Wir müssen reden. Über Nazis.

Studie ermöglicht Blick in den Abgrund

Von 3. Juli 2008 um 16:15 Uhr

Einer kürzlich veröffentlichten Studie  mit dem Titel »Ein Blick in die Mitte« zufolge, ist eine rassistische, antidemokratische und autoritäre Gesinnung für einen großen Teil der Deutschen selbstverständlich. Leider gingen die erschütternden Ergebnisse der Studie, welche von Elmar Brähler und Oliver Decker  im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde, in der allgemeinen EM-Euphorie nahezu unter.

Die Ergebnisse sind erschreckender Beleg dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus notwendiger denn je ist. Die extreme Rechte hat sich mit ihrer Ideologie offensichtlich im Zentrum der Gesellschaft verankern können.


Bereits vor zwei Jahren gab es eine repräsentative Umfrage »Vom Rand in die Mitte«, die eine drastische Zunahme von Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus belegte: 37 Prozent der Befragten meinten, dass Migranten nur nach Deutschland kämen, um »unseren Sozialstaat auszunutzen«. Etwa 39 Prozent fanden »Deutschland von Ausländern überfremdet«. Jeder vierte sehnte sich nach einer »einzigen starken Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert«.
Die neue Untersuchung sollte nun zeigen, wie diese Einstellungen zustande kommen. Dafür wurden an mehreren Orten in Deutschland Diskussionsrunden organisiert. Die Teilnehmer sprachen dabei ihre rassistischen Vorurteile mit einer solchen »besorgniserregenden Selbstverständlichkeit« aus, dass die Wissenschaftler an ihren früheren Ergebnissen zweifelten. »Offenbar wurde die Ausländerfeindlichkeit in der ersten Studie unterschätzt«, sagte die Psychologin und Co-Autorin der Studie, Katharina Rothe.

Weiter herrscht generell ein großes Unwissen und Unverständnis über die Möglichkeiten der Mitwirkung in einer Demokratie, verbunden mit einer Geringschätzung des demokratischen Systems an sich. Viele der jungen Leute hofften auf “irgend einen Führer”, weil es so nicht mehr weitergehen könne.

Studie bestätigt Trend

Die Ergebnisse decken sich unter anderem mit denen der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ von Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld. Seit Jahren steige demnach eine »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«, wer nicht ins Raster passe, werde verachtet und gehasst. Die Ergebnisse der neuen Studie bestätigen auch, was zuvor bereits einfache Statistiken gezeigt haben: Es gab beispielsweise während der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren eine deutlich höhere Zahl rassistischer Angriffe als sonst – nur wurden sie kaum zur Kenntnis genommen, weil diese Zahlen nicht zum so genannten »Sommermärchen« passten. Der im Feuilleton allgemein als unbedenklich bewertete »Party-Patriotismus« hat offenbar nicht dazu geführt, dass der Rassismus abnimmt, wie etliche damals prognostizierten. Vielmehr wird Rassismus heute augenscheinlich offener formuliert als je zuvor – was laut Heitmeyer durchaus mit einem generell gestiegenen Nationalstolz zusammenhänge.

Erklärungsversuche

Um diese Entwicklung zu erklären, zitieren Brähler und Decker aus »Die Unfähigkeit zu trauern« von Alexander und Margarete Mitscherlich. Demnach trat an die Stelle des »kollektiven Narzissmus«, der durch den Zusammenbruch des Nationalsozialismus schwer geschädigt wurde, »der wirtschaftliche Aufschwung, das Bewusstsein, wie tüchtig wir sind«. Antidemokratische Einstellungen seien damals wie in einer Plombe verschlossen worden. Mit der zunehmenden Angst vor dem sozialen Abstieg öffne sich die Plombe wieder – und setze auch die autoritären und rechtsextremen Ansichten frei.

Verankert im Osten wie im Westen

Auffallend ist, dass der Studie zufolge rechtsextreme Ansichten in allen Teilen Deutschlands weit verbreitet sind – im Westen sogar noch stärker als im Osten. Das wirkt angesichts der jüngsten Wahlerfolge der NPD in Sachsen zunächst befremdlich. Die Autoren erklären aber die Feststellung damit, dass sie nicht die Handlungen, sondern die zugrunde liegenden Haltungen untersucht haben. Für die potentiellen Opfer des Rassismus ist natürlich der Unterschied zwischen einer Einstellung und einer Handlung existenziell. Die Wahrscheinlichkeit, an einem brandenburgischen Baggersee von rechtsextremen Schlägern malträtiert zu werden, ist für Migranten ungleich höher als zum Beispiel an einem See in Bayern – selbst wenn die Vorurteile in beiden Bundesländern in gleichem Maße verbreitet sind.

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] Vom Rand in die Mitte Jeder, der sich eingehender mit der Materie befasst hat, weiß, dass die Immigration für Deutschland existenznotwendig ist. Ohne Einwanderer unterschiedlichster Herkunft, Religion etc.  wäre unsere Volkswirtschaft nicht mehr funktionsfähig. Umso erschreckender, dass die meisten Deutschen das Gegenteil für richtig halten: 37 Prozent der Befragten meinten, dass Migranten nur nach Deutschland kämen, um »unseren Sozialstaat auszunutzen«. Etwa 39 Prozent fanden »Deutschland von Ausländern überfremdet«. Jeder vierte sehnte sich nach einer »einzigen starken Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert«. (Störungsmelder) [...]

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  2. 2.

    Also “Studien” der FES sind ja nun wirklich nicht das vom Steuerzahler zwangsfinanzierte Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden. Schließlich steht da vorher schon fest, was hinterher nur rauskommen darf. Dementsprechend werden dann die Fragen formuliert.

    Mit Methoden wie denen der FES könnte man auch jedem ‘ne linksextreme Gesinnung andichten. Ohnehin deutet das Profil der Politikverdrossenen an, bei welchen Parteien die zu Hause sein dürfen. Schließlich wollen sie genau das, was auch SPD, SED und NPD. Wenn die NPD bundesweit aber bei einem Prozent rumgammelt, wo ist dann wohl der Rest der Leute, die sich laut Studie mehr Umverteilung wünschen? Es hat schon einen Grund, warum “Studien” der FES zu “Rechtsextremismus” etc Auskunft über jeden Scheiß geben, aber nicht über die Parteizugehörigkeit- bzw. -Präferenz. Da hätte man wohl plötzlich massenhaft “Rechtsextremisten” in den linken Parteien.

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    • 4. Juli 2008 um 04:15 Uhr
    • Marco
  3. 3.

    Die Studie der FES ist von vornherein mit tentenziösen Fragestellungen gestellt worden – auch eine klare Begriffsdefinitionen ermangelt diese Studie.
    Diese Studie kann man kaum als wissenschaftlich bezeichnen, sondern ist viel mehr in einem politischen Kontext einzuordnen um bestimmte Ergebnisse eben für politische Strömungen – hier: linke SPD – zu belegen.

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    • 4. Juli 2008 um 11:21 Uhr
    • Zagreus
  4. 4.

    Mit diesen Studien ist es doch so eine Sache.
    Ich habe noch nie einen Politiker erlebt, der nicht eine Studie aus dem Ärmel zaubern kann, die seine momentane Position stützt und genausowenig hat jemals ein Politiker eine Studie anerkannt, die seiner Linie widerspricht.
    Betrachten Sie doch die Debatte um die Ausländerkriminalität. Es gibt Studien basierend auf der gleichen Datenbasis, die zu völlig konträren Ergebnissen kommen, auch ganz andere Zahlen präsentieren.
    Auch im sozialwissenschaftlichen akademischen Bereich ist noch nie ein Streit wirklich wissenschaftlich entschieden worden!
    Ich selber habe einmal das Entstehen einer Auftragsstudie miterlebt und kann nur sagen: Papier ist geduldig!
    Es ist ohne weiteres möglich, zu jeder Ansicht eine Studie zusammenzuzimmern, die diese stützt.

    Zurück zur Studie des FES: Ich habe sie nicht gelesen, kenne nur die vermeintlich erschreckenden Ergebnisse, die gerade von der Zeit herausposaunt werden und die glaube ich einfach nicht. Es wird zum Beispiel behauptet, 12% der Deutschen verträten folgende Ansicht: „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“.
    Was für ein Schwachsinn! Noch nie habe ich jemanden so etwas sagen hören!

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    • 4. Juli 2008 um 12:37 Uhr
    • Quasimodo
  5. 5.

    Um die Seriösität dieser Studie zu beleuchten, wäre das Interview mit Prof. Klaus Schroeder (FU – Soziologie) hilfreich, und sich einmal anzuuhören, was dieser bezügl. der Studie meint – zu hören auf dem Deutschland-radio
    Quelle:
    http://www.dradio.de/aod/html/?station=1&;

    Auch ich habe diese Studie etwas gelesen – z. b. wird rassismus nicht klar definiert, es wird wirklich alles hineingepresst usw…
    Diese Studie ist selbst ein propaganda-massnahme und fördert mehr Rechtsextremismus als das sie einen positiven beitrag gegen rechtsextremismus darstellt.

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    • 4. Juli 2008 um 12:58 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    Korektur – Prof. Schroeder ist nicht Soziologe, sondern Politikwissenschaftler an der FU-Berlin.

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    • 4. Juli 2008 um 13:00 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    Gehen wir doch mal an einer anderen Seite ran.
    Tatsache ist nun mal, dass es in Deutschland immer weniger Tüchtige gibt, und immer mehr Leute, die zu nützlicher Arbeit einfach unfähig sind. Die können sich Mühe geben wie sie wollen (was die meisten aus dieser Gruppe jedoch nicht tun), die kriegen nichts gebacken. Für solche muss die Gesellschaft aber auch aufkommen.
    Das, und nichts anderes, ist der Grund für diese unendlichen “Studien”. So wird nämlich “begründet”, warum immer mehr und dann noch mehr steuerfinanzierte Sessel geschafften werden müssen.
    (…)

    Dass die einfache Plausibilitätsprüfung die Falschheit all dieser “Studien” sofort aufzeigt, stört nicht im Geringsten.
    Denn die Falschheit dieser “Studien” wurde schon jahrzehntelang aufgezeigt, was aber die Pfründe raffgierigen Mitglieder der Helfer-, Gerechtigkeits- und Antifa-Industrie nicht im geringsten geschmälert hat.

    Hallo Wanderfalke, wir haben einen Teil deines Beitrags gelöscht, weil er gegen die Blogregeln verstoßen hat. // Mod. JT

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    • 6. Juli 2008 um 10:40 Uhr
    • Wanderfalke
  8. 8.

    Schade, bisher habe ich mir den Störungsmelder immer ganz gerne durchgelesen, da er sich angenehm vom weit ferbreiteten, salopp gesagt, “Nazi-Bashing” abhebt indem er sich leger aber differenziert mit dem Thema auseinandersetzt. Ein Essay wie dieser stellt das in Frage.

    Wer den Leuten sagt, daß sie rechtsextrem sind, sagt ihnen auch, daß Rechtsextremismus das ist was sie selber sind; und daher unbedenklich. Und er kann die Solidarisierung der Mitte mit den Extremisten als Mobbingopfer bewirken.

    Die Beispiele sind offensichtlich:

    “39 Prozent fanden »Deutschland von Ausländern überfremdet«.” – Hier wurden die Leute zu einem inhaltsleeren Statement befragt, das weder mit der Meinung über Ausländer noch mit dem Umgang mit Ausländern in einem direkten Zusammenhang steht.

    “Jeder vierte sehnte sich nach einer »einzigen starken Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert«.” – In Bayern gibt es diese einzige starke Partei und sie ist demokratisch legitimiert. Nicht von jedem vierten sondern von jedem zweiten und mehr. Daß die Ebertstiftung ihre bedenken hat stelle ich nicht in Frage.

    “[...]Vielmehr wird Rassismus heute augenscheinlich offener formuliert als je zuvor – was laut Heitmeyer durchaus mit einem generell gestiegenen Nationalstolz zusammenhänge.” – Abgesehen daß ich bezweifle daß Rassismus mit irgendeinem Stolz zusammenhängt bedeutet offeneres Aussprechen von Rassismus nicht daß es mehr davon gibt; sondern daß die Chance steigt Rassismus bei einzelnen, vermutlich nicht stolzen, selbstbewusten, aber nach vorherrschender christlicher Doktrin grundsätzlich liebenswürdigen, Mitbürgern dialektisch kleinzuholzen.

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    • 6. Juli 2008 um 12:02 Uhr
    • jetrca
  9. Kommentar zum Thema

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