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„Fußball hat schon lange seine Unschuld verloren“

 

Ronny Blaschke, Autor des Buches “Angriff von Rechtsaußen”, hat jahrelang zum Thema Neonazis und Fußball recherchiert. Er kennt die Szene genau und weiß wie Rechtsextremisten geschickt versuchen den Sport für sich zu vereinnahmen. Frauke Schulz vom Göttinger Institut für Demokratieforschung hat mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen.

Für die meisten Menschen gehört Sport in die Freizeit, hat etwas mit Ausgleich und Abschalten zu tun. Sie aber erheben Sport in Ihrer Arbeit zum Politikum. Warum eigentlich?

Nicht ich erhebe den Sport zum Politikum. Ich versuche zu beschreiben, wie und warum andere den Sport politisch nutzen, vor allem Rechtsextreme. Außerdem gibt es kein Feld der Gesellschaft, das gänzlich unpolitisch ist. Sportfunktionäre wollen das nicht wahrhaben, weil sie den Politik-Begriff auf Parteien und Parlamente verengen – dabei reicht das Politische im Sport viel weiter, es steht auch für Wertevermittlung und Demokratie-Lehre. Medien bringen Politik und Sport nur zusammen, wenn während der Fußball-WM Angela Merkel oder Christian Wulff im Stadion sitzen. Das aber ist nur die erste Ebene, die am leichtesten zu beobachten ist.

Sie stammen aus Mecklenburg-Vorpommern, wo die NPD eine feste Größe in der Landes- und Kommunalpolitik ist. Gibt es eine biografische Motivation dafür, dass Sie sich mit Ausgrenzung und Rechtsextremismus im Sport beschäftigen?

Als ich elf oder zwölf war, hat meine Mutter mir verboten, ins Stadion nach Rostock zu gehen. Ich bin dann heimlich mit dem Vater eines Freundes hin gefahren. Das war ein einschneidendes Erlebnis, weil viele Nazis in der Kurve standen, die schwarze Spieler mit Urwaldgeräuschen verhöhnt haben. Ich würde übertreiben, wenn ich behaupten würde, dass ich von da an sofort politisch interessiert war. Das kam später, durch mein Studium, durch meine Reisen nach Afrika oder Südamerika. Heute stört mich, dass Profisportler devot als Leitfiguren der Gesellschaft bejubelt werden. Die Politik schaut kritisch auf die Wirtschaft, kritisch auf den Kulturbetrieb, aber beim Sport gibt es diese Mechanismen nicht.

Auch der Sportjournalismus ist zum großen Teil Unterhaltung. Und ich möchte nicht so sehr Unterhaltungsjournalist sein. Vielleicht ändert sich das eines Tages, aber momentan fokussiere ich mich thematisch auf die Ausgrenzungsmechanismen des Sports. Ich kann Themen wie die Diskriminierung von Sinti und Roma im Sport aufgreifen, die mich selbst interessieren und von denen ich bis dahin so gut wie nichts gewusst habe. Und wenn dabei Öffentlichkeit für eine vernachlässigte Minderheit entsteht, ist das doch nicht das Schlechteste. Gerade im Fußball gibt es Rassismus, Homophobie, aber auch Wirtschaftskriminalität, Korruption, Doping. Der Begriff Sportjournalist ist bei dieser thematischen Breite gar nicht mehr zeitgemäß, der Beobachter muss viel mehr überblicken.

Fußball erscheint wie eine hermetisch abgeschlossene Sphäre, auf welche die liberalisierenden oder emanzipatorischen Entwicklungen der deutschen Gesellschaft kaum Einfluss gehabt haben. Frauen, Migranten oder auch Schwule haben dort eigentlich keine Stimme. Wie kommt das?

Fußball ist eines der letzten Rückzugsgebiete für „richtige Männlichkeit“. Die Frauen-WM und deren sexistische Vermarktung durch den DFB ist ein gutes Beispiel. Birgit Prinz, die erfolgreichste deutsche Fußballerin, kam in den Hochglanzfilmchen überhaupt nicht vor. Und dabei ist sie die Spielführerin gewesen. In der Politik wären Plakate oder Filme über die Regierung ohne ihre Führungsspitze, also ohne Angela Merkel, gar nicht vorstellbar. Und das nur aufgrund ihres Aussehens. Fatmire Bajramaj, eine attraktive Spielerin, wurde dagegen immer und überall vorgezeigt. Da suggeriert der DFB eine zweigeschlechtliche Ordnung, in der Frauen nur aufgrund ihrer Attraktivität gut sein können. Das ist eins von vielen Beispielen, wie der Fußball Klischees und konservative Bilder bestätigen kann, ohne dass es irgendjemandem auffällt.

Wie kommt es, dass gerade Fußball und Rechtsextremismus offenbar so gut zusammenpassen?

Im Fußball definieren sich Fan-Gruppierungen über ihre Unterschiede zu anderen, Rivalitäten werden gepflegt. Teilweise funktioniert diese Abgrenzung sehr martialisch, wie beispielsweise bei Lok Leipzig und Dynamo Dresden. Fans von Dynamo Dresden beispielsweise haben Sticker und Plakate in Umlauf gebracht, auf denen Juden auf dem Weg ins KZ zu sehen sind. Diesen Juden hat man dann Lok-Leipzig-Symbole angeheftet, unter dem Bild stand die Zeile „Endstation Dresden“. Auch die NPD dockt an diese Ventilfunktion an und setzt bei ihrer politischen Propaganda auf Fan-Themen wie Heimat, Tradition, Ehre, Zusammenhalt. Wenn Fans zum Beispiel den heimischen Fußballnachwuchs stärken wollen, nutzt die NPD das für Hetze gegen Migranten.

Wie kommt es, dass identitätspolitische Themen im Sport von diversen Feuilletons aufgegriffen werden, die ökonomische Seite aber auch von solchen Medien kaum kritisch hinterfragt wird?

Die meisten Sportfans und Sportler schauen auf Bild, den Kicker, die Sportschau oder das Aktuelle Sportstudio. Und diese Massenformate des Sportjournalismus kümmern sich um gesellschaftskritische Themen nicht. Sie reduzieren den Fußball auf die emotionalisierbare Ebene, auf den Zirkus: Sieger – Verlierer, Held – Versager. Das ist ein wunderbares Theater, das man audiovisuell opulent umsetzen kann und womit man Millionen Menschen und eine hohe Auflage erreichen kann. Dieser Medienmarkt ist über Jahrzehnte gewachsen. Einen demokratischen Meinungspluralismus, wie es ihn in anderen Öffentlichkeiten gibt, in der Politik, in der Wirtschaft, gibt es im Fußball kaum. Dabei hat der Fußball hat schon vor Jahrzehnten seine Unschuld verloren.

Nach dem Tod von Robert Enke sah es kurzzeitig so aus, als wäre es die Intention der Funktionäre, den Fußball zu öffnen und „menschlicher“ zu machen. Haben Sie tatsächlich Konsequenzen beobachtet?

Nein. Aber das konnte man damals schon ahnen. Ich fand es auch übertrieben, diese Trauer so zu zelebrieren. Jeden Tag bringen sich Menschen um und es gibt eigentlich einen Grundkonsens, dass man über Freitode nicht berichtet, weil sich sonst eine eklatante Zunahme von Freitoden beobachten lässt. Auch im Fall Robert Enke lässt sich nachweisen, dass sich nach seinem Tod mehr Menschen das Leben genommen haben. Dadurch, dass er eine prominente Person war, ist es gerechtfertigt, in Maßen zu berichten. Aber das ist in weiten Teilen mit Scheinheiligkeit passiert. Die größte Trauerfeier seit dem Tod von Konrad Adenauer wurde von vielen förmlich herbeigesehnt. Auch was danach passiert ist –der Umgang mit Tabuthemen, der Vergleich von Homosexualität mit Depression – war fragwürdig. Depression ist eine Krankheit, Homosexualität nicht; das wurde alles in einen Topf geworfen und daran sieht man, wie undifferenziert das Denken ist.

Wo sehen Sie Möglichkeiten für die Verbände oder die Politik, diesen Zuständen entgegenzuwirken?

Ein Beispiel: Theo Zwanziger hat sich den Kampf gegen Homophobie auf die Fahnen geschrieben, er hat einen ARD-Tatort zum Thema angeregt, er hat vor schwulen Unternehmern gesprochen und einen Wagen beim Christopher Street Day in Köln für schwule Fans finanzieren lassen. Das sind plakative Aktionen, die wichtig sind, für die er aber nichts riskieren muss. Oliver Bierhoff hat nach dem Tatort kritisiert, dass Gerüchte in die Welt gesetzt würden und damit quasi suggeriert, dass man die Nationalmannschaft vor Homosexualität schützen müsse. FIFA-Chef Sepp Blatter forderte, Schwule müssten bei der WM in Katar 2022 eben auf Sex verzichten, weil Katar nun einmal ein konservatives Land sei. Es gibt verschiedene dieser Beispiele, aber dazu hat Zwanziger nichts gesagt.

Was gebraucht wird, sind Projekte vor Ort, Sportmediatoren, Experten, die in die Vereine gehen und Gespräche führen. Das Engagement für solche Themen muss auf die lokalpolische Ebene heruntergebrochen werden. Teilweise gibt es das schon, aber oft will der Fußball sich nicht helfen lassen oder erkennt das Problem einfach nicht.

Auch die Politik könnte anders mit dem Thema umgehen. In diesem Jahr hat es zum ersten Mal eine Anhörung zum Thema Homosexualität im Sportausschuss des Bundestages gegeben, zum ersten Mal! Dabei steht das Thema seit fünf Jahren auf der Agenda. Und das Diskussionsniveau war auch erschütternd niedrig. Dabei würde man sich doch gerade von Sportpolitikern erhoffen, dass sie sich etwas differenzierter mit dem Thema auseinandersetzen. Die Sachverständigen müssen der Politik deutlicher sagen, was sie verlangen, und die Politik muss wiederum ihre Macht und ihre Netzwerke nutzen. Die Abgeordneten haben ihre Wahlkreise und genau dort sollten sie dann auch agieren.

Erst 2006 hat der DFB eine Task Force gegründet gegen Gewalt, dann gibt es da eine Tagung und dort ein Symposium. Man hangelt sich von einem Neustart zum nächsten. Man müsste den Fokus von Repression auf Prävention verschieben und stärker eingreifen, bevor rechtsextreme Einstellungen entstehen. In Sachsen, wo es extreme Probleme mit Neonazis gibt, betrachtet die CDU die Fanprojekte als ordnungspolitisches Werkzeug, mit dem man Neonazis beobachten kann. Das ist aber falsch! Es handelt sich um ein Instrument der Jugendhilfe, also um ein präventives. Die Fanprojekte dürfen sich nicht an dreißigjährige, gefestigte Neonazis heften, sondern sollten Jugendliche erreichen, bevor rechte Einstellungen überhaupt erst entstehen.


Ronny Blaschke, geboren 1981, studierte Sport- und Politikwissenschaft und arbeitet als Sportjournalist. Jüngst veröffentlichte er “Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Sport missbrauchen”. Das Interview führte Frauke Schulz am 06.09.2011.

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