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Was bedeutet die Ausrufung des Kalifats durch Isis?

 

Am gestrigen Sonntag, der nicht zufällig mit dem ersten Tag des Fastenmonats Ramadan nach dem islamischen Kalender zusammenfiel, hat die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (Isis) offiziell das Kalifat ausgerufen. Die entsprechende arabische Audiobotschaft sowie eine von Isis selbst verbreitete englische Übersetzung liegen mir vor. Es ist nicht möglich, alle Fragen sofort zu beantworten, die dieser Schritt aufwirft. Aber etwas Klarheit kann man schon in die sich nun sicherlich überschlagende Nachrichtenlage bringen.

1.- Ist diese Erklärung authentisch? 

Ziemlich sicher: Ja. Die entsprechenden Links zu der Audiobotschaft und der schriftlichen Erklärung wurden zunächst über offizielle Isis-Accounts bei Twitter verbreitet und dann auf dschihadistischen Websites zum Download bereitgehalten, die auf diese Art von Publikationen spezialisiert sind und seit Jahren authentisches Material von Isis (und anderen dschihadistischen Terrorgruppen) weiterverbreiten. Außerdem passen der Inhalt, der Tonfall und nicht zuletzt die Reaktion der Isis-Sympathisanten. Eine absolute Sicherheit kann es zu diesem Zeitpunkt nicht geben. Aber ich bin mir hinreichend sicher.

2.- Was steht in der Erklärung? 

Die Erklärung stammt vom offiziellen Sprecher von Isis. Die Botschaft holt sehr weit aus und beginnt mit Beispielen aus der Lebensgeschichte des Propheten Mohammed und der frühislamischen Geschichte, die allesamt auf das Thema Führung der Muslime und Ausrufung eines Gemeinwesens oder Staates hinauslaufen. Ich werde mich damit noch ausführlicher auseinandersetzen, aber die Hauptpunkte sind folgende:

– Ab sofort besteht ein Kalifat. Der neue Kalif (beziehungsweise Imam, was in diesem Zusammenhang weltlicher und geistlicher Führer der Gläubigen bedeutet) ist Abu Bakr al-Baghdadi, der schon jetzt Chef von Isis war.

– Isis heißt ab sofort nur noch “Der islamische Staat”.

– Alle Muslime weltweit werden aufgefordert, Abu Bakr die Treue zu schwören.

– Allen existierenden muslimischen Staaten wird die Existenzberechtigung entzogen. Das Kalifat will seine Grenzen ausdehnen

– Die Verschiebung der Ausrufung des Kalifats sei nicht zu rechtfertigen, da die religionsrechtlichen Bedingungen gegeben seien

3.- Was ist ein  Kalifat? Was ist ein Kalif? 

Nach dem Tod des Propheten Mohammed begannen die ersten Muslime mehr oder weniger unmittelbar darüber zu streiten, wer nun die Gemeinde der Gläubigen und den Stadtstaat führen sollten, die Mohammed hinterlassen hatte. Historisch geschah Folgendes: Als erste setzten sich hintereinander drei Prophetengefährten durch, die diese Rolle übernahmen. Sie wurden (zum Teil erst rückblickend, aber das vernachlässigen wir hier) Kalifen genannt, von arabisch Khalifa = Nachfolger (gemeint ist allerdings als Führer der Gläubigen, nicht als Prophet). Der vierte Kalif war Ali, der Schwiegersohn und Neffe des Propheten. Weil der Prophet keinen Sohn hatte, war Ali und waren dessen direkten Nachfahren die engsten Blutsverwandten – für eine Gruppe früher Muslime, die “Partei Alis” (woraus später die Schiiten wurde), konnten zukünftige Führer der Muslime nur aus dieser Linie stammen. Die meisten der übrigen Muslime (später: die Sunniten) befanden, es reiche, dass der Kalif jeweils aus dem Stamme des Propheten komme, den Kureish. Es ist aus diesem Grund, dass Isis-Chef al-Baghdadi seit Jahren den Namenszusatz “al-Kureishi” führt. Er suggeriert damit (ob zu Recht oder Unrecht weiß niemand genau), dass er diese Bedingung erfüllt. Der Kalif muss nach sunnitischer Auffassung außerdem gesund und gebildet sein und die Zustimmung der meisten Rechtsgelehrten auf sich vereinigen. Er ist theologisch gesprochen fehlbar.

In der Geschichte folgte auf Alis Kalifat das Kalifat der Ommayaden – einer Untersippe der Kureish. Sie residierten in Damaskus und machten das Kalifat zur Erbsache. Ihnen folgten die Abbasiden in Baghdad, die wiederum eine andere Untersippe der Kureish repräsentierten. Nach dem Fall Bagdads 1253 regierten pro forma weiterhin abbasidische Kalifen, aber unter Fuchtel der Mamluken in Kairo. Es folgte nach dem Fall von Byzanz das Kalifat unter osmanischer Oberherrschaft, bis es schließlich 1924 abgeschafft wurde.

Das Kalifat ist dem Ideal nach das Zusammenfallen von Reich und Religionsgemeinschaft; das war es historisch allerdings fast nie, und fromm waren auch nicht alle Kalifen. Es gab immer wieder auch Gegenkalifate, einen einheitlichen, alle Muslime umfassenden Staat gab es nur in der sehr, sehr frühen muslimischen Geschichte.

In der dschihadistischen Ideologie, der Abu Bakr al-Baghdadi entspringt, ist das aber sowieso egal – denn Dschihadisten akzeptieren einen großen Teil der muslimischen Geschichte sowieso nicht als wahrhaft muslimisch. Dasselbe gilt für die islamische Theologie des Mainstreams. Die Ausrufung des Kalifats knüpft daher nur sehr bedingt an das Jahr 1924 an. Es ist eher ein Neugründung – Isis würde sich ganz sicher eher auf die ersten vier Kalifen (also bis einschließlich Ali) als Vorbilder berufen als auf irgendeinen Kalifen danach.

Die Ausrufung des Kalifats ist eine Provokation für viele fromme Sunniten, die mit der dschihadistischen Ideologie nichts am Hut haben. Es ist auch eine Herausforderung für jene muslimischen Führer, die sich ebenfalls als Nachfahren Mohammeds und der Kureish betrachten – das gilt insbesondere für die Könige von Jordanien und Marokko (nicht für die saudischen Könige, die beanspruchen das nicht).

4.- Was bezweckt Isis? 

Ich vermute, dass die Isis-Führung im Zuge ihrer jüngsten ja tatsächlich gewaltigen Ausdehnung im Irak das Gefühl bekommen hat, über genügend Sympathien und Rückhalt in der muslimische Welt zu verfügen, um diesen Schritt zu wagen. Vermutlich erhofft Isis sich, dass Stämme, kleinere Städte etc. in verschiedenen muslimischen Ländern nun ihren Anschluss an das Kalifat erklären. Das würde in diesen Staaten Chaos auslösen – und Chaos mag Isis, denn es bedeutet, dass keine Kapazitäten mehr zur Verfügung stehen, um Isis zu bekämpfen.

5.- Wie sind die Reaktionen? 

Bisher haben vor allem Sympathisanten reagiert und sich geäußert. In den sozialen Netzwerken und auf den dschihadistischen Websites mit angeschlossenen Internetforen herrscht Hochstimmung. Es wird allerdings auch massive Propaganda und Agitation betrieben. Wie und ob Regierungen muslimischer Staaten reagieren werden, muss man abwarten. Einige könnten versuchen, das Ganze zu ignorieren und/oder für lächerlich zu erklären. Andere dürften versucht sein, die Deklaration zum Anlass zu nehmen, um für eine massive (eventuell kriegerische) Bekämpfung von Isis zu werben.

6.- Was jetzt? 

Die nächsten Tage werden bedeutsam sein. Auch die Reaktion von Al-Kaida zum Beispiel spielt eine Rolle: Schluckt das Terrornetzwerk seinen Stolz hinunter und schließt sich al-Baghdadi an, obwohl Al-Kaida sich im Kriegszustand mit Isis befindet? Führt die Ausrufung des Kalifats zu einer neuen Welle von Freiwilligen, die sich nach Syrien und in den Irak aufmachen? Wie reagiert die internationale Staatengemeinschaft?

Sicher ist, dass Isis gestern ziemlich viel riskiert hat. Die Dschihadisten sind sehr selbstsicher; ich vermute aber, dass sie die Sympathien, die unter Muslimen für sie bestehen, überschätzen.

23 Kommentare


  1. Man sollte diesen Auswuchs schnell im Keim ersticken indem man umfangreich interveniert um das Land bzw die friedliebende Welt und die friedliebenden Menschen in der Region von diesem Geschwür zu befreien. Wenn man nicht bald mit aller härte eingreift, wird sich dieses Übel namens ISIS noch weiter ausbreiten.

  2.   Pinkas

    Herr Musharbash! Vielen Dank für diesen Artikel!

    Nur eine Verständnisfrage:

    Ist das Vorgehen von ISIS nicht eine Provokation für ALLE gläubigen Moslems?


  3. “Bull”.
    Saddam hat damals zum “Heiligen Krieg” und zur “Muttewr aller Schlachten” aufgerufen.
    Diese “Aufrufe” sind nichts anderes als “Show” um noch mehr “Spinner” anzuwerben.

    Gegen eine organisierte Streitmacht, mit entsprechenden “Freiheiten” und der nötigen Logistik wären diese “Strauchdiebe” nichts audsrichten.
    Nur dann muss man eben bereit sein, das “Gejammer” auf CNN etc. ertragen.

    Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ISIS sich in Jordanien ausbreiten kann, solange die Stämme dort loyal zum König sind.

  4.   M.Ammar

    Dieses “Kalifat” hat keinerlei Legitimation. Als praktizierender Muslim lehne ich dieses auf Unterdrückung aufbauende Gebilde ab, weil es in keiner Tradition zu dem Propheten Mohammed steht.
    Viel mehr erinnert mich die ISIS an die Gewaltherrschaft der Ummayaden, die seinerzeit ebenso menschenunwürdige Verhältnisse schufen. Diese waren es auch, die die Nachkommenschaft des Propheten Muhammad auf brutale Art und Weise verfolgten und massakrierten – unter anderem auf dem Gebiet des heutigen Syrien und Irak. Die geistigen Nachkommen der Ummayaden machen auch heute keinen Hehl daraus, die Gräber und Gedenkstätten der Nachkommen Mohammeds auf diesem Gebiet dem Erdboden gleichzumachen.
    Der Märtyrer Hussain ibn Ali, Enkel des Propheten Mohammed, sagte einst: “Oh people, the Messenger of God said: Whoever sees an aggressive tyrant that legalizes the forbiddens of God, breeches divine laws, opposes the tradition of the Prophet, oppresses the worshippers of God, and does not concede his opposition to God in word or in deed, surely Allah will place that tyrant (in the Hell) where he deserves.”
    http://en.wikiquote.org/wiki/Husayn_ibn_Ali

  5.   Rammbock

    Guter Artikel.
    Gegen diese verrückten helfen nur Bomben. Und ja das meine ich Ernst, dann mit ihnen Reden kann man nicht.

  6.   Sunio

    Leider ist schon Punkt 1, ob die Erklärung zum Kalifat authetisch sei, absolut bodenlos begründet. Die ganze Erklärung von angeblich ISIS ist eben nicht sicher, sondern lediglich eine Twitter-Nachricht. Auf Twitter kann bekanntlich jeder einen Account eröffnen und posten. Die ersten Posts von ISIS Media Hub auf Twitter entstammen z.b. erst dem 3.11.13 – der ganze Account kann einem völlig anderem Urheber als Propaganda dienen, z.b. Assad, dem staatsterroristische Methoden bekannt sind, der ISIS unterstützte und durch eigene Offiziere unterlief und der bereits 2012 ankündigte, in Nachbarländern Kriege zu beginnen (siehe Links aus meinem letzten Beitrag).

  7.   chasar

    Kalifat ausgerufen????
    Wenn das so einfach wäre, dann hätten wir damals in Köln den Kalifen Herrn Kaplan gehabt.
    Ich sage mal den Schwachsinn was die Isis dort ausruft, können die selber nicht glauben.

  8.   Narses

    “Der Kalif muss nach sunnitischer Auffassung außerdem gesund und gebildet sein und die Zustimmung der meisten Rechtsgelehrten auf sich vereinigen.”

    Nach den religiös bedingten Mordorgien der letzten Wochen habe ich mit gesund und gebildet so meine Zweifel und ob die vielen Ayatollhas, egal welcher Richtung, da die Zustimmung geben, steht auch noch dahin.

    Ich hoffe nur, dass dieser vermutlich testosterongesteuerte Unsinn bald ein schlimmes Ende nimmt, den überwiegend friedlichen und konsensbereiten Moslems sei es von Herzen gewünscht, den unglücklichen Bürgerkriegsstaaten sowieso.


  9. Wieviele Mitglieder hat Isis Ihrer Meinung nach etwa?

  10.   Mordred

    Die meinen doch bestimmt:
    Alle SUNNITISCHEN Muslime….