Ein Blog über Religion und Politik

Warum eine Moschee am Ground Zero legitim ist

Von 16. August 2010 um 18:18 Uhr

Obamas Iftar-Rede finde ich wieder einmal bemerkenswert. Ich bewundere diesen Mann für seine Fähigkeit to cut through the bullshit, wie es so schön heißt. Klasse Mann, ein Präsident für Erwachsene.

Ist er unterdessen zurückgerudert, weil er ja später nachgeschoben hat, seine Bemerkungen haben nicht der Frage gegolten, ob es “weise” sei, eine Moschee am Ground Zero zu errichten (nur ob es legitim sei)? Sehe ich nicht so. Er nimmt ja die Frage der Gefühle der New Yorker schon auf, wenn er von “heiligen Boden” spricht, wo einmal die Türme waren.

Und dann gegen Ende seine Erinnerung daran, gegen wen “wir kämpfen” (Muslime einbegriffen) – gegen die vor allem Muslime mordende Al-Kaida.

D a s  ist die moral clarity, von der sein Vorgänger und seine verrottete Partei immer nur reden.

(Unglücklich über Obamas Position ist auch der Religionskritiker Sam Harris, was allerdings nicht sehr überrascht. Aber in dessen Stück sind immerhin nicht nur fiese Unterstellungen drin.)

Hier der Text der Präsidentenrede:

“Hier im Weißen Haus ist die Einladung zum Fastenbrechen eine Tradition, die mehrere Jahre zurückreicht, ebenso wie unsere Feiern zu Weihnachten, zum Seder und zum Lichterfest. Mit diesen Veranstaltungen würdigen wir die Rolle, die der Glaube im Leben der Amerikaner spielt. Sie führen uns vor Augen, dass wir alle Kinder Gottes sind und dass unser Glaube uns Kraft und Sinnhaftigkeit gibt.

Diese Veranstaltungen sind auch eine Bestätigung dessen, wer wir Amerikaner sind. Unsere Gründerväter wussten, dass der Glaube am ehesten dann seinen Platz im Leben unserer Bürger haben würde, wenn die Freiheit der Religionsausübung geschützt wird. Im Gesetz von Virginia zur Religionsfreiheit (Virginia Act of Establishing Religious Freedom), schrieb Thomas Jefferson, dass „alle Menschen ihre religiösen Meinungen frei bekunden und durch Argumente behaupten sollen können“. Mit dem ersten Verfassungszusatz wurde Religionsfreiheit als Gesetz im ganzen Land verankert. Dieses Recht wurde seitdem gewahrt.

Innerhalb unserer Grenzen konnte Religion sich im Verlauf unserer Geschichte genau deshalb entfalten, weil die Amerikaner das Recht hatten, ihren Glauben so zu praktizieren, wie sie es wollten – und dazu zählt auch die Möglichkeit, keinem Glauben anzugehören. Es ist ein Zeugnis der Weisheit unserer Gründerväter, dass Amerika zutiefst religiös ist – eine Nation, in der Menschen unterschiedlichen Glaubens friedlich und in gegenseitigem Respekt miteinander leben ist ein scharfer Kontrast zu den religiösen Konflikten, die andernorts auf der Welt andauern.

Das heißt nicht, dass Religion frei von Kontroversen ist. Seit einiger Zeit erhält der Bau von Moscheen in einigen Gemeinden – insbesondere in New York – verstärkte Aufmerksamkeit. Wir müssen alle die Befindlichkeiten erkennen und respektieren, die mit der Entwicklung von Lower Manhattan einhergehen. Die Anschläge vom 11. September waren für unser Land zutiefst traumatisch. Der Schmerz und das Leid, das jene erfahren mussten, die Angehörige verloren haben, sind unvorstellbar. Ich bin mir also der Emotionen, die dieses Thema hervorruft, bewusst. Ground Zero ist zweifellos heiliger Boden.

Ich möchte allerdings deutlich sagen: Als Bürger und als Präsident glaube ich, dass Muslime das gleiche Recht haben, ihre Religion auszuüben, wie jeder andere im Land auch. Dazu gehört das Recht, auf einem privaten Grundstück in Lower Manhattan im Einklang mit den dortigen Gesetzen und Verordnungen einen Andachtsort und ein Gemeindezentrum zu errichten. Wir sind in Amerika. Unser Bekenntnis zur Religionsfreiheit muss unerschütterlich sein. Der Grundsatz, dass in diesem Land jeder Glaube willkommen ist und alle von der Regierung gleich behandelt werden, ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was uns ausmacht. Das Gesetz unserer Gründerväter muss Bestand haben.

Wir dürfen diejenigen, die am 11. September so tragisch ums Leben kamen, nie vergessen, und wir müssen diejenigen, die nach den Anschlägen in Aktion traten – von den Feuerwehrleuten, die die rauchgeschwängerten Treppenhäuser hinaufstürmten, bis zu unseren Soldaten, die heute in Afghanistan dienen – immer in Ehren halten. Wir müssen uns auch immer wieder daran erinnern, gegen wen und wofür wir kämpfen. Unsere Feinde kennen keinen Respekt vor Religionsfreiheit. Die Al Kaida kämpft nicht für den Islam – sondern für eine grobe Verzerrung des Islam. Sie sind keine Religionsführer – sie sind Terroristen, die unschuldige Männer, Frauen und Kinder töten. Tatsächlich hat die Al Kaida mehr Muslime getötet als Menschen jeder anderen Religion – und dazu zählen auch die unschuldigen Muslime, die am 11. September starben.

Gegen sie also kämpfen wir. Und wir werden nicht nur gewinnen, weil wir die stärkeren Waffen haben, sondern vor allem, weil wir die stärkeren Werte haben. Die Demokratie, die wir hochhalten. Die Freiheiten, die wir schätzen. Die Gesetze, die wir unabhängig von Abstammung, Religion, Vermögen oder Status anwenden. Unsere Fähigkeit, uns denjenigen gegenüber, die anders sind als wir, nicht nur tolerant, sondern respektvoll zu verhalten. Diese Lebensweise, diese uramerikanische Überzeugung, steht in krassem Gegensatz zu dem Nihilismus derer, die uns an diesem Septembermorgen angriffen und auch heute noch Pläne gegen uns schmieden.

In meiner Amtsantrittsrede sagte ich, dass unser Erbe, das sich aus einer Vielzahl verschiedener Elemente zusammensetzt, keine Schwäche, sondern eine Stärke ist. Wir sind eine Nation, die sich aus Christen und Muslimen, Juden und Hindus – und nichtgläubigen Menschen – zusammensetzt. Wir sind von allen Sprachen und allen Kulturen aus allen Winkeln dieser Erde geprägt. Diese Vielfalt kann schwierige Debatten mit sich bringen. Das ist nicht nur in unserer Zeit so. Auch in der Vergangenheit gab es Kontroversen um den Bau von Synagogen oder katholischen Kirchen. Aber immer wieder haben die Amerikaner gezeigt, dass sie diese Probleme bewältigen, ihren Werten treu bleiben und gestärkt aus der Situation hervorgehen können. So muss und wird es auch heute sein.

Heute Abend werden wir daran erinnert, dass der Ramadan einen Glauben zelebriert, der für seine große Vielfalt bekannt ist. Der Ramadan ist eine Erinnerung daran, dass der Islam immer ein Teil der Vereinigten Staaten war. Der erste muslimische Botschafter in den Vereinigten Staaten, der aus Tunesien kam, wurde von Präsident Jefferson empfangen, der seinen Gast im Ramadan zu einem Essen nach Sonnenuntergang lud und damit vor mehr als 200 Jahren das erste Iftar-Essen im Weißen Haus veranstaltete.

Wie so viele andere Einwanderer kamen auch Generationen von Muslimen hierher, um ihre Zukunft zu gestalten. Sie wurden Landwirte und Kaufleute, arbeiten in Betrieben und Fabriken. Sie halfen, Eisenbahnschienen zu verlegen. Sie halfen, Amerika aufzubauen. In den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts gründeten sie das erste islamische Zentrum in New York. Sie bauten in North Dakota die erste Mosche der Vereinigten Staaten. Die vielleicht älteste noch bestehende Moschee in den Vereinigten Staaten, die heute noch genutzt wird, befindet sich in Cedar Rapids (Iowa).

Heute wird unsere Nation durch Millionen Muslime gestärkt. Sie zeichnen sich in allen Bereichen der Gesellschaft aus. Muslimisch-amerikanische Gemeinden – einschließlich Moscheen in allen 50 Staaten – dienen auch ihren Nachbarn. Muslimische Amerikaner schützen unsere Städte als Polizisten und Feuerwehrleute und als Einsatzkräfte nach Krisen. Muslimisch-amerikanische Kleriker haben sich gegen Terror und Extremismus ausgesprochen, indem sie die Lehre des Islam bekräftigen, Menschenleben zu retten und nicht auszulöschen. Außerdem dienen muslimische Amerikaner auch mit Ehren in unserem Militär. Beim Iftar-Essen nächste Woche im Pentagon wird dreier Soldaten gedacht, die im Irak ihr Leben ließen und nun neben anderen Helden auf dem Nationalfriedhof Arlington beerdigt sind.

Diese muslimischen Amerikaner starben für die Sicherheit, auf die wir uns verlassen, und die Freiheiten, die wir wertschätzen. Sie sind Teil einer ununterbrochenen Linie von Amerikanern, die sich bis zur Gründung unseres Landes zurückführen lässt. Amerikaner aller Glaubensrichtungen, die dienten und Opfer brachten, um das Versprechen Amerikas an neue Generationen weiterzugeben und dafür zu sorgen, dass das, was an Amerika außergewöhnlich ist, geschützt wird – unser Engagement dafür, unseren grundsätzlichen Werten treu zu bleiben und unsere Fähigkeit, unsere Union langsam aber sicher zu perfektionieren.

Letztendlich bleiben wir „eine Nation, unter Gott, unteilbar“. Wir können „Freiheit und Gerechtigkeit für alle“ nur erreichen, wenn wir nach der einen Regel leben, die jeder Religion zugrunde liegt, auch dem Islam – dass wir unseren Nächsten so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.

Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Ramadan. Und nun lassen Sie uns essen.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ JL

    Ist er unterdessen zurückgerudert, weil er ja später nachgeschoben hat, seine Bemerkungen haben nicht der Frage gegolten, ob es “weise” sei, eine Moschee am Ground Zero zu errichten (nur ob es legitim sei)? Sehe ich nicht so.

    Sie können sicher sein, dass am Samstag Dutzende demokratische Kandidaten, die am 2.11. gewählt werden wollen, im Weißen Haus Sturm geklingelt haben.

    http://www.freerepublic.com/focus/f-bloggers/2568904/posts

  2. 2.

    Tja, da hat sich der “Teleprompter in Chief” ein erstklassiges PR-Desaster geleistet. Wo ist eigentlich das untrügliche Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen geblieben? Gegen Ihre Meinung vermute ich, dass er bereits zielsicher eine Plazierung im Wettbewerb The very worst President ever anstrebt.

    • 16. August 2010 um 19:37 Uhr
    • riccardo
  3. 3.

    Ist Saudi-Arabien weil Merkel dort ohne Kopftuch emfangen wurde seit jeher auch ein christliches Land?

    In 200 Jahren mit ordentlich Vision, maybe…

    • 16. August 2010 um 19:45 Uhr
    • Leutnant Gustl
  4. 4.

    So versöhnlich und gemäßigt er sonst wirkt, der Imam hinter dem Projekt hat sich 2001 selbst in den Fuß geschossen:

    In einem Interview zum Thema 9/11 mit Bob Bradley von 60 Minutes>/i> (CBS) wurde er gefragt:

    BRADLEY: Are — are — are you in any way suggesting that we in the United States deserved what happened?

    Imam ABDUL RAUF: I wouldn’t say that the United States deserved what happened, but the United States policies were an accessory to the crime [mitschuldig am Verbrechen] that happened.

    http://www.youtube.com/watch?v=QF-siWVMU00&feature=related
    (ab 2:21)

    Er soll im selben Interview gesagt haben, dass Bin Laden eigentlich “made in the USA” worden sei.

    Now that wasn’t wise.

  5. 5.

    Herr Lau,

    “ein Präsident für Erwachsene” ist übrigens ein sexy aber selbst recht “fieser” Slogan.
    Die anderen sind nicht reif genug, brauchen n bischen Vormundschaft?

    Danke auch.

    • 16. August 2010 um 20:10 Uhr
    • Leutnant Gustl
  6. 6.

    @ JL

    Trefflich getroffen, der Messias meint das in jedem Fall.

    Aber eine Parteifreunfeindin sieht das mit mit der Mündigkeit von Obama und den Seinen (Rreid, Pelosi) ganz anders:

    Now South Dakota Democrat Stephanie Herseth Sandlin, who is running behind her GOP opponent, has released an ad that compares her fellow members of Congress to children. The spot features the incumbent playing with her two-year-old son Zachary while she explains that he “can help me show you what it’s like in Congress.” The toddler proceeds to play with the dollar bills in his mother’s purse while she notes her opposition to “all the bailouts and the trillion dollar health-care plan.”

    http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704868604575433503024795026.html?mod=rss_opinion_main

  7. 7.

    @ Lau

    “Klasse Mann, ein Präsident für Erwachsene.”

    Nun, das sind sie ja kaum, denn jemand, der im ernst anscheinend meint, so einen bullshit verzapfen zu müssen und dabei anscheinend glaubt, damit ein argument vorgebracht zu haben, kann man egal welchen physischen alters kaum als erwachsenen zählen – oder sind wir jetzt in einer religionsstunde der ‘homines intelligentiae’ angelangt?

    Und dann gegen Ende seine Erinnerung daran, gegen wen “wir kämpfen” (Muslime einbegriffen) – gegen die vor allem Muslime mordende Al-Kaida.

    keine Ahnung gegen was sie kämpfen – ICH kämpfe gegen einen orthodoxen islam – einen islam, wie er in den meisten moslimischen Staaten propagiert wird und von den meisten islamischen schulen. Einen Islam, der Gebote als gottgegeben proklamiert.
    Einen Islam, wie er im iran, in Saudi Arabien, in Jemen, in Pakistan usw… als staatlich sakrosankt pakriziert wird.
    Sie können ja gegen einen propanst einer schar fanatisierter verrückter ankämpfen – ich kämpfe lieber gegen das, was weltweit millionen und abermillionen in seinen bann schlägt und dazu führt, daß millionen unfrei leben müssen, unterdrückt von einer despotischen religion, die in der praxis beansprucht sämtliche lebensbereiche verbindlich regeln zu dürfen.
    Ihr… *wir kämpfen gegen Al Quida…* erscheint mir mehr wie: ich will mich nicht mit dem wirklichen problem auseinandersetzen und deshalb schau ich da weg, indem ich auf ein paar spinner schaue.

    Man braucht wirklich keine Moschee nähe ground zero solange der Islam nicht gesellschaftskompatibel für eine pluralistische geasellschaft geworden ist – wenn die moslime für 100 millionen etwas bauen als zeichen der versöhnung näge ground zero, wäre eine begegnungsstätte für alle glaubensrichtungen inc. atheisten angebrachter – da könnten sie damit wirklich ein zeichen setzen udn etwas für die inter-*religiöse* Verständigung tun anstatt öl ins feuer für viele amerikaner zu schütten.

    • 16. August 2010 um 20:54 Uhr
    • Zagreus
  8. 8.

    @Jörg Lau: Warum eine Moschee am Ground Zero legitim ist

    Wäre es nicht angebrachter, den Artikel mit der Frage zu übertiteln “Ist eine Moschee am Ground Zero legitim?”, anstatt in Suggestivform das Ergebnis der sehr offenen Debatte vorauszusetzen? Denn das ist noch lange nicht heraus, ob diese Moschee an diesem Ort legitim ist, und ob sie dort gebaut werden wird, steht in den Sternen. Ich persönlich glaube das nämlich nicht. Amerikaner lassen sich den Mund nicht so leicht verbieten wie die hiesige Bevölkerung. Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar und stehen auch nicht in irgendwelchen Paragraphen, sondern die haben zu respektiert werden. “This goes without saying”, sagen die Engländern. Solche Dinge mißachtet man nicht ungestraft. Die amerikanischen wie auch die hiesigen Politiker dürften die Reaktionen sonst sehr bald bemerken.

  9. Kommentar zum Thema

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