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„Der blinde Fleck“: Staatsversagen auf der Kinoleinwand

 

attachment-2Mit einem Sprengstoffanschlag tötete der Neonazi Gundolf Köhler am 26. September 1980 12 Menschen und sich selbst, mehr als 200 Menschen verletzte er zum Teil schwer. Aus wahlkampftaktischen Gründen wurde ein rechtsextremer Hintergrund schnell ausgeschloßen. Doch der Journalist Ulrich Chaussy hatte schon damals Zweifel an der offiziellen Version — und wurde dafür nicht nur bedroht, sondern geriet sogar ins Visier des Münchner Staatschutzes. Heute kommt der Reporter als Held zurück — gespielt durch Benno Fürmann in einem Thriller, der die engagierte Arbeit von Chaussy minutiös rekonstruiert und zugleich verstehen lässt, wie der NSU funktionieren konnte.


Von Felix Benneckenstein

München, 26. September 1980: Der in der Wehrsportgruppe Hoffmann organisierte Neonazi Gundolf Köhler tötet am Haupteingang des Oktoberfestes, dem größten Volksfest der Welt, mit einer Bombe 12 Menschen und – vermutlich versehentlich — sich selbst. Weit über 200 Menschen wurden verletzt, 68 davon schwer. Schnell wird aus Wahlkampfgründen ein rechtsextremer Hintergrund ausgeschlossen, der Fall politisch instrumentalisiert und letztlich als „Wahnsinns-Tat“ eines „sexuell frustrierten Einzeltäters“ abgeschlossen. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy glaubt die These schon damals nicht, recherchiert, bleibt hartnäckig, erntet Erfolge. Aber er wird dafür eben auch verspottet, bedroht und gerät in das Visier des Münchner Staatsschutzes. Heute kommt Chaussy zurück: Als Held. Gespielt durch Benno Fürmann, in einem Thriller, der verstehen lässt, wie NSU funktionieren konnte.

Der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kommt in Starbesetzung und als Polit-Thriller in die Kinos. “Der blinde Fleck” bringt dabei alles mit, was ein Kinofilm mit Blockbuster-Ambitionen braucht: Liebe, Sex, Tragödien, Spannung und eine charismatische Hauptfigur. Prominent besetzt ist das Werk unter anderem durch Heiner Lauterbach, Benno Fürmann, Nicolette Krebitz und Miroslav Nemec. Bemerkenswert an dem Film ist vor allem, dass ihm der Sprung zwischen Spielfilm, Pietät und einer nötigen Distanz zu den Tätern exzellent gelingt. So kann die Befürchtung, dass etwa den Tätern und ihren geistigen Mittätern zu viel, oder wahlweise den Opfern und ihren Angehörigen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, getrost ad acta gelegt werden. Nur ein einziges Mal, für wenige Sekunden, werden Neonazis überhaupt martialisch dargestellt: Bei der Verhaftung des „Wehrsport-Gruppe-Hoffmann“-Chefs Karl-Heinz Hoffmann. Die weitere Aufmerksamkeit des Filmes gilt ausschließlich der akribischen Aufarbeitung durch einen engagierten und unbeirrbaren Journalisten, der sich im echten Leben wie in seiner Filmrolle nicht an Verschwörungstheorien, sondern an Fakten orientiert.

Nicht nur deshalb sind einige Fachjournalisten längst überzeugt: Wer verstehen will, wie tief die Spannungen zwischen Verfassungsschutz und Zivilgesellschaft 1980 wie 2011 lagen und wer begreifen möchte, wie offen die politische Polizei und der Verfassungsschutz gegen ihre eigenen Gesetze arbeiten, um neonazistische Morde zu verschleiern, der muss diesen Film gesehen haben.

Der Logik folgend, dass jeder Film unbedingt eine Hauptfigur, einen „Helden“ haben muss, ist dies dann zweifelsohne niemand anderes als der BR-Journalist Ulrich Chaussy. Er führt die Zuschauer durch den Film, sein Leben und die vielen Ungereimtheiten bei diesem als „Tat eines Einzeltäters“ verkauften Neonazi-Attentats. Dadurch hat der Film eine ganz andere Chance, das Attentat sachlich richtig und vor allem den Opfern und ihren Angehörigen würdig zu schildern.

Gespielt wird Chaussy in einer fantastischen schauspielerischen Leistung von Benno Fürmann. Im Verlauf der Handlung erlebt der Journalist nicht nur mauernde Behörden, die trotz offensichtlicher Sachlage nicht an einer Klärung des Falles interessiert sind. Mehr noch: Weil er genau die Zweifel, die heute längst anerkannt sind, laut äußerte, nahmen ihn die Behörden ins Visier. So etwa der Münchner Staatsschutz für Linksextremismus (Heute: K43) der Polizei. „Sie wären nicht der erste Linke, der eine Bombe legt“, wird dem Journalisten im Münchner Polizeipräsidium erklärt, nachdem die Politpolizei die Stürmung seiner Wohnung durch ein Sondereinsatzkommando im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Oktoberfestattentat angeordnet hat. Durch die Jagd der Behörden auf einen Journalisten bekommt der Film den Charakter eines echten Geheimdienst-Thrillers.

Obwohl stets für Spannung gesorgt ist, bleiben Actionszenen weitgehend aus. Das Attentat selbst wird nicht nachgespielt. Immer wieder bringen den Zuschauer kurze, unkommentierte Originalaufnahmen vom Oktoberfest 1980 in die Situation hinein. Fahrgeschäfte, Bierzelte, ein Knall. 13 tote Menschen. Damit beginnt die Geschichte des Films — und der bis heute anhaltende Versuch einer spektakulären politischen Relativierung eines neonazistischen Attentats.

Mitten im Wahlkampf inszeniert die damalige bayerische Strauß-Regierung, die gerade an der Übernahme der Regierung Deutschlands bastelte, eine schnelle und wahlkampftaugliche Presseerklärung. Der Anschlag kann nur von Linken ausgeübt worden sein, soviel stand jedenfalls fest. Die CSU missbraucht schamlos die Opfer des Attentats, um vor allem am Stuhl des FDP- Innenministers Gerhart Baum zu sägen. Baum hatte die damaligen Anzeichen der zunehmenden Radikalisierung der Neonaziszene von der Altnazi-Partei FAP bis zur paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann nämlich frühzeitig erkannt und entsprechend mit Repressionen und Verboten reagierte.

Es ist eben diese brisante Mischung aus politischen Machtspielen, einem Verfassungsschutz, der ebenso wie die Polizei aus politischen Gründen an einer echten Aufarbeitung nicht interessiert ist und einer Neonaziszene, die öffentlich die „Wolfszeit“ ausruft und längst den bewaffneten Aufstand auch öffentlich plant, die Chaussys journalistischen Ehrgeiz scheinbar unaufhaltsam geweckt hat. Und das, was Ulrich Chaussy in seinem Leben nun alles widerfahren soll, ist nicht fiktiv. Ulrich Chaussy hat mit dem Regisseur Daniel Harrich gemeinsam das Drehbuch erarbeitet — auch, wenn er selbst sich an die Rolle des Protagonisten erst gewöhnen musste, wie er sagt.

“Der blinde Fleck” kann, während ausgerechnet in München der Prozess gegen eine rechtsterroristische Organisation läuft, die offensichtlich zu keiner Zeit der Gefahr ausgesetzt war, durch die Behörden erkannt zu werden, nicht aktueller sein. Das ist auch die Auffassung von Ulrich Chaussy: „Damals, 1980, waren die weitgehend gleichen Mechanismen des Wegschauens, des Ausblendens, des nicht wahrhaben Wollens bereits voll entwickelt, die wir jetzt im Fall NSU mit Erschrecken und Scham erkennen“.

Der Film startet am 23. Januar in den Kinos. 

7 Kommentare


  1. […] Mit einem Sprengstoffanschlag tötete der Neonazi Gundolf Köhler am 26. Oktober 1980 12 Menschen und sich selbst, mehr als 200 Menschen verletzt er zum Teil schwer. Aus wahlkampftaktischen Gründen wurde ein rechtsextremer Hintergrund schnell ausgeschloßen. Doch der Journalist Ulrich Chaussy hatte schon damals Zweifel an der offiziellen Version — und wird dafür nicht nur bedroht, sondern gerät sogar ins Visier des Münchner Staatschutzes. Heute kommt der Reporter als Held zurück — gespielt durch Benno Fürmann in einem Thriller, der die engagierte Arbeit von Chaussy minutiös rekonstruiert und zugleich verstehen lässt, wie der NSU funktionieren konnte (Die Zeit). […]

  2.   Misanthrop

    Ich hätte gerne gewusst, was das damals für eine rechte Szene war. Die Namen der Toten auf dem Oktoberfest, die man im Internet nachlesen kann, lassen nicht auf einen Migrationshintergrund schließen. Im Gegenteil, es sind klassische deutsche Namen. Auf die hätte die NSU bestimmt keinen Anschlag verübt.
    Wie auch: 1980 war Zuwanderung noch nicht so ein Thema wie heute, es gab viel weniger Migranten und Flüchtlinge. Gegen wen oder was richtete sich also damals der Hass?
    Man muss wohl erst einiges über die damalige rechte Szene wissen, um Rückschlüsse zu ziehen. Ich weiß über die leider zu wenig.


  3. […] Zeit Störungsmelder: 2014 – die wichtigsten Veranstaltungen der extremen Rechten • Lese-Tipp: „Viraler Hass – Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0“ • „Der blinde Fleck“: Staatsversagen auf der Kinoleinwand […]

  4.   Durango

    Wer sich über die Motivation der Rechten Gedanken macht, sollte in seine Überlegungen die damalige politische Situation betrachten.
    Die regierende rot-gelbe Koalition wurde von sich eigens gründenden Strukturen innerhalb der bundesdeutschen Geheimdienste überwacht. Diese Strukturen waren nicht ihren (politischen) Vorgesetzten verpflichtet sondern ihre Erkenntnisse gingen den Diensten des Großen Bruders zu. Erst vor kurzen wurde die Bespitzelung der regierenden Brandt, Schmidt, Baum, etc. bis in Zeiten der rot-grünen Regierung publik (und nicht lang darauf von den aktuellen Bespitzelungen der Kanzlerin überlagert).
    Es bedarf in der freiheitlich-rechtsstaatlichen Realität keines transatlantischen Buhmanns. Jedwede gesellschaftlich relevante politische Strömung war im geheimen Krieg der Blöcke von gesteigertem Interesse. Ganz besonders gilt dies in der sich mit Ablösung der schwarzen Nachkriegsregierungen nach links verschiebenden bundesrepublikanischen Gesellschaft und der stetig von einer mächtigen kommunistischen Tradition bewegten italienischen Nachkriegsgesellschaft. Immerhin zwei der wichtigsten Volkswirtschaften und Frontstaaten im Spiel der Ideologien.
    In den Gedärmen dieser beiden transatlantischen Interessenfelder tummelten sich starke rechte, neofaschistische Zellen, die auf die Unterstützung der westlichen Geheimdienste und ihrer Parteigänger in den politischen Systemen der beiden Nationen zählen konnten.

    Ganz vorne mit dabei, Franz-Josef Strauß. Von Strauß, 1980, wie im Film thematisiert im Wahlkampf ums links-liberal regierte Bonn, ist bekannt, dass er einerseits, seit seiner Tätigkeit als Übersetzer eines hohen Geheimdienstoffiziers der Amerikaner nach Zusammenbruch Nazideutschlands anhaltende Beziehungen zum CIA hatte und anderseits die Wehrsportgruppe Hoffmann, persönlich und über die Hans-Seidl-Stiftung der CSU mit finanziellen Mitteln versorgte. Belegt, bis zur von FJS persönliche unterzeichnenden Quittung hat das sehr eindrucksvoll der Schweizer Friedensforscher und Professor Daniele Ganser, der seine Vorlesungen auch über YouTube veröffentlicht.
    Das ist in soweit relevant, als das diese rechten Zellen von Deutschland bis Italien Teil der Stay-Behind-Strategie der alliierten Geheimdienste waren (siehe die öffentlich-rechtlichen TV-Dokumentationen zum Thema). Diese auch unter dem Stichwort Galdio bekannten Stay-Behind Strukturen sollten im Konfliktfall eingegraben hinter der Front operieren. Die gut ausgerüsteten – erinnert sei an die Waffendepots, aufgefunden in deutschen Wäldern – und gut vernetzten, auf italienischer Seite zeichnete Andrioti für die Finanzmittelbeschaffung mitverantwortlich, entwickelten in der linkspolitisch bewegten Zeit der 70er eine Terrorstrategie, die Anschläge mit bewusst hohem Anteil an Opfern unter der Normalbevölkerung verüben wollte, die es galt dem Linksterrorismus unterzujubeln und als Mittel zur Stimmungsmache gegen Links zu instrumentalisieren und darüber den Schrei nach restriktiver politischer Reaktion provozieren sollte, so das Kalkül. In ihrer Logik erfolgreich, der Anschlag auf den Hauptbahnhof Bologna, ebenfalls 1980. Übrigens begegneten sich Italiener und Deutsche im Vorfeld der Anschläge von 1980 im nahöstlichen Ausbildungslager.

    Auch FJS war schnell dabei im Wahlkampf gegen Schmidt den Münchener Wiesen-Anschlag dem Linksterrorismus zu unterstellen. Den Attentäter Köhler allerdings weiß man der vom Wahlkämpfer unterstützten Wehrsportgruppe Hoffmann verbunden.

    Ein bundesrepublikanischer Abgrund, der die moralische Legitimation der freiheitlich-rechtichen Wunschbild zumindest ankratzt…
    Interessant wäre, was die regierungsverantwortlichen Schmidt & Co. von den Hintergründen ahnten/wussten, immerhin, die abgekragten Ermittlungen der Bundesanwaltschaft lag nicht in der Verantwortlichkeit der oppositionellen Unionsparteien.
    …Die neofaschistischen Kreise aus denen sich die Attentäter in Bologna rekrutierten, sind parlamentstauglich, Herr Berlusconi Teil jener Loge, die die Anbindung dieser Strukturen an die gesellschaftliche Nachkriegselite gewährleisteten…

    Ein weites Feld, das es zu beackern oder auch nur anzustossen gilt Herr Chaussy. Blind ist dieser Fleck nur in den Augen der Bevölkerung…

  5.   Hirtenhund

    Mich faszinierte der Film. Die rechte Szene wurde ja früher wohl eher gedanklich ausgegrenzt. Was nicht sein durfte, das gab es nicht. Hier wurde das Interesse bekundet, mit welchem Hintergrund man diesen Anschlag verübte. “Gegen wen richtete sich damals der Hass, lautet die Frage: Ich glaube, dass selbst nach dem verlorenen Krieg damals immer noch der “Geist Hitlers” in einigen Köpfen verankert war. Ich würde es als “Machtdemonstration” bezeichnen.

    1984/85 begegnete mir ein Mann, der mir von Planungen, das gesteckte Ziel des Führers zu erreichen, berichtete. Als ich mich bemühte, diesen Mann “öffentlich” zu machen, hielt man mich wohl für eine Spinnerin. Na ja, wieso sollte ausgerechnet eine unbedeutende “Allerweltsfrau” von einer Person aus der rechten Szene angesprochen werden? Es ist aber gut, dass dieser Film einmal dokumentiert, wie es so lief und wohl auch noch läuft.