Ein Blog über Religion und Politik

Breivik unzurechnungsfähig?

Von 30. November 2011 um 17:04 Uhr

Dass der Massenmörder Breivik für unzurechnungsfähig erklärt wird, löst zwiespältige Gefühle bei mir aus. Die jahrelange, systematische Vorbereitung seiner Tat und die in teuflischer Diszipliniertheit erfolgte Durchführung (mitsamt Plan B) sprechen eigentlich gegen eine solche Diagnose. Auch der beträchtliche ideologische Aufwand, den er zur Rechtfertigung seiner Taten betrieben hat, ist auf den ersten Blick nicht so leicht mit verminderter Schuldfähigkeit überein zu bringen. Wenn das Wahnsinn ist, dann ist ein Teil der islamhassenden Suböffentlichkeit Europas borderline-wahnsinnig. Breivik hat sich die Legitimationsgrundlage seiner Taten nicht herbeihalluziniert, er konnte sie im Netz zusammenbasteln. Copy-und-Paste-Faschismus auf über 1.000 Seiten: Ist sowas wirklich unzurechnungsfähig?

Wenn Breivik aufgrund seines apokalyptischen Weltbildes – in dem es gilt, einem alles verschlingenden Multikulturalismus auch mit Waffengewalt zu wehren – psychotisch ist und an paranoider Schizophrenie leidet, dann bewegen sich viele, die ihr Gift in den entsprechenden Foren verspritzen, ebenfalls am Rande der Geisteskrankheit. Eine problematische Kategorisierung.

Ich glaube, wie ich hier schon öfter dargelegt habe, dass der islamhassende Rassismus eine politische Auseinandersetzung verdient, keine Pathologisierung im Gefolge des Begriffs “Islamophobie”. Insofern finde ich die Diagnose unglücklich.

Aber womöglich liege ich hier schief, und das Urteil der Psychiater bezieht sich nicht vorwiegend auf Breiviks Ideologie, sondern auf seine Persönlichkeitsstruktur, auf die Empathielosigkeit und Reuelosigkeit, mit der er seine Taten in den Vernehmungen reflektiert. Das kann man “irre” finden, aber sind dann nicht islamistische Extremisten, die sich in die Luft sprengen, oder Nazi-Täter wie die Zwickauer Zelle, auch “irre”?

Es gefällt mir an dem Befund die berichtete Wirkung auf Breivik, der offenbar “gekränkt” ist, dass man ihn nicht als den politischen Täter behandelt, der er gerne sein möchte. Vielleicht ist das doch die richtige Weise, mit ihm umzugehen?

Wenn es nur nicht ein Signal der Hilflosigkeit der norwegischen Gesellschaft ist: Wir finden keinen Ansatzpunkt, uns mit diesem politischen Wahn auseinanderzusetzen, also erklären wir ihn für nicht satisfaktionsfähig und sperren wir ihn weg!

Von einigen Angehörigen der Opfer und von Überlebenden war zu vernehmen, dass sie enttäuscht sind von der Aussicht, dass Breivik nicht als Massenmörder verurteilt werden wird, sondern vermutlich lebenslang weggesperrt in der Psychiatrie. Das ist verständlich. Aber was tun, wenn man an ihn einfach nicht herankommt, weil er in einer Wahnwelt lebt, in der es schlichte Notwehr ist, sozialdemokratische Jugendliche umzubringen, weil die angeblich dem “Multikulturalismus” Vorschub leisten?

Ist dann die Diagnose der verminderten Schuldfähigkeit nicht doch richtig? Vielleicht steckt auch dies dahinter: Sie wird es hoffentlich möglich machen, Breivik für immer sicher zu verwahren. Ein Ende der Auseinandersetzung mit seinem politischen Wahngebilde und dessen Quellen sollte das nicht bedeuten.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wie sie schon sagten, mit dieser Begründung könnten die große Mehrheit aller politischen Gewalttäter als unzurechnungsfähig erklärt werden, von Hitler über Baader-Meinhof und Bin Ladin bis zu Stalin. Keiner davon hat Reue gezeigt und alle waren (zumindest soweit wir wissen) felsenfest von der eigenen Weltsicht überzeugt.

    • 30. November 2011 um 17:53 Uhr
    • gibgasachi
  2. 2.

    Dass er keine Reue empfindet, ist Selbstschutz.

    Das können Sie in jedem zweiten Mordprozess mitansehen: Entweder ist das Opfer schuld, oder der Täter war gerade abwesend, als er zustach/ schoss/ trat/ schubste.

    • 30. November 2011 um 19:41 Uhr
    • FreeSpeech
  3. 3.

    Ich würde sogar sagen, jeder der sich überhaupt ein politisches Weltbild zusammenzimmert, ist in gewisser Weise “wahnsinnig”, denn egal welches Konstrukt ich da übernehme oder erschaffe, es ist immer viel zu simpel, um die komplexe Realität zu erfassen. So ein “Weltbild” muss gezwungenermaßen mit selektiver Wahrnehmung und mit allen möglichen Erzählungen und Mythen arbeiten, um ein konsistentes Ganzes zu ergeben. Die “Hard Facts” allein sind viel zu mürbe und unergiebig um unsere Sinnsuche zu befriedigen. ABER wenn man sich dessen bewusst ist, dann wird man bescheiden sein und sich demütig der Vorläufigkeit und Bruchstückhaftigkeit seines “Wissens” bewusst bleiben. Man wird so auch offen bleiben für die Sichtweisen anderer und sich vor jeglichen “Allwissenheitswahn” hüten. Man wird vielleicht auch das Kriterium anlegen, ob das eigene Konstrukt hilfreich ist für mich und für die anderen.
    Wer sich aber einer Ideologie oder einem Fundamentalismus verschreibt, der gerät in die Art von “Wahnsinn”, die dann im schlimmsten Falle zum Massenmord führt. Ich erkläre dann meine Sichtweise für die einzig denkbare und irgendein “hehres Ziel” für etwas, für das sich jedes Opfer lohnt, in Breiviks Fall ein “weißes”, “christliches” Mitteleuropa. Einem solchen Moloch gebe ich dann in der bitteren Endkonsequenz sogar die Kinder meiner eigenen Landsleute hin. Ob die Empathielosigkeit dann die Ursprungskrankheit ist, oder wie Jörg Lau wohl auch meint, eher die Folge der Ideologisierung müssen Ärzte entscheiden. Den Opferfamilien würde auf alle Fälle ein klares Urteil in ihrer Traumaverarbeitung sehr helfen. Eine stationäre Behandlung mit offenem Ausgang wäre Gift für die armen Leute. Aber das darf Justitia mit ihren verbundenen Augen eigentlich nicht in Betracht ziehen.
    Aber man kann als Lehre aus dieser Katastrophe auch auf sich selbst achten. Wo bin ich selbst in Gefahr, meine Empathiefähigkeit aufgrund von hassgeladenen Konstrukten abzubauen? Ich frage mich zum Beispiel, ob so ein Ansatz nicht in diesem ewigen Bashing von “Gutmenschen” steckt, die angeblich mit ihrem naiven Mitgefühl den Geist des Abendlands verraten und verkaufen. Ist die Mitleidlosigkeit bestimmter islamfeindlicher Ausweisungsphantasien nicht auch schon so etwas wie “Breivik light”? Sicher von da bis zu ihm ist es noch ein weiter Weg, aber ist es nicht schon die Abzweigung in diese Richtung?

    • 30. November 2011 um 20:16 Uhr
    • cwspeer
  4. 4.

    Wir finden keinen Ansatzpunkt, uns mit diesem politischen Wahn auseinanderzusetzen

    Aber was tun, wenn man an ihn einfach nicht herankommt

    Wieso sollten wir uns mit dem politischen Wahn auseinandersetzen? Wieso muss man an Breivik herankommen? Es reicht, wenn eine solche Tat sanktioniert wird.

    • 30. November 2011 um 20:34 Uhr
    • FreeSpeech
  5. 5.

    @ FS

    Aber es ist doch sehr sinnvoll in diesem Zusammenhang mal über “Weltbilder” nachzudenken, die in so eine Gewaltbereitschaft hineinführen. Dazu muss ich mich mit den Tätern und ihren Taten auseinandersetzen. Das hat man damals bei der RAF bewusst nicht getan, sondern einfach sanktioniert und fertig. Das war eine vertane Chance. Beim Islam geschieht es dagegen mit großer Emphase. Tausend Hobbytheologen stürzen sich auf deutsche Koranausgaben, um da “Faschismus” zu entdecken. Bei den “rechten” Gewalttaten in letzter Zeit beobachte ich da eher wieder eine gewissen Lustlosigkeit. Das verstehe ich nicht. Wird da etwa mit zweierlei Maß gemessen? Geht es jetzt um die Gewalt in den Inhalten oder doch um die politische Färbung?

    • 30. November 2011 um 21:09 Uhr
    • cwspeer
  6. 6.

    @cwspeer

    Politisch braucht man sich nicht mit der Motivation dieses Menschen auseinanderzusetzen. Wenn schon, dann reichen 2 Minuten: Er will ein Idealbild der 50er, das nie Realität war. Kann man in sienem Pamphlet nachlesen. Der Rest, aktuell, ist Pose.

    Dass im Islam eben Dschihad steckt, ist eine andere Sache. Das kann auch politische Dimensionen bekommen. Siehe aktuell Ägypten mit wohl mehr als 50% für die Schariatiker.

    Das Problem mit den Jörg Laus ist, dass sie den Islam schönreden wollen, und die Breiviks zu einer Massenbewegung hochreden.

    • 30. November 2011 um 21:24 Uhr
    • FreeSpeech
  7. 7.

    @ cwspeer

    Beim Islam geschieht es dagegen mit großer Emphase.

    Warum denn nicht? Die Bannerträger des Revolutionären Islam haben den Westen herausgefordert. Diese Irren wollen die Welt in ihrem Sinn neu ordnen. Schauen Sie nach Nordafrika und den Nahen Osten.

    Dagegen ist die Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung durch Einzeltäter wie Breivik überschaubar.
    Dennoch muß der extremistische Sumpf in Deutschland trocken gelegt werden (egal ob links, rechts oder islamistisch).

    • 30. November 2011 um 21:29 Uhr
    • Serious Black
  8. 8.

    @ FS

    Politisch braucht man sich nicht mit der Motivation dieses Menschen auseinanderzusetzen.

    Könnte und sollte man schon. Nur: Das wollen Sie halt nicht.

    • 30. November 2011 um 21:35 Uhr
    • NKB
  9. Kommentar zum Thema

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