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Nazis sind gefährlicher als Nacktkontrollen

Von 15. Januar 2013 um 08:22 Uhr
Aachen-Fans und Banner der Karlsbande bei einem Zweitligaspiel im August 2010Aachen-Fans und Banner der Karlsbande bei einem Zweitligaspiel im August 2010 © Getty

Die Aachen Ultras haben sich aufgelöst, weil sie von Rechtsextremen gejagt wurden. Nun braucht es unter Fans einen ähnlichen Aufschrei wie Ende des Jahres.

Was hat die Fanszene Ende vergangenen Jahres nicht alles auf die Beine gestellt: Demonstrationen, kreativen Protest, einen landesweiten Stimmungsboykott. Dabei ging es nie ums große Ganze, wie die organisierten Fans immer behaupteten, sondern streng genommen nur um Kleinigkeiten: Wer bei Auswärtsspielen wie viele Karten bekommt, solche Sachen. Jetzt geht es um mehr.

Die Fangruppierung “Aachen Ultras” (ACU) hat sich am Wochenende aufgelöst. Die linksorientierte ACU, die sich dem Kampf gegen Rassismus, Faschismus und Homophobie verschrieben hat, wird nicht mehr die Spiele ihrer Alemannia besuchen, weil sie von Anhängern der Aachener “Karlsbande” aus der Kurve gedrängt wurde. Das gab es noch nie. Immer wieder wurden ACU-Ultras von Mitgliedern der “Karlsbande”, die sich als unpolitisch darstellt, aber auch NPD-Kadern ein Zuhause gibt, bedroht, gejagt und verprügelt. Damit geht ein wichtiges Korrektiv der Aachner Fanszene verloren.

Nun ist es Zeit für einen Aufschrei, am Besten gleich zum Rückrundenauftakt der Bundesliga am Wochenende. Es braucht Demonstrationen, Boykotte, Proteste, Solidaritätsbekundungen an die Adresse der ACU. Nicht nur, weil jeder rechtsextreme Dummkopf in einem Fußballstadion einer zu viel ist. Sondern auch, weil die Fans erkennen müssen, dass Rechte in den Kurven derzeit ihr größtes Problem sind. Es ist so groß, dass die Existenz der Ultrabewegung auf dem Spiel steht. Nazis sind gefährlicher als Nacktkontrollen.

Christian Spiller

Christian Spiller

© ZEIT ONLINE

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nicht nur in Aachen, auch in Braunschweig, Dortmund, Düsseldorf und anderswo mischt sich die rechte Szene ins Stadion. Neonazis entdecken die Kurven wieder für sich, zeigen sich, rekrutieren oder verbreiten dreist ihre Parolen wie zum Saisonbeginn Anhänger von Borussia Dortmund, die mittels Spruchband Unterstützung mit einer verbotenen, rechtsextremen Gruppierung zeigten.

Natürlich ist es nicht allein Aufgabe der organisierten Fans, das Problem anzugehen. Auch die Politik, Polizei, Verbände und Vereine sind gefordert. Vor allem letztere agieren bis jetzt oft noch hilflos bis ignorant. Doch die Fans haben im Dezember gezeigt, welche Macht sie haben, welche Wirkung sie medial erzielen können.

Etwa 250 Ultras aus ganz Deutschland waren am Wochenende zum symbolischen letzten Auftritt der ACU ins Kölner Flughafenstadion gekommen. Doch das reicht nicht aus. Noch ist die Solidarität mit rechten Fußballfans viel größer, als sie sein dürfte. Zu oft schauen Fans noch weg, nach dem Motto: “Die waren doch schon immer da. Und die wollen wie wir doch nur Fußball gucken.” Eine Einstellung, die auch auf den Haupttribünen dieses Landes mehrheitsfähig sein könnte.

Im Vergleich zu den großen Ligen Europas, zu England und Spanien, haben die Fans in den Kurven hierzulande noch immer einen großen Freiraum. Wollen sie den nicht verlieren, müssen sie gegen Rechtsextreme in ihren Reihen vorgehen, die genau diese Freiheiten missbrauchen. Sonst werden irgendwann Vereine und Liga eingreifen und mit ihren Maßnahmen alle Fans treffen.

Spätestens dann wird wieder fleißig demonstriert werden. Aber dann könnte es zu spät sein.

Kategorien: Nordrhein-Westfalen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    kleine Korrektur: die ACU hat sich nicht aufgelöst, sie bleiben nur vorerst dem Stadion fern.Und dennoch, es war m.M.n. die richtige Entscheidung. Jedoch nicht, wie irrtümlich jetzt immer häufiger berichtet wird, weil vor den Nazis innerhalb der Aachener Fan-Szene (KBU etc.)kapituliert wird, sondern weil sie sich vom Verein und den meisten anderen Fans im Stich gelassen fühlen. Das ist ein Unterschied. In einer Zeit, in dem immer öfter von einer notwendigen Zivil-Courage innerhalb der Gesellschaft – also auch im Sport – gegenüber Rechtsextremismus und Rassismus die Rede ist, zeigt sich, daß die Realität in diesem Land diesbezüglich einfach nur beschämend und verlogen ist. Noch immer werden jene, die sich gegen Nazis und Rassisten engagieren, kaum oder nennenswert unterstützt. Als EIN Beispiel wäre das Verhalten der Polzei beim Spiel der Aachener in Köln zu nennen, als während des Elfmeterschießens rechte Aachen-Anhänger den Block der ACU-Anhänger stürmen wollten, und mit Gegenständen und Böllern warfen. Als sich verständlicher Weise auf der anderen Seite der Unmut dagegen Luft machen wollte, griff die Polizei den Block der ACU-Anhänger mit Schlagstöcken und Pfeffer an. Währenddessen konnten sich die rechten KBU-Anhänger und viele andere gleichgültige Aachen-Fans ungehindert wieder dem Spielgeschehen zuwenden. Das (!) ist Realität in Deutschland.

    • 15. Januar 2013 um 14:48 Uhr
    • Chris
  2. 2.

    [...] Und insofern hat der Störungsmelder recht. Nazis sind wichtiger als Nacktkontrollen. Schmeißen wir sie raus. Aus den Stadien, aus unseren Zusammenhängen, aus der Gesellschaft. Und noch viel wichtiger: Machen wir ein Ende mit einer diskriminierenden Wirklichkeit in der -ismen bis weit in die Mitte der Kurve akzeptiert sind. Dann gehen die Nazis von ganz alleine. Weil sie sich nicht mehr wohl fühlen. [...]

  3. 3.

    Ja, Nazis sollten in der Kurve nichts verloren haben, das ist richtig nur sehe ich ein anderes Problem.

    Ultras wurden von den Medien, der Politik, den Vereinen und somit auch von der breiten Öffentlichkeit in ein kriminelles Eck gestellt. Sozusagen als Außenseiter der Gesellschaft. Auf sie wurde nicht gehört, bestenfalls ignoriert wenn nicht gar als Radaubrüder gebrandmarkt.
    Damit hat man sie ausgegrenzt und die innere Solidarität verstärkt. Hier kommen die Nazis ins Spiel, welche es schon immer gut verstanden haben, ind die Ecke getriebene, Ausständige für ihre schändliche Ideologie zu gewinnen. So werden sie im Stadion, obwohl eigentlich in vielen Fällen von Ultras vertrieben (wir wollen keine Politik im Stadion hat am Anfang der Ultras Bewegung dazu geführt, das Nazis keine Parolen mehr skandieren konnten), wieder stärker. Sie nutzen die negative Stimmung der Ultras gegenüber den Medien zu ihrem Wohl. Wir gegen die, und die Politik lassen wir ja eh (vorerst) aus den Stadien. Kleinweise kommt sie aber wieder, die antirassistischen und wirklich unpolitischen Ultras verschwinden oder werden “toleranter” gegenüber den Rechten.
    Das Problem ist auch, das alle Ultras meistens in einen Topf geworfen werden, dadurch solidarisieren sie sich und somit auch mit den Schwachköpfen.

    Ich denke das aus diesen Gründen kein Aufstand kommen wird, es wird untergehen. Und die Schuld daran liegt nicht nur bei den Ultras…

    • 17. Januar 2013 um 11:12 Uhr
    • Wiener
  4. 4.

    [...] Vollständiger Artikel [...]

  5. Kommentar zum Thema

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