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Die Türken gehören zu uns

 

Thierry Chervel vom Perlentaucher wirft in der Jüdischen Allgemeinen interessante Fragen auf, was die mediale Wahrnehmung der NSU-Terrorserie betrifft.

 

 Angela Merkel hat für die Regierung um Entschuldigung gebeten. Von einer vergleich- baren Zerknirschung in den Medien war nichts zu spüren. Inzwischen machen investigative Journalisten auf Reportageseiten und in Politikmagazinen hervorragende Arbeit. Aber wären nicht auch ein paar Fragen zu stellen, die gut ins Feuilleton passen?

VERDRÄNGUNG Wie kommt es eigentlich, dass auch die Medien vor der bestürzenden Nachricht keine Sensibilität für den Zusammenhang zwischen den Morden aufbrachten? Warum wurden die Thesen der Behörden einfach nachgebetet? Gab es nicht einmal die Arbeitshypothese Rechtsextremismus? Warum sind so wenige Journalisten auf Rechtsextremismus spezialisiert? Wie genau muss das Umfeld beschaffen sein, das über Jahre hinweg solche Taten möglich macht? Nicht nur das engere, sondern gerade auch das weitere?

Es könnte an mangelnder Empathie mit den Opfern liegen. Anders als Breiviks Tat zielten die Morde der Zwickauer Nazis nicht auf eine Institution dieser Gesellschaft, sondern auf die »anderen«. Die Morde nahmen ein Muster wieder auf, das schon nach dem Mauerfall für verlangsamte Wahrnehmung gesorgt hatte.

Es hatte auch nach Hoyerswerda, Rostock und Solingen monatelang gedauert, bis sich die Zivilgesellschaft zu Lichterketten zusammenschloss. Man hatte sich zunächst nicht zuständig gefühlt. Im Gegenteil: Vor diesen Pogromen hatte es aus den Mündern von Politikern aller Parteien höchst problematische Äußerungen in der Frage der Asylpolitik gegeben. Lange Zeit hatte sich das ganze Boot ziemlich voll gefühlt. Helmut Kohl achtete bis zum Schluss darauf, sich nicht mit den Opfern blicken zu lassen. Erst Richard von Weizsäcker handelte.

REIZ-REAKTIONS-SCHEMA Die Mordserie der Zwickauer Nazis lief auch deshalb unter der Wahrnehmungsschwelle, weil die Türken auch von großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft – trotz des stets ängstlich beschworenen »Respekts vor dem Islam« – nicht als dazugehörig betrachtet werden. Diese Taten sind die extreme Zuspitzung einer verbreiteten Mentalität.

Daraus wäre zu lernen, dass nicht in erster Linie »der Islam«, sondern die Türken und die Deutschen türkischer Herkunft zu Deutschland gehören. Die Zwickauer Nazis haben ihre Opfer nicht erschossen, weil sie anders an Gott glauben, sondern weil sie schlechterdings andere waren. Auch dies nimmt ein Muster der Pogrome und Morde nach dem Mauerfall auf, die auf alle zielten, die anders waren, Türken, Asylbewerber, Vietnamesen, Schwarze, Behinderte, Obdachlose.

Daran anschließend ließe sich fragen, ob Wulff besser hätte sagen sollen: „Auch die Deutschtürken gehören mittlerweile zu uns .“ Es ist tatsächlich ein Problem, dass wir die Fragen von Inklusion und Exklusion, Zugehörigkeit und Anderssein fast ausschließlich über das Thema der Religion verhandeln.

237 Kommentare

  1.   Serious Black

    Cigdem Toprak

    Während in Deutschland die Diskussionen um die Nazimorde (ehemalig: Dönermorde) in vollem Gang war, wurden die türkischen Medien von einem Vorfall bombadiert, das bis dato nur im Kreise von Familie und engen Freunde besprochen wurde: die Diskussion um den Genozid in Dersim von 1938.

    Meine Eltern stammen aus Erzincan, das 1938 noch zu der Region Dersim gehörte und heute nur noch die türkische Stadt Tunceli umfasst. Die eigentliche Muttersprache meiner Eltern ist Zaza.

    […]

    Nur welche Identität?

    Während ich in Deutschland seit meiner Geburt damit zu kämpfen habe, ob ich Deutsche oder Türkin bin, befasse ich mich nun seit einigen Jahren auch mit der Frage, was Türkisch-Sein überhaupt bedeutet. Meine Bekannten, Verwandten und Freunde versuchen mich von allen Seiten davon zu überzeugen, dass ich entweder Türkin, Kurdin oder Zaza bin. Oder Deutsche. Oder doch einfach nur Mensch.

    Bin ich Alevitin, Muslimin oder doch einfach nur ein Mensch, der zu keiner Religion gehören sollte?

    […]

    In den Momenten, in denen ich die Zeitungen aufgeschlagen, die Internetseiten eingetippt habe, in denen ich die TV-Kanäle eingeschaltet habe, habe ich geschwiegen. Denn innerlich war ich eigentlich wütend, traurig, schockiert, verärgert und enttäuscht.

    Enttäuscht von Menschen. Weil sie Gewalt anwenden. Und damit nicht aufhören. Ob in Deutschland, oder in der Türkei.

    Und in diesen Momenten fühlt man sich heimatlos.

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/warum_ich_nichts_gesagt_habe/

  2.   manotas

    Die Türken oder die türkischstämmigen Deutschen? Wenn Sie diese Menschen als Türken wahrnehmen und dementsprechend bezeichnen und behandeln, so sind Sie kaum von Menschen wie Sarrazin oder Koch zu unterscheiden.

  3.   cem.gülay

    Thierry Chervel bringt es auf den Punkt.

    Muss mal wieder ein Ausländer kommen, um die richtigen Fragen zu stellen.

    Zu Kohl

    Bei Ihm hatte das Karma schon zurück geschlagen. Als sein Sohn eine Türkin heiratete und Helmut deswegen nervlich, sicherlich innere Blutungen im Organ Bereich bekam.

    Seit seinen neuen „Familienmitgliedern“ scheint der Helmuth ein gebrochener Mann zu sein.

    Der Arme muss wohl einiges von seiner erzkonservative Freundes-Clique abbekommen haben.

  4.   cem.gülay

    All

    Ich hätte noch einen Film Tipp

    Mississippi Burning mit Gene Hackmann

  5.   acces denied

    Warum wird denn eigentlich von Journalisten so gerne anklagend geschrieben, das deutsche Volk – aka Zivilgesellschaft – ließe sich nach (doch sehr seltenen) Gewalttaten rechtsextremer Fanatiker zu lange mit den Lichterketten Zeit?!
    Unterschwelliger Vorwurf: mangelndes Mitgefühl mit den Opfern, Deutsche sympathisieren heimlich mit den Tätern = verkappte Nazis

    Wären die Deutschen solche „die Anderen“ hassenden blonden Bestien, könnten sie in GEHEIMEN Wahlen gefahrlos die NPD wählen.
    Sie tun es aber zu 99% nicht.

    Ich finde es eine unfassbare Frechheit, immer wieder solche infamen Verdächtigungen und Unterstellungen zu publizieren!


  6. @JL:
    >>REIZ-REAKTIONS-SCHEMA Die Mordserie der Zwickauer Nazis lief auch deshalb unter der Wahrnehmungsschwelle, weil die Türken auch von großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft – trotz des stets ängstlich beschworenen »Respekts vor dem Islam« – nicht als dazugehörig betrachtet werden. Diese Taten sind die extreme Zuspitzung einer verbreiteten Mentalität.>>

    Eine ungeheuerliche Unterstellung gegenüber den Deutschen. Ist man aber von Herrn Lau gewohnt. Gleich mal eine Gegenfrage: Fühlen und verhalten sich denn die Türkischstämmigen hier in Deutschland wie Deutsche und damit als zugehörig?

    >>Die Zwickauer Nazis haben ihre Opfer nicht erschossen, weil sie anders an Gott glauben, sondern weil sie schlechterdings andere waren.>>

    War das denn diese Zwickauer „NSU-Terrorgruppe“, und gibt es die überhaupt? Oder waren das die gedungenen Killer eines Rauschgiftringes mit Sitz im kurdischen Diyarbakir?

    >>Auch dies nimmt ein Muster der Pogrome und Morde nach dem Mauerfall auf, die auf alle zielten, die anders waren, Türken, Asylbewerber, Vietnamesen, Schwarze, Behinderte, Obdachlose.“>>

    Dasselbe wie oben: Welche Pogrome? Etwa Zeitungsenten wie Sebnitz, Mügeln oder Mittweida? Gruß an die Parallelwelt der hiesigen Journaille, wo Herr Lau geistig zu verorten ist.

  7.   N. Neumann

    @ Jörg Lau

    Chervels letzter Absatz ist treffend.

    Aber ansonsten ergeht er sich in einem moralisierenden Suggestivton und strickt dazu noch mit Blick auf die rechtsextremen Mordanschläge Anfang der 90er aus banalen Halbwahrheiten eine retroaktive Anklage gegen große Teile der Mehrheitsgesellschaft. Und wahrscheinlich würde er sich noch bestätigt sehen, wenn auch Leuten, die nichts mit der rechten Schmuddelecke am Hut haben, sein Artikel missfällt.

  8.   N. Neumann

    >>Die Zwickauer Nazis haben ihre Opfer nicht erschossen, weil sie anders an Gott glauben, sondern weil sie schlechterdings andere waren.>>

    War das denn diese Zwickauer “NSU-Terrorgruppe”, und gibt es die überhaupt? Oder waren das die gedungenen Killer eines Rauschgiftringes mit Sitz im kurdischen Diyarbakir?

    >>Auch dies nimmt ein Muster der Pogrome und Morde nach dem Mauerfall auf, die auf alle zielten, die anders waren, Türken, Asylbewerber, Vietnamesen, Schwarze, Behinderte, Obdachlose.”>>

    Dasselbe wie oben: Welche Pogrome? Etwa Zeitungsenten wie Sebnitz, Mügeln oder Mittweida? Gruß an die Parallelwelt der hiesigen Journaille, wo Herr Lau geistig zu verorten ist.

    Ein Glück, dass große Teile der Mehrheitsgesellschaft nicht so bestusst sind wie der Urheber der oben zitierten Sätze.

    Jetzt fehlt nur noch Thierry Chervel, der darauf hinweist, dass es sich hier bloß um eine Zuspitzung einer weit verbreiteten Mentalität handele.

  9.   J. Weber

    „Es ist tatsächlich ein Problem, dass wir die Fragen von Inklusion und Exklusion, Zugehörigkeit und Anderssein fast ausschließlich über das Thema der Religion verhandeln.“

    Der Appell Migration und Islam als Themen zu trennen ist ja ein alter Hut, nur sind halt europaweit die problematischsten Migrantenkollektive Moslems (Türken in D und A, Pakistaner in GB, Magrebiner in F, ES, B und NL usw.). Daher gibt es eine enge thematische Verzahnung und man landet bei Migrationsfragen oft bei Islam als identitätsstiftendes Merkmal und häufiger Ursache für Absonderung. Der Versuch einer Entflechtung kommt viel zu spät, vielleicht wäre das so ca. Mitte der 90er noch möglich gewesen.

    Bezeichnend ist die Wahrnehmung von auch säkularen/nichtreligiösen Türken zu „Der Islam gehört zu Deutschland“. Viele fühlen sich da total angesprochen und auch Kenan Kolat wird es da ganz warm ums Herz. Dieselben Leute, die einerseits gerne sagen „es ist doch egal woher Du kommst oder was deine Religion ist“ würden sich anscheinend andererseits einen Bundespräsidenten mit migrantischen (gemeint ist auch hier wieder nur: türkischen) Wurzeln wünschen, also ist die Herkunft doch nicht egal. Dass ein Minister Rösler vietnamesische Wurzeln hat interessiert nicht, der wird gar nicht als Migrant wahrgenommen und selbst wenn, er ist halt kein Türke/Moslem also was solls. Es geht immer nur um die eigene ethnische Gruppe. Bestes Beispiel Melda Akbas bei Illner ab 35.30:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1577122/maybrit-illner-vom-23.-Februar?bc=sts;suc;kua414#/beitrag/video/1577122/maybrit-illner-vom-23.-Februar

    Zitat: „Der Satz „der Islam gehört zu Deutschland“ betrifft Menschen die unser Land mal ausmachen werden. Illner: Stimmt.“

    Sorry, da haben sich Nichtmoslems sicherlich nicht angesprochen gefühlt und sind doch die Mehrheit der Migranten, oder?
    Später geht es darum wer in Zukunft als Migrant mal Bundespräsident werden solle, es soll natürlich auch hier wieder nur ein Türke sein.

  10.   cem.gülay

    Neumann

    Die rechte Schmuddelecke

    Die gehört seit eh und je zu Deutschland. Diese „Ecke“ hat seit 50 Jahren, vom Ausdruck Spagetti- Fresser bis zu NSU, unbehelligt ihr Unwesen getrieben.

    Millionen rassistische Übergriffe von klein bis groß sind keine Utopie

    Wenn die Mehrheitsgesellschaft das zulässt, ist sie stiller Mittäter, auch wenn sie Nazis und Rassisten verabscheut.

    Wenn drei jugendliche Türken einen Deutschen in einer Ecke quälen, nur weil er Deutsch ist und ich das mitbekomme und die Macht hätte einzuschreiten, aber nichts dagegen tue, dann bin ich mitschuldig, auch wenn ich danach sage, ich verabscheue dieses Verhalten. Dafür kann sich der deutsche Junge nichts kaufen.

    Neumann, Du hast nach 1,5 Jahren Diskussionen immer noch nichts verstanden.

    Hoffnungslos!