Ein Blog über Religion und Politik

Beschneidungsverbot und die Zukunft des Judentums in Deutschland

Von 5. September 2012 um 12:44 Uhr

Wer immer noch nicht glauben will, was ich hier verschiedentlich versucht habe auszudrücken, lese in der Süddeutschen den Text von Charlotte Knobloch, der ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Es ist ein Paukenschlag. Die 79jährige Knobloch ist heute an einem Punkt, an dem ihr Vorgänger Bubis auch kurz vor seinem  Tode angelangt war. Damals sagte Bubis, den die Debatte um Martin Walsers Paulskirchenrede erschüttert hatte, er wolle nicht in Deutschland begraben werden. Die Öffentlichkeit war schockiert und fragte sich: Was hat er bloß? Warum ist er so empfindlich?
Hoffentlich stellen sich nach diesem Text auch einige Leute solche Fragen, denn die Lage ist bedrohlich.

Charlotte Knobloch hat als Überlebende des Holocaust jahrzehntelang ihr Bleiben in Deutschland rechtfertigen müssen, und sie hat es guten Gewissens getan. Jetzt gehen ihr angesichts der Beschneidungsdebatte die Argumente aus und sie fragt die Deutschen: “Wollt ihr uns Juden noch?”

Die Frage ist berechtigt:

Wir rechtfertigen und erläutern die deutsche Mentalität gegenüber unseren Familien und Freunden im Ausland. Seit Jahrzehnten erklären wir, warum es trotzdem nicht nur richtig, sondern auch gut ist, in diesem Land zu leben, wir tun das selbst dann noch, wenn in Deutschland Rabbiner oder als Juden erkennbare Juden angepöbelt und krankenhausreif geschlagen werden. Beinahe mein ganzes Leben lang war und bin ich der Kritik der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt. Seit sechs Jahrzehnten muss ich mich rechtfertigen, weil ich in Deutschland geblieben bin – als Überbleibsel einer zerstörten Welt, als Schaf unter Wölfen.

Ich habe diese Last immer gerne getragen, weil ich der festen Überzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben. Erstmals geraten nun meine Grundfesten ins Wanken. Erstmals spüre ich Resignation in mir. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will. Ich frage mich, ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über ‘Kinderquälerei’ und ‘Traumata’ schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen. Eine Situation, wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt haben.”

Für Juden in Deutschland sind diese Wochen ein Alptraum, wie ich aus verschiedenen Gesprächen weiß. Die wollen euch nicht, die machen eure Religion runter, sie werden jüdisches Leben unmöglich machen oder jedenfalls so unsicher, dass ihr es nicht mehr aushaltet. Das bekommt man von Freunden im Ausland zu hören, und das denkt man in dunklen Stunden auch selbst. Deutsche Juden dachten, sie hätten die Situation hinter sich, die Charlotte Knobloch beschreibt: Die dauernde Not, sich für sein Leben hier zu rechtfertigen. Nun sind sie wieder bei Null.

Und die Besserwisser hören nicht auf. Sie haben es schon geschafft, dass weite Teile der deutschen Öffentlichkeit ein Ritual, das eine Feier des Lebens und des Bundes mit Gott ist – ein symbolischer Ersatz des Sohnesopfers – wahrnimmt als brutales archaisches Sohnesopfer. Die Deutschen, die sich von ihrer Verfallenheit an einen neuheidnischen politischen Todeskult (inklusive Kindestötung an “unwertem Leben”, denn das 5. Gebot wurde ja vom NS (korrekt!) als “jüdische Erfindung” zurückgewiesen)  noch immer nicht erholt haben, von einem Todeskult, der den Judenmord zu einer quasireligiösen Erlösungstat erhob – diese Deutschen beziehunsgweise ihre Nachkommen beugen sich heute voller Mißachtung über einen  zentralen Ritus des Judentums, der die Heiligkeit des Lebens begründet und markiert. Das ist ein Bruch. Das ist schlimmer als die Walser-Debatte. Die ganze angebliche Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland, von der auch ich in den letzten 15 Jahren immer berichtet habe, mit ihren Synagogeneröffnungen und neuen Rabbinerseminaren – sie steht zur Disposition.

Es ist eine perverse Traumlogik zugange: Die Entwertung der jüdischen Religion, diesmal nicht im Zeichen des rassistischen Antisemitismus, sondern im Zeichen der Aufklärung und der Menschenwürde. Endlich kann man den Juden am Zeug flicken, ohne sich dem Verdacht des Antisemitismus auszusetzen, denn es geht ja um den Kinderschutz, hier verstanden als Schutz jüdischer Kinder vor den Juden. Sollten die Juden da nicht mitmachen und auf ihrem Bundeszeichen bestehen, dann haben sie keine Zukunft unter den aufgeklärten Menschenrechtsschützern in Deutschland. Der ehemalige Oberrabiner Israels hat das zutreffend sarkastisch kommentiert, es sei etwas Neues für ihn, dass die Schmerzen jüdischer Kinder Deutschen etwas bedeuten. Zur Zeit seiner Jugend sei das nicht so gewesen.

So weit sind wir gekommen, dass das mühsam wieder erarbeitete Vertrauen der Juden in Deutschland gefährdet ist. Ich war letzte Woche in Israel unterwegs und habe viele Gespräch geführt. Immer wieder kam die Frage: “Was ist mit euch los?” Ich habe keine beruhigenden Antworten anbieten können. Selbst Menschen, die der Beschneidung kritisch gegenüber stehen, sind aufgebracht durch eine gefühls- und gedankenlose Debatte. Sollte Beschneidung in Deutschland kriminalisiert werden, wäre dies das Ende jüdischen Lebens in Deutschland. Das sagen selbst Leute, die Verständnis für die kleine Minderheit von Juden hat, die ihren Söhne  nicht beschneiden lässt.

In Jerusalem habe ich angefangen, Simon Sebag Montefiores Biografie dieser Stadt zu lesen, ein monumentales und fesselndes Werk, das Schicht um Schicht unter den Steinen freilegt. Immer wieder wurde Jerusalem von den Feinden der Juden angegriffen, oft mit Erfolg. Beim Versuch, das Judentum auszulöschen, spielte der Brauch der Beschneidung als Zeichen des Bundes immer wieder eine zentrale Rolle. Zigtausende sind dafür gestorben, an diesem Zeichen festzuhalten. Das Judentum als Religion der Opferüberwindung und des Lebensschutzes hat sich dies auch trotz großer Opfer nicht nehmen lassen. Wer damit jetzt im Zeichen des Kinderschutzes Schluss machen will, sollte sich über die Konsequenzen klar sein.

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    So bitter es klingen mag, mit manchen Juden in Deutschland hält sich mein Mitleid in Grenzen, ich denke da an einen gewissen Broder & seine sich zum Zionismus bekennenden Kumpanen, wenden sich doch nun die Geister, die sie riefen, die Rassisten, mit denen er und seinesgleichen sich politisch im Kampf gegen das sogenannte “Gutmenschentum” verbündeten, nun gegen ihre Meister. Gut möglich, dass Broder und seine Zionistenfreunde nur ein “Kollateralschaden” der Islamfeindlichkeit wurden, die er aber selbst unermüdlich propagierte, sei es in der Kopftuch- oder der Sarrazindebatte.

    • 5. September 2012 um 13:06 Uhr
    • Alfred Klose
  2. 2.

    Na endlich

    Hört die ganze Scheinheiligkeit der Juden-Liebe auf und Neumann, wacht endlich mal als Traum-Tänzer der Realitäten auf.

    Sarrazin hatte mit seiner Genetik Analyse das Ventil geöffnet.

    Aber wie gesagt, der Jude lernt nicht aus seinen Fehlern, man opfert nicht andere um es sich unter Rassisten gemütlich machen zu können, wie NEUMANN als Jude es in Vollendung praktizierte.

    Gott beobachtet und bestraft die Sünder zu einem späteren Zeitpunkt

    • 5. September 2012 um 13:10 Uhr
    • cem.gülay
  3. 3.

    Erklärt das mal diesen mutigen Jüdinnen und Juden, die sich dem Beschneidungs-Gruppendruck der anderen wiedersetzen!

    http://www.circumstitions.com/Jewish-shalom.html

    Oder diesem Rabbi?

    “It’s painful. It’s abusive. It’s traumatic. And if anybody
    who is not in a covenant does it, I think they should be put in prison. I don’t think anybody has an excuse for mutilating a child, depriving them of their glans penis. We don’t have rights to other people’s bodies and a baby needs to have it’s rights protected. I think anybody who circumcises a baby is an abuser, unless it’s absolutely medically advised because of some complication that a urologist says ‘this baby has to be circumcised.’ Otherwise, what for?” (…)
    “I’m an abuser.I do abusive things because I’m in covenant with God. And ultimately God owns my morals. He owns my body. And he owns my past and my future and that’s the meaning of this covenant; that I agreed to ignore the pain and the rights and the trauma of my child to be in this covenant.” http://www.noharmm.org/CArabbi%20admits.htm

    • 5. September 2012 um 13:12 Uhr
    • Frank
  4. 4.

    Selten so viel Unsinn gelesen. Das ist Demagogie und sollte zur Anzeige gebracht werden.

    • 5. September 2012 um 13:18 Uhr
    • Michael Neuert
  5. 5.

    Paranoid ist das. Ich werde von meiner Meinung nicht abweichen durch diese Gehirnwichse. Beschneidung ist grausam.

    • 5. September 2012 um 13:20 Uhr
    • Ulf
  6. 6.

    Hier sieht man ja klar und deutlich wer den Hass sät! Mehr muss man dazu denke ich nicht sagen

    • 5. September 2012 um 13:24 Uhr
    • Marianne Ebers
  7. 7.

    Scheinheilig sind die wo ein Ressentiment gegen Juden haben und sich nun hinter der Debatte verstecken um dies unter diesem Schirm zu praktizieren.

    • 5. September 2012 um 13:32 Uhr
    • Marianne Ebers
  8. 8.

    My dear Charlotte,

    it is very common for Jews to try to discuss anti-semitism with anti-semitic people. It is a myth that logic can convince anti-semites to changes their views. Those opposed to circumcision, whether by Jews or Muslims, are bigots. Their position is logical from their perspective, since their initial assumption is that Judaism and Islam are something evil that needs to be rooted out – once you make that assumption, their position is quite logical.

    They find it amusing when Jews (or others) argue with them. The Germans found it amusing when Jews tried to debate their racial theories. They didn’t find it amusing when the Americans, Russians and Brits levelled their cities and occupied their country.

    The correct Israeli response should be to curtail relations with any country that bans Jewish religious practices (Bris, kashrus, Shabbos, etc.). Make it clear that we regard them as anti-Jewish bigots, and we will have as little to do with them as possible.

    Religious Zionists should note that proposals to do such things as ban Bris milah, ban kosher slaughter, close down yeshiovos, etc., have never come from the Muslims – and perhaps they should reconsider the desire of the zionist to model Israel on European civilization.

    • 5. September 2012 um 13:34 Uhr
    • Cetin Senol
  9. Kommentar zum Thema

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