Netzfilmblog

Es geht auch ohne Fernsehen

Holland. The Original Cool.

Von 16. Mai 2013 um 15:09 Uhr

Imagefilme von Tourismusbehörden sind in der Regel eine schmalzige Angelegenheit. In übersättigten Bildern wird die Schönheit der lokalen Flora, Fauna und Menschen aufgetischt, meist begleitet von Musik, die entweder nach einem Lagerfeuersong der christlichen Gemeinde oder nach Erstrundenversagern des ESC klingt. Klar, es geht auch besser, aber solche Experimente sind doch eher selten.

Die niederländische Tourismusbehörde (die ihr Land selbst als Holland bezeichnet, das nur mal so am Rande für alle Pedanten, die reflexartig auf den Unterschied zwischen Holland und Niederlande hinweisen) kommt in ihrem neuen Werbevideo zwar ebenfalls nicht um die typischen Tourismus-Bilder herum, hat dafür aber das Zeug für einen viralen Hit. Ein gewisse Meme-Affinität, ein wenig Witz und etwas Mut beim Schnitt machen’s möglich.

Kategorien: Netzfilm

Dokumentation: 12 Jahre DFA Records

Von 14. Mai 2013 um 13:20 Uhr

Das Label DFA ist vor allem durch Bands wie The Rapture, LCD Soundsystem (das Hauptprojekt von Labelgründer James Murphy) und Black Dice in den Nuller Jahren bekannt geworden. In diesem Jahr feiert das Label seinen zwölften Geburtstag, was die Red Bull Music Academy zum Anlass nahm, eine kurze Dokumentation über die New Yorker in Auftrag zu geben. Hinter dem exzellent geschnittenen Film stecken die Macher der im Ton ganz ähnlichen Kurzdoku A Brief History of John Baldessari.

Kategorien: Musik

Netzfilm der Woche: “Internet Archive”

Von 12. Mai 2013 um 12:48 Uhr

Die neue Bibliothek von Alexandria steht nicht in Ägypten, sondern in einer gutbürgerlichen Nachbarschaft San Franciscos. In der 300 Funston Avenue, um genau zu sein, einer ehemaligen Kirche mit neoklassizistischen Säulen und schweren Metalltüren. Im Inneren befinden sich karge Holzbänke, die aber nicht etwa auf einen Altar oder Kreuze ausgerichtet sind, sondern auf kleiderschrankgroße Gerätschaften, die hektisch blau blinken: das Internet Archive.

1996 von Brewster Kahle gegründet, hat das Archive inzwischen über 200 Mitarbeiter und offiziell den Status einer Bibliothek. Seit 17 Jahren sammelt die Wayback Machine Schnappschüsse des Internets, längst verloren geglaubte Websites lassen sich damit, jedenfalls teilweise, wiederbeleben. Und das ist nur ein Teil des Projekts. Inzwischen hat die gemeinnützige Organisation mehr als 1,6 Millionen Bücher aus der Public Domain gescannt und archiviert. Dazu kommen die Mitschnitte sämtlicher US-Nachrichtensendungen seit 2009, zigtausende Filme, Texte und Audioaufnahmen. Seit 2011 schlummern zudem 750.000 tatsächliche Bücher in riesigen, klimakontrollierten Containern in Oakland, noch einmal so viele sollen bald folgen.

Brewster Kahle und sein Team bezwecken mit dem Projekt nicht allein die Archivierung für die Ewigkeit, sondern auch den freien Zugriff auf Informationen, überall und jederzeit. Und im Gegensatz zu Google, das ebenfalls ein umstrittenes Archivprojekt betreibt, soll das Internet Archive keine finanziellen und politischen Interessen bedienen.

Das ist ambitioniert, manche sagen unmöglich. Doch wer Kahle in der kurzen Dokumentation Internet Archive und zahlreichen anderen Auftritten sieht, möchte ihm fast glauben. Der Informatiker, der in den frühen Neunzigern den Webanalyse-Dienst Alexa gründete und später für viele Millionen an Amazon verkaufte, ist ein charismatischer Nerd. Seine Sammelwut begründet er mit der Unsicherheit, der Informationen im Netz unterliegen. Sei es durch Regierungen, die Seiten sperren, durch Unternehmen, die Dienste offline nehmen oder der fehlerhaften Technik, die täglich zu Datenverlusten führt.

Kahle und sein Team wissen, dass sie eine Sisyphusarbeit betreiben, dass sie niemals das Internet in seiner Gänze archivieren können. Ihre Arbeit wird nicht bloß durch die Masse der Daten, sondern auch durch rechtliche und technische Probleme erschwert. Doch sie machen weiter, solange sie sich durch Spenden finanzieren können. Im Oktober knackte das Internet Archive die 10-Petabyte-Marke. Die Filmemacher von Deepspeed Media nahmen diesen Tag zum Anlass, einen Blick hinter die Kulissen des Projekts zu werfen.

Kategorien: Netzfilm

David Foster Wallace – “Das hier ist Wasser”

Von 10. Mai 2013 um 15:59 Uhr

Im Jahr 2005 gab David Foster Wallace den Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede (Transkript), die heute unter dem Titel This is Water bekannt ist. Anders als die optimistischen Reden, die bei solchen Anlässen in der Regel fallen, hat Wallace einen anderen Fokus gewählt. Wallace erzählt vom Alltag, der die Studenten nach ihrer Ausbildung erwartet, die immergleiche banale Routine und zunehmende Desillusionierung mit dem Leben, den nervigen, hässlichen Mitmenschen, der stetige Kampf um Geld und Macht.

Für Wallace sind das aber nicht die Zeichen einer allgemeinen Zukunftslosigkeit, sondern vielmehr Auswüchse des Egozentrismus, der Annahme, dass sich alles nur um uns dreht. Deshalb gibt es Hoffnung in den Gedanken eines jeden Einzelnen. In einer fast philosophischen Herleitung kommt Wallace schließlich zu dem Schluss, dass Offenheit, Achtsamkeit und Empathie gegenüber anderen Menschen entscheidend seien, um aus den festgefahrenen Denkmustern auszubrechen. Das sei die wahre Freiheit und die Alternative zum gewöhnlichen Geisteszustand: Nicht die Fähigkeit zu denken, sondern die Entscheidung für das, worüber es sich nachzudenken lohnt:

That is real freedom. That is being educated, and understanding how to think. The alternative is unconsciousness, the default setting, the rat race, the constant gnawing sense of having had, and lost, some infinite thing.

Die Rede gilt, leider auch aufgrund von Wallaces Selbstmord drei Jahre später, inzwischen als Klassiker, für einige sogar als die famous last words des Autors, und es gibt sie auch in einer deutschen Ausgabe (hier ein Auszug). Die Videoproduktionsfirma The Glossary hat sie nun auf zehn Minuten gekürzt und mit einem Video illustriert. Es lohnt sich aber unbedingt, die volle Rede zu lesen. Nicht nur für Studenten.

Kategorien: Kurzfilm

Ryan Gosling mag kein Müsli

Von um 14:55 Uhr

Vine, die Video-App von Twitter, wurde zu Beginn des Jahres ziemlich gefeiert und teilweise als das nächste Videotool schlechthin und als würdiger Nachfolger von animierten Gifs gehandelt. Das war vielleicht etwas übertrieben. Gelegentlich taucht auf Twitter zwar mal ein Vine auf, wirklich kreativ oder informativ ist es aber in den wenigsten Fällen.

Wie es besser geht, zeigt RyanWMcHenry, der mit Ryan Gosling Won’t Eat His Cereal die bis dato vielleicht besten, auf jeden Fall witzigsten Vines erstellt hat. Buzzfeed hat alle Clips gesammelt.

Weiter…

Kategorien: Netzfilm

re:publica 2013: YouTube und die Stars von Heute

Von 8. Mai 2013 um 16:13 Uhr

Wie vermutlich jeder mitbekommen hat, der halbwegs aufmerksam im Internet unterwegs ist, findet dieser Tage wieder die re:publica in Berlin statt. Auf der Internetkonferenz geht es natürlich auch in einigen Sessions um das Thema Webvideo, und viele Vorträge gibt es anschließend auch auf, na klar, YouTube.

Am Montag diskutierte re:publica-Initiator Johnny Häusler über die Rolle der sogenannten YouTube-Stars, die sich fernab klassischer Medien eine Fanbase aufgebaut haben, von der andere nur träumen können. Mit den bekannten deutschen YouTubern LeFloid, Ungespielt, DiamondOfTears, sowie Christoph Krachten vom YouTube-Netzwerk Mediakraft und Hannes Jacobsen von YouTube auf der Bühne ging es um unerwartete Erfolge, um die Arbeit mit Netzwerken und die Professionalisierung von Webvideo.

Kurz vor der obrigen Diskussionsrunde gaben Bertram Gugel und der via Google Hangout zugeschaltete Markus Hündgen (vom Deutschen Webvideopreis) unter dem Titel YouTube – zwischen Wildwest und Goldgrube eine Einführung in den großen YouTube-Kosmos. Dabei geht es von Nutzerschichten über Kommentarstrukturen bis hin zu Vermarktung und dem Geldverdienen, und ist ebenfalls ein sehr sehenswerter Vortrag.

Kategorien: Netzfilm

Chronologie des Boston-Attentats als Video

Von 7. Mai 2013 um 15:36 Uhr

Emily Tolan hat für das College-Nachrichtenprojekt SCAD die Ereignisse der Bombenanschläge während des Boston Marathons und der folgenden Tätersuche in einem Video chronologisch zusammengefasst. Gut gefällt mir, wie sie dafür Nachrichtenbilder der TV-Sender mit Audios und Tweets verbindet. Zeigt es doch selbst in dieser stark komprimierten Form, wie schwierig es bisweilen für die Zuschauer war, bei der Vielzahl an Informatione, an Meldungen und Falschmeldungen den Überblick zu behalten. Tolan schreibt:

The government, the media, and especially social media were trying to search for answers and all effected each other, similar to Newton’s law of motion (“For every action, there is an equal and opposite reaction”).

Kategorien: Dokumentation

Kurzdoku: “Act of Terror”

Von um 15:18 Uhr

Die Britin Gemma Atkinson (nicht das Bikini-Model) hat Polizisten immer geschätzt und geachtet – bis ihr Freund eines Tages in der Londoner U-Bahn von Polizisten festgehalten und durchsucht wurde. Atkinson fand die Begründung der Beamten unrechtmäßig und begann, die Aktion mit ihrem Handy zu filmen. Das gefiel den Polizisten wiederum gar nicht. Sie beriefen sich auf ein Gesetz, dass im Rahmen der Terrorbekämpfung erlassen wurde, wonach Polizisten/innen nicht gefilmt werden dürfen, wenn die Aufnahmen terroristisch nutzbar sind – was auch immer das bedeutet. Nachdem Atkinson sich weigerte, ihr Handy herauszugeben, wurde sie 25 Minuten lang in Handschellen festgehalten, bevor die Polizisten sie gehen ließen.

Atkinson, die Dokumentarfilmerin ist, wehrte sich gerichtlich gegen die Aktion – und bekam im Jahr 2010 schließlich Recht. Das Geld, dass sie aus den Anwalts- und Verfahrenskosten bekam, steckte sie in den Film Act of Terror, der ihre Geschichte erzählt und das Problem anspricht, wie willkürlich offenbar die Anti-Terror-Maßnahmen eingesetzt werden – und wie schwer es ist, sich selbst als Unschuldige/r dagegen zu wehren.

(via)

Kategorien: Dokumentation