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Bayerns Nazi-Immobilien

 

Kistenschleppen Rieggis (Foto: Robert Andreasch)

Das Beispiel eines von Neonazis genutzten ehemaligen Landgasthofs im schwäbischen Rieggis zeigt deutlich, wie in Bayern mit rechtsextremen Immobilien umgegangen wird: Verschweigen und Wegschauen, oft über Jahre und Jahrzehnte.

Eine Recherche von Robert Andreasch und Sebastian Lipp. Zuerst und ausführlicher erschienen bei a.i.d.a.

Verschweigen und Wegschauen

Die Landtagsabgeordnete Katharina Schulze hat Anfang Juli eine schriftliche Anfrage über „von Rechtsextremisten genutzte Immobilien in Bayern“ eingereicht. Im Mai 2013 schrieb die Bundesregierung auf eine SPD-Anfrage zu „Rechtsextremismus im ländlichen Raum“ hin von 260 Immobilien, die im Bundesgebiet „zu Veranstaltungszwecken der Rechtsextremen- und Neonaziszene genutzt werden“. 26 dieser Häuser lägen in Bayern.

Das ist jetzt gewissermaßen die Messlatte für das bayerische Innenministerium. Die Landtagsanfrage der Grünen-Politikerin Schulze beantwortet der Staatssekretär Gerhard Eck: Er nennt erstens das Ladengeschäft des „Versands der Bewegung“ in Murnau und zweitens den zeitweise an die neonazistische Partei „Die Rechte“ überlassenen ehemaligen Gasthof in der Winzerstraße von Kolitzheim-Stammheim. Mehr nicht. Zwei statt 26.

Die 'Ludendorffer'-Immobilie in Tutzing. (Foto: Robert Andreasch)
Die ‚Ludendorffer‘-Immobilie in Tutzing. (Foto: Robert Andreasch)

An der Wirklichkeit geht das meilenweit vorbei. Was ist beispielsweise mit dem Gebäude in der Münchner Paosostraße, in dem seit Jahrzehnten die „Nationalzeitung“ produziert wird? Was mit der völkischen Siedlung „Dorflinde“ in Pöttmes? Warum wird die Villa in Tutzing nicht erwähnt, in der „Bund für Gotterkenntnis – Ludendorff“ sich seit 70 Jahren versammelt? Derartige Beispiele gäbe es weitere.

Die „Artgemeinschaft“ in der „Alten Sennküche“

Eine von Neonazis genutzte Immobilie in Bayern, die das Innenministerium auch nicht nennt, befindet sich im Allgäu: Im schwäbischen Rieggis, abgelegen zwischen Kempten und Immenstadt, besitzt Anton Pfahler (Sinning) den ehemaligen Landgasthof „Alte Sennküche“ in der Ortsmitte.

Die Immobilie in Rieggis mit ehemaligem Gasthaus und Doppelgarage. (Foto: Robert Andreasch)
Die Immobilie in Rieggis mit ehemaligem Gasthaus und Doppelgarage. (Foto: Robert Andreasch)

Das Anwesen in Rieggis ist nicht die einzige Immobilie im Besitz von Pfahler, einst „Offizier“ der paramilitärischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und früherer Aktivist der neonazistischen „Wiking-Jugend“. Pfahler ist auch am völkischen Siedlungsprojekt in Echsheim-Pöttmes beteiligt. Und sein Gelände im oberbayerischen Oberhausen-Sinning bei Neuburg an der Donau vermietete er in den Jahren 1998 bis 2000 an den „Deutsche Stimme“-Verlag der NPD sowie an zahlreiche bekannte Neonazis aus dem In- und Ausland. Bei einer Razzia im Juni 1998 fanden Polizeibeamte dort Maschinenpistolen, Sturmgewehre, Handgranaten, Munition und Tretminen, er wurde wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verurteilt.

Pfahler hat den Gasthof in Rieggis an Bernd Burger und dessen Ehefrau verpachtet und liess für die Familie der Pächter (Teil-) Wohnrechte und Nutzungsrechte ins Grundbuch eintragen. Bernd Burger ist „erster stellvertretender Leiter“ der „Artgemeinschaft“.

Der völkische Sippenverband

Ausgaben der 'Nordischen Zeitung' der 'Artgemeinschaft'. (Foto: a.i.d.a.)
Ausgaben der ‚Nordischen Zeitung‘ der ‚Artgemeinschaft‘. (Foto: a.i.d.a.)

Abseits einer fehlenden öffentlichen Aufmerksamkeit ist die seit 1951 bestehende „Artgemeinschaft“ in der radikalen Rechten von hoher Bedeutung. Vor allem unter dem Vorsitz des Hamburger Neonazis Jürgen Rieger (1989-2009) fand die „Artgemeinschaft“ engen Anschluss an den militanten Neonazismus. Norddeutsche Wehrsport-Aktivisten, Funktionäre der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) sowie Anführer von „Blood&Honour“ aus Norddeutschland tummelten sich dort in den vergangenen Jahren.

„Sogar einer der Angeklagten im Münchener Verfahren gegen die braune Terror-Zelle ‚Nationalsozialistischer Untergrund‘ (NSU), André E. aus Zwickau, beteiligte sich vor Jahren mindestens zwei Mal mit seiner Ehefrau sowie dem Zwillingsbruder mit Gemahlin an Treffen in Ilfeld. Susann E., die Frau des mutmaßlichen NSU-Terrornetzwerk-Unterstützers bestellte beim Versand der ‚Artgemeinschaft‘ Kleidung oder Utensilien. Als die ‚Artgemeinschaft‘ sich noch in der Lüneburger Heide zu germanischem Sechskampf, Feuer und Schulungen traf, nahm auch die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe 1997 an einer so genannten ‚Hetendorfer Tagungswoche‘ von Jürgen Rieger teil.“ (bnr.de)

Bei der „germanischen Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ verschmelzen die Verherrlichung des Nationalsozialismus mit einem religiösen Überbau. Als Äquivalent zu einem christlichen Glaubensbekenntnis und den „Zehn Geboten“ gilt in der „Artgemeinschaft“ ein „Artbekenntnis“ und „Sittengesetz“. Die antifaschistische Zeitschrift „Lotta“ hat die Grundsätze der „Artgemeinschaft“ in ihrer aktuellen Ausgabe (Juli 2015) analysiert:

„Im Zentrum steht ein Ahnen und Rassenkult (…) die Formulierung ‚die Menschenarten sind verschieden in Gestalt und Wesen‘ ist kaum verklausulierter Rassismus und ‚ohne den Tod des Einzelwesenes sind die Arten nicht lebens- und entwicklungsfähig‘ faktisch eine Aufforderung zum ‚race war’“.

Ahnungslose Behörden

Wir fragen bei der lokalen Kriminalpolizei nach der „Artgemeinschaft“, doch die will von nichts wissen: „Im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Schwaben Süd/West sind keine Aktivitäten der ‚Vereinigung Artgemeinschaft‘ bekannt“, schreibt der Polizeipressesprecher Christian Eckel zurück. Während unserer Recherche hat sich die Situation um die Immobilie da schon längst zugespitzt; die „Alte Sennküche“, auf der seit 2011 eine sechsstellige Hypothek liegt, wird zwangsversteigert werden.

Ob man deswegen bei der „Artgemeinschaft“ in Panik gerät? Fürchtet man den Verlust von Büchern und Schriften? Am 11. Juli 2015 kommt es jedenfalls zu einem Treffen in Rieggis: Aktivisten und Familien der Artgemeinschaft reisen aus dem ganzen Bundesgebiet (u. a. Berlin, Burgenlandkreis, Rosenheim) sowie aus dem österreichischen Salzburg an. Offen prangen auf den Fahrzeugen die Aufkleber mit dem Symbol der „Artgemeinschaft“, auf denen der (germanische) Adler den (christlichen) Fisch fängt. Der „Buchdienst der Artgemeinschaft – GGG e. V.“ hat sie für 2,50 Euro im Angebot.

Schwere Kisten werden aus der Immobilie zu einem Miet-LKW geschleppt. (Foto: Robert Andreasch)
Schwere Kisten werden aus der Immobilie zu einem Miet-LKW geschleppt. (Foto: Robert Andreasch)

Die Männer in den bündischen Kniebundhosen müssen schwer schuften. Stundenlang schleppen sie schwere Pappkisten und Umzugskartons aus dem Haus und wuchten sie in die Fahrzeuge. Sie beladen einen kompletten 7,5 Tonner-Lkw, Kleinbusse und große Autoanhänger. Dass es sich bei dem schweren Kartons um Bücherkisten handelt, ist durchaus naheliegend. Dafür spricht auch eine Änderung auf der „Asatru“-Website wenige Tage später: die Kontaktadresse für den Buchdienst der „Artgemeinschaft“ wechselt Ende Juli 2015 von Kempten nach Zeitz.

Schluss jetzt?!

Am 24. Juli 2015 findet am Amtsgericht Kempten vormittags der erste Zwangsversteigerungsversuch für die „Alte Sennküche“ statt. Neonazis, Strohmänner oder -Frauen bieten zunächst nicht mit. Schließlich kommt kein Gebot zustande, das die Gläubigerbank akzeptiert, ein neuer Versteigerungstermin muss angesetzt werden. Sollten Neonazis oder für sie auftretende Personen auch beim zweiten Termin nicht zum Zuge kommen, könnte die von der „Artgemeinschaft“ genutzte Immobilie von Rieggis vielleicht bald Geschichte sein. An der Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden lag das dann aber nicht.

2 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Bayerns Nazi-Immobilien […]


  2. […] zuvor am 11. Juli 2015 räumten bundesweit angereiste Aktivisten und Familien der „germanischen Glaubensgemeinschaft […]