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Das Europa der Vorurteile

 

Eine neue Studie zeichnet ein teils düsteres Bild von Vorurteilen, Intoleranz und antidemokratischen Einstellungen in Europa. Am Freitag stellte die Friedrich-Ebert-Stiftung die von ihr in Auftrag gegebene Studie „Die Abwertung der Anderen“ in Berlin vor. Demnach ist besonders die Islamfeindlichkeit in Europa stark verbreitet. Rund die Hälfte der befragten Deutschen stimmte der Aussage zu, dass der Islam „eine Religion der Intoleranz“ sei. In den Niederlanden, Portugal und Polen stimmten sogar 60 Prozent zu. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in Europa weit verbreitet“, sagte der für die Studie verantwortliche Wissenschaftler Andreas Zick.

Jeweils 1000 Menschen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Portugal, Polen und Ungarn wurden für die 2,5 Millionen Euro teure Studie im Jahr 2008 befragt. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden privater Stiftungen. Die Wissenschaftler der Universität Bielefeld nennen ihre Ergebnisse „ebenso aufschlussreich wie besorgniserregend“. Ziel der Studie sei es, „konstruktive Impulse für die Arbeit gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und für mehr Demokratie“ zu geben.

Neben Islamfeindlichkeit hat die Studie vor allem klassischen Rassismus und Antisemitismus zutage gefördert. 30 Prozent der Deutschen sagen demnach, dass sie an eine „natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Völkern“ glauben. In Portugal war etwa die Hälfte der Befragten dieser Meinung. In fast allen Ländern sagte im Durchschnitt jeder Zweite, es gebe zu viele Zuwanderer, obwohl viele sie gleichzeitig als Bereicherung für die eigene Kultur sehen. Stark ausgeprägt sind antisemitische und schwulenfeindliche Einstellungsmuster im katholisch geprägten Polen und in Ungarn. Knapp 90 Prozent der Polen und 70 Prozent der Ungarn sprechen sich außerdem gegen gleichgeschlechtliche Ehen aus. Dass Juden angeblich „Vorteile daraus ziehen, dass sie während der Nazi- Zeit die Opfer gewesen sind“, denken in Polen 72 Prozent und Ungarn 68 Prozent der Befragten. In Deutschland stimmen dieser Aussage immer noch 48 Prozent zu. Bemerkenswert offen und liberal zeigten sich die Niederlande. In dem Land, in dem die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders viel Zustrom erhält, gab es auf nahezu alle Fragen die niedrigsten Werte.

Insgesamt stellten die Wissenschaftler ein „Syndrom der Abwertung“ fest. Wer Vorurteile gegen eine bestimmte Gruppe habe, neige auch gegenüber anderen Gruppen der Gesellschaft dazu. Dieser Effekt sei kein Phänomen von Randgruppen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft vorhanden. Auffallend sei das Gefühl politischer Machtlosigkeit und der Wunsch nach einem „starken Mann an der Spitze, der sich nicht um das Parlament oder Wahlen schert“. Andreas Zick sprach von einem „fundamentalen Demokratiedefizit in Europa“, das oft mit Intoleranz und Diskriminierung Anderer einhergehe. Als wichtigste Schutzfaktoren sehen die Vorurteilsforscher Vertrauen zu anderen Menschen, feste Freundschaften und Kontakt zu Einwanderern.

Die 220 Seiten starke Studie kann hier auf Deutsch und Englisch kostenlos heruntergeladen werden.

7 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Das Europa der Vorurteile […]

  2.   Matthias

    Was soll daran menschenfeindlich sein, wenn man einer Religion kritisch gegenübersteht? Kann man mir dass mal erklären??? Wenn man gefragt hätte, was halten Sie von SCIENTOLOGY, einer mittlerweile annerkannten Religion, nicht Sekte!!! und hunterprozent hätten gesagt SCIENTOLOGY wäre intolerant, wären dann der gute Herr Zick auch zu dieser Erkenntniss gekommen, die Leute wären menschenfeindlich??? Oder sind Leute die negativ gegenüber dem christentum eingestellt sind, auchc menschenfeindliche??? Warum hat man die Leute nicht auch gefragt, wie man zu anderen Religionen steht??? Und warum wurden ‚Zuwanderer nicht explizit zu ihren Einstellungen gefragt??? Wäre ja mal interessant gewesen, deren Einstellungen zu erfahren!!! Was hält ein Muslim z.B. vom Christentum und umgekehrt!!!! Wenn man schon den ,,Einehimischen in Europa,, Fremdenfeindlichkeit usw. unterstellt, sollte man auch mal unter denn Einwanderen, dennen man ja nach Meinung allen komplett tolerant gegenüberstehen sollte, dazu fragen, wie Sie es mit Toleranz usw. halten! Diese Studie begutachtet aber nur die eine Seite der Medaille und somit kann man sie getrost in der Tüte rauchen!

  3.   NDM

    Matthias, Sie haben die Studie offenbar nicht gelesen, sonst würden Sie nicht solche Behauptungen aufstellen.

  4.   K. S.

    Vielleicht betrachtet diese Studie ja absichtlich nur diese eine Seite der Medaille? Fehler bei Andern zu finden ist immer einfach, ich bin froh, dass auch einige im eigenen Land bzw. Kontinent danach suchen! In unserem ach so fortschrittlichen, demokratischen und toleranten Europa ist doch deutlich eine Tendenz zu Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit zu erkennen, was diese Studie auch beweist. Ich will damit nicht behaupten, dies sei in anderen Ländern und Kulturen besser. Aber wir, die wir uns als Vorbild für die restliche Welt sehen, sollten von Zeit zu Zeit auch unsere eigene Haltung und Politik kritisch betrachten.


  5. Als konfessionslos bin ich allen Religionen gegenüber kritisch eingestellt, am meisten allerdings in Bezug auf den Islam. Und das hat folgende Gründe:
    Ich bin für eine demokratsiche Grundstruktur mit Volkssouveränität. Die Souveränität verschiedener göttlicher Offenbarungen hat da nichts zu suchen. ich bin für die Gleichberechtigung und Freiheit von religiösen Bekenntnissen und ähnlichen Anschauungen, solange diese im persönlich-privaten Bereich verbleiben und der Verfassung, bzw. den Menschenrechten nicht widersprechen. Ich bin für eine multinationale Gesellschaft des offenen Pluralismus. ich bin für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Ich bin für die Anerkennung von alternativer Sexualität, von schwulen und lesbischen Lebensformen. Ich bin gegen jede Art von Antisemitismus, ich bin gegen alle Versuche, Holocaustleugnung, Verschwörungstheorien im Sinne der „Protokolle der Weisen von Zion“ zu betreiben. Ich bin gegen die Todesstrafe und jede Form von körperlichen Strafen wie Auspeitschen und Abhacken der Hand.
    Da in fast allen islamischen Staaten Nichtmoslems diskriminiert und gefährdet werden, archaische Strafpraxis betrieben wird, Frauen nicht gleichberechtigt sind, Schwule hingerichtet werden, Kinder zu Hass auf die Juden erzogen werden, Fernsehserien der „Protokolle der Weisen von Zion“ als antisemitische Propaganda gezeigt werden, ist das Verhältnis dieser Religion zu den Menschenrechten fragwürdig. Es muss also auch bei hier lebenden Moslems hinterfragt werden können. Falls dies „fremdenfeindlich“ ist, bin ich gerne „fremdenfeindlich“.

  6.   Roland Grassl

    Mit Studien verhält es sich mitunter wie mit Gutachten, ohne Gegenstudie bzw. Gegengutachten neigen sie häufig dazu, den Standpunkt des Auftraggebers wiederzuspiegeln, auch wenn dieser sich im Bereich relativer Objektivität wähnt. Dennoch wäre besagter Studie der Friedrich -Ebert-Stiftung an sich kaum zu widersprechen, wenn man aus ihr die Schlußfolgerung zieht, daß in vielen, wenn nicht sogar in allen europäischenLändern die Bürger und Wähler mit den Regierungskünsten ihrer jeweiligen Politiker, sei es auf nationaler Ebene oder im Rahmen der EU, in hohem und wohl wachsendem Maße unzufrieden sind. Dabei kommt es den Menschen wohl weniger auf das Charisma einzelner Politiker oder die Regierungsform an, sondern auf die problemlösende Kompetenz der herrschenden Politik bzw. Parteipolitik insgesamt. Dass hier viel im Argen liegt ist wohl offenkundig und wird von den Politikern ja selbst so vermittelt. Ob es sich um Energiefragen, Integrationsprobleme, Verkehrsinfrastruktur, Umweltschutz oder Schuldenkrisen handelt, so glaubt man nur Dauerbaustellen zu erkennen, die bereits seit Jahren bestehen und einer Lösung bisher keinen Millimeter näher gerückt zu sein scheinen.Woher also der Optimismus, daß dies mit ähnlichem Personal in Zukunft gelingen könne ? Daß Begfragte ihren Unmut bisweilen auch unreflektiert kundtun ist dann verständlich, wenn sie ihrer Anliegen nicht ernstgenommen werden. Offensichtlich ist das verstärkte Eindringen von Grundwerten in die oft abgehobene Politik vonnöten. An zu geringem Entgelt oder Versorgungsleistungen bei ihren Exponennten kann es ja wohl kaum liegen.