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Bürger und NPD zusammen gegen Flüchtlinge

 
Neonazis und BürgerInnen ziehen gemeinsam mit Fackeln durch Schneeberg
Neonazis und Bürger ziehen gemeinsam mit Fackeln durch Schneeberg

Am Samstag protestierten – initiiert von der NPD – ca. 800 Menschen gegen das Asylbewerberheim im erzgebirgischen Schneeberg. In der Menge befanden sich Dutzende bekannte Neonazis aus der Region. „Schneeberger Lichtellauf“ – unter dieser harmlos klingenden Bezeichnung hatte die NPD eine Demonstration angemeldet. Bewusst entschied man sich dafür, die Versammlung als „überparteilich“ darzustellen, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, es könne sich um eine neonazistische Demonstration handeln. Eine Bürgerinitiative unter dem Titel „Schneeberg wehrt sich“ wurde ins Leben gerufen, auf Facebook zählte sie innerhalb weniger Tage bereits über 2.000 Mitglieder.

Am Vorabend fanden ein Friedensgebet und eine Kundgebung mit Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) statt. Ein Transparent mit der Aufschrift „Kein Platz für Nazis“ wurde gezeigt. Grund genug für Anmelder Stefan Hartung (NPD), auf die Facebook-Seite der Bürgerinitiative zu schreiben: „Wer gegen Asylbetrug ist, ist aus Stimpels Sicht Nazi.“ Eine Welle der Empörung folgte in der Kommentarspalte. So gelang es den federführenden NPD-Kadern auch, die von der Chemnitzer Freien Presse falsch geschätzte Zahl von 900 Teilnehmern bei der demokratischen Kundgebung als Presselüge zu verkaufen.

In der Folge zogen die Neonazis zusammen mit einem Teil der Schneeberger Bevölkerung durch die Wohngebiete und skandierten: „Lügenpresse, halt die Fresse!“ Einige Teilnehmer nutzten die aggressive Stimmung und versuchten mehrmals, Journalisten und vereinzelte Gegendemonstranten am Rande mit ihren Fackeln zu bedrängen. Ein Eingreifen der Ordner erfolgte nicht – diese bestanden ausnahmslos aus organisierten Neonazis. Die Polizei hatte sich offensichtlich von der bürgerlich anmutenden Mobilisierung täuschen lassen und die Gefahrenlage unterschätzt. 130 Beamte waren vor Ort, ein Teil von ihnen kesselte eine kleine Gruppe von Gegendemonstranten ein. Die Einsatzkräfte direkt an der Demonstration waren allerdings nach eigener Auskunft nur für die Regelung des Verkehrs zuständig. Dennoch gelang es den Beamten, wenigstens zwei der zahlreichen Hitlergrüße aus der Demonstration strafrechtlich zu verfolgen.

Im Vorfeld der Demonstration waren auf Facebook die Gerüchte um angebliche Straftaten im Flüchtlingsheim angeheizt worden. Der Großteil der 540 Asylsuchenden war erst Ende September von der sächsischen Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz nach Schneeberg gebracht worden. In dem völlig überfüllten Chemnitzer Heim war es zuvor zu Auseinandersetzungen zwischen Tschetschenen und Nordafrikanern gekommen, 21 Menschen wurden verletzt. Familien aus dem Flüchtlingsheim wurden daher in der ehemaligen Kaserne von Schneeberg untergebracht, wo sie einem Teil der Anwohner ein Dorn im Auge sind. Viele Neonazis, die teilweise aus Entfernungen bis zu 100 Kilometern angereist waren, mischten sich am Samstag unter die Demonstration. Einen verstärkenden Effekt auf die Mobilisierung dürfte auch das zuvor stattgefundene Spiel des lokalen Zweitligisten FC Erzgebirge Aue gegen den VfL Bochum gehabt haben.

Die Teilnehmer des „Lichtellaufes“ zogen „Wir sind das Volk“ rufend mit Fackeln und Lampions durch die Bergstadt und hinterließen einen bedrohlichen Eindruck. Eine wirklich breite Zustimmung beim Rest der Anwohner konnte die NPD mit ihrem Marsch so nicht gewinnen. Zwar war die hohe Zahl der bürgerlichen Teilnehmer erschreckend, aber durch die klare Federführung der lokalen NPD und der Teilnahme der NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer und Gitta Schüßler, konnte der Großteil der örtlichen Bevölkerung mit rassistischen Ressentiments nicht angesprochen werden. Zudem ist es auch fraglich, ob ohne die personelle Unterstützung zahlreicher sächsischer Kameradschaften überhaupt so viele Menschen gegen die Flüchtlingsunterkunft auf die Straße gegangen wären. Erschreckender als die Unterstützer aus der Bevölkerung war für viele, dass es nur vereinzelt Menschen gab, die gegen den Aufmarsch protestierten.

103 Kommentare

  1.   Heinrich von Schimmer

    Mein kleiner hässlicher Namensvetter war also auch auf der Straße.

  2.   Daniela S.

    So ist es nun mal, wenn sich die Parteien allesamt, CDU, Linke, Grüne, SPD und wie sie nicht alle heißen, dem drängenden Problem der Einwanderungsüberflutung, so stellt sich es für viele da, insbesondere in Duisburg und Berlin, nicht vernünftig annehmen. Hat man von diesen Parteien außer den Igitt. Das sind ja alles Nazis. Geschrei jemals einen konstruktiven Beitrag zur Lösung des Problems gesehen? Stattdessen schreien sie alle unisono Noch mehr Ausländer, bitte!, obwohl Deutschland schon aus allen Nähten Platz und überfordert ist. Dann ist es eben so, dass die Nazis in diese Lücke vorstoßen und diese effektiv ausschlachten. Wohin das führen kann, kann man anhand der Geschichte sehen.


  3. Wehret den Anfängen !!!

    Wenn die NPD eine „überparteiliche“ Versammlung anmeldet, müssten sämtliche Alarmglocken läuten.

  4.   Suryo

    Ist ja ekelhaft. Lichterkette gegen Asylbewerber. Warum haben die nicht gleich noch „We shall overcome“ angestimmt?

  5.   Bürger

    Würde, Hätte, Könnte. Fakt ist, dass 1000 Menschen gegen weitere Asylanten in Schneeberg sind und dies öffentlich kund getan haben. Ob nun mit oder NPD ist m.E. wurscht. Die NPD wird nun Honig daraus ziehen.

  6.   Nutvater

    Ich schäme mich,

    ein Sachse zu sein. Ich fürchte, dass die sächsische Polizei auch auf dem rechten Auge blind ist.


  7. Danke für diesen Interessanten Artikel. Ich finde solche Meldungen wichtig, damit einem bewusst wird welche Gefahren und welche Manipulierbarkeiten potenziell vorhanden sind, die sich Neonazis zunutze machen.

    Übrigens wiedermal ein klassischer Fall, wie Behörden und Polizei die Gefahr von rechts unterschätzt. Anscheinend funktionieren Prism und wie die Programme alle heissen nicht bei rechten Funktionären….

    Und dass den Nazis auch nicht an der Thematik an sich gelegen ist, konnte man an der Sabotage der Bürgerinformationsveranstaltungen in Berlin – Hellersdorf sehen….


  8. 1. Es geht primär um die Frage, was das Volk will.
    2. Wenn eine Partei, ganz gleich ob links oder rechts, dem entspricht, so darf man sich nicht wundern, welches Ergebnis auch immer herauskommt.
    3. Wenn die einzige Partei, die in des Volkes Sinne agiert, die demokratisch legitimierte NPD ist, dann ist der Wille des Volkes und dessen Sympathie für die NPD nur folgerichtig.

  9.   Stev

    Nicht: „Wie Neonazis die Bürger von Schneeberg mobilisierten“, sondern: „Wie die anderen Parteien die Bewohner mit ihren Sorgen der NPD überließen.“ – müßte es heißen.
    Wenn die anderen Parteien sich ernsthaft mit der Thematik befaßt hätten, dann hätte die NPD nichts zu melden gehabt. Es ist ja auch in Schneeberg bekannt, daß die Verlegung der Tschtschenen zustande kam, weil sie aus rassistisch-nationalistischen Ursachen massive gewaltsame Auseinandersetzungen hatten mit Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung im Asylbewerberheim Chemnitz. Daß es dann begründete Bedenken und Widerstände gibt, wenn wie so oft von oben herab festgelegt wird, solch eine Gruppe auf unabsehbare Zeit in die eigene Nachbarschaft umzusiedeln, sollte nicht überraschen. Daß die NPD strategisch versucht, diese Dynamik für sich zu nutzen, ist bekannt. Das wird so lange funktionieren, wie die anderen Parteien ihre Angststarre vor diesem Thema nicht überwinden.

  10.   Visier

    Erschreckend ist aber auch das Medien noch immer die Situation so darstellen als das es ein ausgeklügelt inszeniertes Spiel der NPD war das am Ende so viele Menschen mobilisiert hat. Mehr noch, es wird so hingestellt als wenn die hohe Beteiligung duch weit angereiste Parteimitglieder erst zustande kam.
    Ich bin mir ganz sicher das das nicht so war.
    Im Erzgebirge und vor allem im Raum Aue/Schwarzenberg sind die Menschen im höchsten Maße unzufrieden, frustriert, arm und so ist es nicht wirklich eine Überraschung das sich dort schon seit vielen, vielen Jahren eine rechtsnationalistische Grundgesinnung generationsübergreifend bei den Menschen eingebettet hat.
    Und das nicht nur bei den Fußballfans wie hier geschrieben sondern auch bei der netten Bäckersfrau, der Kindergärtnerin oder dem ein oder anderen Polizeikommissar. Ich war wehrend meiner Ausbildung 3 Jahre Lang in Schlema (Unmittelbar zw.Aue und Schneeberg) gewesen und habe in der Zeit Menschen und Region wirklich sehr gut kennenlernen können. Und es ist schier Erschreckend wie dort die allgemeine Grundeinstellung der ganz normalen Bevölkerung geschaltet ist.
    Und offensichtlich wird diese Tatsache von Politik und Medien gern verdrängt oder die Ursache bei NPD Initiatoren gesucht – das aber ist äußerst bedenklich!