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Fußball, Freundschaft, Fackelmärsche

 

aaaaaaaaAm 28. März kurz vor sechs Uhr morgens stürmten mehr als ein dutzend schwer bewaffnete und vermummte Polizisten ein Vereinsheim in der Markersdorfer Straße in Chemnitz. Zeitgleich fanden Razzien in 15 Wohnungen statt, um das vom sächsischen Innenministerium erlassene Vereinsverbot gegen die Nationalen Sozialisten Chemnitz durchzusetzen. Die Kontakte der Neonazis reichen offenbar bis in die Schweiz.

Von Björn Resener, zuerst veröffentlicht bei Publikative.org

Bei den Durchsuchungen wurden zahlreiche Beweismittel sichergestellt. Festgenommen wurde niemand, aber die ermittelnden Beamten kündigten Verfahren wegen Propagandadelikten, Landfriedensbruch und Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz an. Noch am selben Tag präsentierten sie Journalisten unzählige Plakate, Tonträger und weiteres Propagandamaterial, aber auch illegale Waffen und die Zaunfahne einer Ultra-Gruppe des Chemnitzer FC.

Konkret geht es dabei um ein Banner von New Society Chemnitz, einer ausdrücklich politisch motivierten Fangruppierung, die auf ihrer Website behauptet Widerstand gegen die angeblich „linksextreme Beeinflussung von Fanszenen, Polizeigewalt und (…) Kommerzialisierung des Fußballsports“ leisten zu wollen. Der Fund ist ein Indiz dafür, dass es personelle Überschneidungen zwischen den Nationalen Sozialisten Chemnitz und New Society gibt. Immerhin gelten Zaunfahnen in der Ultra-Szene als Heiligtümer, die keinesfalls aus der Hand gegeben werden dürfen.

Reisefreudige Rechte

Es liegt nahe, dass die szeneintern „NS-Boys“ genannte Fangruppe den Neonazis zur Rekrutierung und Ideologisierung junger Fußballfans dient. So wurde der Ausflug zu einem Spiel nach Dortmund im Dezember 2012 mit einem Besuch in der Wewelsburg verbunden, die während des Nationalsozialismus zur SS-Kultstätte umgebaut worden war. Bei einem selbstorganisierten Fußballturnier spielten die Ultras vor einem Solidaritäts-Transparent für Josué Estébanez de la Hija, der im November 2007 den Antifaschisten Carlos Palomino in der U-Bahn von Madrid ermordet hatte. Und ihr Trikotsponsor bei solchen Anlässen war stets „PC-Records“, ein bekannter Rechtsrock-Versand.

Natürlich besuchen die „NS-Boys“ auch gemeinsam die Heim- und Auswärtsspiele ihres Clubs, oder der Vereine von befreundeten Ultra-Gruppen. Besonders enge Kontakte gibt es zu den WK13 Boys bzw. Inferno Cottbus und zu den Blue White Bulldogs vom Grasshopper Club Zürich (GCZ). Die Schweizer wurden noch im letzten Jahr zum Champions League Qualifikations Spiel nach Lyon begleitet. Doch die Chemnitzer unterstützten ihre Züricher Freunde auch schon bei Auswärtsspielen in Basel, Aargau und Salzburg sowie beim Derby gegen den FC Zürich.

Gemeinsam gegen Linke

Im Gegenzug begleiteten einige Blue White Bulldogs ihre Chemnitzer Freunde etwa am 3. März 2012 zum Spiel gegen Babelsberg 03, einen Verein, der für seine links-alternative Fanszene bekannt ist. Auf der Website von New Society prahlten die Chemnitzer kurz darauf mit einem erfolgreichen Angriff auf vermeintliche Gegner, bei dem auch Fanutensilien geraubt wurden und bedankten sich für die Unterstützung aus Zürich und Cottbus.

Übrigens sorgten auch die Cottbusser Ultras im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die rechte Szene ihrer Stadt für Aufsehen. Als im Juni 2012 die „Widerstandsbewegung in Südbrandenburg“ vom Brandenburgischen Innenministerium verboten wurde, gab es bei William Puder, dem Vorsänger von Inferno Cottbus eine Hausdurchsuchung. Die Neonazi-Gruppe, zu der die Behörden den Cottbusser Ultra-Capo rechnen, ist die Erfinderin der sogenannten „Unsterblichen“ Flashmobs. Bei dieser Aktionsform formierten sich bis zu 300 Neonazis mit Fackeln und weißen Masken zu unbewilligten Demonstrationszügen und lösten sie nach wenigen Minuten wieder auf. Die Aufmärsche wurden mit professionell gemachten Videos dokumentiert und auf neonazistischen Websites und Social Media Plattformen verbreitet.

Alles reiner Zufall?

Die bisher letzten beiden Aktionen dieser Art gab es wiederum in der Schweiz. Ausgerechnet im Kanton Zürich marschierten am 13. Februar 2012 dutzende mit weißen Masken und Fackeln ausgerüstete Neonazis durch die Straßen von Hombrechtikon. Am 15. Februar diesen Jahres wiederholte sich die Szenerie in Solothurn. Auch hier wurde die Aktion gefilmt und online verbreitet. Deutsche Neonazis jubelten daraufhin im Internet: „Unsterbliche marschieren durch Judengasse“. Wer die Fackelmärsche organisiert hatte, ist bislang nicht bekannt. Aber die Razzien in Cottbus und Chemnitz haben gezeigt, dass „Unsterbliche“ aus Deutschland seit einiger Zeit Kontakte nach Zürich pflegen.

1 Kommentar

  1.   niklas busse

    Es heißt übrigens “Zürcher” nicht Züricher….