Ein Blog über Religion und Politik

Warum nur Muslime den Salafismus besiegen können

Von 29. Mai 2012 um 15:45 Uhr

Im folgenden dokumentiere ich einen beeindruckenden Beitrag von Ahmad Mansour, seit Herbst 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Projekt “Astiu” (Auseinandersetzung mit Islamismus und Ultranationalismus) beim “Zentrum demokratische Kultur”.  Voher hat er sich bereits als Gruppenleiter bei dem Projekt “Heroes” engagiert, das sich gegen “die Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung” einsetzt.

Ahmad Mansour ist Palästinenser und studierte in Tel Aviv Psychologie, Soziologie und Anthropologie. Seit 8 Jahren lebt er in Berlin und beendete sein Studium 2009 an der HU als Diplom-Psychologe. Mansour ist Mitbegründer des 2010 entstandenen Netzwerkes europäischer liberaler Muslime für Demokratie und Menschenrechte.

Hier sein Aufruf:

 

“Vorab möchte ich etwas klar stellen: Ich bin Muslim, aber Salafisten sind nicht meine Brüder, und ich bin auch kein Teil von irgendeiner imaginären, weltweit unterdrückten muslimischen Gemeinde, der so genannten Umma. Salafismus repräsentiert mich als Individuum und als Menschen nicht. Sie repräsentieren den Islam nicht – nicht wie ich ihn verstehe! Im Gegensatz zu ihnen sind für mich Meinungsfreiheit, Demokratie, Menschenrechte und Toleranz keine Einbahnstraße und kein Instrument, um hierzulande Hass frei zu verbreiten!

 

Es wurde viel über den Salafismus geschrieben und berichtet. Leider habe ich in dieser aktuellen Debatte die muslimischen Stimmen vermisst! Vereine und Verbände erkennen die Gefahren des Salafismus nicht und handeln aus sehr eingeschränkter Sicht. Manche versuchen das Problem zu verharmlosen. Manche stehen sogar mit Salafisten auf einer Bühne – wie der Rat der Muslime in Bonn – während Polizisten angegriffen und schwer verletzt werden und wundern sich, dass es ihnen nicht gelingt, diese Gewalt zu stoppen. Und für manche sind Salafisten Brüder und Schwestern im Islam!

 

Das ist keine Überraschung: Denn Salafismus ist letztendlich nur die Zuspitzung von Inhalten, die für viele muslimischen Vereine, Verbände und Mitbürger Teil ihres Glaubens sind.

 

Auch wenn die salafistische Szene sehr gespalten ist, und auch wenn die so genannten Dschihadisten, die zum bewaffneten Kampf aufrufen und ihn legitimieren, die Minderheit bei den Salafisten ausmacht, bin ich der festen Überzeugung, dass der Salafismus als Ideologie im Widerspruch zu unserem Rechtsstaat steht. Gewalt fängt nicht erst da an, wo Menschen im Namen der Religion auf andere schießen. Für mich sind Polygamie, Geschlechtertrennung, Exklusivitätsanspruch, die Ablehnung der Demokratie und des demokratischen Rechtssystems, sowie der Glaube, Menschen vor ihrem gotteslosen und elenden Leben retten zu müssen, schon eine Form der Gewalt, welcher Einhalt geboten werden muss.

 

Um dem Salafismus Einhalt gebieten zu können, müssen wir die Gründe für die rasante Verbreitung solchen Gedankenguts und der Gewaltexzesse der letzten Wochen verstehen. In den letzten Jahren haben sich immer mehr gewaltbereite und gewaltverherrlichende Menschen dieser Strömung angeschlossen. Der Salafismus bot ihnen eine Bühne, auf der sie ihre Aggressionen politisch und religiös ausleben können. Jene Anhänger, die sich immer gern als Beleidigte und Entrechtete darstellen, haben sich über die Provokation der Pro NRW gefreut. Für sie war dies die große Chance, ihre vom Opferstatus geprägte Weltanschauung zu bestätigen und sich und ihren Anhängern noch einen Grund zu liefern, gegen diese Gesellschaft zu rebellieren.

 

Wir müssen begreifen, wieso das salafistische Gedankengut insbesondere auf manche Jugendliche eine magnetische Anziehungskraft ausübt. Es liegt nicht nur an der gescheiterten Integration, wie manche gerne behaupten, um die Schuld von der eigenen Community weg zu schieben. Wir Muslime müssen vielmehr die Gründe in unseren eigenen Reihen suchen. Der Salafismus hat schließlich nichts Neues erfunden, sondern ein weit verbreitetes Islamverständnis in eine extreme Form gegossen.

 

Ausgrenzung, Entfremdung, die Pflege der Opferrolle, Aufwertung der eigenen Anhänger und Abwertung aller anderen, die Behauptung, die absolute und einzige Wahrheit zu besitzen, das Verbot, Aussagen zu hinterfragen, die Ablehnung neuer zeitgemäßer oder wissenschaftlicher Islaminterpretationen, die Tabuisierung der Sexualität, eine einschüchternde Pädagogik, die die Angst vor der Hölle über alles setzt, der Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben und das Leben des Propheten buchstäblich nachahmen zu müssen – das alles sind Aspekte, die bei den Jugendlichen sehr gut ankommen. Der Salafismus bietet ihnen den Schein der Sicherheit durch eine glasklare Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Was die Sache schwierig und zugleich dringlich macht: Es geht hier um Aspekte, die auch zentrale Bestandteile des Islamverständnisses eines „Mustafa-Normal-Muslims“ sind. Kontroll-orientierte Erziehungsmethoden, die auf Kollektivität und Respekt vor Autorität abzielen, wirken hier als Verstärker und begründen die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentationen der Salafisten. Mit ihren klaren Verhaltensvorgaben geben sie Halt und erleichtern scheinbar das Leben.

 

Um solchem Gedankengut Einhalt zu gebieten, brauchen wir starke und überzeugende islamische Vorbilder, die in der Lage sind, die Debatte über islamische Werte jenseits von Opferrolle und Diskriminierung zu führen. Wir brauchen eine mutige und zeitgemäße Islaminterpretation mit klaren Positionen im Hinblick auf unsere demokratischen Werte und unser Grundgesetz. Wir brauchen eine Islaminterpretation, die kritikfähig und in der Lage ist, einen demokratiefähigen Islam theologisch zu begründen!

Wo sind diese Vorbilder?”

 

Leser-Kommentare
  1. 74.

    Bravo für diesen Artikel, Herr Mansour!

    “Wir brauchen eine mutige und zeitgemäße Islaminterpretation mit klaren Positionen im Hinblick auf unsere demokratischen Werte und unser Grundgesetz.” – Ja! Aber wie, das ist die Frage. Sie selbst lassen ja durchklingen, daß die Interpretation der Salafisten im Wesentlichen die normale sunnitische/schiitische Interpretation ist. Der ganz normale Islam ist noch nicht reformiert.
    Sieht man sich die Reformversuche genauer an, hakt es immer an der Abrogationsfrage und der Sunna, wie sie in den Hadithen zu finden ist. Die Abrogation steht eben schon so im Koran und das Vorbild/der Befehl Mohammeds in den (von der islamischen Wissenschaft als verlässlich eingestuften) Hadithen ist in vielem eindeutig. Kurz: Eine echte Reform in westlichem Sinne wird noch auf sich warten lassen. Sie mag aber eines Tages, ich weiß auch nicht wie, möglich sein.

    Nur möchte ich sagen: Solange der sunnitische/schiitische Islam noch so ist (eben nicht wie der von persönliche liberale Islam von Ahmad Mansour), solange sollte man den Begriff “Islamophobie” streichen und nicht jeden PI-Artikel verteufeln.

    Lieber Herr Lau, neulich legten Sie nahe, daß Robert Spencer ein radikaler, durchgeknallter Islamfeind ist. Ich meine, Spencer sagt im Prinzip nichts anderes als Herr Mansour. Verständnis für Angst vor dem Islam, das ist es, was ich verlange.

    Herzliche Grüße

    Friedhelm4

    • 30. Mai 2012 um 01:09 Uhr
    • Friedhelm4
  2. 75.

    Nachtrag: Lieber Admin, bitte meinen vorigen Beitrag löschen, wenn das geht. Unausgereift. Vielen Dank.

    • 30. Mai 2012 um 02:01 Uhr
    • Friedhelm4
  3. 76.

    Mansour gibt Hoffnung, daß die Salafisten vielleicht für die Moslems auch nicht repräsentativer sind, als die Neonazis für Deutschland.
    Die Salafisten werden verlieren, das spüren sie und deshalb sind sie so rabiat. Sie können sich möglicherweise vor Drohnen verstecken, aber nicht vor Lady Gaga.

  4. 77.

    Fortbildungsflyer “Über den Umgang mit Salafismus” für Veranstaltung 24. Mai mit Widmung vom Solinger OB Norbert Feith:

    “Im ersten Teil der Fortbildung wird kurz über die besonderen Kennzeichen und Methoden der salafistischen Strömungen informiert.

    Im zweiten Teil wollen wir folgenden Fragen nachgehen: Was macht Salafismus attraktiv für Jugendliche? Welche Jugendlichen / jungen
    Erwachsenen sind besonders gefährdet? Wie können wir sie schützen? Was können Eltern tun? Was die Schule? Was die offenen Jugendeinrichtungen? Was die Migrantenorganisationen?

    Die Fragen sollen auch mit Hilfe von praktischen Erfahrungen aus Berlin beantwortet werden. Am Beispiel der Beratung von Eltern, deren Jugendliche sich radikalen Strömungen angeschlossen haben
    oder präventiver Projekte mit Jugendlichen.

    Zielgruppe:
    Lehrkräfte, Sozialpädagogen in Schulen, offenen Einrichtungen und Beratungsstellen, Multiplikatoren in Moscheen und Migrantenvereinen, Jugendstadtrat, Polizei, Kirchen, alle Solingerinnen und Solinger”

    http://www2.solingen.de/c12572f800380be5/files/flyer_fortbildung_ebook.pdf/$file/flyer_fortbildung_ebook.pdf?openelement

    Presseankündigung der Veranstaltung vom 22.Mai

    hxxp://www.solinger-tageblatt.de/Home/Solingen/Wie-geht-man-mit-Extremisten-um-e0c4ca8b-b551-408c-9715-518342814522-ds

    Seit einem dreiviertel Jahr ist die Broschüre:

    “”Ich lebe nur für Allah”
    Argumente und Anziehungskraft des Salafismus

    Schriftenreihe Zentrum Demokratische Kultur, Berlin 2011″

    von Claudia Dantschke, Ahmad Mansour, Jochen Müller, Yasemin Serbest

    im Einsatz. 7.370 mal bei google zitiert; aber leider zum download nicht auffindbar, statt dessen über Stadtbüchereien ausleihbar.

    Vorgestellt auch hier:

    hxxp://www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/broschuere-salafismus/

    Studien anderer Akteure zum Thema sind leichter zu bekommen, z.B. hier:

    hxxp://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2012_S05_dfr.pdf

    Der von Herrn Lau zitierte Aufruf des Herrn Mansour ist internetmäßig auch bisher nur hier via google zu finden.

    Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie sich die praktische Arbeit so anläßt.

    • 30. Mai 2012 um 05:36 Uhr
    • Thomas Holm
  5. 78.

    “Freitag, 22. Juni 2012 09.00 Uhr
    Ein Paradies für Lau – Salafisten im Kontext des organisierten Islam

    Referent: Ahmed Şenyurt, Fachjournalist für ARD und ZDF, Köln”

    http://cms.bistum-trier.de/bistum-trier/Integrale?MODULE=Frontend.Media&ACTION=ViewMediaObject&Media.PK=29867&Media.Object.ObjectType=full

    Da sollten wir vielleicht alle mal hinkommen.

    • 30. Mai 2012 um 05:46 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 79.

    Diesen Extremismus-Verbund sollte man neben den Salafisten auch nicht aus den Augen verlieren; oder sind das etwa Stimmen, die auch von “Gemäßigten” zu hören sind ?

    “Analyst: Syria carnage funded, fueled by US-led Zio-Wahhabis”

    http://abna.ir/data.asp?lang=3&Id=318619

    • 30. Mai 2012 um 06:45 Uhr
    • Thomas Holm
  7. 80.

    @ Marit – # 68 – Meine Entgegnung bezog sich auf eine Haltung, die hier gerade spürbar war, die ich auch als “Anmaßung” bewerten würde, wäre ich persönlich betroffen.

    - ist zuweilen auch mein Eindruck

    Darum die Wichtigkeit und Bedeutung von innerislamischer Kritik, die, wenn überhaupt, eine Chance hat, von gläubigen Muslimen respektiert oder akzeptiert zu werden.

    – ist wünschenswert und notwendig; wird als Notwendigkeit auch (etlichen) deutschen bzw. euroäischen Muslimen aufscheinen und sie motivieren, in dieser Hinsicht tätig zu werden, je deutlicher und nachweisbarer eine in diesem und jenem Falle unvereinbare Diskrepanz des Zusammenpralls zwischen einer wörtlichen Rezeption des Korans und bestimmter Hadithen und dem Prozedere einer demokratischen Zivilgesellschaft und seiner Institutionen wird bzw. ist.

    Wir können natürlich über einen Islam, den es nicht gibt, aber wünschenswert wäre, philosophieren,

    - man mag es philosophieren nennen, letztlich wird allerdings eine Demokratie mit ihren Institutionen der ‘checks and balances’ im deutschen und europäischen Raum allerdings nicht darauf verzichten können und dürfen,
    eine überaus deutliche und klare Sprache des Staates und der Zivilgesellschaft gegenüber jeglichen Feinden
    der Herrschaft des Rechts,
    der Menschenrechte,
    der Freiheiten und
    der Demokratie
    als ‘sine qua non’ verlauten zu lassen.
    Und das ist wohl eine der Hauptaufgaben des Staates und der Zivilgesellschaft, nänlich als Versicherung gegen jegliches Regredieren in die Barbarei zu fungieren und zu berfürchtende Rückfälle in die Barbarei zu verhindern.

    “rem tene, verba sequentur”
    “Halte an der Sache fest, die Worte (Theorien) werden folgen”
    soll Cato gesagt haben:
    Kommen Staat und Zivilgesellschaft dieser Hauptaufgabe des Schutzes des Individuum nach, werden auch die in einer Gesellschaft vorfindbaren Religionen und Konfessionen ihre Schlüsse ziehen und mit einer modernen demokratischen Massen- und Zivilgesellschaft kompatible Theorien, Doktrinen, Exegesen entwickeln können, wöllen, müssen.

    Letzteres – und da stimme ich Ihnen und Ahmad Mansour zu – kann aus der Sache heraus natürlich auch nur eine von der jeweiligen Religionsgemeinschaft konkret zu lösende Aufgabe sein.

  8. Kommentar zum Thema

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