Netzfilmblog

Es geht auch ohne Fernsehen

Elektroschrott in Ghana: “Regolith”

Von 9. Oktober 2014 um 14:05 Uhr

Elektroschrott. Was hierzulande achtlos weggeworfen wird oder zumindest ohne viel darüber nachzudenken entsorgt, landet über Umwege und illegale Exporte in afrikanischen Ländern wie Ghana. Die veralteten Geräte der Industrienationen, Weihnachtsgeschenke von vor vielen Jahren und die Statussymbole der vernetzten Welt, bilden hier die Lebensgrundlage vieler Menschen. Eine gefährliche obendrein, denn der Elektroschrott enthält Gifte, die sowohl die Umwelt als auch die Menschen belasten.

Der Filmemacher Sam Goldwater hat einen der größten Umschlagplätze für Elektroschrott besucht: Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra. Seine Dokumentation Regolith erzählt dabei keinerlei Hintergründe, sondern folgt lediglich einer Gruppe Jugendlicher bei ihrer täglichen Arbeit: Sie nehmen Elektronik wie alte Bildschirme auseinander und verkaufen die Einzelteile zu Kilopreisen. Die Sticheleien der jungen Männer untereinander überlagern die Bilder und machen Regolith zu einer ebenso persönlichen wie ungewöhnlichen Momentaufnahme.

Kategorien: Dokumentation

25 Jahre Couch-Gags bei den “Simpsons”

Von um 09:14 Uhr

Der sogenannte Couch-Gag gehört zu den Simpsons wie Duff Bier und Krusty Burger. 554 Episoden der Serie gibt es mittlerweile und ebensoviele individuelle Intros. Der Couch-Gag der vorletzten Folge, animiert von Don Hertzfeld, gilt schon jetzt als ein Klassiker. Doch wie schneiden die anderen 553 im Vergleich ab? Ein YouTube-Video lässt einfach mal alle gleichzeitig laufen, was zu einer irgendwie faszinierenden Kakofonie führt.

Kategorien: Virals

Bier aus einem Wal-Fossil brauen

Von 6. Oktober 2014 um 14:41 Uhr

Der Hype um das Craft Bier nimmt bisweilen kuriose Züge an. Die Braumeister experimentieren mit Hopfensorten, mit Aromen und neuen Zutaten, um möglichst einzigartige Biere zu erschaffen. Einzigartig dürfte das Bone Duster Paleo Ale der Lost Rhino Brewery in jedem Fall sein, denn die Hefekulturen stammen von einem ausgestorbenen Wal, dessen Fossilien in einem Sumpf von Virginia entdeckt wurden.

Kein Witz: Ein Forscher (und Bierliebhaber) hat auf einem Wal-Fossil Hefe-Organismen entdeckt, diese vom Knochen abgekratzt und sie an einen befreundeten Mikrobiologen (und Bierliebhaber) geschickt. Zur Überraschung der Beiden konnten sie damit Bier brauen. Die Hefe ist zwar nicht ganz so potent und nimmt sich immer mal wieder eine Auszeit im Gärungsprozess, aber es funktioniert. Vermutlich stammt sie auch nicht aus der Zeit des Wals, sondern hat sich erst im Sumpf zu den Knochen gesellt, aber trotzdem: Fossil-Bier! NPR hat die Geschichte in ein wunderbar kurzweiliges Video gepackt.

(via)

Kategorien: Netzfilm

Netzfilm der Woche: “La Carnada”

Von 5. Oktober 2014 um 08:00 Uhr
© Josh Soskin

© Josh Soskin

Durchschnittlich sechseinhalb Meter hoch ist der Zaun, der weite Strecken der Grenze zwischen Mexiko und den USA befestigt. Seine Länge ist beachtlich, sein Nutzen dagegen umstritten. Etwa 5.000 Menschen starben seit dem Jahr 2000 während ihres Versuchs, diese Grenze zu überwinden. Ein paar von ihnen waren Drogenschmuggler aus Mexiko im Dienst der Kartelle, die meisten Migranten, die auf dem Weg durch die Wüste verdursteten oder im Rio Grande ertranken.

Der amerikanische Filmemacher Josh Soskin greift den Drogen- und Grenzkonflikt in seinem Kurzfilm La Carnada auf. Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Mexikaner Manny. Als seine große Schwester mit den letzten Ersparnissen der Familie abhaut und seiner Mutter die Medikamente ausgehen, sucht Manny nach Arbeit – und findet sie ausgerechnet bei einem zwielichtigen Freund der Familie. Der schickt Manny auf den Weg: durch ein Loch im Grenzzaun in die USA. Nur eine kleine Bestellung abliefern, sagt er. Einfach verdientes Geld.

La Carnada lohnt aus zweierlei Gründen. Zum einen besticht der per Crowdfunding finanzierte Film durch seine Bilder. Obwohl Soskin und sein Team auf einer gewöhnlichen Spiegelreflexkamera (wer’s genau wissen möchte: eine Canon 5D Mark III) filmten und die Körnigkeit in der Post-Produktion hinzufügten, ist die Qualität beeindruckend. Die Szenen aus Tijuana und der Wüste sowie die schauspielerische Leistung ließen auf ein höheres Budget schließen, als Soskin tatsächlich zur Verfügung hatte.

Zum anderen überzeugt La Carnada erzählerisch. In den zwölf Minuten gelingt es den Machern, sowohl die Geschichte von Manny und seiner offensichtlich zerrütteten Familie zu erzählen, als auch einen spannenden Plot aufzuziehen: Mannys Trip durch die Wüste wird mit jeder Minute beklemmender, sein Schicksal bleibt ungewiss bis zum überraschenden Ende.

Kategorien: Netzfilm der Woche

Kurzdoku: Ein Nachruf auf den Sprayer OZ

Von 4. Oktober 2014 um 12:38 Uhr

Am vergangenen Dienstag verstarb OZ, “Hamburgs schlimmster Schmierer”, wie ihn eine Boulevard einst nannte. Für andere war der Hamburger Sprayer mit seinem bewegten Leben eine Legende. Mehr als 120.000 mal sprühte er sein Tag an die Fassaden der Stadt. Den Behörden gefiel das gar nicht, doch OZ, 1950 als Walter Fischer geboren, ließ sich nicht stoppen: “Lieber sterbe ich als dass ich mit dem taggen aufhöre”, sagt er gegenüber Vocativ, die vor nicht allzu langer Zeit ein Interview mit OZ für eine Kurzdoku führten. Und die nun quasi ein Nachruf auf den Künstler geworden ist.

Kategorien: Dokumentation

“Crouching Tiger, Hidden Dragon”: Netflix ärgert die Kinobetreiber

Von 1. Oktober 2014 um 18:24 Uhr
© Netflix

© Netflix

Es gibt mal wieder Ärger in den amerikanischen Kinos. Der Grund sind nicht zu teure Eintrittskarten oder labbriges Popcorn, sondern die Streaming-Dienste, genau genommen Netflix. Das Unternehmen hatte unlängst bekannt gegeben, dass man sich mit dem unabhängigen Filmstudio Weinstein Company auf einen besonderen Deal geeinigt hätte: Im August 2015 erscheint der Nachfolger von Crouching Tiger, Hidden Dragon, Ang Lees preisgekröntem Wuxia-Film aus dem Jahr 2000. Und zwar nicht nur im Kino, sondern am gleichen Tag auch auf Netflix.

Crouching Tiger, Hidden Dragon: The Green Legend, so der komplette Titel, soll einer von mehreren kommenden Spielfilmen sein, die Netflix zeitgleich mit dem Kinostart in sein Angebot aufnimmt. Das ist eine mittelgroße Sache, denn die klassische Wertschöpfungskette sieht das eigentlich nicht vor. Filme von großen Studios und mit einem großen Budget kommen erst ins Kino, dann auf Blu-Ray und dann, irgendwann, darf auch ein VoD-Dienst um die Rechte buhlen.

Netflix umgeht dieses, viele sagen veraltete Modell der unterschiedlichen Veröffentlichungsfenster bewusst. Ähnlich wie es der Dienst mit TV-Serien und Dokumentationen bereits versucht und sich mit der Veröffentlichung seiner eigenen Serien gegen die traditionelle lineare Ausstrahlung widersetzt. Dass sich die größeren Filmstudios langsam den Online-Diensten öffnen, zeigte zu Beginn des Jahres der Fall von Veronica Mars. Der per Crowdfunding finanzierte Film erschien per Video-on-Demand und lief trotzdem in über 270 ausgewählten Kinos.

Zwei Kinoketten wollen den Film nicht zeigen

Es hätten mehr sein können, doch die Kinobetreiber sind hartnäckiger. Verständlich, schließlich ist es ihnen im Gegensatz zu den Studios nicht egal, ob die Menschen den Film zuhause oder im Kino gucken. Die beiden großen Kinoketten Regal Cinemas und Cinemark haben deshalb bereits angekündigt, das Sequel von Crouching Tiger, Hidden Dragon nicht in ihren Sälen zu zeigen (ebensowenig wie Veronica Mars): “Wir nehmen an keinem Experiment teil, an dem man das Produkt auf einem drei Zoll großen Bildschirm ansehen kann”, sagt ein Sprecher von Regal der New York Times.

Es ist ein Zitat, das die elitäre Einstellung der Kinobetreiber entblößt. Statt auf den Medienwandel zu reagieren, wird darüber entschieden, auf welcher Leinwandgröße die Filmfans gefälligst die Inhalte zu gucken haben. Streaming-Dienste? Nichts als Experimente.

Ob sich diese Einstellung rechnet, bleibt abzuwarten. Netflix und die Weinstein Company haben jedenfalls einen Vertrag mit Imax abgeschlossen. Das System wird in den USA wiederum vor allem in Kinos eingesetzt, die von den oben genannten beiden Ketten betrieben werden. Eigentlich darf Imax bestimmen, welche Filme auf ihrem System gezeigt werden, doch im Fall von Crouching Tiger, Hidden Dragon habe man die Rechte abgegeben, sagt ein Imax-Sprecher. Was das für den Film bedeutet, ist unklar. Für Veronica Mars hatte Warner komplette Kinos vorab angemietet.

Aber vielleicht will nächsten Sommer ohnehin niemand den Film mehr im Kino sehen. Mehr als 30 Millionen Netflix-Abonnenten in den USA sind schließlich auch ein großes Publikum. Und einige von ihnen haben bestimmt auch Bildschirme, die größer sind als drei Zoll.

Kategorien: Netzfilm

Netzfilm der Woche: “The Nobodies”

Von 28. September 2014 um 08:00 Uhr
The Nobodies

© Bluff City Productions

Greg Bratman und Dusty Brown kennen die Geschichte nur allzu gut: Jung, mittelgutaussehend, Außenseiter und notorisch missverstanden sucht Anerkennung in der großen Welt des Showbusiness – und landet doch nur bei Open-Mic-Nächten in den ranzigen Eckkneipen der Stadt. Die Karriere der beiden Musiker und Comedians, die sich bereits seit der High School kennen, begann nämlich ähnlich, bevor sie am New Yorker Improvisationstheater Upright Citizen Brigade erste Erfolge feierten. In ihrer langjährigen Show The Barrel Brothers spielten sie zwei Brüder aus Kansas, die in New York groß herauskommen wollten.

Eine klassische Außenseiter-Story erzählen Bratman und Brown auch in ihrem ersten Kurzfilm The Nobodies. In dem über Crowdfunding finanzierten Film spielen sich die beiden unter ihren eigenen Namen als zwei Musiker mit großen Plänen und kleinen Mitteln. Dusty ist der Ehemann einer erfolgreichen Sitcom-Darstellerin, die ihn in ihrer Sendung immer wieder auf die Schippe nimmt, während er bei seinen eigenen Auftritten nie einen Ton herausbringt. Greg ist ein Postbote, der nach sechs Jahren gefeuert wird und deshalb Abschied nehmen muss von den Menschen, die ihm auf seiner täglichen Route ans Herz gewachsen waren. Wie das Schicksal so möchte, treffen die beiden Außenseiter zufällig zusammen.

The Nobodies betritt erzählerisch kein Neuland, sondern punktet vor allem mit viel Charme. Ihr Versagen sowohl im zwischenmenschlichen als auch professionellen Bereich kontern die beiden Protagonisten mit sympathischer Verschrobenheit und liebevollem Losertum, mit dem sie sich am Ende nicht nur in die Herzen der Zuschauer spielen.

Trotz des kleinen Budgets konnten Bratman und Brown eine handvoll bekannter Schauspieler für The Nobodies gewinnen: In den Nebenrollen treten unter anderem die Comedians Tony Hale (Arrested Development) , Jack McBrayer (30 Rock), und Ellie Kemper (Bridesmaids) auf, was die beiden Protagonisten zusätzlich auf einer Meta-Ebene als Außenseiter erscheinen lässt – und gleichzeitig das Gegenteil beweist: Denn wer solche Namen für einen Kurzfilm zusammenbekommt, ist definitiv kein Nobody mehr.

Kategorien: Netzfilm der Woche

Kutiman: Sein Instrument heißt YouTube

Von 24. September 2014 um 08:52 Uhr
Give it Up Kutiman

© Screenshot

Für Ophir Kutiel beginnt dieser Abend im Jahr 2009 wie einer von vielen. Der israelische Musiker klickt sich auf YouTube auf der Suche nach Inspiration und Tipps durch Videos von Schlagzeugern, als ihm zum wiederholten Mal eine Archivaufnahme des legendären Drummers Bernard Purdie begegnet. Kutiel gefällt der Beat und er beginnt, das YouTube-Video mit seinem eigenen Bass und Keyboards anzureichern. Am nächsten Morgen hat Kutiel nicht nur einen neuen Song zusammen, sondern eine Idee: Was wäre, wenn er ein komplettes Album aus YouTube-Videos aufnehmen könnte?

Knapp zwei Monate später veröffentlicht Kutiel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Kutiman, das Projekt Thru You auf einer Website, die vom Design an das damals noch immer verhältnismäßig junge YouTube angelehnt ist. Sieben Songs hat Kutiman dafür aufgenommen, oder besser: zusammengemischt. Denn Thru You besteht allein aus den Einzelvideos von Hobby- oder semiprofessionellen Musikern: hier ein Drumbeat, hier ein Gitarren-Riff und dort eine geloopte Stimme, alles passgenau zusammengeschnitten in eine Melange aus Funk und Soul.

Thru You ist ein Erfolg für den damals 27-jährigen Kutiman, der bereits mit sechs Jahren Klavier spielte und später Jazz am Rimon Music College in Tel Aviv studierte. “Ich war darauf nicht vorbereitet”, sagt Kutiman heute, der es mit Thru You bis in die Feuilletons schafft und dessen Karriere durch das Projekt einen großen Schub bekommt, obwohl er zu dem Zeitpunkt bereits ein respektables Debütalbum veröffentlicht hatte.

Zwei Jahre später tritt er als Vorband seines Idols DJ Shadow in Tel Aviv auf, die Poprocker von Maroon 5 klopfen an und möchten einen Remix im Stile von Thru You. Kutiman reist um die Welt und bastelt neue Videos aus den Sounds von Tokio, Krakau und Jerusalem und spielt mit einem Streichorchester im New Yorker Guggenheim Museum.

Thru You Too heißt der Nachfolger

Jetzt, fünf Jahre nach Thru You, steht der Nachfolger des Projekts an. Vergangene Woche veröffentlichte Kutiman mit Give it Up den ersten Track von Thru You Too auf YouTube, ein zweiter folgte am Dienstag. Das komplette Album soll am 1. Oktober erscheinen – natürlich gratis im Netz, “dort kommt es her, dort gehört es hin”, sagt Kutiman.

Das Prinzip ist das gleiche, die Ergebnisse ähnlich faszinierend. Erneut gelingt es Kutiel, aus teilweise obskuren Einzelvideos zusammenhängende Lieder zu komponieren. Der erste Song Give it Up enthält unter anderem das Klavierspiel einer Sechsjährigen und den sanften A-capella-Gesang einer Frau, aufgenommen mit der Smartphone-Kamera.

Keine 20.000 Abrufe hatte das Video, bevor es Kutiman entdeckte. “Ich verbringe viel Zeit auf YouTube”, erklärt Kutiman gegenüber Billboard seinen Arbeitsprozess, “manchmal mache ich einfach 20 Browser-Tabs mit Bass-Spielern auf und höre, welches am besten passt.” Knapp vier Monate hat die Arbeit an Thru You Too gedauert.

Eine Hommage an die YouTube-Generation

Kutimans Ansatz ist nicht neu, folgt er doch der Tradition des Samplings, das vor allem im Hip-Hop und der elektronischen Musik seit Jahrzehnten verbreitet ist. Doch mit Thru You gelang es ihm mithilfe von YouTube, den Samples ein Gesicht zu geben. Denn tatsächlich entfalten die Songs erst gemeinsam mit den Videos, im Zusammenspiel mit dem Ausgangsmaterial ihre Wirkung.

In dieser Hinsicht sind Thru You und sein Nachfolger sowohl virale Meta-Mashups als auch eine Hommage an YouTube, das einen maßgeblichen Anteil an der jüngeren Remix-Kultur hat und noch weitere bekannte YouTube-Künstler hervorbrachte: Den Australier Pogo etwa, der mit seinen Disney-Mashups bekannt wurde. Oder Andrew Huang, der seine Lieder regelmäßig aus Alltagsgegenständen komponiert.

Wie seit jeher das traditionelle Sampling, bleibt das YouTube-Sampling allerdings nicht ohne Gefahren im Sinne des Urheberrechts. Denn Kutiman fragt die Urheber der Clips nicht um Erlaubnis, auch wenn er ihnen stets kollektiv dankt und die Credits unter den Songs mitliefert. Dennoch kritisierte die Cellistin, die in Give it Up vorkommt, zunächst, dass Kutiman ihr Video ungefragt verwendet hat. Inzwischen habe man die Sache aber besprochen und sie sei glücklich, ein Teil des Projekts zu sein, heißt es.

1,5 Millionen Abrufe zählt Give it Up bereits nach einer knappen Woche und lässt keinen Zweifel daran, dass Thru You Too ein ähnlicher Erfolg wird wie sein Vorgänger. Ophir Kutiel sind die Klickzahlen egal. “Es geht mir nicht um Geld”, sagt er. Überhaupt könne er schlecht Profit aus den Videos anderer Menschen schlagen. Dass er ihnen einen Teil seiner Karriere verdankt, ist schließlich schon genug.

Kategorien: Feature