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Georg W. F. Hegel: Subjekt-Objekt-Dialektik

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Hegels Subjekt-Objekt-Dialektik für Einsteiger
© Juliette Lasserre/Getty Images

Herr, Knecht und Arbeit

  • Nehmen Sie sich zehn Minuten Zeit und setzen Sie sich mit etwas Knete an einen Tisch. Alternativ können Sie auch einen Stift und ein Blatt verwenden. Sie brauchen keine weiteren Werkstoffe oder Gegenstände. Beschäftigen Sie sich mit dem, was vor Ihnen liegt.

Vielleicht haben Sie in den vergangenen Minuten etwas zu Papier gebracht oder geknetet. In diesem Fall überlegen Sie sich: Was haben Sie da produziert? Woraus besteht es? Warum haben Sie genau dies produziert und nichts anderes? Anders ausgedrückt: Was sagt das Produzierte über Sie aus?

Überlegen Sie nun: Wie stehen Sie im Verhältnis zum produzierten Ding?
Diskutieren Sie diese Frage mit anderen Lesern.

Möglicherweise halten Sie die Feststellung für trivial, dafür dürfte sie aber unmittelbar einsichtig erscheinen: Als Sie gerade etwas produziert haben, waren Sie Subjekt und Ihr Werkstück war das Objekt Ihres Handelns. Nun können Sie sich zurücklehnen und auf das Werkstück blicken. An ihm erkennen Sie die investierte Arbeit und können feststellen, dass Sie selbst diese Arbeit investiert haben.

Wenn Sie Ihre Aufgabe erfolgreich erledigt haben, sieht so vielleicht Ihre Arbeit aus. © Science & Society Picture/Getty Images
Wenn Sie Ihre Aufgabe erfolgreich erledigt haben, sieht so vielleicht Ihre Arbeit aus.
© Science & Society Picture/Getty Images

Dies ist eine Seite der Dialektik von Herr und Knecht: Der Knecht erkennt sich erst durch seine Arbeit als selbstständig, also wenn er etwas anderes als von sich verschieden setzt. Dazu muss er etwas mit dem Gegenstand tun, also ihn bearbeiten. In einem sehr weiten Sinne könnte das heißen: Ich denke über etwas nach – daran erkenne ich, wie ich über den Gegenstand denke. So erkenne ich mich als selbständiges Subjekt. Oder ich arbeite, dadurch erkenne ich, dass ich es bin, der gearbeitet hat. Dieser Gedanke aus der Phänomenologie des Geistes von Hegel ist ein Baustein für viele spätere philosophische Positionen. Er taucht auf in der Soziologie, bei den französischen Existenzialisten und bei Adornos Definition von Aufklärung.

Ein Originalauszug der Kernstelle des Textes von Hegel beschreibt die Arbeit des Knechts auf Seite 52:  „Die Arbeit hingegen ist gehemmte Begierde, aufgehaltenes Verschwinden, oder sie bildet. Die negative Beziehung auf den Gegenstand wird zur Form desselben, und zu einem Bleibenden; weil eben dem Arbeitenden der Gegenstand Selbständigkeit hat. Diese negative Mitte oder das formierende Tun ist zugleich die Einzelnheit oder das reine Fürsichsein des Bewußtseins, welches nun in der Arbeit außer es in das Element des Bleibens tritt; das arbeitende Bewußtsein kommt also hierdurch zur Anschauung des selbstständigen Seins als seiner selbst.“

Hegel belässt es nicht ausschließlich bei der Dialektik von Arbeitendem und Gegenstand, also Subjekt und Objekt. Er erweitert zusätzlich zur Subjekt-Objekt-Dialektik das Szenario um zwei Rollen: Derjenige, der arbeitet, hat in Hegels Gedankenexperiment die Rolle des Knechts und arbeitet auf Anweisung eines Herrn. Diesem Herrn stellt sich das Produkt der knechtischen Arbeit nicht als Arbeitsgegenstand dar. Denn in dem Moment, in dem der Knecht am Ding arbeitet, muss der Herr dies nicht tun. Folglich kann der Herr das Produkt nur nutzen. Der Knecht jedoch hat sich in der Arbeit seine Selbständigkeit als Subjekt gegenüber dem Ding, dem Objekt, zur Anschauung gebracht. Diese Möglichkeit entgeht dem Herrn, da er ja nicht am Ding arbeitet. Während der Herr also passiv bleibt und lediglich konsumiert, hat der Knecht die Möglichkeit, sich selbst als ein Arbeitstätiger zu erkennen.

Bleiben wir jedoch noch bei der Subjekt-Objekt-Dialektik im ersten Sinne. Wir können die Dialektik auf die Gestaltung des eigenen Lebens und die eigene Identität übertragen:

  • Erörtern Sie: Ab wann kann ich überhaupt davon sprechen, Bestimmer über mein eigenes Leben zu sein?
  • Der Autor dieses Textes hatte Ihnen zu Beginn einen Arbeitsauftrag gegeben. Überlegen Sie im Sinne der Herr-Knecht-Dialektik, wer von Ihnen nun der Selbständigere mit Bezug auf die Knetleistung ist.

Loriots Kosakenzipfel

  • „Jodelschnepfe! Winselstute!“: Bei späteren Autoren tritt der Entwurf des eigenen Lebens als „Objekt“ der Arbeit auf. Betrachten Sie das Video von Loriot und erörtern Sie: Welche Personen können sich als Subjekt ihres Handelns verstehen? Woran erkennen wir dies?
    Diskutieren Sie diese Fragen im Kommentarbereich.

Weitere Materialien zu Hegel:

  • Hegel: Einführung in sein Denken (Quelle: youtube.de)

  • Marx und die Hegelsche Dialektik (Quelle: youtube.de)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Biografische Daten

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831), Philosoph, einer der wichtigsten deutschen Idealisten.

Tabellarische Biografie (Quelle: Zeno.org)

Ausführliche Biografie (Quelle: deutsche-biographie.de)

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13 Kommentare

  1.   Versager

    In völliger Verkehrung Hegel’scher Dialektik fassen die weitaus meisten Zeitgenossen nach wie vor das unveräußerliche Subjekt des Einzelnen als ein ihnen zugehöriges Objekt mit der Folge auf, dass deren Praktiken einzig die Flucht kennen, jegliche Subjektivität ohne Rest zu zerstören. Aufgrund von dessen naturgegebener Vielfältigkeit bleiben solche Unterfangen allerdings stets perspektivlos und vergeuden lediglich mit aller Macht die zu jeder Zeit immer nur begrenzt verfügbaren Ressourcen insbesondere an menschlicher Arbeitskraft. Fraglich daher, warum nicht darin innegehalten wird, besagte Vorhaben, denen von vornherein jegliche Aussicht auf Erfolg mangelt, zu wiederholen.


  2. Wie kommt der Autor zu der irrigen Auffassung, der „Gegenstand der sinnlichen Gewißheit“ habe etwas mit einem Arbeitserzeugnis zu tun?

  3.   adio

    Kein Hegel-Kenner – und auch ohne die Videos bereits zur Kenntnis genommen zu haben – habe ich hier verstanden, dass ich meine Subektivität, mein grundsätzlich stets offenes ‚Anders-Sein‘, gerade in der je selbstkritischen Abgrenzung zu meinen eigenen Produktien erkennen kann.
    Das empfinde ich als hilfreichen und weiterführenden Ansatz.

  4.   Dieterf

    Zitat: „Das Subjekt kann sich erst als Subjekt erkennen, wenn es etwas anderes als von sich verschieden setzt.“

    Philosophen wie Manfred Frank und Dieter Henrich haben meines Erachtens schlüssig gezeigt, dass Hegels Selbstbewusstseinstheorie unhaltbar ist. Sie kommt nicht los vom irreführenden Reflexionsmodell und erkennt nicht, dass ein vor-propositionales Ich angenommen werden muss, das sich unmöglich in etwas anderem als sich selbst erkennen kann, ohne dass dieses Ich schon als existierend und mit sich als sich vertraut vorausgesetzt werden muss. Auch Fichte hatte das bereits erkannt.

  5.   edgar

    Nur mal so als Beispiel:
    „Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend, systematisch und definitiv zu deuten. Sein philosophisches Werk zählt zu den wirkmächtigsten philosophischen Werken der neueren Philosophiegeschichte.“

    Also mit den Studien über Hegel kann man wahrscheinlich sein Leben zubringen – wenn man es möchte, wobei ich es dann doch eher mit Popper halte der:
    „allerdings auch in seinem Spätwerk bei seiner ’negativen Einstellung‘ gegenüber Hegel und hielt bis zu seinem Tode an seiner Fundamentalkritik an Hegel fest, die er vor allem im zweiten Band von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde zum Ausdruck brachte.“

    Wenn eine Kolumne wie die hier aufgetischte nun etwas über Hegel aussagen möchte, mit einem (!) Zitat (aus tausenden von schwer verständlichen Pamphleten), kann es sich nur um Volksverdummung handeln.

    Beide Zitate aus wiki.


  6. Ich habe mal eine Weile bei sehr ursprünglichen Menschen gelebt. Die haben also keinen Arbeitgeber gekannt. Und auch keine Produkte geschaffen. Waren sich ihrer Selbst aber genauso bewusst wie ich.
    Wenn ich das hier richtig verstanden habe, widerspricht das doch Hegel, oder?

  7.   Oyamat

    @ 6, ralfralf

    Ich kann mir schwer vorstellen, daß irgendwelche Menschen keine „Produkte“ schaffen – wenn man „Produkt“ als „etwas vom Menschen absichtlich Verändertes“ versteht, nicht als Handelsware.
    Machen „sehr ursprüngliche Menschen“ keine Mahlzeiten? Das wären schon „Produkte“ im hegel’schen Sinne.

    Viel interessanter sind da querschnittsgelähmte Menschen bzw. auf andere Weise stark körperlich eingeschränkte. Die sind sich ihrer selbst dennoch bewußt – womit Hegel in meinen Augen schon ziemlich widerlegt ist.

    MGv Oyamat

  8.   MB

    @Oyamat

    Aus dem Text: „Zum Beispiel kann das heißen: Ich denke über etwas nach – daran erkenne ich, wie ich über den Gegenstand denke.“

    Selbst querschnittsgelähmte Menschen können über Dinge reflektieren, also produzieren auch Produkte in ihrem Verstand. Ich denke, es gibt keinen Menschen, der nicht im Hegel’schen Sinne Produkte erschaffen könnte, ob sie nun geistiger oder körperlicher Natur sind.


  9. Hm, einige der Kommentatoren interpretieren, glaube ich, Begriffe wie „Produkt“ oder „Arbeit“ etwas zu konkret. Hegel verwendet diese Begriffe in einem sehr viel allgemeineren, grundlegenderen Sinn – worin „Arbeit“ jede Form von Tätigkeit bedeutet, in welcher der Mensch, das Subjekt, mit der ihn umgebenden Welt als Objekt umgeht.

    (Wobei dieses Subjekt zumindest in meinem Verständnis nicht an einer Selbstreflektions-Endlosschleife definitorisch zugrundegeht, sondern das „Ich“ als Identität sich überhaupt erst durch ein „Nicht-Ich“ setzen lässt. Konkret ausgedrückt: erst indem ich beispielsweise blonden Menschen begegne, fällt mir auf, daß ich schwarzhaarig bin.)


  10. Ich begrüße die Absicht Philosophie einem breiteren Publikum zu vermitteln und weiss um die enorme Schwierigkeit komplexe Gedankengebäude auf das Wesentliche herunterzubrechen ohne dem Original Gewalt anzutun. In diesem Fall scheint mir das Ziel aber aus zwei Gründen verfehlt:

    1. Hegel setzt die Arbeit am Objekt nicht für die Entstehung des Geistes voraus. Das war Marx.
    Seinen Ursprung hat das Subjekt bei Hegel in der sinnlichen Gewissheit. Es geht also primär um Erkenntnis, nicht um Handlung.
    2. Der „gedoppelte Gegenstand“ in der zitierten Textstelle, der zusammen mit der negativen Erfahrung des Selbst einen Widerspruch konstituiert, ist ganz bestimmt nicht ein Gegenstand wie Knete, sondern das Bewusstsein eines anderen Menschen. (Gegenstand ist hier allgemeiner als „Gegenstand der Erfahrung“ gemeint.) Hegel hat eine Entstehung des Selbstbewusstseins an Dingen ausgeschlossen. Es bedarf notwendig eines anderen Menschen, der als seinesgleichen aufgefasst wird, um Selbstbewusstsein zu erlangen. Nur so kann dieser Widerspruch aufgehoben werden und das Subjekt sich positiv erfahren. So heisst es im ersten Satz zum Abschnitt über Herrschaft und Knechtschaft: „Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem, und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes.“ An die Feststellung, dass dies in der Regel missglückt, knüpft eigentlich die Theorie von Herr und Knecht an.