Ein Blog über Religion und Politik

Was von 9/11 bleibt

Von 2. September 2011 um 15:37 Uhr

Wir haben noch keinen Namen für die Epoche nach dem 9/11. Ich dachte vor 10 Jahren, hier begänne etwas, das uns für die nächsten Jahrzehnte beschäftigen würde – vielleicht ähnlich dem Kalten Krieg.

Aber es war wohl nur ein Intermezzo – zwischen Amerikas “unipolarem Moment” nach dem Fall des Kommunismus und dem “Aufstieg des Rests” (der neuen Mächte China, Brasilien, Indien, Südafrika etc.).

Die Vorstellung eines “globalen Krieges gegen den Terror” (schon damals ein merkwürdiger Begriff) ist zu Recht stillschweigend fallen gelassen worden. Heute ist der Kampf gegen den Terrorismus wieder in den Händen der Geheimdienste, der Polizei, der Spezialkräfte – wo er hingehört. Die Wahnidee, ihn mit den Mitteln des Militärs zu führen, war eine teure Verirrung. Der britische Reporter Jason Burke beziffert die Opfer der 9/11-wars auf mindestens 250.000.

Osama bin Laden ist tot, Al Kaida bleibt uns erhalten, aber als ein lästiges Epiphänomen, das man in Schach halten muss, nicht als Signatur einer Epoche. Mohammed Bouazizi war vielleicht die wichtigere Figur im Licht der kommenden Geschichte: eine Selbstverbrennung hat mehr bewirkt als alle die Selbstmordattentate der Al-Kaida. Der Sturz der Tyrannen geschieht nicht durch Terror, sondern durch einen Volksaufstand.

Wir haben die Massenvernichtungswaffen gefunden. Sie waren nicht in einem Bunker in Bagdad, sondern in unseren eigenen Depots. Credit Default Swaps sind gefährlicher für den Westen als IED’s. Schulden sind für die westlichen Staaten eine größere Überlebensbedrohung als die schmutzige Bombe. Die größte geopolitische Herausforderung der USA sind die Schulden bei den Chinesen und die Konkurrenz mit China um  knapper werdende Ressourcen.

Die Vorstellung eines Kampfes der Kulturen hat getrogen, wie die arabische Rebellion beweist. Der Kampf um Freiheit und Würde geht mitten durch die Kulturen und Religionen. Anders Breivik und Arid Uka sind Brüder im Geiste.

Europa wird viele Jahre damit zubringen, die aufgetaute arabische Welt ans Weltsystem heranzuführen. Das wird ein konfliktreicher und schwieriger Prozess, genauso bedeutend wie die Wiedervereinigung Europas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Er wird viel Energie binden, vielleicht aber auch zu einem neuen Kraftzentrum ums Mittelmeer herum führen.

Die maßlosen Kriege nach 9/11 haben den Blick auf die wahren geopolitischen Herausforderungen verstellt – den relativen Abstieg des Westens bei gleichzeitigem Aufstieg des Rests (der keineswegs in apokalyptischen Termini beschrieben werden muss, weil er Wohlstand und Freiheit für Milliarden Menschen auf der anderen Seite der Welt bedeutet).

Der Westen hat durch die Politik der Angst nach 9/11 seine eigenen Grundwerte kompromittiert. Die Freigabe der Folter bleibt eine Schande, ebenso die Lügen über die Kriegsgründe, die Aushebelung verfassungsmäßiger Rechte.

Amerika ist erschöpft nach zwei Kriegen, die (laut Financial Times) 1.000 Milliarden Dollar verschlungen haben – für ein recht zweifelhaftes Ergebnis. Die Vision von einer Hypermacht, die präventiv allein handeln kann, wann immer es ihr passt, ist passé. Afghanistan wird den Afghanen zurückgegeben werden. Die Taliban werden ein Teil der neuen Ordnung sein. Das Experiment des neuen Irak bleibt einstweilen offen. Es muß nicht scheitern, aber der Preis war zu hoch. In beiden Ländern genießt der Iran großen Einfluß, der auch durch die 9/11-wars zur regionalen Großmacht aufgestiegen ist und – wirklich – an Massenvernichtungsmitteln arbeitet. Was man tun kann, um das zu verhindern, weiß in Wahrheit kein Mensch.

Die arabischen Völker nehmen die Zukunft in ihre eigenen Hände – und sie scheren sich dabei weder um die Demokratievisionen der Neocons, noch um die Theokratie nach dem Geschmack der Kaida.

Die libysche Intervention der Nato führt den Westen zurück vor 9/11. Sie hat sehr viel mehr mit dem Engagement in Bosnien und Kosovo zu tun als mit den 9/11-wars. Hier wurde einer bedrängten Gruppe von Aufständischen gegen einen Autokraten geholfen. Die Nato mag ihr Mandat sehr weit ausgelegt haben  – die responsibility to protect blieb der Maßstab. Es gab regionale Unterstützung und ein Mandat der UNO. Nun wird die Nato sich zurückziehen. Das Zeitalter der Intervention ist also nicht vorbei – aber wir knüpfen an notwendige, begrenzte und legitimierte Interventionen wie vor 9/11 an. Wie dem auch sei: Schon die begrenzte Aktion in Libyen hat die Nato an den Rand der Erschöpfung gebracht. Sehr viel länger hätte es nicht dauern dürfen. Auch darum werden Kriege vielleicht künftig vorsichtiger angegangen werden, selbst wenn sie unvermeidlich sind.

Und das ist ja mal keine schlechte Sache.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Spannende Zusammenfassung! Und spannende Zukunft… Engagement ist angesagt, im alltäglichen (französisch gesprochenen) wie politiktheoretischen (englisch gesprochenen) Sinne!

    • 2. September 2011 um 16:30 Uhr
    • Tom
  2. 2.

    “Das Experiment des neuen Irak bleibt einstweilen offen. Es muß nicht scheitern, aber der Preis war zu hoch.”

    Wäre ein Arabischer Frühling denkbar gewesen, ohne einen Sturz von Saddam zuvor ? Er war der der strategische Sunnitenprofi in Sachen Diktatorensurvival; mit sunnitischer Minderheit oben – unstürzbar von innen im mittelöstlichen Kontext; und kurdischer Minderheit und schiitischer Mehrheit unten; also zwei in diesem Kontext durchaus solidaritätsunwürdigen Opfergruppen.

    Wenn Assad Sunniten massakriert, dann wirkt das obszön; weniger prominente Massakeropfer, etwa im Sudan, wirken auf die Beobachter weit weiger quälend.

    Kein Mubarak wäre gestürtzt mit einem Saddam an der Macht; und gegen Saddam war Gaddafi ein Kasper, ein mordender Kasper, aber ein Kasper.

    Zu Saddams Sturz wurde nach einem von Saddam listig kalkuliert ausgelegten – hohlen Köder – geschnappt. He walked like a man with a gun; hatte dann aber doch dann nichts mehr von dem in der Hose, von dem er zuvor so reichlich gebrauch gemacht hatte – gegen Kurden und Perser.

    Als “9/11 war” war der Sturz Saddams falsch kontextualisiert. War das Sanktionsregime denn menschenfreundlicher ? Doppelt soviele Tote Kinder laut Unicef (dank der Umlenkung der Sanktionsbürden auf das Volk) wie die Viertelmillion 9/11 wars Tote ?

    So entsteht leider ein völlig falsches Bild von Kriegen, die falsch dem Terror zugeordnet, von den USA und den Verbündeten geführt wurden.

    Der Sturz Saddam war ein Krieg aus eigenem Recht, die Abschließung einer unabgeschlossenen Eindämmung von Aggression und Völkermord.

    Der nachfolgende Konflikt mit Al Kaida und Aufständischen war eine externe Balancierungsassistenz für die Irakische Staatlichkeit, die man nur dann als Nation building bezeichnen sollte, wenn man NB grundsätzlich nicht mag. Eine eher europäische Idee zudem; nichts für US-Marines eigentlich; trotzdem wurden sie darin verwickelt. Sage man also nicht, Europa habe zu wenig Einfluss. Der Einfluss war nicht unerheblich – und schlimm.

    Afghanistan ein falscher Krieg ? Mag sein; dann wäre der richtige aber in Pakistan zu führen gewesen. Doch die Traute des George Bush reichte nur zur Drohung, das Land in die Steinzeit zu bomben, nicht aber dafür, in dem Land alsbald das Richtige zu tun. Letzteres blieb Präsident Obama vorbehalten, der dies bereits im Wahlkampf ankündigte.

    Saddam, der falsche Feind ? If so, dann wäre der richtige direkt in Saudi-Arabien anzugehen gewesen; wer hätte dort wohl alles in das Vakuum hineingedrängt ? Osamabegeisterte Ikhwan; Saddam; der Iran ?

    Ein ziemliches Gedränge wäre es wohl geworden; obwohl es sachlich richtiger gewesen wäre, Saudi Arabien und Pakistan umzukrempeln, statt den Irak und Afghanistan demokratisieren zu wollen.

    Es scheint Herausforderungen zu geben, derer man sich zwar erwehren kann; bei deren Bannung man allerdings kaum etwas richtig machen kann. Solche Tücken an manchen Herausforderungen scheinen mit dem religiös angestrichenen Kontext dieser Herausforderungen zusammenzuhängen. Gerade religiösen Menschen können wohl gut spüren, dass ein wahres Teufelswerk am schlimmsten religiös bemalt daherkommt.

    Aus Sicht eines Optimisten der Arabellion könnte man argumentieren, dass Osama und George Bush die Arabische Welt, jeder auf seine Art, nur zehn Jahre Zeit gekostet haben. George Bush ist hier gemeint, soweit der Krieg gegen den Terror Regimes gestützt hat; nicht soweit er Regimes gestürzt hat: siehe Saddam.

    “Die libysche Intervention der Nato führt den Westen zurück vor 9/11.”

    Ja, aber nur in Nordwestafrika. Gaddafi war der letzte isolierbare Bösewicht, der jetzt aus dem letzten Loch pfeift: einem Assad-TV. Schon Assad ist kein isolierbarer Bösewicht mehr. Rußland und der Iran haben an ihm mehr zu verlieren, als ihnen lieb ist. Bzw. ihnen ist definitiv unlieb, wieviel sie an ihm zu verlieren haben; das ändert aber nicht an der Sache.

    Die regionale Rivalität zweier Parteiungen hat das Wüten und Intrigieren isolierbarer Bösewichte abgelöst: Die Achse Hizbollah, Assad und Iran kracht und steht und dagegen steht der monarchisch kompettierte GCC mit dem Man-Power-starken Armenhaus Pakistan.

    Zwischen den Blöcken: Quatar, mit klugem Scheich, Al Jazeera, eigener Einsatzbereitschaft; sowie der US-Luftwaffe. Hinter den Blöcken: Rußland mit kalten Füßen und Lieferverzug bei Iran-Raketen; die USA; verkracht mit den Saudis; jetzt nur noch hinter Qatar (peinlich die Konstellation mit Bahrain) … Israel ? Wohl exklusiv hinter Jordanien stehend. China, Indien ? Alles dürfte denen Recht sein, was das Öl nur weiter fließen läßt. Ob Chinesische Raketen bei den Saudis stehen, zur Deckung Pakistans von Indien ? Wir werden es SEHEN !

    Die Region taut ihre eingefrorenen historischen Konflikte auf –
    DAS haben die Sonnenstrahlen des Arabischen Frühlings bewirkt.
    Die arabisch-islamische Welt ist nunmehr unrückholbar in das postkoloniale Selbstbestimmungsdrama der Dritten Welt eingetreten.

    Und dagegen hilft keine R2P, kein Nation Building und keine noch so wohlmeinende Beeinflussung durch Soft-power Stiftungen, etc.

    Ägypten und Tunesien, die Helden der ersten Stunde, sind mit eigenen Abwärtsentwicklungen beschäftigt.

    Libyen schwimmt in Waffen und Milliarden und 25% Jihadisten schwimmen mit – soul searching – vielleicht; nebenan ein neues Schlachtfeld – Algerien – erwägend, mit einem schon törichten Regime.

    So sieht es aus.

    • 2. September 2011 um 18:43 Uhr
    • Thomas Holm
  3. 3.

    Die Vorstellung eines Kampfes der Kulturen hat getrogen, wie die arabische Rebellion beweist. Der Kampf um Freiheit und Würde geht mitten durch die Kulturen und Religionen. Anders Breivik und Arid Uka sind Brüder im Geiste.

    Europa wird viele Jahre damit zubringen, die aufgetaute arabische Welt ans Weltsystem heranzuführen.

    Der Mann will auch noch ernst genommen werden….

    • 2. September 2011 um 18:48 Uhr
    • Zagreus
  4. 4.

    “Die Vorstellung eines Kampfes der Kulturen hat getrogen, wie die arabische Rebellion beweist”

    Danke Zagreus; Das hatte ich direkt überlesen.

    Im Marathon-Wettbewerb der Kulturen ist die arabisch islamische Welt von ihrer Aberration auf einen Amokparcours nunmehr in eine nur noch selbstschädigende Gangart übergewechselt.

    Ich wüßte kaum eine konkrete Disziplin, zu der man diesen Wettbewerber überhaupt zu einem “Kampf” zulassen könnte. Patente, BSP, Übersetzungen pro Jahr, sauberes Wasser pro Kopf, goldene Badewannen pro Kopf – ich wüßte nicht, was das sollte. Jeder kann doch die Arab Human Development Berichte lesen.

    • 2. September 2011 um 19:02 Uhr
    • Thomas Holm
  5. 5.

    Eine exzellente Analyse Herr Lau.

    “Afghanistan wird den Afghanen zurückgegeben werden. Die Taliban werden ein Teil der neuen Ordnung sein.”

    So einfach wird es in Afghanistan aber nicht werden, denn die Taliban werden sich mit einem Teil der Macht nicht zufrieden geben sondern die alleinige Herrschaft suchen. Ich befürchte dieses Land ist zum Dauerkrieg verdammt.

    • 2. September 2011 um 19:06 Uhr
    • docaffi
  6. 6.

    @Thomas Holm
    Wie wäre es mit Anzahl Blogger/ Geamtzahl der Internetuser??

    • 2. September 2011 um 19:14 Uhr
    • docaffi
  7. 7.

    @ docaffi

    “die Taliban werden sich mit einem Teil der Macht nicht zufrieden geben sondern die alleinige Herrschaft suchen”

    Wenn die Pakistaner die Taliban mit saudischem Geld in ihren neumodischen populären Privat Military Companies integrieren, um sie dann zum Schutz der konservativen Golfaraber auf den Iran zu hetzen, könnten sich die Taliban eine Zeit lang vielleicht mit einer noch nicht ganz totalen Herrschaft daheim abfinden. Ein regionaler Krieg könnte immer noch eine Atempause bis zum Ausbruch eines “Bürgerkrieges” bieten.

    • 2. September 2011 um 19:17 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 8.

    @Holm
    “Wenn die Pakistaner die Taliban mit saudischem Geld in ihren neumodischen populären Privat Military Companies integrieren, um sie dann zum Schutz der konservativen Golfaraber auf den Iran zu hetzen, könnten sich die Taliban eine Zeit lang vielleicht mit einer noch nicht ganz totalen Herrschaft daheim abfinden. ”

    Das wird nicht passieren, weil die Mullahs mittlerweile auch unter den Taliban großen Einfluss genießen:

    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/afghanistan/7910926/Wikileaks-Afghanistan-Iran-accused-of-supporting-Taliban-attacks.html

    • 2. September 2011 um 19:23 Uhr
    • docaffi
  9. Kommentar zum Thema

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