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Journalistische Meinungsbildung mit einem NPD Politiker?

 
Screenshot des gelöschten Artikels © hna.de
Screenshot des inzwischen gelöschten Artikels

Die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) hat mit einem Shitstorm auf ihrer Facebookseite zu kämpfen. Grund hierfür ist ein Artikel der Zeitung, in welcher der Göttinger NPD Politiker Marco Borrmann portraitiert wird. Völlig unkritisch wie antifaschistische Initiativen bemängeln. Ein Kommentar.

Zur Initiative geblasen hat die Kampagne „Kein Bock auf Nazis“ mit einem Beitrag auf Facebook. Dort wird dazu aufgerufen, sich bei der Zeitung „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) zu beschweren. Zum Erscheinen dieses Artikels haben knapp 100 Facebook Nutzer an die virtuelle Pinnwand der Zeitung geschrieben um ihren Unmut über den  Artikel zu äußern. Vorgeworfen wird der Zeitung in einem Artikel völlig unkritisch Naziparolen zu verbreiten und die NPD als „normale Partei“ darzustellen.

In dem betreffenden Bericht geht es um den Göttinger NPD-Politiker Marco Bormann. Unter der Überschrift „Mandat im Bundestag: Er kandidiert für die NPD“ darf Bormann über die Ziele seiner Partei reden und über „gewalttätige Linke“ schwadronieren. Weiter unten im Text gibt Bormann zu Protokoll der Begriff „Nazi“ sei für ihn ein Schimpfwort, kurz davor redet er über die Einführung einer „Ausländerquote“. Den Linken in Göttingen möchte er aus dem Weg gehen um Konfrontationen zu vermeiden, außerdem sei er ein Katzenliebhaber. Seltsam anmutend ist der Artikel in der HNA auf jeden Fall. Das gut informierte Portal „Recherche Nord“ sieht in Bormann eine „Führungsfigur“ der lokalen Nazigruppe „Kameradschaft Northeim“,  welche über  Kontakte in die „militanten Neonaziszene“ verfügt.

Auf die Frage der HNA-Reporter nach dem Holocaust antwortet Bormann: „Der Staat hat seine Auffassung dazu, dann habe ich daran zu glauben“. Eine Aussage die Neonazis stets nutzen um sich durch eine Holocaustleugnung nicht strafbar zu machen. An anderer Stelle wird der Chef im NPD-Unterbezirk Göttingen wie folgt zitiert: „Ich will meinen Nationalstolz zeigen, auch ohne Fahne im Garten“. Andere Formulierungen in dem Artikel stoßen ebenfalls nicht auf Gegenliebe. So wird der Ex-Kameradschafstaktivist und NPD-Politiker Thorsten Heise, als „ehemaliger ‚Rechtsaußen‘“ bezeichnet, eine Formulierung die suggeriert, die NPD wäre keine extrem rechte Partei, sondern im demokratischen Lager zu verorten.

Muss man der NPD ein Forum für ihre nationalistischen und rassistischen Parolen geben? Entscheiden muss das jede Redaktion selbst. Wichtig ist es, über die Ideologie aufzuklären, Aktivitäten und Übergriffe zu thematisieren und keine Parolen unwidersprochen abzudrucken. NPD-Politiker aber eine Bühne zu geben, in der sie ihre Wahlwerbung völlig unkritisch darstellen können, hat nichts mit journalistischer Meinungsbildung zu tun, sondern ist schlicht und einfach gefährlich und verharmlosend. Dem Leser wird dadurch suggeriert, die NPD sei eine ganz normale, demokratische Partei. Und das ist sie nicht.

Auf Anfrage des Störungsmelders schrieb die Chefredaktion der HNA:

„Die HNA-Chefredaktion hat für die Vorstellung der Kandidaten zur Bundestagswahl für die Lokalredaktionen klare Vorgaben gemacht: Es gibt umfangreiche Porträts der Kandidaten, die einer der im Bundestag vertretenen Parteien angehören. Für die Kandidaten der zahlreichen kleineren Gruppierungen war vereinbart, ein Mini-Porträt zu veröffentlichen – Parteien, die keinen Direktkandidaten nominiert haben, werden demzufolge nicht berücksichtigt.
Das Porträt des NPD-Kandidaten in der Mündener Ausgabe der HNA entspricht nicht diesen Vorgaben. Chefredaktion und Lokalredaktion bedauern dies.“

Immerhin, der Beitrag wurde entfernt.

6 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Journalistische Meinungsbildung mit einem NPD Politiker? […]


  2. […] Die Lokalzeitung “Hessische/Niedersächsische Allgemeine” (HNA) hat mit einem Shitstorm auf ihrer Facebookseite zu kämpfen. Grund hierfür ist ein Artikel der Zeitung, in welcher der Göttinger NPD Politiker Marco Borrmann portraitiert wird. Völlig unkritisch wie antifaschistische Initiativen bemängeln. Ein Kommentar. (Störungsmelder) […]

  3.   dojo

    Die Frage wäre nicht „muss man“, sondern: „Darf man?“ Und das muss im Rechtsstaat mit „ja“ beantwortet werden, auch wenn Ihnen das noch so stinkt. Denn was Sie hier verteidigen, ist Zensur. Auch wenn nun ein Formfehler vorgeschoben wird. Und es hat, anders als Sie meinen, durchaus und im Kern mit Pressefreiheit und Meinungsbildung zu tun, alle zur Wahl zugelassenen Parteien vorzustellen. Dagegen hat mit Pressefreiheit und Meinungsbildung wenig zu tun, den Artikel wegen einem „Shitstorm“ der angeblich so harmlosen extremen Linken diensteifrig zu entfernen.

  4.   Xerxes

    Das war tatsächlich mutig, die NPD so wie Die Linke zu behandeln.

    Gut, dass dieser demokratische Meinungsäusserungsunsinn wieder untersagt wurde. Wo kommen wir denn da hin?

  5.   Berti Stein

    Warum soll sich jemand nicht vorstellen dürfen? Von der Partei mag man halten was man will, aber jeder sollte die gleichen Rechte beanspruchen dürfen. Auf einen bundesweiten Aufruf extremer Linker braucht auch eine Zeitung wie die Hessische/Niedersächsische Allgemeine nicht zu reagieren und kann die Beschwerden getrost der Ablage „P“ zuordnen.

  6.   Hannah Klobig

    Warum sollte man bitte NPD Politikern eine Bühne bieten? Ein Rechtstaat ist sinnvoll und wichtig, Nazis müssen in ihm mit allen Mitteln bekämpft werden. Neonazismus ist aber keine Meinung oder Ideologie die unter „freie Meinungsäußerung“ fällt, sondern verbrecherisch, mörderisch und menschenverachtend. Die Ideologie der Nazis hat zu über 6 Millionen Toten geführt. Und ihr wollt der NPD eine soclhe Bühne bieten? Gute Nacht, Deutschland!