Hier der Krieg, dort die Zukunft

Manchmal treffen unverbundene gleichzeitig Ereignisse aufeinander und machen für einen Moment den Blick in die Zukunft frei. So geschah es am Anfang dieser Woche.

In Brüssel war der türkische Präsident Tayyip Erdoğan zu Gast. Er wurde aufs Freundlichste hofiert, wobei er gestern noch in Europa aus guten Gründen heftig kritisiert wurde. Allzu machtbesessen ist der Mann, allzu schnell brach er jüngst einen Krieg gegen die Kurden vom Zaun, allzu undurchsichtig ist sein Verhältnis zum “Islamischen Staat”, allzu sehr tritt er die Menschenrechte mit Füßen. Weiter“Hier der Krieg, dort die Zukunft”

 

Stärke zeigen? Blödsinn!

Die Taliban haben Kundus erobert, und schon wieder ist die Rede davon, dass der Westen Stärke zeigen müsse, dass insbesondere der Präsident der USA, Barack Obama, gegenüber den Extremisten nicht einknicken dürfe.

Nur nicht nachgeben!

Dann zeigen die USA militärische Stärke. Sie schicken ihre Kampfflieger los und bombardieren Kundus. Die Bomben treffen ein Hospital, das von der Organisation Ärzte ohne Grenzen betrieben wird. Mindestens 22 Menschen sterben, darunter viele Mitarbeiter der Organisation. Nebenbei gesagt, das von Ärzte ohne Grenzen betriebene Hospital ist das einzige vernünftige Traumazentrum in Kundus, das besonders in der jetzigen umkämpften Lage gebraucht wird. Wenn man bedenkt, dass die Bundeswehr in dieser Stadt ein Jahrzehnt damit verbracht hat, Brücken, Straßen und Krankenstationen und viele weitere segensreiche Dinge für die Afghanen hinzustellen, fragt man sich: Ein einziges, vernünftiges Hospital? Wie kann das sein?! Betrieben von einer NGO! Und jetzt wird es auch noch von den USA in Schutt und Asche gebombt.

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Eine absurde Afghanistandebatte

Die Taliban erobern Kundus, und in Deutschland debattiert man über eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes über 2016 hinaus. Das ist völlig absurd.

Der Westen hat 14 Jahre lang versucht, Afghanistan in den Griff zu bekommen. Hunderte westliche Soldaten sind gestorben, Zehntausende Afghanen haben ihr Leben gelassen, und viele, viele Milliarden sind Richtung Kabul geflossen. Und heute müssen wir darüber reden, ob die “Taliban das Land überrennen”!

Kann man da wirklich glauben, dass die Bundeswehr und ihre Verbündeten die Lage stabilisieren könnten, wenn sie länger als 2016 blieben? Nein, kann man nicht. Weiter“Eine absurde Afghanistandebatte”

 

Der Fall Kundus

Am 30. Juli 2015 wurde der Tod des Führers der Taliban, Mullah Omar, offiziell bekannt gegeben. Am 29. September 2015 eroberten die Taliban die 300.000-Einwohner-Stadt Kundus im Norden Afghanistans.

Spezialeinheiten der afghanischen Armee haben inzwischen Kundus wieder in ihre Hand bekommen, doch die Taliban haben einen wichtigen symbolischen Sieg eingefahren: Kundus nämlich ist die erste größere Stadt, die sie seit ihrer Vertreibung aus Kabul vor 14 Jahren für kurze Zeit einnehmen konnten.

Keine zwei Monate brauchten die Taliban also, um sich vom Verlust ihres charismatischen, historischen Führers zu erholen und stärker aufzutreten als je zuvor. Wie war das möglich? Weiter“Der Fall Kundus”

 

Warum Menschen ihre Heimat verlassen? Schauen sie nach Burkina Faso!

Menschen wollen in der Regel ihre Heimat nicht verlassen. Sie tun sehr vieles, um bleiben zu können. Die Burkinabé etwa – die Bewohner des kleinen westafrikanischen Landes Burkina Faso – haben  im Herbst 2014 ihren langjährigen autoritären Herrscher Blaise Compaoré gestürzt. Sie taten dies, weil sie eine Perspektive im eigenen Land haben wollten. Die Revolution wurde vor allem von jungen Menschen getragen. Über die Hälfte der 13 Millionen Burkinabé sind unter 24 Jahre alt.  Sie wollten eine Zukunft haben, nicht in Europa, sondern in ihre Heimat Burkina Faso. Dafür haben sie während der Revolution auf den Straßen der Hauptstadt Ouagadougou ihr Leben riskiert. 25 Demonstranten starben in jenen Oktobertagen. Weiter“Warum Menschen ihre Heimat verlassen? Schauen sie nach Burkina Faso!”

 

Generation Mitgefühl

Auf dem Budapester Bahnhof Keleti finden sich dieser Tage nicht nur Tausende Migranten ein, es sind auch viele junge Europäer hier. Manche sind auf ihren Reisen durch Osteuropa mitten hineingeraten in die Menschenmassen aus fernen Ländern, und haben sich spontan entschlossen, zu helfen. Weiter“Generation Mitgefühl”

 

“Passen Sie auf die Kinder auf!”

Der Bahnhofspark des serbischen Subotica wird von riesigen Platanen beschattet, eine Labsal dieser Tage, denn das Thermometer zeigt tagsüber bis zu 40 Grad. In der angenehmen Kühle sind nicht viele Menschen zu sehen: Eine Frau sitzt allein auf einer Bank, ein Pärchen auf einer anderen, und auf dem Gras, nahe am Stamm eines Baumriesen, haben sich rund 20 Menschen niedergelassen. Es sind drei Familien aus Afghanistan. Keines der Kinder ist älter als zehn. Weiter““Passen Sie auf die Kinder auf!””

 

Das vergiftete Dorf

Pale2

Das bosnische Dorf Pale war früher einmal weltbekannt. Für einige Jahre tauchte es fast täglich in den Nachrichten auf, sehr oft an erster Stelle. Wahrscheinlich hat kein Bewohner Pales dies je erwartet, noch gewollt. Im Schatten des Berges Jahorina, 20 Kilometer von Sarajevo entfernt, ließ es sich vermutlich recht gut leben. Ein “Luftkurort” zu sein, das reichte den Einwohnern wahrscheinlich. Doch dann kam 1992 der Krieg, es kam die Belagerung Sarajevos, es  kam der politische Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadžić. Er machte Pale zu seinem Hauptquartier. Der Name des Dorfes erhielt einen sinistren Klang. Journalisten, Diplomaten und Unterhändler aus aller Welt kamen hierher, um Karadžić zu interviewen oder ihm, dem Herren des Krieges, Zugeständnisse abzuringen. Wenn Pale als Ortszeile in der internationalen Presse zu lesen stand, folgte meist nichts Gutes. Denn Karadžić und die Seinen hatten nur Hass zu verkünden.

Der Krieg ist lange vorbei, Radovan Karadžić steht in Den Haag als angeklagter Kriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof. Pale freilich ist immer noch da, wo es vorher war, umrahmt von grünen Bergen. Die Lage ist dieselbe geblieben, aber ein Ort der Erholung ist Pale nicht mehr. Sein Ruf ist ruiniert.

Das Dorf, das einmal eine Art Welthauptstadt des Kriegsverbrechens war, hat zwei Hauptstraßen. An der Stelle, an der sie sich kreuzen, gibt es ein paar Restaurants und Cafés. Das ist das Zentrum. Gegen Abend füllen sich die Restaurants und Cafés mit Leuten, die lange hier sitzen bleiben und etwas trinken. Das ist das einzige sichtbare öffentliche Vergnügen für Erwachsene, das es in Pale gibt.

Und dann gibt es noch Tomo Dukics Vergnügungspark, aber den nehmen nur Kinder und Jugendliche in Anspruch. Für eine Konvertible Mark (50 Cent) lassen die sich die jugendlichen Besucher von einem ziemlich in die Jahre gekommenen Kettenkarussell in die Luft heben und ein paar Runden drehen. Das ist in Pale eine Attraktion. Dutzende Kinder und Jugendliche stehen auf der Wiese und warten, sofern sie sich das Ticket leisten können, bis sie einen Platz auf dem Karussell bekommen. Tomo Dukic hat auch eine Spielzeugente mit einem Seil an einer langen Eisenstange befestigen lassen. Die Karussellfahrer können versuchen, sie mit den Händen zu fangen. Dafür müssen sie sich vom Boden abstoßen, während das Karussell sich zu drehen beginnt, wofür es einer besonderen Geschicklichkeit und auch ein wenig Mutes bedarf. Die Spielzeugente ist die Attraktion in der Attraktion von Tomo Dukics Vergnügungspark. Außerdem gibt es noch eine kleine Schießbude, ein Trampolin, ein winziges Karussell für Kinder und ein schwer ramponiertes Tischfußballspiel.

Tomo Dukic sitzt in einem kleinen Wohnwagen, auf dem in roten Lettern “Kasa” steht. Er nimmt das Geld für die Karussellfahrten mit einem Lächeln entgegen, manchmal sagt er etwas Nettes durch das Mikrofon. Seine angenehme Stimme hallt dann via Lautsprecher über die Wiese.

Dukic stammt aus Sarajevo, aus dem Stadtteil Ciglane. Nach dem Friedensvertrag von Dayton im Jahre 1995 zog er nach Pale. “Sarajevo, das ist eine schöne Stadt”, sagt er. Aber dorthin zurück will er nicht.

“Zwischen Serben und Muslimen klappt es nicht gut!”

Mehr sagt er nicht.

Kurz nachdem die Sonne untergegangen ist, ruft Tomo Dukic die letzten Runden auf seinem Karussell aus. Wenig später leert sich die Wiese. In Pale wird es sehr still.

 

Die Frauen von Banja Luka und ihre Männer

Ein Gespräch zwischen einem Mann, der zum ersten Mal in Banja Luka war, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik von Bosnien, und einer Frau, die schon öfters dort war. Stattgefunden in Sarajevo, auf der Terrasse eines Cafés in der Fußgängerzone. Es ist früher Abend eines sehr heißen Tages, Straße und Häuser strahlen die Hitze ab. Der Kellner bringt eisgekühlte Limonade. Die Eiswürfel klirren. Eine frische Brise weht um die Ecke. Er ist Fremder, sie ist Bosnierin. Weiter“Die Frauen von Banja Luka und ihre Männer”