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Islamophobie und Antisemitismus, vereint gegen Beschneidungen

 

Gestern habe ich hier eingeräumt, dass mir die Unterscheidung zwischen Islamophobie und Antisemitismus nicht mehr einleuchtet:

Ich habe mich lange gegen die Auffassung gewehrt, Islamophobie und Antisemitismus hätten bedeutende Überschneidungsflächen (no pun intended). Ich gebe hiermit offiziell auf. Es ist ein und das Gleiche.

Mit jedem Tag der unsäglichen Beschneidungsdebatte sehe ich dies bestätigt. Sergej Lagodinsky hat auf Facebook auf diese Karikatur aus dem Berliner Kurier aufmerksam gemacht. Man beachte die Nase im Original Stürmer-Stil:

Und dann ist da der Kommentar von Michael Stürzenberger auf PI, mit dem endlich für alle sichtbar die „proisraelische“ Kostümierung der islamfeindlichen Rechtsradikalen gefallen ist:

Dem Christentum steht es gut zu Gesicht, durch Jesus einen “neuen Bund” geschlossen zu haben, was zu einer Relativierung des Alten Testamentes geführt hat. Dem Judentum kann man zubilligen, dass seine Schriften heutzutage meist nicht mehr wörtlich genommen werden, was auch zu der einzigen Demokratie im Nahen Osten, dem modernen Israel, geführt hat. Wenn sich aber jüdische Verbände und Organisationen beispielsweise so an die uralte Vorschrift der Beschneidung klammern, zeigen sie damit, dass sie sich in diesem Punkt nicht vom Islam unterscheiden. So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.

Den Bestrebungen verschiedener Bundestagsparteien, nun ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das die religiös begründete Beschneidung von Jungen straffrei stellt, sollte daher unbedingt entgegengewirkt werden. Durch solche Maßnahmen wird auch dem Islam und seiner Scharia immer mehr Einfluß in unserer Gesellschaft verschafft, was zielstrebig in Richtung islamischer Gottestaat führt.

Juden raus – wenn sie sich an die „uralte Vorschrift der Beschneidung klammern“. Gut, dass man es endlich schriftlich hat.

 

1.079 Kommentare

  1.   Emelei

    Ich verstehe nicht, warum so viele Leute die beleidigte Leberwurst spielen. Es hieß im Original: „So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.“ Damit sind nicht die Juden gemeint, sondern die rituelle Beschneidung. Und die hat wirklich nichts im heutigen Deutschland zu suchen. Es gibt doch auch Juden, die die Beschneidung ablehnen. Es gibt auch symbolische Beschneidungen bei einigen jüdischen Gruppen. Warum nicht mal über so etwas nachdenken?


  2. @Emelei

    „So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.”

    Ich teile Ihr Verständnis dieses Satzes.

    Und das Wort „unsäglich“ sollte doch für einen Journalisten nicht existieren, denke ich.
    Ein Ausdruck der Hilflosigkeit.


  3. Richtig analysiert. Besonders für das Judentum kann jedoch die Beschneidung gar nicht entfallen: http://theolounge.wordpress.com/2012/07/07/beschneidung-in-judentum-und-islam/


  4. p.s. ich meine den Kommentar von Jörg Lau: der ist richtig analysiert. Antisemitismus und Islamphobie sind praktisch identisch.

    Bei der Beschneidung kann zumindest das Judentum gar nicht auf diesen Ritus verzichten.

  5.   Emelei

    Nun würde mich mal interessieren, was Ihr (damit meine ich die Verfechter der religiösen Beschneidung) zu der Initiative “Intakter Sohn“ sagt. Das ist eine israelische Gruppe, die Beschneidung ablehnt und sogar schon einmal in Israel gerichtlich gegen Beschneidung geklagt hat. Sind das auch Antisemiten?

  6.   strogart

    Vielleicht gelingt es ja im vierten Anlauf die beschneidung im Kindesalter schmackhaft zu machen, Antisemitismus=Islamophobie findet immer wieder gerne begeisterte Anhänger.
    Wir erinnern uns noch, dass der Auslöser ein Urteil des Landgerichtes Köln war, dass auf Grund von vorliegenden Ärzteprotokollen zu keinem anderen Schluss kommen konnte, dass es sich in diesem Fall um Körperverletzung handelte. Damit verpuffte die Verharmlosung des ersten Artikels, Im zweiten Artikel erfolgte das Statement der Kanzlerin zur Komikernation, Religionsfreiheit über alles, dem kann man sich sogar anschließen, muss aber auch mit den Konsequenzen leben, das hiermit die religionsfreiheit von Eltern und Religionsgruppen gemeint ist, aber einem kind kein Selbstbestimmungsrecht zuerkannt werden kann. Zur Religionsfreiheit zählen auch die Frauendiskriminierung, körperliche Züchtigung. Damit sind die bibeltreuen Christen auch mit im Boot.
    Der dritte Anlauf hatte mir komischen unterhaltungswert, wenn festgestellt wird, dass erst der beschnittene Mann vollständig ist. Nicht sehr überzeugend im Jahr 2012.
    Der Vierte Anlauf ist ein wirkungsvoller Tiefschlag aus der Trickkiste des Routiniers. Es werden sich immer irgendwelche Dummbatzen finden lassen, die sich als Trittbrettfahrer betätigen, die muss man nicht kennen. Die Anführung von einer Handvoll Einzelbeispielen folgt dem gleichen Schema mit dem Islamhasser und Antisemiten operieren, die Konstruktion eines Generalverdachts gegen eine heterogene Gruppe, dismal die gegner der Beschneidung bei Unmündigen. Es ist ist nicht in Frage gestellt, was Erwachsene mit ihrem Körper anstellen und welche Opfer sie ihren Göttern bringen wollen. Wenn Politik, Religionsgemeinschaften und die vierte Gewalt der Meinung sind, dass Riten über dem Selbstbestimmungsrecht stehen, sol es so sein. Es bleibt mir allerdings dabei ein äußerst Ungutes Gefühl, denn was Riten angeht ist es mit der Beschneidung nicht getan.

  7.   Arjen van Zuider

    @TheoLoungeDe:

    Die Behauptung, dass „das Judentum“ die Beschneidung zwingend vorschreibe, während „der Islam“ sie nur optional vorsehe, offenbart ein essentialistisches Religionsverständnis, bei dem man das kalte Grauen bekommt. Unter den Muslimen gibt es genauso wie unter den Juden Menschen, denen die Beschneidung sehr wichtig ist. Die Religionsfreiheit (und die Freiheit der persönlichen Entfaltung in Kombination mit dem Erziehungsrecht der Eltern) schützt diese Überzeugung (bzw. wird gegen andere schützenswerte Rechtsgüter abgewogen). Ein Land, in dem ein Gericht religiöse Schriften interpretiert, um festzustellen, ob eine bestimmte Handlung wirklich unter Religionsfreiheit fällt, möchte ich nicht haben (u.a. auch, weil damit die Entstehung neuer Religionen gehemmt wird).

    @JL:

    Stürzenbergers Haltung „wir tolerieren alle Religionen, solange sie Christentum mit einer anderen Lackierung sind“ mag intolerant und nicht im Geiste des Grundgesetzes sein – aber sie mit dem gleichzusetzen, was der gemeine Deutsche aufgrund seiner rudimentären Geschichtskenntnisse mit dem Begriff „Antisemitismus“ so assoziiert, halte ich nicht für gerechtfertigt. Da steckte damals noch eine ganz andere, viel gefährlichere Masche dahinter, die man beim vorliegenden Thema auch bei den intolerantesten „Juden raus“-Kommentaren beim besten Willen nicht erkennen kann. Bei Stürzenberger selber schon, wenn er von den hiesigen Muslimen als 5. Kolonne der weltumspannenden Islamisierungsverschwörung fantasiert, aber alle Urteilsbefürworter in diesen Topf zu werfen, ist haltlos polemisch und, um Mutti zu zitieren, „nicht hilfreich“.

  8.   Arjen van Zuider

    Kleine Überlegung:

    Lese ich die Kommentare hier im Blog zu den diversen Einträgen zu diesem Thema ungefiltert, kann ich die Wut des Blogmeisters durchaus nachvollziehen. 90% der Leute, die man hier noch nie gesehen hat, posten rechthaberischen Stuss. Hat man allerdings durch regelmäßige Lektüre ein gewisses Gefühl dafür entwickelt, welche Nicknames auf einen lesenswerten Kommentar hindeuten und filtert die Kommentare danach, dann ergibt sich doch ein differenziertes Bild auch unter denjenigen Kommentatoren, die das Urteil verteidigen. Vielleicht wäre es besser für das Diskussionsklima (und gesünder für den Blutdruck), sich über deren Einwände Gedanken zu machen, anstatt sich über das Niveau der stumpfsinnigen Massen zu echauffieren. Sich pseudotolerant über den rassistischen Mob zu erheben, ist nebenbei auch mindestens so eitel, wie sich pseudoaufgeklärt über primitive Religionen zu erheben.

  9.   Detlev Beutner

    Die Unredlichkeit in der Debatte, sorry, nervt. Natürlich /gibt/ es Antisemiten, natürlich /gibt/ es Islamophobe, und natürlich melden diese sich in der Debatte auch zu Wort. Nur das wird hier angeführt. Damit ist aber nicht das geringste Argument dafür vorgebracht, dass die Gruppe der gegenüber der Beschneidung Ablehnenden in ihrer Gesamtheit antisemitisch und/oder islamophob ist. Wie kann man dermaßen platt agitieren?!

    Ich kann zunächst einmal ganz sicher nur für mich sprechen. Ich stehe an der Seite der Betroffenen, Opfern von Körperverletzungen, die sich als solche erleben, Eltern, die mit dem sozialen Druck nicht umgehen können, ihren Kindern etwas antun zu sollen, was sie eigentlich nicht wollen. Ich empfehle den israelischen Film „Circumcision“, 20 Minuten, die sich wirklich lohnen: http://video.google.com/videoplay?docid=-2372535130226634650

    Wer gegen die Beschneidung ist, kann das /gerade/ an der Seite der Betroffenen tun, die unter diesem Kult leiden.

    Weiterhin sei nur auf zwei Beispiele hingewiesen, wo sich die Gruppen jeweils ablehnend zur Beschneidung äußern: http://www.jewsagainstcircumcision.org („We are a group of educated and enlightened Jews who realize that the barbaric, primitive, torturous, and mutilating practice of circumcision has no place in modern Judaism.“) und http://www.quranicpath.com/misconceptions/circumcision.html

    Die Frage ist, auf welcher Seite der jüdischen Bevölkerung steht, und die Antwort ist für mich glasklar.


  10. „Islamophobie und Antisemitismus … Es ist ein und das Gleiche“.

    Antisemitismus ist die Angst der Schulversager vor den überlegenen Bildungsfrüchten der Juden in Kultur und Wirtschaft; Einzelheiten bei Götz Aly.

    Die ‚islamophobe‘ Bürgerfurcht ist dagegen eine Sorge vor den Konsequenzen der Selbsthassexzesse eines Teils der linksliberalen Intelligenz – die sich allerdings dankenswerterweise gelegentlich als geistig überfordert outet – und deren Positionen hinter dem zotenhaften Gegröhle der modernen Schulversagerelite, deren Lobby solche ‚Liberalen‘ ausgerechnet sein wollen, kaum noch heraushörbar ist.

    Natürlich ist ‚Islamisierung‘ ein kaum weniger mißratener Begriff, wie ‚Islamophobie‘ und wer sich mit ‚Islamisierung‘ womöglich erwartungsfroh beschäftigt, der möge direkt in Damaskus die Einzelheiten dazu mitaushandeln, um was es sich denn dabei bitteschön in Zukunkt eigentlich handlen soll.

    Interreligöse Explorationsgespräche aller Art sollte man konsequenterweise auch direkt nach dorthin verlagern.

    Gegen Pakistanisierung, oder Libanisierung kann man dagegen mit politisch sehr klaren Gründen sein und man wird viele muslimische Unterstützer dabei finden.

    Welcher Horror ‚Isamisierung‘ genau bedeuten soll, kann man dagegen jetzt noch nicht so genau sagen, auch unter Zuhilfenahme von Koran und Sunna übrigens nicht. Bei der Klärung der Zukunftsfragen des Islam in Damaskus und anderswo wird vielmehr auf westliche und östliche Kriegstechnik vertraut und auf NICHTS von dem, was man womöglich in der Produktion selbst angefasst hätte. Also auch auf Heilige Schriften natürlich nicht. Für Gemetzel-Sieger geben die dann schon her, was gebraucht wird.

    DAS können wir Deutschen allerdings am besten wissen, nicht wegen der Aufklärung, sondern wegen der Erfahrnug des 30-jährigen Krieges. Ist doch auch was, oder sollten wir das besser unter dem Scheffel halten ?

    Aus Respekt womöglich !! Aus Respekt vor den Lebenden, oder vor den Toten ?

    Die Karikatur ist insofern ‚Stürmer-reif‘, als der Stürmer gelegentlich übers Ziel hinausschoß: Als Goebbels beim Besuch von Hajj Amin al-Husseini – den Horizont seiner Volksgenossen vorausahnend – anordnete, dass antisemitische Propaganda für die Dauer des Besuchs zu unterbleiben habe, damit der Stürmer, oder sonstwer den geschätzten Staatsgast womöglich nicht mit den Juden in einen Topf wirft.

    Insofern mag der Zeichner der Karikatur für das Anliegen eines Goebbels einen noch abscheulichen Gäuel produziert haben, als es für den politkorrekt besorgten Liberalen eins darstellt.

    Sowas nenne ich: punkig.