Wir müssen reden. Über Nazis.

CDU kuschelt mit Rechtsaußen

Von 6. Februar 2010 um 22:51 Uhr

Während Bundesfamilienministerin Kristina Köhler eine Überprüfung von Initiativen gegen Rechts durch den Verfassungsschutz plant, besuchen Mitglieder ihrer Partei in Berlin eine Veranstaltung, bei der die deutsche Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg relativiert wird.

Von Ulrich Peters

Zu einer in der rechtskonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und bei der „Bundeszentrale für politische Bildung“ beworbenen sowie vom Berliner „Landesbeauftragen für die Stasi-Unterlagen“ mitverantworteten Veranstaltung, kamen am 26. Januar etwa 70 Zuhörer in dem kleinen Kellerraum der „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus e.V.“ in Berlin zusammen. Unter den Besuchern befanden sich nicht nur martialisch gekleidete und in Thor-Steinar Jacke gehüllte Neonazis sowie Mitglieder der rechtsesoterischen Gruppierung „Fürstentum Germania“, sondern auch die ehemalige Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld, Direktkandidatin der CDU im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 2009.

Ganz begeistert von soviel Andrang, lässt die Vereinsvorstandsvorsitzende, Ursula Popiolek, noch einige Stühle, für das zumeist ältere Publikum heranschaffen, um in Anschluss den Abend einzuleiten: „Die Schuldfrage Stalins beim Ablauf des Zweiten Weltkrieges“ soll durch einen Vortrag des russischen „Historikers“ Dimitrij Chmelnizki näher beleuchtet werden. Nach seiner, durch keine Quellen zu belegenden, „These“ kam das nationalsozialistische Deutschland einem Angriff Stalins nur zuvor und trägt dementsprechend an der Ausweitung der Kriegshandlungen keine Schuld.

In seinem 45-minütigen Vortrag beschränkte sich Chmelnizki darauf, das von ihm zusammen mit Viktor Suworow herausgegebene Buch “Überfall auf Europa: Plante die Sowjetunion 1941 einen Angriffskrieg? Neun russische Historiker belasten Stalin” vorzustellen. Das Buch stützt sich im Wesentlichen auf die Arbeiten Suworows, der als einer der Hauptvertreter der “Präventivkriegsthese” gilt. Diese Sichtweise ist eines der Hauptelemente der neonazistischen Szene, wenn es darum geht, in geschichtsrevisionistischer Absicht die Relativierung der Kriegsschuld Deutschlands zu betreiben.

Keine Überraschung also, dass diese Publikation nicht nur in der „Gedenkbibliothek“ einzusehen ist, sondern ebenso durch den NPD-eigenen „DS-Versand“ vertrieben wird. Dies scheint den anwesenden BesucherInnen, genau wie dem Berliner „Landesbeauftragen für die Stasi-Unterlagen“, als Mitveranstalter, aber herzlich egal zu sein. Frau Lengsfeld, welche die Veranstaltung aus der zweiten Reihe mit verfolgte, bleibt bis zum Schluss und zeigt sich empört über kritische Nachfragen. Auf ihrer Internetseite ist die Homepage des extrem rechten Publizisten und Verschwörungstheoretikers Udo Ulffkotte verlinkt, ehemaliger Aktivist des rechts-populistischen Bündnisses “Pax Europa”. Der herausgebende Verlag ist Teil des Netzwerkes um den Neonazi Dietmar Munier, der schon seit Jahren vom Verfassungschutz beobachtet wird und einen festen Platz im rechten Verlagswesen innehat.

Vielleicht sollte es Kristina Köhler doch Sorgen bereiten, ob nicht die Überprüfung von „Extremisten“ am Ende in ihren eigenen Reihen endet.

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Würd mich nicht wundern wenn einige Mitglieder der CDU rechte tendenzen aufweisen.
    Nebenbei finde ich es immer wieder schön zu sehen welche Parteien sich an Antinazidemos beteiligen: Die Linke, SPD, Die Grünen und Die Piraten sind eigentlich immer dabei nur von CDU, FDP und co. gibt es meistens keine Spur!

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    • 7. Februar 2010 um 12:59 Uhr
    • tomte
  2. 2.

    Vor Gericht versucht der Angeklagte und sein Verteidiger Ursachen seiner Schuld darzustellen: schlechte Kindheit, böse Nachbarn usw. Dementsprechend gibt es Pluspunkte beim Richter.
    1945 stand die Schuld für Deutschland fest. Hitlerdeutschland hatte 1939 den Weltbrand entfacht. Dies läßt sich nicht leugnen.
    Leider hat man nie, in der BRD und in der DDR die Situationen in den Nachbarstaaten, incl. Sowjetunion ausgeleuchtet. Immerhin ist Stalin am 17. 9. 1939 in Polen einmarschiert! Die Polen besetzten nach dem 1. Weltkrieg ! zuvor westliche Teile der Sowjetunion. Diese einseitigen Geschichtsbetrachtungen sind meiner Meinung nach Ursachen für jetzt immer noch stattfindende Diskussionen über die Geschehnisse um 1939.
    Warum spricht man nicht alles ehrlich an?

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    • 8. Februar 2010 um 12:22 Uhr
    • Ricardo Strauss
  3. 3.

    [...] Störungsmelder » CDU kuschelt mit Rechtsaußen blog.zeit.de/stoerungsmelder/2010/02/06/cdu-kuschelt-mit-rechtsausen_2582 – view page – cached Willkommen bei Störungsmelder. Hier geht es um Neonazis. Wo sie auftreten, was sie dabei sagen und vor allem: Was man gegen sie unternehmen sollte. [...]

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  4. Kommentar zum Thema

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