wiederum aufgezeigt wird, warum denn ‘al quaida’ &Co. nach islamischne verständnis unrecht hätten.
    ES gibt nicht die, die sowieso grundsätzlich al quida ablehnen (und dann das nicht belegen können, sondern nur erfühlen würden) und diejenigen, die al quida zustimmen würden (und das ebenfalls nicht versuchen zu rechtfertigen mit entsprechenden argumenten wie textverweisen im koran etc…).

    • 2. März 2010 um 12:43 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    meinte: es gibt nicht die alleine (!), die…

    • 2. März 2010 um 12:51 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    Das Problem ist, dass die meisten Wahhabiten Sufis (und Schiiten) als “Ungläubige” betrachten.

    @ HJS

    Das ist richtig.

    Die Fatwa dürfte also nur bei denen Resonanz finden, die al-Qaida sowieso schon ablehnend gegenüberstehen.

    Gleichwohl kann es nicht schaden, wenn diejenigen eine theologisch elaborierte Argumentationshilfe haben.

    Dass die extremen Sunniten auf der Gegenseite durchgehend theologisch ungebildet sind, ist ein Mythos. Zumal im mehr oder weniger Al-Kaida nahen wahhabitischen bzw. salafistischen Spektrum eben auch Schriften (sei es virtuell oder auf dem Papier) von diversen (toten, lebenden, gefangenen, in Freiheit befindlichen) zumindest formal qualifizierten Religionsgelehrten zirkulieren, die einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt sind und auch aufgrund eines Nimbus der Qualifikation von geneigten Ingenieuren geschätzt werden.

    Darüber hinaus sollte diese Fatwa, so denke ich, in einem betont pakistanischen (respektive britisch-pakistanischen) Kontext bewertet werden. Das engt einerseits ihren potenziellen Nutzen ein. Andererseits sind radikale oder potenziell radikale sunnnitische Pakistani bzw. sunnitische pakistanischstämmige Briten weder geborene Wahhabiten oder Salafisten, noch ist der sunnitische Sufismus in Pakistan eine kleine Größe oder ist, relativ gesehen, “liberal”.

    Die Frage ist, wie groß die sunnitische Untergruppe in Pakistan ist, die der Autor der Fatwa vertritt und/oder welchen Gelehrten-Nimbus er im Allgemeinen hat.

    M. Riexinger dürfte dies am besten beantworten können und mich gegebenenfalls korrigieren.

    • 2. März 2010 um 16:47 Uhr
    • N. Neumann
  7. 7.

    Die beiden Hauptgruppen des sunnitischen Islam in Pakistan sind die Deobandi (aus deren Madrasen die Taliban hervorgegangen sind) und die Barelvi. Beide sind stockkonservativ und betrachten die jeweils andere Seite als kuffar.

    Hier eine Übersicht:

    http://www.globalsecurity.org/military/intro/islam-barelvi.htm

  8. 8.

    Beim Thema Pakistani – ein sehr guter Kommentar von Ishtiaq Ahmed in der (pakistanischen zeitung) daily times:

    http://www.dailytimes.com.pk/default.asp?page=201032\story_2-3-2010_pg3_2

    Gefunden hab ich es bei achgut. com – wo Broder einen sehr bissigen, aber auch nachdenkenswerten kommentar darum herum geschrieben hat.

    • 2. März 2010 um 20:57 Uhr
    • Zagreus
  9. Kommentar zum Thema

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