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Nazirocker in der Hochschulzeitung

 
Neonazi Frank Kraemer posiert in der Zeitschrift mit rechtsextremen Parolen. Faksimile: Saitensprung, Ausgabe 3

Die Neonaziszene freut es, bei Initiativen gegen Rechts und Opferberatungsstellen sorgt der Artikel für Kopfschütteln. In einer Hochschulzeitung aus Hannover darf der Gitarrist einer bekannten Naziband seitenlang seine rechtsextreme Ideologie ausbreiten und selbst gemalte NPD-Parolen in die Kamera halten.

Der interviewte Rechtsextremist Frank Kraemer ist seit vielen Jahren in der Szene aktiv. Dass seine 1995 gegründete Band „Stahlgewitter“ eine der beliebtesten Rechtsrockgruppen ist, hat seinen Grund. In ihren Texten huldigen Stahlgewitter den heutigen Neonazis als „politische Soldaten“, fordern „Ruhm und Ehre der deutschen Wehrmacht“ oder singen über die Zahl „Achtundachtzig“ (das Szenekürzel für „Heil Hitler“). In dem Lied „Schwarze Division“ soll eine SS-Division nach Kreuzberg geschickt werden, um das Viertel mit seinem „Multi-Kulti Terror“ dem Erdboden gleich zu machen. T-Shirts der Gruppe ziert die Parole „Die BRD ist uns völlig gleich. Unsere Heimat ist das Deutsch Reich“. Mehrere Alben wurden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Für die Redakteure der Zeitschrift „Saitensprung“ der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (hmtmh) war Kraemer damit offenbar ein idealer Gesprächspartner, um über „Musik und Politik“ zu sprechen. Über ganze drei Seiten kommt der Neonazi fast unkommentiert zu Wort, darf die NS-Diktatur verharmlosen, rassistische und antisemitische Theorien zum Besten geben oder die Hinrichtung von Sexualstraftätern fordern. Offensichtlich wurde das Interview per Mail geführt, so dass kritische Einwürfe und Unterbrechungen von Kraemers Monologen nicht möglich waren. Man wolle in dem Interview „weder anklagend noch beschwichtigend daher[kommen]“, betont die Redaktion im Vorwort der Ausgabe.

Cover der Hochschulzeitschrift

Saitensprung-Chefredakteur Gunter Reus, Professor am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, verteidigt die Entscheidung den Neonazi ausführlich zu Wort kommen zu lassen. „Natürlich gab es vorher eine kritische Diskussion in der Redaktion.“ Am Ende habe man sich aber bewusst für das Interview entschieden. Reus begründet den Artikel damit, dass es sonst in der seriösen Presselandschaft kaum eine Chance gebe „diese idiotischen Argumente“ der Neonaziszene zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Es sei ein „gewagter Versuch mit diesen Leuten zu sprechen und Gegenargumente auszubreiten“. Ob der Versuch seiner Meinung nach gelungen ist? „Das können nur die Leser entscheiden.“

In einschlägigen Naziforen, wird der Abdruck als Erfolg gefeiert. Kein Wunder, sieht man sich in rechtsextremen Kreisen doch normalerweise als mit Nichtachtung gestrafte Opfer der „Judenpresse“. Die teils seichten Fragen des Saitensprung-Redakteurs amüsieren die Neonaziszene. „Ein wirklich lesenswertes Gespräch zwischen einem politisch korrekt umerzogenen Journalisten und einem intelektuell haushoch überlegenen Frank Kraemer, der den vor politischer Korrektheit nur so strotzenden Fragen gekonnt begegnet“, freut sich ein User. (Fehler im Original) „Hut ab, Frank! Du hast souverän und sachlich auf die perfiden (Fang-)Fragen des Systemlings gekontert“, lobt ein anderer. „Eindeutiges 1:0 Herr Kraemer für diese Abfuhr eines politisch, korrekten Arschkriechers.“
Andere Neonazis träumen schon vom großen TV-Auftritt und geben dabei gleich antisemitische Verschwörungstheorien zum Besten: „Wenn Wir nur een Mal die Möglichkeit hätten im TV so ein Interview zu Führen ohne Zensur und Kernerjammerei, dann würden sicher einije Damen und Herren vor ihren 24 Stunden Synagogen Mal ihr Hirn einschalten und die Wahrheit erkennen.“ (Fehler im Original)

„Es ist fatal, bekennenden Neonazis auf diese Weise ein Forum zu bieten“, sagt Frank Metzger vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz). „Damit unterstützt man die Strategie der extremen Rechten, ihre menschenverachtende Ideologie in die Öffentlichkeit zu tragen und läuft in Gefahr, solche Positionen als diskutabel darzustellen.“ Es gebe genug andere Mittel und Wege sich mit rechtsextremen Argumentationsmustern kritisch auseinanderzusetzen. „Sich als Tabubrecher zu inszenieren, indem man einen Neonazi sprechen lässt, ist ein zweifelhafter journalistischer Stil“, kritisiert Metzger.

Das inizierte Stahlgewitter-Album "Politischer Soldat"

Die Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg führt Texte von Stahlgewitter als beispielhaft für den kompromisslosen Antisemitismus des Neonazispektrums an:

„Der Antisemitismus behauptet, dass die kapitalistische Form der Warenproduktion eine jüdische Erfindung sei und daher auch in erster Linie Juden unter den Kapitalisten anzutreffen seien. Als Schutz vor Imperialismus und weltweiter Ausbeutung bevorzugen Neonazis nationale Lösungen, indem sie etwa den Zustrom von „ausländischem Kapital“ verhindern wollen oder das Selbstbestimmungsrecht der Völker betonen. So sang beispielsweise die Band Stahlgewitter:

Die Feinde unsrer Freiheit, die One-World Mafia, ihr Zentrum ist die Ostküste der U.S.A. Wo die internationale Hochfinanz regiert, die Welt als Spielball in den Händen kontrolliert. Mafiabanden, Spekulanten machen euch zum Knecht, sie wollen keine freien Völker, kein Selbstbestimmungsrecht.
Sie wollen den Einheitsmenschen, blutleer, wurzellos, ferngesteuert, ohne Seele, heimatlos. Sie dirigieren weltweit ihre Marionetten, der unsichtbare Krake hält die Welt in Ketten. Politiker als Werkzeug in den Händen fremder Mächte, im Zeichen der Demokratie und der Menschenrechte.

Im Kampf gegen Z.O.G.!

Anmerkung: Z.O.G. ist die in der Szene bekannte Abkürzung für Zionist occupied Government, also angeblich „jüdisch kontrollierte“ Regierungen.

Dass das Interview bei einigen Lesern auf Unverständnis treffen könnte, wurde von der Zeitschrift einkalkuliert. „Uns ist bewusst, dass dieses Vorgehen auch kritische Reaktionen hervorrufen wird. Schreiben Sie uns – wir sind auf Ihre Meinung gespannt“, heißt es von den Autoren im Vorwort. Was Kraemers Meinung zu dem Interview ist, zeigt sich auf der durch Volksverhetzung und Holocaustleugnung bekannten Naziseite „Altermedia“. Dort veröffentlichte der sichtlich vom Artikel begeisterte Nazimusiker die doppelte so lange, ungekürzte Fassung. „Eine bessere Werbung kann sich ‚Saitensprung’ gar nicht wünschen!“, kommentiert ein „Kamerad“. Dasselbe gilt vermutlich für rechtsextreme Versandhändler, die dutzende CDs und T-Shirts von Stahlgewitter verkaufen.

18 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Nazirocker in der Hochschulzeitung […]

  2.   Ede

    Der Versuch des Interviews ist meiner Meinung nach der richtige Weg, um sich mit Rechtsextremen auseinanderzusetzen. Nur leider fehlte es dem Fragensteller einiges an faktischen Wissen und rethorischen Kenntnissen, um die “Argumente” von Krämer zu entkräftigen. Nationalsozialisten sind schließlich nicht dumm und wissen, wie man scheinbare Tatsachen und Statistiken so verdreht, dass der Anschein entsteht, dass sie sich mit ihrer Ideologie im Recht befinden.

    Doch warum ist dieser Artikel eigentlich ein Skandal? Ganz recht: Weil sich bisher noch niemand getraut hat, den Rechtsextremen in einer offenen Diskussion entgegenzutreten. Lieber wird Geschwiegen oder ein Bild vom dummen, pöbelnden und glatzköpfigen Neonazi erzeugt. Doch so einfach ist es nunmal nicht: Gerade diese Verharmlosung macht sie so gefährlich!

    Überall wird geschrieben, das die Rechten grundsätzlich falsch liegen – aber wieso hat man deren “Argumente” noch nie auf medialer Ebene entkräftigt? Mit dem richtigen und vor allem einem informierten Gesprächspartner könnte so ein Gespräch ganz anders verlaufen und durch die richtige Argumentation könnte man zeigen, was falsch am Rechtsradikalismus ist. Solch eine Form der Aufklärung würde sicherlich mehr bringen, als ständig auf Clichés zurückzugreifen.

  3.   paul Vaumann

    ich finde das eine frechheit das so was in der hochschul zeitung erscheinen darf und finde es gerechtfertigt das so was gemeldet wird.

  4.   Dirk Hasenauer

    Hut ab vor der Veröffentlichung des Interviews.

    So stelle ich mir gelebte Demokratie vor. Man muss Andersdenkenden die Möglichkeit geben ihre Meinung zu sagen, auch wenn diese vielleicht idiotisch, rassistisch, rückwärtsgerichtet, menschenverachtend und völlig indiskutabel ist. Viele dieser Ansichten würden sich dann wegen ihrer Absurdität in Luft auflösen und den Menschen zeigen, dass hier dumme Personen, dumme Ansichten verbreiten. Solange man solche Klientel mit Verbot oder Verschweigen adelt, muss man sich nicht wundern das es da einen Zulauf gibt.

    Wir müssen mit unserer Vergangenheit anders umgehen, denn wer Vergangenheit verschweigt, auch die Böse, der verhöhnt seine eigene Geschichte.

  5.   Mark

    Fehler in der Anmerkung:
    “Anmerkung: Z.O.G. ist die in der Szene bekannte Abkürzung für Zionist occupied Government, also angeblich „jüdisch kontrollierte“ Regierungen.”

    Die Übersetzung lautet nicht “jüdisch kontrollierte Regierungen” sondern muss “Zionistisch besetzte Regierung” heißen.

    Gruß

  6.   Mäanderthaler

    Also ob man seine eigene Geschichte dadurch verhöhnt, dass man den Holocaustfanclubs den Mund verbietet, wage ich aber mal zu bezweifeln.

    Und dass man Demokratie nur dadurch leben kann, dass man es als legitime Meinung anerkennt, wenn jemand den Demokraten alle Knochen brechen möchte, wie Mussolini einmal das Programm der Faschisten zusammenfasste, scheint mir auch recht zweifelhaft.

    Und was die Absurdität angeht: Die meisten Deutschen haben gut davon profitiert, dass ihre jüdischen Nachbarn ermordet wurden. Arisierungen etc.

  7.   der Yeti

    @ Dirk Hasenauer:

    “Wir müssen mit unserer Vergangenheit anders umgehen, denn wer Vergangenheit verschweigt, auch die Böse, der verhöhnt seine eigene Geschichte.”

    Das Problem ist ja nicht, dass jemand die Vergangenheit verschweigt. Im Gegenteil, gerade in Deutschland werden die letzten hundert Jahre, die Vorgeschichte der Machtergreifung und die Hintergründe für den akribisch geplanten Völkermord der Deutschen sehr genau behandelt.
    Aber es ist ein Unterschied, ob ich die Vergangenheit thematisiere oder umdrehe. Und genau das machen die Ewig Gestrigen – sie drehen historische Fakten um und was sie nicht an ihre Ideologie anpassen können wurde uns angeblich “eingeredet” oder “gefälscht”. Also auf so einen heuchlerischen Umgang mit der Vergangenheit kann ich verzichten!

  8.   Anmerkung

    “Man muss Andersdenkenden die Möglichkeit geben ihre Meinung zu sagen, auch wenn diese vielleicht idiotisch, rassistisch, rückwärtsgerichtet, menschenverachtend und völlig indiskutabel ist.”
    Diese Aussage von meinem Vorredner kann ich nur bekräftigen.

    Kurz: Ich finde, Nazis haben eine kranke Geisteshaltung und sind kaputte Menschen. Daran gibt es nichts zu rütteln.

    Extra3, Martin Sonneborn und Co. haben mit ihrer Berichterstattung über die rechte Szene, der entlarvenden Satire, auch viel gut bei uns. Trotzdem ist es richtig einmal diesen “seriösen, journalistischen” und dazu gewagten Weg zu betreten und die Pfade der bitterbösen Satire kurz zu verlassen.


  9. […] Johannes Radke „Nazirocker in der Hochschulzeitung“ 2011 (zuletzt abgerufen am 13.06.2011) Einsortiert unter:Antisemitismus, Medien, Musik, Nationalsozialismus   |  Leave a Comment LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]