Ein Blog über Religion und Politik

Islamophobie und Antisemitismus, vereint gegen Beschneidungen

Von 17. Juli 2012 um 23:06 Uhr

Gestern habe ich hier eingeräumt, dass mir die Unterscheidung zwischen Islamophobie und Antisemitismus nicht mehr einleuchtet:

Ich habe mich lange gegen die Auffassung gewehrt, Islamophobie und Antisemitismus hätten bedeutende Überschneidungsflächen (no pun intended). Ich gebe hiermit offiziell auf. Es ist ein und das Gleiche.

Mit jedem Tag der unsäglichen Beschneidungsdebatte sehe ich dies bestätigt. Sergej Lagodinsky hat auf Facebook auf diese Karikatur aus dem Berliner Kurier aufmerksam gemacht. Man beachte die Nase im Original Stürmer-Stil:

Und dann ist da der Kommentar von Michael Stürzenberger auf PI, mit dem endlich für alle sichtbar die “proisraelische” Kostümierung der islamfeindlichen Rechtsradikalen gefallen ist:

Dem Christentum steht es gut zu Gesicht, durch Jesus einen “neuen Bund” geschlossen zu haben, was zu einer Relativierung des Alten Testamentes geführt hat. Dem Judentum kann man zubilligen, dass seine Schriften heutzutage meist nicht mehr wörtlich genommen werden, was auch zu der einzigen Demokratie im Nahen Osten, dem modernen Israel, geführt hat. Wenn sich aber jüdische Verbände und Organisationen beispielsweise so an die uralte Vorschrift der Beschneidung klammern, zeigen sie damit, dass sie sich in diesem Punkt nicht vom Islam unterscheiden. So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.

Den Bestrebungen verschiedener Bundestagsparteien, nun ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das die religiös begründete Beschneidung von Jungen straffrei stellt, sollte daher unbedingt entgegengewirkt werden. Durch solche Maßnahmen wird auch dem Islam und seiner Scharia immer mehr Einfluß in unserer Gesellschaft verschafft, was zielstrebig in Richtung islamischer Gottestaat führt.

Juden raus – wenn sie sich an die “uralte Vorschrift der Beschneidung klammern”. Gut, dass man es endlich schriftlich hat.

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich verstehe nicht, warum so viele Leute die beleidigte Leberwurst spielen. Es hieß im Original: “So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.” Damit sind nicht die Juden gemeint, sondern die rituelle Beschneidung. Und die hat wirklich nichts im heutigen Deutschland zu suchen. Es gibt doch auch Juden, die die Beschneidung ablehnen. Es gibt auch symbolische Beschneidungen bei einigen jüdischen Gruppen. Warum nicht mal über so etwas nachdenken?

    • 17. Juli 2012 um 23:25 Uhr
    • Emelei
  2. 2.

    @Emelei

    “So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.”

    Ich teile Ihr Verständnis dieses Satzes.

    Und das Wort “unsäglich” sollte doch für einen Journalisten nicht existieren, denke ich.
    Ein Ausdruck der Hilflosigkeit.

  3. 3.

    Richtig analysiert. Besonders für das Judentum kann jedoch die Beschneidung gar nicht entfallen: http://theolounge.wordpress.com/2012/07/07/beschneidung-in-judentum-und-islam/

  4. 4.

    p.s. ich meine den Kommentar von Jörg Lau: der ist richtig analysiert. Antisemitismus und Islamphobie sind praktisch identisch.

    Bei der Beschneidung kann zumindest das Judentum gar nicht auf diesen Ritus verzichten.

  5. 5.

    Nun würde mich mal interessieren, was Ihr (damit meine ich die Verfechter der religiösen Beschneidung) zu der Initiative “Intakter Sohn“ sagt. Das ist eine israelische Gruppe, die Beschneidung ablehnt und sogar schon einmal in Israel gerichtlich gegen Beschneidung geklagt hat. Sind das auch Antisemiten?

    • 18. Juli 2012 um 01:02 Uhr
    • Emelei
  6. 6.

    Vielleicht gelingt es ja im vierten Anlauf die beschneidung im Kindesalter schmackhaft zu machen, Antisemitismus=Islamophobie findet immer wieder gerne begeisterte Anhänger.
    Wir erinnern uns noch, dass der Auslöser ein Urteil des Landgerichtes Köln war, dass auf Grund von vorliegenden Ärzteprotokollen zu keinem anderen Schluss kommen konnte, dass es sich in diesem Fall um Körperverletzung handelte. Damit verpuffte die Verharmlosung des ersten Artikels, Im zweiten Artikel erfolgte das Statement der Kanzlerin zur Komikernation, Religionsfreiheit über alles, dem kann man sich sogar anschließen, muss aber auch mit den Konsequenzen leben, das hiermit die religionsfreiheit von Eltern und Religionsgruppen gemeint ist, aber einem kind kein Selbstbestimmungsrecht zuerkannt werden kann. Zur Religionsfreiheit zählen auch die Frauendiskriminierung, körperliche Züchtigung. Damit sind die bibeltreuen Christen auch mit im Boot.
    Der dritte Anlauf hatte mir komischen unterhaltungswert, wenn festgestellt wird, dass erst der beschnittene Mann vollständig ist. Nicht sehr überzeugend im Jahr 2012.
    Der Vierte Anlauf ist ein wirkungsvoller Tiefschlag aus der Trickkiste des Routiniers. Es werden sich immer irgendwelche Dummbatzen finden lassen, die sich als Trittbrettfahrer betätigen, die muss man nicht kennen. Die Anführung von einer Handvoll Einzelbeispielen folgt dem gleichen Schema mit dem Islamhasser und Antisemiten operieren, die Konstruktion eines Generalverdachts gegen eine heterogene Gruppe, dismal die gegner der Beschneidung bei Unmündigen. Es ist ist nicht in Frage gestellt, was Erwachsene mit ihrem Körper anstellen und welche Opfer sie ihren Göttern bringen wollen. Wenn Politik, Religionsgemeinschaften und die vierte Gewalt der Meinung sind, dass Riten über dem Selbstbestimmungsrecht stehen, sol es so sein. Es bleibt mir allerdings dabei ein äußerst Ungutes Gefühl, denn was Riten angeht ist es mit der Beschneidung nicht getan.

    • 18. Juli 2012 um 01:23 Uhr
    • strogart
  7. 7.

    @TheoLoungeDe:

    Die Behauptung, dass “das Judentum” die Beschneidung zwingend vorschreibe, während “der Islam” sie nur optional vorsehe, offenbart ein essentialistisches Religionsverständnis, bei dem man das kalte Grauen bekommt. Unter den Muslimen gibt es genauso wie unter den Juden Menschen, denen die Beschneidung sehr wichtig ist. Die Religionsfreiheit (und die Freiheit der persönlichen Entfaltung in Kombination mit dem Erziehungsrecht der Eltern) schützt diese Überzeugung (bzw. wird gegen andere schützenswerte Rechtsgüter abgewogen). Ein Land, in dem ein Gericht religiöse Schriften interpretiert, um festzustellen, ob eine bestimmte Handlung wirklich unter Religionsfreiheit fällt, möchte ich nicht haben (u.a. auch, weil damit die Entstehung neuer Religionen gehemmt wird).

    @JL:

    Stürzenbergers Haltung “wir tolerieren alle Religionen, solange sie Christentum mit einer anderen Lackierung sind” mag intolerant und nicht im Geiste des Grundgesetzes sein – aber sie mit dem gleichzusetzen, was der gemeine Deutsche aufgrund seiner rudimentären Geschichtskenntnisse mit dem Begriff “Antisemitismus” so assoziiert, halte ich nicht für gerechtfertigt. Da steckte damals noch eine ganz andere, viel gefährlichere Masche dahinter, die man beim vorliegenden Thema auch bei den intolerantesten “Juden raus”-Kommentaren beim besten Willen nicht erkennen kann. Bei Stürzenberger selber schon, wenn er von den hiesigen Muslimen als 5. Kolonne der weltumspannenden Islamisierungsverschwörung fantasiert, aber alle Urteilsbefürworter in diesen Topf zu werfen, ist haltlos polemisch und, um Mutti zu zitieren, “nicht hilfreich”.

    • 18. Juli 2012 um 01:29 Uhr
    • Arjen van Zuider
  8. 8.

    Kleine Überlegung:

    Lese ich die Kommentare hier im Blog zu den diversen Einträgen zu diesem Thema ungefiltert, kann ich die Wut des Blogmeisters durchaus nachvollziehen. 90% der Leute, die man hier noch nie gesehen hat, posten rechthaberischen Stuss. Hat man allerdings durch regelmäßige Lektüre ein gewisses Gefühl dafür entwickelt, welche Nicknames auf einen lesenswerten Kommentar hindeuten und filtert die Kommentare danach, dann ergibt sich doch ein differenziertes Bild auch unter denjenigen Kommentatoren, die das Urteil verteidigen. Vielleicht wäre es besser für das Diskussionsklima (und gesünder für den Blutdruck), sich über deren Einwände Gedanken zu machen, anstatt sich über das Niveau der stumpfsinnigen Massen zu echauffieren. Sich pseudotolerant über den rassistischen Mob zu erheben, ist nebenbei auch mindestens so eitel, wie sich pseudoaufgeklärt über primitive Religionen zu erheben.

    • 18. Juli 2012 um 02:02 Uhr
    • Arjen van Zuider
  9. Kommentar zum Thema

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