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Wild und Fisch

Von 19. Juli 2010 um 12:39 Uhr

Bin ich wild?

Gestern im Fisch-Kochkurs gab es eine Diskussion: Einige Teilnehmer waren sich einig, dass Fisch aus Aqua-Kultur „schlechter“ sei als wild gefangener Fisch.
Ich habe mir erlaubt zu widersprechen, denn so manches Ding hat eine zweite Seite.

Zum einen ist Aquakultur nicht gleich Aquakultur. Es gibt da Unterschiede. Vor geraumer Zeit habe ich zu diesem Thema eine Studienreise nach Norwegen unternommen und fühle mich gut informiert.
Der Einsatz von Antibiotika geht gegen null, die Fische werden seit Jahren geimpft, sind damit immunisiert gegen die häufigsten Krankheiten, die in solchen Monokulturen auftreten.

Atemberaubende Schönheit der Natur in Norwegen

Zum anderen, so romantisch und natürlich das mit dem Wildfang auch klingt, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass etliche wild lebende Fische in ihrem Bestand gefährdet sind. Nicht alle, aber für den Endverbraucher ist es nicht zumutbar, vor dem Kauf jeder Portion Fisch stundenlange Recherchen anzustellen.

Nicht zuletzt: Ich hab keine Lanze für die Fischzucht zu brechen, schon gar keine für die industrielle Erzeugung von Lebensmitteln. Nur eine Frage habe ich zu stellen:
Warum akzeptieren wir die Herstellung von Fleisch aus Zucht und bei Fischzucht rümpfen wir die Nase?
Es gibt so viele Menschen, die kein Wild essen, dass es bei Menü-Absprachen für Veranstaltungen nahezu unmöglich ist, Wild zu verkaufen.

Fleisch aus der Zucht ist o.k., Fisch aus der Zucht nicht.
Fisch gezüchtet mögen wir nicht, Fleisch wild gefangen auch nicht…

Wo ist der Unterschied? Fasst mancher zu schnell seine Meinung? Dogmatisch?
Ich will es ehrlich zugeben: Nach Norwegen zu den Aquakulturen bin ich mit großen Vorbehalten gefahren. Für mich war klar, dass wild gefangene Ware irgendwie besser ist. Klingt ja auch besser. Aber so ganz grundsätzlich würde ich das heute nicht mehr stehen lassen.

Ist manche Haltung zu einem Thema betreffend der Herstellung eines Lebensmittels nicht einfach vorschnell gefasst? Eine Tomate schon minderwertig, wenn “Holland” draufsteht, Rindfleisch immer und ohne Ausnahme zäh, wenn es aus Deutschland kommt?

Ist – Hand auf´s Herz – die Haltung von manchem Gourmet zu den Grundprodukten der feinen Küche und ihrer Herkunft nicht manchmal ein wenig bigott?

Norwegen: Licht im Fjord

Waren auch dabei: Jockl Kaiser und Jürgen Koch

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Klar mag so eine Haltung bigott sein — ganz von ungefähr kommt sie aber nicht: Ganz abseits von allen romantisierenden Vorstellungen vom bis zum schlußendlichen Kontakt mit dem Netz des einsamen Fischermanns wild und frei lebenden Fisch hat es die Nahrungsmittelindustrie schlicht geschafft, daß der Konsument vieles erst mal pauschal als Gewinnmaximierungs-Methode ansieht, was tatsächlich unter vielen Aspekten eine gute Sache sein mag.
    Der Ausweg aus dem Dilemma: Der aufgeklärte Verbraucher. Und in seiner Hand Werkzeuge, um sich über die Sinnhaftigkeit einer Anbau- oder Zuchtmethode eben ohne stundenlange Recherche informieren zu können. Also: Glaubwürdige, nachvollziehbare, verläßliche Zertifizierungen für alle Waren. Gerade im Sektor “Fisch” tummeln sich so viele selbstgemachte Logos der diversen Hersteller, daß es auch der aufgeklärte Verbraucher schlicht und ergreifend schwer hat, sich bei seiner Kaufentscheidung leiten zu lassen.
    Daß Wild hingegen nicht auf irgendwelchen Veranstaltungen unters Volk gebracht wird, ist hingegen eine gute Nachricht — bleibt mehr für uns Wild-Liebhaber …

  2. 2.

    Schade kann ich da nur sagen. Der Artikel hat so gut Angefangen und auf einmal war er zu ende. Das ist mehr als schlecht zumal so viele Fragen offen geblieben sind. Ich hoffe ihr macht da mal einen längeren und ordentlichen Bericht draus. Ich denke es ist schon mal an der “Zeit” für die Fischzucht ein Lanze zu brechen.

    • 19. Juli 2010 um 18:47 Uhr
    • Andreas
  3. 3.

    Die ablehnende Haltung gegenüber kommt sicher von oft mangelhaften Fischzuchtprodukten. Die ersten Generationen Norwegischer Zuchtlachs waren so übel weich und fettig, dass er sich kaum geräuchert in eine tranige, schleimige Masse verwandelte. Für jemanden der schon einmal Wildlachs gegessen hatte absolut ungenießbar.

    In dieser Hinsicht hat sich viel geändert, die Konsistenz und der Geschmack eines gut aufgezogenen Lachses stehen einem Wildfang kaum noch nach. Die Futterverwertung ist sehr viel besser als in den Anfängen und die ökologischen Belastungen überschaubar geworden. Dass diese Fische die tollen Omega3-Fette nicht enthalten weil das Futter diese nicht hergibt, sei es drum.

    Weiterhin extrem umweltbelastend ist ein Großteil der Garnelenzucht. Vernichtet Mangrovenwälder bieten keinen Schutz mehr gegen Taifune, dramatischer Landverlust ist die Folge. Immer noch ist erheblicher Antibiotika-Einsatz gang und gäbe (http://www.dailymail.co.uk/news/article-1067963/Is-prawn-cocktail-toxic–Read-want-eat-again.html).

    Es bleibt zu hoffen, dass transparente und nachvollzihbare Umweltsiegel und biologische Akkreditierungen zu verantwortungsvolleren Zuchtpraktiken führen. Nicht nur für Umwelt und Gesundheit, sondern gerade auch für den Geschmack.

    • 19. Juli 2010 um 19:06 Uhr
    • Shismar
  4. 4.

    Hallo Andreas,

    da können wir klar mehr draus machen, gerne sogar! Mir liegt das Thema sehr am Herzen.
    Aber bitte nix verwechseln: hier ist die Abteilung “Blog” und ich schreib hier über das, was mir gerade so auf die Schaufel springt, ich bin kein rasender Reporter mit dem Anspruch, hier eine mehrseitige Reportage zu posten!
    Dennoch, auf Wunsch gerne mehr.

    Herzliche Grüsse, Christian

  5. 5.

    Bitte unbedingt anschauen, Doku über Zuchtfisch: http://www.ted.com/talks/dan_barber_how_i_fell_in_love_with_a_fish.html

    Ansonsten muss ja vielleicht auch nicht jeden Tag tierisches Protein auf den Tisch (täte dem Planeten, den Tieren und den 25.000 täglichen Hungertoten auch gut).

  6. 6.

    @fredbrandi:
    Whow, ist das stark! Da steckt so viel Wahrheit drin, da bringt es einer so gut auf den Punkt, das steckt an und begeistert!
    Manche Wahrheiten sind nicht einfach, andere sind es, dennoch sind sie unbequem. Mehr davon!
    Danke!

  7. 7.

    In Sachen Zucht-Fisch sollte man in jedem Fall die Menge des benötigten Fischmehls als Futtermittel sowie die ebenfalls immensen Auswirkungen durch Ausscheidungen etc. auf andere Lebewesen beachten.

  8. 8.

    Ja, stimmt. Doch wer kann schon als Verbraucher eine korrekte Öko-Bilanz erstellen? Das wär mal ein wirklich interessantes Thema für einen Blog-Beitrag.
    Auch wenn ich mich jetzt zum advocatus diaboli mache:
    Wieviel kleine Fische frisst ein Zander, bevor er 3 kg wiegt?
    Und wieviel scheidet er aus?
    Ich wage mal ne Prognose: Der Zuchtfisch wächst schneller, setzt viel schneller Gewicht an als sein wilder Bruder.
    Sollte dann für die Öko-Bilanz besser sein, oder?
    Ich weiss schon, dass ich von allen mehr Applaus bekommen würde, wenn ich hier einen von “Petit bateaux” und “Bar de Ligne” erzählen würde.
    Aber da pfeif ich jetzt mal drauf. Ich wills wissen!

  9. Kommentar zum Thema

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