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20 Jahre nach den Pogromen in Hoyerswerda: Reise in die Gegenwart

 

Zum 20. Mal jähren sich die ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Hoyerswerda. Damals flogen Steine, Polizeischutz war nötig. Nun kehren zwei Opfer von damals zurück – und erleben, dass man sie nicht vergessen hat.

Von Heike Kleffner

Es wird gleich wieder anfangen mit Affenlauten, kleine Kinder werden sie ausstoßen. Junge Männer werden sich von einer Parkbank erheben, Bierflaschen in der Hand, sie werden näher kommen und „Bimbofotze“ und „Neger“ rufen und dabei zwei Männer meinen, die denken, sie hätten das alles hinter sich. Denn bis zu diesem Zeitpunkt zeigt sich Hoyerswerda von einer anderen Seite. Der Seite von Stefan Skora.

Der spricht jetzt langsam. Es ist ihm wichtig, dass die zwei Gäste, die ihm aufmerksam zuhören, jedes seiner Worte verstehen. „Alle haben die Bilder von damals in den Köpfen“, sagt Skora. „Diese Vergangenheit müssen wir akzeptieren. Aber wir wollen die Bilder durch andere ersetzen.“ Der 51-Jährige ist CDU-Mitglied und Oberbürgermeister von Hoyerswerda. Ihm hören Manuel N. und Emmanuel A. zu. Der eine ist ehemaliger mosambikanischer Vertragsarbeiter und heute 47 Jahre alt. Der andere ehemaliger ghanaischer Flüchtling, 53 Jahre. Sie sind unterwegs, um mit Menschen der Stadt zu sprechen, aus der sie vor zwei Jahrzehnten gewaltsam vertrieben wurden.

Auf weißen Industrieplanen hinter dem Oberbürgermeister sind einige jener Bilder noch einmal zu sehen, die im September 1991 um die Welt gingen: ein lang gezogener grauer Plattenbau mit Balkonen in verblichenen Pastellfarben, vor dem sich Anwohner und Steine schmeißende junge Männer versammelt haben. Aus einer zerbrochenen Fensterscheibe schaut ein Mosambikaner fassungslos auf die Menge. Ein anderes Foto zeigt aufgereihte Koffer neben offensichtlich zur Abfahrt bereiten Bussen und einen jungen Mann in einem hellblauen Hemd, hellblauer Bundfaltenjeans made in GDR, der noch einmal aus der Bustür in Richtung Wohnheim schaut.

„Das bin ja ich“, sagt Emmanuel A. überrascht und zeigt Oberbürgermeister Skora das Foto, das auf den 20. September 1991 datiert ist. „Auf jeden Fall waren Sie damals jünger,“ sagt Stefan Skora spontan, dann lachen die drei Männer. „Ich wusste gar nicht, dass ihr ebenfalls mit Bussen weggebracht wurdet“, sagt Manuel N. „Wir hatten ja in den Tagen damals gar keinen Kontakt zu euch“.

Die Lebenswege der beiden Afrikaner könnten nicht unterschiedlicher sein, auch wenn sie als Teenager beide Kfz-Schlosser gelernt haben – Emmanuel A. in Accra, der ghanaischen Hauptstadt, Manuel N. als 19-jähriger Vertragsarbeiter eines sozialistischen Bruderstaates im brandenburgischen Lauchhammer. Der breitschultrige Manuel N. überragt den älteren, schmalen Emmanuel A. um zwei Köpfe. In Hoyerswerda waren der Flüchtling und der Brudersozialist in Plattenbauten untergebracht, aber nicht in denselben. Als die ersten Steine auf das Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße flogen, in dem Manuel N. mit den noch in der Stadt verbliebenen 200 anderen Mosambikanern lebte, kannten sie sich nicht – sie hätten sich auch nicht verständigen können. Manuel N. sprach nur Portugiesisch und Deutsch; Emmanuel A., der mit 30 Jahren als Oppositionsaktivist aus der damaligen Militärdiktatur Ghana nach Deutschland geflohen war, nur Englisch.

Nun folgen sie dem Bürgermeister durch die zwei Ausstellungsräume der sogenannten Orange Box, einer zweistöckigen Holz-Stahlkonstruktion, die am Flussufer der Schwarzen Elster zwischen den schrumpfenden Plattenbauvierteln und der sanierten Altstadt steht. Hier soll der städtische Wandel für jedermann zugänglich gemacht werden. Im Erdgeschoss reihen sich in diesen Tagen Lokalzeitungsberichte und Auszüge von Lageprotokollen der Polizei und des Landratsamtes aus der Woche vom 17. bis zum 23. September 1991 aneinander. „Es besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann,“ so ist zu lesen in einer Einschätzung des Landesratsamtes Hoyerswerda vom 20. September, 12 Uhr, wenige Stunden später entsteht das Foto von Emmanuel A. im Bus. Es war nur ein Auftakt.

Nach der Kapitulation der Sicherheitsbehörden vor den rassistischen Gewalttätern und den zahlreichen Schaulustigen feierten Neonazis Hoyerswerda als bundesweit „erste ausländerfreie Stadt“. Auf das Pogrom, das erste seit 1945, folgten rassistische Gewalttaten im gesamten Land. Noch während am 19. September 1991 vor dem Vertragsarbeiterwohnheim in Hoyerswerda überforderte Polizisten zusahen, wie eine Fensterscheibe nach der anderen eingeworfen wurde, kam der 27-jährige Samuel Yeboah bei einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingswohnheim im saarländischen Saarlouis ums Leben, 1483 rechtsextreme Gewalttaten registriert das Bundeskriminalamt Ende des Jahres 1991, 1992 steigt die Zahl um fast das Doppelte auf 2584.

Stefan Skora steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als die Besucher sich von den Texten und Bildern losreißen und über eine Treppe das lichtdurchflutete Obergeschoss der Orange Box betreten. An den Fensterscheiben präsentieren die Ausstellungsmacher bunte, freundliche Fotofolien von Migranten, die heute in Hoyerswerda leben. Sie machen 1,2 Prozent der Bevölkerung aus bei knapp 40 000 Einwohnern, die heute noch in Hoyerswerda leben. „Ausländerfrei“ sei es nie gewesen, sagt Skora. Stolz verweist er auf die Verleihung des Titels „Stadt der Vielfalt“ im vergangenen Jahr und seine Entscheidung, daraufhin 2011 zum „Jahr der Vielfalt“ zu erklären.

Emmanuel A. und Manuel N. nicken bei jedem Satz. Sie sind gerne bereit, dem Bürgermeister zu glauben. Schon vor ihrer Abreise nach Hoyerswerda haben sie im Internet gelesen, dass sich Skora an demselben Ort als erster Bürgermeister „im Namen der Bürger der Stadt Hoyerswerda“ entschuldigt hatte bei den Opfern „für das Leid, das ihnen damals zugefügt wurde“. Die Opfer selbst waren nicht anwesend. Man hatte sie nicht eingeladen. Die Ausstellung und auch die Rede seien „an die Bewohner von Hoyerswerda gerichtet“, sagt Skora ausweichend. Es sei eben ein Anfang.

Die in der Spätsommersonne hellen, freundlichen Fassaden der Altstadt, die bunten Vorgärten mit Blumen und Obstbäumen – die Kulisse, mit der sich die Stadt hinter der Orange Box präsentiert, könnte kaum einladender sein. Die beiden Besucher wissen um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Region mit einer Arbeitslosenquote von zehn Prozent. Erklärt das die Kinder?

Die sind zu hören, als der Bürgermeister und seine Begleiter, zu denen auch ein Kamerateam zählt, gerade über eine Städtepartnerschaft mit einem mosambikanischen Ort nachdenken. Sie haben die kleine Versammlung von Weitem beobachtet, lauthals brechen sie nun in Urwaldgebrüll aus, ahmen Affenlaute nach. Stefan Skora ist peinlich berührt. Dann sagt er, man könne eben nicht in alle Köpfe schauen. Und er überreicht Emmanuel A. und Manuel N. ein Geschenk: „Lust auf Hoyerswerda“. Ein Video, mit dem die Stadt um Neubürger wirbt.

Vor der Orange Box müssen sich Manuel N. und Emmanuel A. entscheiden: entweder zum Stadtfest zu gehen, wo junge Männer vor den Losbuden stehen mit T-Shirts, auf denen die Parole „Mehr Spaß im Osten“ prangt, darunter das Bild Baseballschläger schwingender Naziskins. Oder ob sie zum ehemaligen Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße 17–21 gehen sollen. Es gehört zu den Plattenbauten, die von den Abrissbaggern verschont wurden. Graue Betonfassaden, leere, dunkle Fenster, viele NPD-Aufkleber mit Sprüchen wie „Sarrazin hatte doch recht“ und weite Grünflächen künden davon, dass heute hier mehrheitlich diejenigen wohnen, deren Leben von Hartz IV, kleinen Renten, 1-Euro-Jobs und düsteren Aussichten bestimmt wird.

„Hier haben wir zu viert in einem Zimmer geschlafen, morgens sind wir mit den Werkbussen zu den Werkstätten im Tagebau gefahren, und abends sind wir vor allem unter uns geblieben“, beschreibt Manuel N. das Leben, das er hier sechs Jahre lang geführt hat. Nach glücklichen Momenten gefragt, zögert er und sagt schließlich: „Als ich mein Facharbeiterzeugnis bekam.“

Dann geht er mit Emmanuel A. und dem Kamerateam vom Parkplatz zur Steintreppe und der Glastür am Aufgang von Hausnummer 21. „Hier sind wir während der Angriffe durch ein Polizeispalier zu den Mülltonnen und zur Kaufhalle gegangen“, sagt Manuel N. und schüttelt noch immer ungläubig den Kopf darüber, dass er die wenigen Schritte zu dem, was inzwischen ein Supermarkt geworden ist, nicht ohne Polizeischutz gehen konnte. Das alles beherrschende Gefühl sei Angst gewesen und die Frage: „Wozu noch hierbleiben? Unsere Arbeitsverträge waren ohnehin gekündigt worden.“

Leiser fügt er dann hinzu: „Viele der Leute, die da draußen standen, zuschauten oder Steine schmissen, haben wir gekannt.“

Vielleicht hätte er dem gerne noch etwas hinzugefügt, aber laute „Affen zurück nach Afrika“-Rufe unterbrechen ihn. „Bimbo, husch, husch, zurück in den Busch“, schreit ein anderer herüber. Eine kleine Gruppe von kräftigen jungen Männern in T-Shirts und Sommerhosen der bei Rechten beliebten Marke Thor Steinar erhebt sich von den Bänken beim Spielplatz, der dem Aufgang Nr. 21 gegenüberliegt, und nähert sich schnell. „Macht die Kamera aus“, drohen sie. „Bimbofotze!“ Manuel N. und Emmanuel A. werden mit weiteren rassistischen Beleidigungen überschüttet. Eine alte Frau öffnet ihr Fenster; eine junge Frau kommt zum Kamerateam und entschuldigt sich, dann nimmt sie ihr Kind an die Hand und zieht sich ins Haus zurück; eine andere Passantin versucht, den Lautstärksten der Rechten aufzuhalten.

Manuel N. zögert. Er will seine Geschichte zu Ende erzählen und nicht noch einmal von hier vertrieben werden – noch dazu von Männern, die 1991 Kleinkinder waren. Er ist dafür, die Polizei zu verständigen. Als die Beamten vor Ort eintreffen, dauert es noch eine Weile, bis die rassistischen Beleidigungen aufhören; Personalien werden festgestellt, und eine Frau lädt dazu ein, den Plattenbau von innen zu besichtigen: „Früher, als die Ausländer hier gewohnt haben, war hier alles ordentlich“, sagt sie. „Seitdem wir Deutschen hier wohnen, steckt die Politik kein Geld mehr hier rein.“ Sie zeigt auf Graffiti-beschmierte Wände im Hausflur und die vielen Briefkästen ohne Namen.

Weil die Atmosphäre trotz Polizeipräsenz feindselig bleibt, wollen Emmanuel A. und Manuel N. weiter zur Thomas-Münzer-Straße, wo 1991 das Wohnheim der Asylbewerber stand. „Es wäre wichtig, wenn an dieser Stelle eine Gedenkplatte an die Angriffe auf uns erinnern würde“, sagt Emmanuel A. mit Blick auf die Wiese und die Kiefern und Kastanien, die hier inzwischen wachsen. Eine Narbe an seiner Hand erinnert ihn noch immer an den Angriff von Naziskins im Frühsommer 1991, als er auf dem Rückweg vom Gottesdienst in der Innenstadt von Hoyerswerda zusammengeschlagen wurde. Trotzdem war Emmanuel A. in den vergangenen zehn Jahren wiederholt da. Er freundete sich sogar mit dem früheren Oberbürgermeister, einem Linken, an.

Zwei Tage nach dem Besuch vor Aufgang Nr. 21 schreibt ein Kommentator in der Lokalausgabe der „Sächsischen Zeitung“: „Alles vielleicht nicht dramatisch, aber unschön. Denn die Kollegen werden berichten, was sie erlebt haben – aus ihrer Sicht. Also, bitte: Selbst, wenn es mal schwerfallen sollte: Seid nett zu ihnen! Es fällt sonst todsicher auf die Stadt zurück. Man kennt das ja …“.

Manuel N. überlegt, ob seine Idee einer Städtepartnerschaft vielleicht voreilig war.

6 Kommentare


  1. Da Hoyerswerda immer noch in Sachsen liegt, verstehe ich die Einordung in die Kategorie Mecklenburg-Vorpommern nicht.
    Bitte um Erklärung.

  2.   Johannes Radke

    Danke für den Hinweis. Wir haben uns beim Einstellen des Artikels in der Bundesländer-Tagliste einfach „verklickt“. Habe das gleich korrigiert.

    Viele Grüße
    Johannes Radke

  3.   Paul Obst

    Kleine Frage, aber wohnen sie in Hoyerswerda oder Umgebung? oder woher wissen sie das? Das wahren dinge die vor 20 Jahren gesehen sin. Sowas ist schon fast Geschichte. Ich finde es einfach Schlimm wenn wir als Stadt so einen Schlechten Ruf haben, es sind hier nicht mehr viele Nazis. Hier wohnen Normale Leute wir sind sogar eine sehr Friedliche Stadt. Es gibt weder Prügeleien zwischen Jugendlichen oder bei Leuten nur weil sie von wo anders kommen. Die Jugendliche hier sind Schlau genug um zu wissen was gut ist und was nicht.
    Ich bitte drum einen Artikel zu schreiben wie die Zeit jetzt in Hoyerswerda ist und wie wir unter so einen Ruf leiden.

  4.   Spin

    Ja klar Hoyerswerda leidet. Wie schrecklich! Es geht immer um „Ehre“ und den „guten Ruf“ – von Hoyerswerda, von Deutschland. Haltet einfach mal nen Tag den Mund und denkt darüber nach, was die Mehrheit derer, die damals vor Ort waren, durch ihr Klatschen und ihre Zustimmung unterstützt haben. Es ist eben kein Problem einzelner Nazis gewesen, sondern ein Pogrom, an dem sich viele körperlich und aufmuntert beteiligt haben. Denkt mal darüber nach, was die Ausländer dmals erleben mussten. Nicht nur das Pogrom selbst, sondern wochenlang davor, fast tägliche Überfälle auf einzelne, die zusammengeschlagen wurden. Die kaum Unterstützung bekommen haben. Die von allen gehasst wurden dafür, dass ihre Hautfarbe oder ihre Herkunft nicht „die richtige“ war.
    Und Ihr leidet! Leidet mal schön weiter!

  5.   Margarete Diekow

    Ich komme gerade aus Hoyerswerda. Die Stadt ist voller erschreckender Polizeipräsens um eine Demo zum Gedenken an das Progrom zu begleiten. Richtig: Es hat sich viel getan in der Stadt seit 1991. Es ist eine schöne Stadt – die auch den notwendigen architektonischen Umbau zur Kleinstadt mit Bravour meistert. Um in Köpfen zu verändern und zu erneuern, braucht´s Realitätssinn, Bildung und Mut. Das Thema Neonazis, Ausländerfeindlichkeit und soziale Brennpunkte als Fakten anzuerkennen tut, wenn es die Heimat betrifft, sehr weh. Wer will schon Nestbeschmutzer sein? Es offen anzusprechen, kostet Mut und den Kopf in der Kommunalpolitik. In der Nachbarstadt, der Lessingstadt Kamenz, ist Bürgermeisterwahl. Der Kreisrat und NPD-Regionalvorsitzende, Mario Ertel, kommt als Einzelkandidat freundlich milde lächelnd vom Wahlplakat daher. Er vertritt eine Initiative zur Verhinderung des Baus des Asylbewerberheims des Kreises in Kamenz. Seine Chancen stehen nicht wirklich schlecht! Eine Alternative wäre der Rechtspopulist Henry Nitsche, welcher es für erforderlich hielt, von Oßling nach Köln zu reisen, um dort gegen die Errichtung einer Moschee zu demonstrieren. Lessing gibt es hier überall – in Hoyerswerda und Kamenz sind Gymnasien nach ihm benannt. Gaststätten tragen den Namen und ein Literaturmuseum ist dem Erbe verpflichtet. Wir alle haben den Nathan lesen „müssen“ – viel ist nicht geblieben. Was haben wir an unsere Kinder weitergegeben? Und aus Angst vor Schlägen, verbalen Angriffen, Beschädigung unseres Eigentums…halten wir den Mund und schämen uns hoffentlich, wenn wir allein mit uns sind. Allein dass wir aus Angst schweigen, heißt, hier hat die menschenverachtende Meute gewonnen. Wir haben feige das Feld geräumt. Das wird nicht gut ausgehen. Wie sagt der Bockerer so treffend; „Heute die Juden und morgen die Radfahrer.“ Der schweigende Kleinbürger fragt verwundert: „Wieso der Radfahrer?“ „Wieso die Juden?“ fragt Bockerer.