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Buddha am Alex

 

Sinnlich und verführerisch schaukelt der Groove, die Berlinerin Gudrun Gut legt uns ihre neue Platte auf.

Gudrun Gut I Put A Record On

Zarah und Paula sind zwei Berliner Mädchen von ungefähr zwölf Jahren. Sie filmen sich selbst, beim Spielen, beim Anprobieren zu großer Kleider, beim Posieren und Tanzen in der elterlichen Wohnung – überall. Hier tun sie es für das Video zum Eröffnungsstück Move Me auf Gudrun Guts neuer Platte I Put A Record On.

Was auf den ersten Blick wie eine von Millionen Amateuraufnahmen auf Meine-Peinlichkeiten.de anmutet, offenbart zur sanft schiebenden Tango-Polka und Frau Guts gehauchtem Gesang sehr schnell eine tiefere Geschichte. Diese Art der verschwörerischen gegenseitigen Beobachtung, der wortlos nach Vertraulichkeit tastenden Körpersprache, gibt es nur unter Mädchen und Frauen. Schon in verschiedenen Stilepochen der darstellenden Kunst tauchten sie am Rande auf mit ihrem Pas de deux der Selbstbespiegelung, als Malerinnen, als Fotografinnen, und später beim Film.

Heute übergibt die Altmeisterin des Berliner Elektro-Punk in ihrem Musikvideo die Stafette an die jungen Mädchen: Move Me – tragt es weiter, ihr zwei! Das ist fürwahr ein Stück Frauenbewegung, getanzt, gesungen, gefilmt, und schon für sich ein brillanter Auftakt. Gar nicht weit spannt sich der Bogen zu dem Video Celle, das der CD beigefügt ist, Pipilotti Rist hat es gedreht. Große Kunst also, aber eben nicht als künstlicher Überbau, sondern als folgerichtiger Weg, als Teil 2 dieser Frauengeschichte, diesmal zwischen den zwei großen Mädchen Gut und Rist, die sich lange kennen.

Mit der selben Nonchalance und Leichtigkeit ist man als Hörer versucht, im Laufe der CD die Bedeutungsschwere von Gudrun Guts Musikerinnenbiografie abzustreifen und hinter sich zu lassen. So sinnlich und verführerisch schaukelt der Groove durch die elf Stücke von I Put A Record On, da wird die kennerhafte Erbsenzählerei ganz nebensächlich. Steht Gudrun Guts Wirken in der Underground-Szene der achtziger Jahre im Gegensatz zu diesen sanften elektronischen Tönen? You Make Me Cry Easy heißt es im vierten Stück, die Gefühle liegen dicht unter der Oberfläche, es geht nicht um einfache Aufrechnungen. Die Rhythmen sind warm, der Sprechgesang in seiner flachen Melodik distanziert und doch eindringlich.

War der Techno-Boom im Berlin der neunziger Jahre prägend für Gudrun Guts Zugang zu elektronischer Musik? Als Grundgeschwindigkeit lässt sich ein beschleunigter Dub oder ein verlangsamter Techno ausmachen, House ist es von den musikalischen Zutaten her eher nicht. Doch die aberwitzigen Basshüpfer, der beinahe folkloristische Shuffle und der Zigeuner-Swing der Stücke wollen von Techno gar nichts wissen, lesen die Chronologie der Ereignisse quer zu eigenwillig sich wellenden Gefühlsmustern.

Wo bleibt auf einer Soloplatte der Kult-Status von Gudrun Guts Frauenbands Malaria! und Mania D? Im Stück Girlboogie 6, das bereits auf der Kompilation Girl Monster erschien, schreibt er sich fort als vernuschelte Oral History, souffliert von Maschinenbeats und Laptop-Klängen. Hänsel und Gretel summen, schubsen, singen, schieben sich durchs Nachtleben, geraten im Rhythmus von elektronischem Händeklatschen plötzlich in den Blätterwald. Dort raunt das Hutzelweib Beschwörungsformeln zur Walpurgis-Disco, die E-Gitarren kreischen ums Feuer, die Basstrommel wirft lange Schatten und lässt die Zweige in der Glut knacken. Es ging hoch her, Last Night, im Ocean Club vielleicht, Gudrun Guts jahrelanger Radio- und Veranstaltungsreihe.

Aus Schritten werden Drehungen, Schleifen, Loops, langsamer pumpen sie den Pleasuretrain durchs Trip-Hop-Dickicht. In diesem wie im folgenden Stück The Wheel leiht die Weggefährtin und Band-Kollegin Manon Duursma ihre Stimme, das Helle spiegelt sich im Dunklen. Hinter dem nächsten Blubbern aus der Rhythmusbox gluckst ein Country-Akkord, hinter dem nächsten Kirmesorgelrauschen wartet dein zweites Ich.

Gudrun Guts jüngste Identität ist die als Labelchefin von Monika Enterprise, der Berliner Plattenfirma für elektronische Spezialitäten. Mit ihrem Soloalbum I Put A Record On geht der Esprit des Punk nicht verloren, er trifft sich mit der Spiritualität elektronischer Liedschreibekunst auf leisen und verschlungenen Pfaden. Die Loops schleifen den Straßenstaub der Musikgeschichte mit sich wie der niedliche, schlaue Linus in den Peanuts-Comics seine schmutzige Schmusedecke. Und das magische Summen, die treibenden Elektroströme, das heisere Flüstern tönen, als säße Buddha mitten auf dem Alexanderplatz.

„I Put A Record On“ von Gudrun Gut ist als CD und LP erschienen bei Monika

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