Wir müssen reden. Über Nazis.

Nazimorde runtergerechnet?

Von 11. Dezember 2008 um 15:10 Uhr

Auf eine kleine Anfrage der Bundestagspräsidentin Petra Pau und der Linksfraktion, äußerte das Bundesinnenministerium, dass seit der Wiederveinigung 1990 bis Ende 2007 die Polizeien der Länder dem Bundeskriminalamt „insgesamt 40 Todesopfer politisch rechts motivierter Gewalt gemeldet“hätten. Also seien jedes Jahr durchschnittlich mindestens zwei Menschen von Rechtsextremisten oder Rassisten ermordet worden.

Abgesehen davon, dass diese Zahlen schon erschreckend genug sind, so verwundern sie doch: Das BKA hatte vor drei Jahren selbst noch von 41 Todesopfern gesprochen. Eine Chronik des “Stern”-Projekts “Mut gegen rechte Gewalt” dokumentiert in einer erschreckenden Liste der Nazigewalt sogar 130 Morde seit dem Mauerfall bis 2005…

Es gebe einen “eklatanten und zunehmenden Widerspruch” zwischen den Zahlen, die Journalisten und Initiativen ermittelt haben, und den Zahlen des Bundesinnenministeriums, sagte Pau am vergangenen Mittwoch. Außerdem sei “auf wundersame Weise” aus der amtlichen Statistik ein Tötungsdelikt verschwunden, das 2005 noch registriert war.

Welches Tötungsverbrechen aus der Statistik herausgefallen ist, war am Mittwoch offiziell nicht zu erfahren. Laut einem Artikel im Tagesspiegel handelt es sich um den Fall des im März 2005 in Dortmund von einem Skinhead erstochenen Punks. Das Landgericht hatte im November 2005 im Urteil gegen den Täter einen politischen Hintergrund des Angriffs verneint.

Unverständnis bei Opferinitiativen

Dass die Bundesländer lediglich 40 Tote melden, sei “vollkommen unverständlich”, sagte Dominique John, Mitarbeiter des Potsdamer Vereins Opferperspektive und ehemaliger Koordinator der Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt in Berlin und den neuen Ländern. Die Zahl mache ihn “sprachlos”. Er schätze, dass seit Oktober 1990 “deutlich mehr als 120 Menschen” bei Angriffen rechts motivierter Täter ums Leben gekommen sind. Und John ist sich mit Pau einig: Um die Realität zu dokumentieren, sei eine “unabhängige Beobachtungsstelle” notwendig, die sich mit Rechtsextremismus bis hin zur einschlägigen Kriminalität befasst.

Aktuelle Fälle – Ähnliches Muster

Die Linksfraktion hatte in ihrer Anfrage auch vier Tötungsverbrechen aus diesem Jahr erwähnt. Es ging um zwei Fälle in Sachsen-Anhalt und je eine Tat in Berlin und Brandenburg (z.T. habe ich hier darüber berichtet). Bei den Beschuldigten gibt es Indizien für eine rechtsextreme oder, im Berliner Fall, zumindest rassistische Gesinnung. Die vier Taten haben die Landeskriminalämter nicht als rechtsextrem motiviert gemeldet. Die strafrechtlichen Verfahren sind noch im Gange. Die Fälle im Einzelnen werden im NPD-Blog-Info aufgelistet und machen dort einen deutlich anderen Eindruck

Eine unabhängige Beobachtungs- und Dokumentationsstelle scheint angesichts dieses “Runterrechnens” und “Kleinredens” mehr als angebracht zu sein.

An dieser Stelle noch ein guter Tip, um den Naziterror in der eigenen Schule, dem eigenen Jugendzentrum oder im Rathaus zum Thema zu machen: Eine Wanderausstellung dokumentiert die erschütternde Chronik von Nazimorden und kann hier angesehen und gebucht werden

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 177.

    die statistik 2009 wird sich schnell füllen, denn in Sachsen mehren sich in letzer zeit rechtsextremistische Angriffe auf Polizei-Beamte. wie Landespolizeipräsident Bernd Merbitz sagte, seien allein 2008 bisher zehn solche taten registriert worden. 2007 waren es nur vier. Auch der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Matthias Kubitz, spricht von einer „steigenden tendenz“. (SZ/ts 16-12-08)

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    • 24. Januar 2009 um 17:13 Uhr
    • bichette
  2. 178.

    frau/man sollte sich die neue entwicklung der facho-macho-szene und die steigende tendenz der nazi-straftaten in der statistik nicht sorglos betrachten.

    seit 21.1.09 muss sich ein neo-nazi aus dem Vogtland am Amtsgericht Dresden verantworten. Daniel L. (20) soll bei einer neo-nazi-demo im juni 2008 am Neustädter bahnhof einen mitarbeiter (47) des Ordnungsamts lebensbedrohlich verletzt haben. lt. anklage hatte er den uniformierten Jens U. umgestoßen und dann auf ihn eingetreten – vor allem in die rippen und auf den kopf. L. wurde sofort gestellt und saß zwei monate in u-haft.

    die steigende tendenz, die auch die GdP nicht überrascht, muss zu härteren massnahmen gegen die neo-nazis führen.

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    • 25. Januar 2009 um 09:28 Uhr
    • bichette
  3. 179.

    facho-macho-szene Was bitte ist das denn?

    “Steigende Tendenz muss zu härteren Massnahmen gegen die neo-nazis führen” – da wir in einer Demokratie leben wird die Erfüllung dieses Wunsch wohl ausfallen.
    Jede Straftat führt, so aufgeklärt und verurteilt, zu der per Gesetz möglichen Bestrafung. Eine (tendeziell) härtere Bestrafung ist allenfalls vorgesehen, wenn die “persönliche Straftatentendenz steigt”, sprich Wiederholungstäter werden (im Rahmen des gestzlichen Strafmaßes) schon mal härter bestraft als Ersttäter. Eine steigende Tendenz von Straftaten aus einer sozialen, politischen oder sonstwas Gruppe führt nicht zur Änderung der Bestrafung des Einzelnen für seine Tat.
    Vor der Tat härtere Maßnahmen zu ergreifen kann sich bestenfalls recht allgemein gegen mutmaßliche Tätergruppen richten. Da es um künftige (noch nicht begangene) Straftaten oder allgemeine Ermittlungen im Umfeld (vermeintlicher) Täter geht, sind harte Maßnahmen ausgeschlossen (wir sind ja nicht bei Gedankenpolizei a la minority report & Co., auch wenn manche sich das wohl wünschen). Eine Hausdurchsuchung mehr, 5 Schlagstöcke, 3 Messer weniger. Allerdings dürfte der erzieherische Effekt eher ausbleiben und der fehlende Schlagstock ist ja nicht sonderlich straftatenhemmend.
    PS: Die steigende Tendenz in der Statistik ist immer noch (und wie oft genug belegt s. 144) Unsinn. Wird auch durch Dauerwiederholung nicht besser.

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    • 26. Januar 2009 um 08:56 Uhr
    • Nele
  4. 180.

    hier haben wir sie wieder: die verniedlicher von neo-nazi-straftaten. statistiken als unsinn runterrechnen, neonazi-wiederholungstäter am besten freisprechen und auf keinen fall in die statistik aufnehmen…..

    anhänger zukünftiger totalitärer regimes versuchen alles, um in der demokratie ihre vorteile zu genießen, um später umso radikaler vorgehen zu können. facho-machos ziehen dies dann durch, ohne rücksicht auf ihre vorher ach so toleranten beschweiger.

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    • 26. Januar 2009 um 10:46 Uhr
    • bichette
  5. Kommentar zum Thema

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