Ein Blog über Religion und Politik

Ist Religion gut für die Welt?

Von 6. Dezember 2010 um 12:27 Uhr

Ich habe gestern auf BBC World Service die großartige Debatte zwischen Christopher Hitchens und Tony Blair gehört (Transskript hier). Die beiden haben sich vor einigen Tagen in Toronto über die Frage unterhalten, ob “Religion gut für die Welt” sei. Anrührend, wie der schwer krebskranke Hitchens sich hier aufrecht hält und auch bei seinen atheistischen Überzeugungen bleibt.

Für mich klarer Sieger: Hitch, der natürlich zeigt, dass Religion schlecht ist, weil sie in den Menschen überwiegend das Schlechte hervorbringt. Und weil man für das Gute, das in ihrem Namen geschieht, die religiöse Begründung nicht brauche (na ja, stimmt nicht immer…).

Der Nahostkonflikt, sagt er zum Beispiel, wäre längst lösbar, wenn es nicht von beiden Seiten die Vermischung von “Grundbesitzfragen mit Offenbarung” gäbe. Darum werden sich dort die Menschen immer weiter gegenseitig umbringen und sich dabei im Recht fühlen. Dabei sind sich doch alle Seiten eigentlich über die Konturen einer Lösung einig. Also: Gelobtes Land, verfluchtes Land? Nicht leicht zurückzuweisen.

Blair hält eigentlich immer den gleichen Punkt dagegen, dass es zwar Missbrauch der Religion gebe, aber auch sehr viel Gutes in ihrem Namen geschehe. Nicht richtig stark argumentiert.

Das Ganze ist auch eine fantastische Werbung für die Debattenkultur, Englands vielleicht wichtigster Beitrag zum Weltkulturerbe. (Man kann alles hier auf Youtube sehen.)

Zum Thema interessant: diese Umfrage zum Thema. Saudis und Schweden bilden die Extreme, Deutschland ist auf der Skeptiker-Seite. Das ganze Gerede über ein Revival der Religion ist doch sehr erklärungsbedürftig. Die Länder, in denen die politisierte Religion die meisten Verwüstungen anrichtet, haben die höchste Meinung von ihrer Kraft zum Guten. Interessante Pointe: Die Türkei liegt im europäischen Skepsis-Bereich, sogar klar hinter Italien.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    @Jörg Lau
    Wie fanden sie inhaltlich die Argumente von Hitchens?

    • 6. Dezember 2010 um 13:15 Uhr
    • Serdar
  2. 2.

    “Die Länder, in denen die politisierte Religion die meisten Verwüstungen anrichtet, haben die höchste Meinung von ihrer Kraft zum Guten.”

    Unter diesem Aspekt ist es schade, dass ausgerechnet Iran in der Liste fehlt…

    • 6. Dezember 2010 um 13:16 Uhr
    • M. Mustermann
  3. 3.

    @ Lau

    das ist wiedermal eine unbeantwortbare Frage.
    Ist Religion gut für die welt? Keine Ahnung, ja, möglicherweise, vielleicht sogar mit gewissheit, ist religion gut für die welt oder vielleicht besser: für die menschheit.

    Das problem aber ist: in welcher Hinsicht soll es gut sein und was ist denn etwas ‘Gutes’?

    Was religion auf alle fälle ist, daß ist ein mechanismus, der gruppen konstitutiert und abgrenzt gegenüber anderen gruppen.
    Ist sowas gut – ist es gut, wenn menschen andere menschen erschlagen?
    Das basiert z. b. auf erst einmal eine abgrenzung wie sie in irgendwie unterschiedenen gruppen vollzogen wird – sowas kann auf eine lange sicht betrachtet gut sein für die menschheit – da damit ein möglichkeit der selektion enthalten ist – die fittere Gruppe setzt sich durch. Darwin hat dies z. b. angegeben für die entwicklung von *Sympathie*.

    Das problem bei ihrer Frage ist einfach, daß bereits nicht wirklich festlegbar ist, was denn *GUT* sein soll – denn ich glaube nicht, daß sie z. B. bereit wären, dass elend von millionen als gut für die menschheit anzuerkennen, genauso wenig wie blutigen, mörderischen Krieg.
    ‘Religion’ als Weltsicht mit einem ‘transzendalen’ Kern (*sowas weie *Gott* etc…) trägt genau dazu bei und ist selbst instrument in diesen geschehen.
    Es ist richtig, daß menschen andere Menschen umbringen, schänden, vergewaltigen usw… im Namen der Religion – aber: sie können es auch immer, wenn sie es tun – und der grund, warum sie es können, hängt mit der *religion* zusammen – sie können es z. b. aus technischen, oder wirtschaftlichen oder sonstigen gründen, die immer aber auch mit der jewiligen weltsichten (unter die Religion zählt) innerhalb der diese ‘eigenschaften’ entwickelnden oder nutzenden Gesellschaft involviert sind.
    Man könnte genauso gut sagen, daß die jeweiligen weltsichten/religionen einer gesellschaft genauso ausdruck dieser gesellschaft sind wie ihr jewilige wirtschaftsweisen, ihre techniken, administrativen gebilde, künste, herrschaftsformen.
    Ist also religion per se schlecht oder gut?
    Und ist etwas, was aus einer gesellschaft oder von einem individuum für gut erachtet wird, gut in hinblick auf die menschheit?

    Von daher ist auch:
    Hitch, der natürlich zeigt, dass Religion schlecht ist, weil sie in den Menschen überwiegend das Schlechte hervorbringt. Und weil man für das Gute, das in ihrem Namen geschieht, die religiöse Begründung nicht brauche.

    Denn: der Mensch ist so wie er nunmal ist – das schlechte wird nicht *erzeugt* erst durch religon, sondern ist und war sdchon immer vorhanden, genauso wie das gute (was man auch immer darunter zählen mag).
    Religon ist eine möglichkeit, mit deren hilfe es sich äußert –> im guten wie im schlechten.
    Das Gute braucht als Begründung nicht die religion, das Schlechte aber genauso wenig.
    Aber das Gute wie auch das Schlechte benötigen: Begründungen. Den handlungen werden erst über Begründungen zu handlungen, anstatt im nebel des unbewußt geschehens sich ereignend zu verschwinden.
    Religion (wie jede weltsicht) erzeugt aber auch handlungen – denn sie verweist darauf hin, sie macht bestimmte handlungen wahrscheinlicher als andere einfach.
    Doch, falls die jeweilige Religion nicht völlig psychopatologisch aus den Fugen geraden ist, ist sie etwas, daß alltag struktuiert, und zwar derart, daß sie letztendlich mehr gutes erzeugt als schlechtes für diejenigen Gruppen/Gesellschaften, innerhalb derer sie jeweils vorherrscht im Vergleivch zu einem [vollständig] a-religiösen/a-weltanschaulichen Zustand. (man sollte nicht vergessen, daß die meisten handlungen nie historisiert werden, sodnern immer nur bestimmte ereignise allzuoft – vom großen krieg wird erzählt, von den hunderttausenden, die nebenbei in ihrem alltag ein stück brot verschenkten nicht). Sie sind sozusagen deren Methode Welt zu ergreifen, zu ordnen und zu bewältigen.

    Problematisch dabei sind zwei dinge vor allem mMn.:
    a.) das beharrungsvermögen von Religion –> es hinkt bei hochdynamischen bzw. -dynamisierten Gesellschaften immer hinterher in der anpassungsleistung. Wobei religion (wie die meisten Weltanschauungen auch) immer auf einen zustand des (gesellschaftlichen) beharrens hinsteuern.
    b.) Weltsichten inc. Religionen sind nicht nur ausdruck, sondern befinden sich auch in einem selektionsprozess, der gekoppelt ist mit dem selektionsproess von menschlichen gruppen. Religionen bzw. bestimmte religionsverständnisse sind somit auch waffen der jeweiligen gesellschaften.
    Dieses Waffenpotential widerspricht bestimmten gesellschaftsmodellen, die transreligiös sein sollen, sofern sie nicht entschärft wurden.

    Also ist religion gut für die Welt?

    Nun ja – offensichtlich, denn es ist etwas, was sich innerhalb des kulturellen Selektionsprozesses des homo sapiens sapiens als eine äußerst effektiver mechanismus herausgebildet hat. ES gibt quasi keine gesellschaft ohne religion.
    Die Frage ist: welche ist denn die bestgeeignete, und welche haben sich möglicherweise überlebt? – denn sowas wie Fortschrittsglaube, oder glaube an das *Gute im menschen* oder irgendwelche ideologien sind im grunde ebenfalls religion, denn auch sie wirken über etwas, was für die ausbreitung von bestimmten religionen unabdingbar erscheint: über charisma [der jeweiligen Idee/Lehre].

    • 6. Dezember 2010 um 13:29 Uhr
    • Zagreus
  4. 4.

    Mit Blick auf Belgien könnte man fragen: “Sind Sprachen gut für die Welt?”

    • 6. Dezember 2010 um 13:45 Uhr
    • marriex
  5. 5.

    @ marriex

    “Sind Sprachen gut für die Welt?” ” – Stimmt! :D

    • 6. Dezember 2010 um 13:46 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    Zwar habe ich nicht die Zeit, eine so ausführliche englischsprachige Debatte zu verfolgen, aber einige Anmerkungen zum Beitrag von Jörg Lau sind mir wichtig.
    1. Wie sinnvoll ist eigentlich die Frage, wie gut Religion für die Welt ist? Setzt diese Frage nicht gerade eine problematische Funktionalisierung oder Verzweckung von Religion voraus, die es in Frage zu stellen gilt?
    2. Schleiermacher hat einmal festgestellt, man solle nichts aus Religion, aber alles mit Religion tun. Religion ist für ihn nämlich nicht Metaphysik oder Moral, sondern das “Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit”, eine Grundbestimmtheit unseres Seins. Religionen müssen sich unbedingt an ihren Auswirkungen messen lassen. Aber wo Religionen als Mmittel zum (guten oder schlechten) Zweck behandelt werden, greift die Analyse zu kurz.
    3. Dass Religionen ja auch Gutes bewirkt haben, ist in der Tat ein schwaches Argument. Allerdings ist das Argument, dass es für dieses Gute die Religion als Begründung gar nicht bräuchte, mindestens eben so schwach.
    4. Es ist klar, dass Religionen konfliktverschärfend wirken, wo sie zur Begründung von Landansprüchen oder Dominanzansprüchen verwendet werden. Das zeigt aber nur, dass die Unterscheidung von religiöser und politischer Argumentation eine wichtige und erhaltenswerte kulturelle Errungenschaft ist.
    5. Wenn die Länder, in denen die politisierte Religion die meisten Verwüstungen anrichtet, die höchste Meinung von ihrer Kraft zum Guten haben, dann lässt sich daraus nicht mehr und nicht weniger als die Tatsache ableiten, dass in diesen Ländern Religion eine kulturelle Selbstverständlichkeit ist und ihre politische Verzweckung nicht zu einer Infragestellung führt.
    6. Religion ist für mich am ehesten vergleichbar mit der Kunst, wo die Frage, ob sie gut oder schlecht für die Welt ist, wohl kaum sinnvoll zu stellen ist.
    7. Religion ist eine Kulturtatsache. Sie bewahrt Sinnpotentiale, die sich nicht einfach in eine säkulare Weltanschauung transformieren lassen. Wo Menschen nicht aus Religion, sondern mit Religion handeln, werden sie sich den Fragen von aussen nach den Auswirkungen ihrer Religion stellen, aber sie werden auch daran festhalten, dass es für sie einen Unterschied macht, ob sie das Gute aus utilitarischen Gründen, aus Pflichtgründen oder aus Dankbarkeit für das Geschenk ihres Daseins tun. Und sie werden daran festhalten, dass ihre Religion ihnen heilsame Bilder zur Verfügung stellt für das, was uns jenseits aller Metaphysik und Moral unbedingt angeht.

    • 6. Dezember 2010 um 14:51 Uhr
    • atemhaus
  7. 7.

    @atemhaus #6

    Was für ein dümmliches Geblubber.

    • 6. Dezember 2010 um 15:49 Uhr
    • 6bb6
  8. 8.

    @ atemhaus

    Im Gegensatz zu meinem Vorredner stelle ich fest: sehr guter Beitrag!

    • 6. Dezember 2010 um 15:55 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  9. Kommentar zum Thema

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