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Im Reich des Widerlichen: kein Kommentar zu Sarrazin

Von 6. September 2010 um 13:04 Uhr

Werte Mitblogger: Zur Sarrazin-Debatte fällt mir partout nichts Besseres ein als mein nun auch schon fast ein Jahr alter Text von der Seite 3 der ZEIT. Steht alles drin, was ich dazu denke.

Als ich ihn vorhin kontrollehalber wiederglesen habe, wurde mir deutlich, dass ich mich lieber weiter zurückhalte. Über Sarrazin II habe ich anläßlich von Sarrazin I (Lettre-Interview) alles gesagt, was mir dazu einfällt. Meine Schlußpointe steht: Die mutlose Politik lädt die Bürger geradezu  ein, sie zu verdächtigen und zu verachten.

Sarrazin hat seinerzeit mit einem Leserbrief darauf geantwortet, der schon von der gleichen urdeutschen Haltung der  “verfolgenden Unschuld” geprägt war wie seine derzeitigen Reaktionen auf den von ihm selbst kalkuliert inszenierten Tohuwabohu. Peinlich, das. Alles sehr unbürgerlich und nicht sehr fein. Aber eben nicht neu und auch darum für mich nicht ergänzungsbedürftig.

Ich habe das Buch seit etwa fünf Wochen in einer mit Wasserzeichen versehenen Datei vorliegen. Jedermann, der das Gebaren des Verlages kennt, wusste von Anfang an, dass es sich um einen geplanten Krawall handelte. Durch den Wirbel um das Lettre-Interview ist man ja erst darauf gekommen, dass hier noch mehr geht. Ich bin froh, dass DIE ZEIT sich dazu nicht hergegeben hat, sondern mit einem kontroversen Interview in die Debatte eingestiegen ist.

Der SPIEGEL hat (parallel mit Bild) die Auszüge gedruckt. Jetzt aber stehen die Kollegen offenbar ratlos vor der Debatte, die “aus dem Ruder gelaufen” (SPIEGEL von heute) sei. Ich zitiere aus der aktuellen Ausgabe: “Sarrazin hat die Debatte mit einem falschen Zungenschlag begonnen. Er beschrieb Mängel bei der Integration, die tatsächlich beklagenswert sind, aber er verknüpfte sie mit biologstischen Gedankenspielen. Er räsonierte über die Vererbbarkeit von Intelligenz und schwadronierte über ein ‘bestimmtes Gen’, das ‘alle Juden teilen’. Damit war er beim Biologismus und bei der Rassenlehre, und er war im Reich des Widerlichen… (…) , hat er sich für den Satz über ein jüdisches Gen entschuldigt. Aber erst einmal hatte ihm die Provokation gefallen, und manchem seiner Anhänger vielleicht auch.”

Tja. Hat dem SPIEGEL die Provokation nur 2 Wochen zuvor nicht auch “erst einmal” gefallen? Im “Reich des Widerlichen” – die Formel gefällt mir. Ach, man ist so recht froh, dass ihm das mit den Juden passiert ist (wie eine Art Tourette-Syndrom bei deutschen “Querdenkern”, nur dass die nicht “Penis” rufen müssen, sondern “Jude”). So kann man den peinlichen Herrn jetzt entsorgen.

Im Lettre-Interview ist alles schon enthalten – die feine eugenische Note, die Unterschichtenverachtung, die Suggestion, dass Deutschland durch die Fruchtbarkeit der Türken und Araber immer dümmer wird. Das postume Erschrecken mancher Kollegen ist entweder Unkenntnis oder Heuchelei, ebenso wie die zahlreichen Versuche, das nun unter den Teppich zu kehren mit dem Hinweis, dass er doch bitteschön “kein Genetiker” (Sarrazin) sei und es ihm primär um die Integration gehe.

Nur eins noch: Dass ein Mann erst in dem Moment ins “Reich des Widerlichen” eintritt, in dem er etwas über Juden und Gene sagt, während er vorher ungestraft und unter großem Gejohle und bedächtigem Kopfwiegen des Publikums über türkische und arabische Gene bramarbasieren kann – das kann einem auch zu denken geben.

Ach, soviel zu bedenken…

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wie kommt man eigentlich auf die mitunter geäußerte Idee Provokationen oder Brachialpolemik könnten Auslöser für eine sachliche Debatte sein?

    Das kann ich einfach nicht verstehen und meine Erfahrungen bislang zu diesem Bereich zeigen das Gegenteil.

    Hat man die Provokationen und Polemiken ertragen (und/oder sich gegen diese Zumutungen zur Wehr gesetzt), dann stirbt eher die Diskussion (bis zur nächsten Provokation), als dass dadurch eine Sachdebatte in Gang kommt.

    Zu den Bewohnern des Reichs des Widerlichen mag ich ansonsten nichts schreiben.

    • 6. September 2010 um 13:15 Uhr
    • Limited
  2. 2.

    Interessant ist aber vor allem folgender Satz in Ihrem alten Text:

    “Es steht zwar nicht da, dass Araber die Dummheit vererben, aber es ist schon verzeihlich, dass mancher Sarrazin-Fan dies schlußfolgert, wenn der Interviewte im Gegenzug die überlegene Intelligenz der „osteuropäische Juden“ („15 Prozent höheren IQ“) preist.”

    Es stand eben nicht da. Vielleicht ist das der Unterschied? Ich denke schon. Vor allem wo Norbert Bolz gestern meinte feststellen zu müssen, dass es völlig ehgal sei, ob er nun rassisitisch sei oder nicht.

    Ansonsten habe ich auch gepennt … . Nach dem Lettre Interview.

  3. 3.

    @ f.lübberding: Norbert Bolz, welch eine Enttäuschung. Wenn Intellektuelle sich ans Volk ranschleimen, ein hässlicher Anblick.

    • 6. September 2010 um 13:38 Uhr
    • Jörg Lau
  4. 4.

    @ ALL: This just in:
    Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard wird in diesem Jahr mit dem M100 Medien Preis ausgezeichnet. Der M100 Medien Preis wird im Rahmen der internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium am 8. September in Potsdam verliehen. Das M100 Sanssouci Colloquium lädt seit 2005 internationale Chefredakteure und Medienmacher zum intensiven Dialog in die historischen Schlösser und Gärten von Potsdam. In diesem Jahr lautet das Thema “Pressefreiheit in Europa”. Die Laudatio für Westergaard spricht der ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes und Vorsitzende des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie e.V., Joachim Gauck.

    Kurt Westergaard zeichnete eine der 12 Mohammed-Karikaturen, die am 30. September 2005 unter der Überschrift “Das Gesicht Mohammeds” in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten erschienen ist. Seine Darstellung löste einen internationalen Streit um Meinungsfreiheit und gewalttätige Demonstrationen von Muslimen in der ganzen Welt aus, die sich von den Abbildungen beleidigt fühlten. “Meine Intention mit dieser Zeichnung war nicht, den Islam anzugreifen”, so Westergaard in einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel, “sondern die Terroristen, die einen Teil des Islam als spirituelle Munition benutzen.” Trotz eines auf ihn und einige seiner Kollegen ausgeschriebenen Kopfgelds von insgesamt elf Million Dollar verteidigt Westergaard seine Karikatur unter Hinweis auf das Recht der freien Meinungsäußerung.

    Der M100-Beirat verleiht ihm die Auszeichnung als Anerkennung für sein unbeugsames Eintreten für Presse- und Meinungsfreiheit und für seinen Mut, zu diesen demokratischen Werten zu stehen und sie trotz Gewalt- und Todesdrohungen zu verteidigen.
    Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, der auch Vorsitzender des M100-Beirats ist, erklärte dazu: “Mit Kurt Westergaard ehren wir eine Persönlichkeit, die zum Symbol für die Presse- und Meinungsfreiheit geworden ist. Wenn eine Karikatur zu Drohungen gegen Leib und Leben führt, ist es unsere Pflicht, dem Verfasser öffentlich zur Seite zu stehen. Der Preis soll dieses Zeichen setzen.”

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hält im Rahmen der Verleihung des M100 Medien Preises die Hauptrede. Sie erklärte dazu: “Wir Deutschen erinnern uns in diesen Monaten an die Überwindung der SED-Diktatur und die Wiedervereinigung unseres Landes vor 20 Jahren. Wir wissen noch, was Unfreiheit bedeutet und sollten deshalb nie vergessen, wie wertvoll Freiheit ist. Die Pressefreiheit ist eins der Wesensmerkmale einer freiheitlichen Demokratie.”

    Ach, ist das die Dame von der Reichsschrifttumskammer? (H. Broder)

    • 6. September 2010 um 13:39 Uhr
    • Jörg Lau
  5. 5.

    Im Reich des Widerlichen: kein Kommentar zu Sarrazin

    Herr Lau, auch die Widerlichkeit (wobei das bekanntlich Geschmackssache ist) ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

    Abgesehen davon, wer lebt denn in erster Linie von der Präsentation der verschiedensten Widerlichkeiten?

    • 6. September 2010 um 13:43 Uhr
    • tati
  6. 6.

    @JL

    Habe das bereits vor 2 Stunden gefunden und hielt es für Satire.

    Wissen Sie möglicherweise, seit wann die Preisverleihung in dieser Abfolge feststeht?

    Es würde mich persönlich beruhigen, wenn man ein politisches Kalkül im Zusammenhang mit den Vorgängen um Sarrazin ausschliessen könnte.

    • 6. September 2010 um 13:59 Uhr
    • tati
  7. 7.

    @ tati: Logisch. Aber: Muss das Buch im Samisdat erscheinen? Oder heißt Meinungsfreiheit auch Konsequenzlosigkeit? Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr nach dieser Woche? Es gibt kein Menschenrecht auf einen Posten bei der Bundesbank.

    • 6. September 2010 um 14:00 Uhr
    • Jörg Lau
  8. 8.

    @ tati: Es gibt keinen Zusammenhang. War alles längst geplant.

    • 6. September 2010 um 14:01 Uhr
    • Jörg Lau
  9. Kommentar zum Thema

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